Wie Goethe am Gotthard hängenblieb

Wie Goethe am Gotthard hängenblieb

Gotthard 1785 Mit Mitte Zwanzig reiste Goethe erstmals in die Schweiz und machte zahlreiche Notizen und Zeichnungen

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In drei Lebensphasen reiste Johann Wolfgang von Goethe auf den Schweizer Gotthardpass. Nie überquerte er ihn dabei Richtung Süden. Doch die abweisende Gletscherwelt prägte ihn stärker als der zugängliche Brenner, der ihn schließlich ins gelobte Land Italien führte (ALPS Magazine #5/2011 Review)

Heute wird er durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Ein Eisenbahntunnel und Autobahntunnel durchziehen ihn und bald auch der längste Basistunnel der Welt. Dabei lag einst ein Mythos über dem 2106 Meter hohen Bergpass. Für die höchste Erhebung der Alpen hielt ihn Julius Cäsar gar, und die Nordseite des Passes mit seinen Schluchten erschien selbst den furchtlosen römischen Truppen als unbegehbar. Für einen anderen großer Bewunderer der Weltgeschichte besaß die Passhöhe „den Rang eines königlichen Gebirges über allen anderen, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen“ und vier bedeutende Flüsse, Rhein, Rhone, Reuss und Ticino an ihm entspringen. Die Rede ist vom Schweizer St. Gotthardpass und der andere große Bewunderer war kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe.

Fast ein Schicksal war der Gotthard für Goethe. Dreimal besuchte er die Schweiz, dreimal bestieg er den Gotthard. Und kein Mal überschritt er ihn wirklich nach Italien. Irgendetwas muss den Schöpfer des Faust an diese Berghöhe gefesselt haben. Dabei genoss Goethe die Schweizer Bergwelt auf ausgedehnten, monatelangen Reisen. Ganz in der Manier des „Augenmenschen“ schweifte sein Blick aus den Tälern über steil gepflanzte Weinberge, über kleine Dörfer, die sich an die Bergflanken kauern, auf dunkelbraune Holzhäuschen, die unter dem ersten Schnee des Herbstes hervor gucken. Einen einzelnen, prächtigen Walnussbaum würdigte er in seinen Tagebüchern ebenso wie einen mit Käse beladenen Schlitten, der durch den vom Mist der Maultiere tiefbraunen Schnee vom Pass herunter sauste. Und unzählige Male pries er das, was für die Schweiz noch heute Sinnbild ist: die alles überragenden „glänzenden Eisgebürge“.

1775 – ERSTE REISE: GOETHE SPORTLICH

„Der Himmel war ganz klar, das Blau viel tiefer, als man es in dem platten Land gewohnt ist“, schwärmte der Wahlweimarer Goethe, als er einmal das Urserental beim Abstieg vom Gotthard durchquerte. Der Anstieg hingegen war ihm Tage zuvor noch wie die „ödeste Gegend der Welt“ vorgekommen. Auf einer 11stündigen Bergtour, die vom Wallis aus über den rund 2400 Meter hohen, tief verschneiten Furkapass bis Realp zu absolvieren war, fühlte sich der Dichter wie in einer einsamen Gebirgswüste, „wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß.“ Dabei war Goethe gerade in seinen jungen Jahren ein höchst sportlicher Mensch – wenn es auch den „Sport“ im heutigen Sinne noch nicht gab. Bei seiner ersten Schweizreise 1775, Goethe war gerade 25 und durch seinen Erstlingsroman „Die Leiden des jungen Werther“ bereits berühmt, sprangen er und sein Freund Passavant „von Klippe zu Klippe“ und „von Platte zu Platte“.

Nach einer langen Tagesetappe bis in den späten Abend tranken die Freunde und „jauchzten bis zwölf“. Und während einer Kahnfahrt auf dem Zürchersee dichtete Goethe: „Ohne Wein und ohne Weiber hohl der Teufel unsere Leiber“. Ungestüme, fast jugendliche Aufbruchstimmung hatte Goethe im Sommer ermuntert, die deutschen Landen hinter sich zu lassen und mit ihnen auch seine Verlobte – die Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann. Ob es wirklich die Angst vor der Ehe war, die den jungen Künstler auf dem Weg zum Dichterthron abschreckte, weiß man nicht. Als Goethe und Passavant jedenfalls nach gut einmonatiger Reise von Frankfurt über Straßburg, Schaffhausen, Zürich, über die Rigi und Altdorf oben auf dem Gotthard ankamen, drängte der Freund zum Weiterweg ins gelobte Italien, nach Bellinzona und an den Lago Maggiore. Goethe jedoch, in seinen Händen das goldene Herzchen, das er einst von Lili erhalten hatte, entschloss sich zur Rückkehr in die Heimat. Doch die Liebe war nicht mehr zu retten. Die Verlobung wurde gelöst und Goethe folgte dem Ruf des jungen Herzogs Carl August, der ihn am Weimarer Hof schließlich zum Minister macht.

1779 – ZWEITE REISE: DER LEHRMEISTER

Vier Jahre später, Carl August ist mit seinen nun 22 Jahren noch immer im zartesten Mannesalter, wird es zur stillschweigenden Aufgabe des zum Geheimrat ernannten Goethe, den jungen Herzog menschlich heran zu bilden. Als das beste Mittel umfassender Bildung galt die Reise und so setzen Goethe und sein sieben Jahre jüngerer Herr am 24. September 1779 bei Speyer über den Rhein. „Die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels […] unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden“, schreibt Goethe. Diesen Satz richtet er wie die meisten seiner Briefe während der diesmal dreimonatigen Reise an seine (womöglich gar mehr als) platonische Liebe, die verheiratete Hofdame Charlotte von Stein. Er kann sicher sein, Charlotte versteht es, wenn er vom Muskatellerwein aus dem „vallée d’aost“ schwärmt. Die Liebe zwischen beiden ging bekanntlich auch durch den Magen, und häufig hatte Goethe den Blumenkörben, die er in Weimar der Frau von Stein zukommen ließ, die ersten süßen Erdbeeren aus seinem Garten beigelegt. Doch auch die großen Gefühle der Erhabenheit teilt Goethe gern mit ihr. So schreibt er am 28. Oktober über die Eindrücke vom Sonnenuntergang an der Burg St. Cergue: „Auch näher am Thal waren unsre Augen nur auf die Eisgebürge gegen über gerichtet. Die lezten, links im Oberland, schienen in einem leichten Feuerdampf aufzuschmelzen, die nächsten standen noch mit wohl bestimmten rothen Seiten gegen uns, nach und nach wurden iene weis-grün-graulich. Es sah fast ängstlich aus.“

Diese Zeilen verraten: Goethe war gereift und verglichen mit den wenigen knappen und stürmischen Tagebuchaufzeichnungen seines ersten Schweiz-Besuchs füllen die ausführlichen Notizen und Briefe der zweiten Reise Dutzende von Seiten. Anders als bei den Abenteuern an der Seite seines Freundes vier Jahre zuvor war er in Gegenwart seines Herzogs auch gesitteter geworden. Hatten er und Passavant 1775 noch nackt im Gebirgsbach, im „Schnee Wasser“ gebadet, so muss er nun „mit dem Herzog thun was mäsig ist“. Und doch ist das eine ganze Menge. Im Berner Oberland steigen sie auf die 2000 Meter hoch gelegene Alp Oberhorn, damals noch vergletschert. Nach Besuchen am Grindelwaldgletscher gelangen sie über Genf in den Jura. Dort sehen sie aus der Ferne erstmals die „Savoyer Eisgebirge“ und, vom Anblick dieser Bergriesen fasziniert, befiehlt Carl August, den Weg über das Tal der Arve zu wählen.

Im „leichten Cabriolet“ brechen sie in Genf auf und treffen zwei Tage später in Chamonix ein. In der sternklaren Nacht erkennen sie ein geheimnisvolles Licht hoch am Himmel: Es ist der vom Mond beschienene Mont Blanc und knapp 30 Jahre später wird ein Bewunderer Goethes diesen Anblick abermals rühmen – der Philosoph Arthur Schopenhauer, der als 18-Jähriger seine Eltern durch Europa begleitet. Nach kurzem Flanieren auf dem Spalten durchzogenen Mer de glace unter den eigentümlich felsigen Spitzen, die hier „Aiguilles“ heißen, fährt die kleine Gefolgschaft über Martigny und Brig das Wallis hinauf.

Statt den einfachen südlichen Weg über den Simplonpass und ein Stückchen Italien zum Gotthard zu wählen, entscheidet sich Goethe für die direkteste und riskanteste Route: die lange und durch den vielen Neuschnee gefährliche Bergetappe mit einheimischen Führern über den Furkapass. In der Abenddämmerung erst erreichen sie Realp. Dort sind „eine warme Stube, ein Stück Brot und ein Glas Wein“ erstmal alles, was der Herzog und Goethe nach diesem Gewaltmarsch begehren. Und so sitzen bald alle, Herren, Knechte und Träger zufrieden an einem einfachen Holztisch. Das Ziel der Reise ist nun nicht mehr fern. Tags darauf schreibt Goethe: „d. 13. Nov. 79. Auf dem Gotthart bey den Kapuzinern.“ Wie schon vier Jahre zuvor kehrt er im Hospiz der Kapuzinermönche ein und setzt sich, ungeachtet adliger Sitten, oben auf den warmen Kachelofen, während draußen die grimmige Novemberkälte klirrt. Und wie 1775, so reizt ihn auch jetzt Italien nicht, wie er wortwörtlich an Charlotte schreibt. Der Herzog muss nach Hause, und auch er möchte heim, seine Geliebte wiedersehen, und so wendet Goethe „sein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab“.

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1786 aber wird er sein Italien sehen, ganz bequem wird er über Innsbruck und den Brenner reisen und fast zwei Jahre lang seinen Blick an den Monumenten der Antike und an der südländischen Vegetation schulen. In Rom versucht er sich als Maler und Zeichner und kehrt 1788 als neuer Mensch nach Weimar zurück. Am Hof übernimmt er von nun an wissenschaftliche und kulturelle Aufgaben, er verliebt sich in die nicht adelige Handwerkertochter und Näherin Christiane Vulpius, wird sie aber erst viele Jahre später gegen alle gesellschaftlichen Widerstände heiraten.

1779 – DRITTE REISE: GENIE BEIM DIKTAT

Ein neuer Abschnitt im Leben des Dichters beginnt und wenn Goethe 1797 ein drittes Mal in die Schweiz aufbricht, ist er Vater, engster Freund Schillers und Schöpfer zahlreicher berühmter Romane und Dramen. Seine Briefe aber klingen nicht mehr so ausschmückend wie noch bei seiner zweiten Reise: „Erst gepflasterter Weg, dann ein schöner gleicher Fußpfad. Hölzerne Brücke über die Motte, flache große Weide mit Nußbäumen, rechts Kartoffel- und Kohlbau. Hübsche Mädchen mit der Mutter auf den Knien, Kartoffeln ausmachend.“

Teufelsbruecke

Teufelsbrücke

Was Goethe seinem Begleiter und Schreiber diktiert ist kurz und knapp, doch sein erfahrener und weltgewandter Geist erfasst alles: Städtchen und Landschaften, Menschen und ihre Geschichten, auch die Wirtschaft, Viehhandel etwa und Weinausfuhr, und dazwischen immer wieder Goethes Interesse an der Geologie. Besonders das vermeintliche „Urgestein“ Granit hat es ihm angetan. Aber auch von feinem Sandstein, festem Quarz, Gneis und Kalk erzählen die Briefe. Nichts von dem, was sich da am Wegrand auftürmt oder die Wasser herabspülen, entgeht dem früheren Bergbauminister. Oberhalb von Altdorf wird das Diktat weniger nüchtern: Da ein Wasserfall, dort ein noch schönerer, Gestein mit viel Glimmer, immer ungeheurer werden die Felsmassen und immer prächtiger der Blick zurück ins Tal. Der Gotthard naht! Goethe überquert wie einst mit Freund Passavant die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht. Danach geht es steil weiter: ein „starker Stieg“ steht bevor. Doch der 48-Jährige ist noch fit – wenn auch nicht mehr so schlank wie ehedem – und naht sich nach und nach dem „Gipfel“.

Heute ist der Gotthard wirklich nur mehr ein Pass. Parkplätze, Busse, Tafeln, ein Hotel und Museum stehen dort. Das Hospiz aber gibt es als Unterkunft noch immer, auch wenn die Kapuziner es längst nicht mehr bewirten. 1797 war noch alles beim Alten. Goethe findet Pater Lorenz noch so munter wie 20 Jahre zuvor. Viele Worte aber verliert er auf dem Gotthard nicht mehr. Italien reizt erneut, doch die Familie und die Pflichten rufen, schnell wird wieder abgestiegen. In Stäfa am Zürichsee ist er irgendwie fast froh, wieder ein Museum besuchen zu können. Vom „Formlosen“ der Berge kommt Goethe zurück zum „Geformtesten“ der künstlerischen Werke, wie er an Verleger Cotta schreibt. In die Schweiz wird er danach nicht mehr reisen, doch die Eindrücke der Bergwelt vergisst er nicht.

Tellskapelle am Vierwaldstaettersee

Tellskapelle am Vierwaldstaettersee

So lässt er die kleine Mignon im Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nicht nur vom „Land, wo die Zitronen blühen“ singen, sondern auch vom „Berg und seinem Wolkensteg“: „Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, in Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, es stürzt der Fels und über ihn die Flut.“ Auch Goethes Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ wäre nicht entstanden, hätte der Dichter nicht 1779 den Staubbach-Wasserfall bei Lauterbrunnen besucht. Und Friedrich Schiller hätte den Wilhelm Tell wohl nie geschrieben, hätte Freund Goethe ihm nicht seine Eindrücke von der Volkssage, vom Besuch der Tellskapelle am Vierwaldstätter See und von Tells Schicksalsstätte Altdorf („wo er den Apfel abschoss“) geschrieben.

35 Jahre nach seiner letzten Schweizreise liegt Goethe im Sterben. Kurz nach seinem Tod wird Faust II veröffentlicht. Er beginnt in einer „anmutigen Gegend“. Faust erwacht und ruft:
„Ein Paradies wird um mich her die Runde.
Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde“

Kategorie ALPENBLICK, Zeitgeschichte

Im Blauen Land bei Murnau am Stafflsee aufgewachsen, wo er heute noch wohnt, zog es Christian Rauch zunächst als Diplom-Ingenieur in internationale Technologieprojekte. Vor einigen Jahren hat er seinen Traum wahr gemacht, als freier Autor zu arbeiten. Seine eidenschaft ist es, die Alpen mit den Augen großer Dichter und Denker der letzten Jahrhunderte zu sehen, wie in dem Buch „Bergerlebnisse – Gedanken zu Natur und Philosophie“.