Hotel Bregaglia – Zwischen den Zeiten

Hotel Bregaglia

Hotel Bregaglia Überall, in jedem Raum, tritt das Zeitverlorene in Erscheinung © Foto: Ralph Feiner

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Museum? Herberge? Das mitten im Bergell gelegene „Arte Hotel Bregaglia“ ist beides – und keins davon. Wer hier absteigt, erlebt ein Haus mit historischem Charme und subtile Arbeiten zeitgenössischer Konzeptkünstler, die lange über diesen Ort nachdachten. Eine Reise in ein poetisches Niemandsland (ALPS Magazine #12 5/2012 Review)

Capél da la luce“ steht auf dem Lampenschirm, „balcun“ auf dem Fensterglas und „bronzin“ neben der längst verstummten Klingel, mit der man im Hotel Bregaglia einst das Personal herbeirief. Wundersam klingen diese Worte, wie aus einem Traum. Wie von einem Kind erfunden. Besonders in den Nachbildern der Erinnerung fangen die Lettern an zu schweben, tanzen mit dem dunklen Himbeerton der Sitzmöbel, dem Waldmeister der Türrahmen, dem fröhlichen Ineinander von Hellblau und Hellrosa auf den geblümten Vorhängen. Mit dem Sonnenlicht, das von jenseits der nahen italienischen Grenze zu kommen scheint und südländische Leichtigkeit verbreitet.

Das Bregaiot, das die Gegenstände in Zimmer 10 des „Arte Hotel Bregaglia“ bezeichnet, ist keine Fantasiesprache. Es ist der Dialekt des Bergell – oder italienisch Bregaglia –, einem Tal in der Südschweiz, zwischen dem Malojapass und dem lombardischen Städtchen Chiavenna. Damit die Künstlerin Judith Albert die Objekte im Hotel auf Bregaiot beschriften konnte, musste ein Übersetzer im Dorf von Haus zu Haus gehen und die genauen Vokabeln des fast in Vergessenheit geratenen Dialekts erfragen. Ein Hotel, das ist eine Unterkunft für Reisende. Und Reisen, das ist das Erlebnis des Vorübergehenden, Vorüberwehenden. Der Inbegriff des Transitorischen, der Schwellensituation.

Herren der Schöpfung Hotelbesitzer ­Adriano Previtali (l.) rettete das historische Gebäude ohne nennenswerte Umbauten in die Jetztzeit. Kurator Luciano Fasciati (M.) deutete das leicht skurrile Haus mit Konzeptkunst zum „Arte Hotel Bregaglia“ um. Dabei sind die Installationen mit­unter kaum vom Interieur zu unterscheiden, wie die Eiscremetöne der Flurwände beweisen (r.) © Fotos: Ralph Feiner

Für den Eigentümer ist das Hotel Liebhaberprojekt, für den Kurator persönliche Leidenschaft

Das Arte Hotel Bregaglia, das trotz seiner Kunst-Installationen auch als Hotel fungiert, steht an einer Schwelle – einer Klimascheide: Zartgrüne Lärchen und eisumwitterte Gipfel in Richtung Engadin, im Südwesten Kastanienwälder und Palmen. Kaum ein Standort scheint besser geeignet für eine „Akklimatisierungsstation“: Den ersten Vergnügungsreisenden, die um 1880 auf dem Weg in die Berge hier abstiegen, diente der Aufenthalt im Hotel zur Gewöhnung ans alpine Klima. Wer aber aus dem Engadin anreist, noch dazu im Dämmerlicht, erlebt zunächst die eher schauerromantische Seite des Tals: Gipfelungeheuer umkränzen seine langgezogene Senke. Die Straße führt enge Kurven hinab, vorbei an der Wegrandruine eines steinernen Sakralbaus. Vorüber an den maurischen Zinnen des Palazzo Castelmur, schließlich durch die Gassen des Dorfes Promontogno, im Gegenlicht entfärbt wie Katzen in der Nacht. Unvermittelt dann weicht die dörfliche Enge einer lieblich-mediterranen Szenerie auf dem Vorplatz des Hotels: Hohe Bäume duften in milder Abendluft, weiße Gänse baden in einem Brunnen und vor dem Hotelrestaurant sitzen, auf unprätentiösem Gartencafémobiliar, kleine Gesellschaften.

Kunst am Bau „Windbeutel“ wehen auf dem Hoteldach (oben l.), Bäume wachsen aus den Stühlen im Salon (unten r., beide Arbeiten von Isabelle Krieg). Im Treppenhaus erklimmen Bergsteiger aus Licht die Wände (Gabriela Gerber/ Lukas Bardill, M.). Judith Albert verteilte im ganzen Haus Vokabel­sticker in einheimischem Dialekt (r). Gaudenz Signorell arrangiert sein „Bergsteiger­zimmer“ (unten l.) © Fotos: Ralph Feiner

So auch der Kurator Luciano Fasciati aus Chur, dem das Hotel Bregaglia den Namenszusatz „Arte“ verdankt. Seine Familie stammt aus dem Tal, dem er sich noch immer sehr verbunden fühlt: Seine Frau Marlene und er haben hier geheiratet, immer wieder waren sie zu Gast. In den „Interventionen“ junger Schweizer Künstler im Hotel, die Fasciati initiierte und für den Sommer 2010 als einmaliges Kunstereignis angedacht hatte, sah er eine Perspektive, für sich selbst Vergangenheit und Gegenwart zu verknüpfen – und die Möglichkeit, ein altertümliches Hotel um eine faszinierende Facette zu bereichern.

Ohne massiv in den beschaulichen Hotelalltag einzugreifen, setzen sich Installationen auf den Wegen der Kunst mit der Historie des Hauses auseinander. Schaben im übertragenen Sinn am Putz der Wände, solange, bis der absplittert und den Blick freigibt auf die Schichten und Geschichten darunter. Lassen Details und zurückliegende Anekdoten transparent werden, von denen Ausstellungsbesucher und Hotelbewohner sonst nie erfahren hätten. Das Konzept ging so gut auf, dass die Arbeiten in Form einer Dauerausstellung fortbestehen. Immer wieder kommen neue dazu, denn das alte Gebäude steckt voller möglicher Anknüpfungspunkte.

Aus der Zeit gefallen Remo Albert Aligs Leucht­objekt in Form eines Phoenix, das jetzt das historistische Gebäude krönt, ist symbolträchtig: Durch die Kunst kam neues Leben in den ehrwürdigen Bau (l.). Im Hotel Bregaglia weiß man nie genau, in welcher Epoche man sich befindet – Isabelle Kriegs Uhren ohne Zeiger und Zifferblatt (r.) sind eine gelungene Metapher dafür (M.). Links: Überdimensinaler Wanderstab von Not Vital © Fotos: Ralph Feiner

Das Projekt erfährt mehr und mehr Aufmerksamkeit, die Kunstszene beginnt, im Arte Hotel Bregaglia eine Station auf dem Weg zur Biennale in Venedig zu sehen. Nur für eine kurze Sommersaison hat es geöffnet. Länger ginge es auch nicht, erzählt Marlene Fasciati beim „Nachtessen“, wie es hierzulande heißt, in einem kleinen separierten Speisesalon. „Wenn wir hier Anfang Oktober einwintern, kriecht der Nebel manchmal schon durch die Ritzen an den Fenstern.“ Die großen Räume seien schwer heizbar, mittwinters schaffe es die Sonne nicht mehr über die Berge. Von allen Gestalten, die die historistische, viele Stilepochen zitierende Architektur des Hotels annehmen kann, tritt eine besonders deutlich hervor: die Belle Epoche.

Hier im Speisesalon hängt über einem offenen Kamin die Arbeit von Remo Albert Alig, „Nigredo-Speculum“: Ein verspielter Goldrahmen mit Schwarzspiegel und der darin eingeschliffenen Inschrift „Erinnerungen erwachen im toten Gespiegel an eine vergangene Zukunft.“ Tatsächlich gelingt es den Zeilen, die Vergangenheit heraufzubeschwören: Gesichter, vielleicht einmal in diesem Raum tanzend, lachend, mit Kopf- oder Federputz, tauchen vor dem inneren Auge auf. Und auch das Türengehen später, zur Schlafenszeit, lässt die vorvergangene Jahrhundertwende und ihre spiritistischen Tendenzen wieder lebendig werden: Viele der Zimmer im Hotel sind nur mit Waschbecken ausgestattet, wie anno dazumal befinden sich großzügige Sanitärräume auf der Etage. Mit den sich öffnenden und schließenden Zimmertüren kommt und geht auch das Licht im Treppenhaus, die Schatten der Hin- und Hereilenden wirken wie Geister – oder wie Videoprojektionen.

Hotel Bregaglia. Der leuchtertragende Putto im Salon bekam vom Künstlerduo Wiedemann/Mettler ein Strickkleid verpasst – jetzt markiert er, je nach Anschauung, die schneebedeckte Berg­spitze des Piz Fiamma, oder einen Gipfelstürmer in typischer Pose

Held der Berge Der leuchtertragende Putto im Salon bekam vom Künstlerduo Wiedemann/Mettler ein Strickkleid verpasst – jetzt markiert er, je nach Anschauung, die schneebedeckte Berg­spitze des Piz Fiamma, oder einen Gipfelstürmer in typischer Pose © Foto: Ralph Feiner

An diesem magischen Ort legt die Kunst längst vergessene Geschichten frei

Ein Geheimnis des Ausstellungskonzeptes im Arte Hotel Bregaglia ist das unmerkliche Verschwimmen der Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst. Auch die tatsächliche Videoinstallation der Künstlerin Evelina Cajacob, „HandArbeit“, umspielt diese Grenze: Zwei weibliche Hände falten geschickt und akkurat ein Küchentuch nach dem anderen zusammen. Ein Quantum Traurigkeit haftet dem Vorgang an: Immer wieder muss er verrichtet werden, tagein, tagaus, wie auch die übrige Arbeit der Zimmerfrauen. Die präzise Sorgfalt und die Anmut aber, mit der die Hände ihn ausführen, verleihen dem Tun Würde, fast wird es zum Ritual, mit meditativer Ruhe vollzogen.

Die Installation verrät kein Gesicht zu den Händen, sowenig, wie man im Hotel für gewöhnlich die zu Gesicht bekommt, die täglich die Betten machen. Hier arbeiten die Hände auch noch, wenn man nicht hinsieht, arbeiten noch immer, wenn man das Hotel schon längst verlassen hat. Täglich von zehn bis siebzehn Uhr, während der Öffnungszeiten der Ausstellung für externe Besucher, dann endlich haben sie Ruhe. Einige Beiträge verbergen sich auch in den Gastzimmern des zweiten Obergeschosses – wie etwa die Bergsteigerkammer eines fiktiven Alpinisten von Gaudenz Signorell: Vor dem Fenster ragt die (reale) steile Nordkante des Piz Badile in den Himmel, verheißungsvoll und einschüchternd zugleich.

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Hotel Bregaglia. Das Hotel im Örtchen Promontogno steht exakt an einer Klimascheide: In Richtung Engadin stehen eisumwitterte Gipfel, im Südwesten warten Kastanien­wälder und Palmen

Ort des Übergangs Das Hotel im Örtchen Promontogno steht exakt an einer Klimascheide: In Richtung Engadin stehen eisumwitterte Gipfel, im Südwesten warten Kastanien­wälder und Palmen © Foto: Ralph Feiner

Reisen, das ist das Erlebnis des Vorübergehenden, Vorüberwehenden. Im Arte Hotel Bregaglia setzt sich das Gefühl des Nicht-Bleibenden fort

Ein Feldstecher, ein Porträt der Geliebten, Alpenliteratur und eingezeichnete Bergrouten markieren das Zimmer als Refugium eines (nicht existenten) Dauergastes mit eindeutigem Ziel und ungewissem Schicksal. Die Granittöne in dem kleinen Raum bilden einen Kontrast mit den stark leuchtenden Wänden der Flure: „Ich werde oft gefragt, ob die Farben auch Kunst sind“, schmunzelt Luciano Fasciati. Doch die italienisch anmutenden Eiscremetöne – Erdbeerjoghurt oder Aprikose – sind bloß Relikte des letzten Anstrichs, ein weiterer, zufälliger Segen des Zeitlichen. Und ein Verweis auf den Freigeist des Hotelbesitzers Adriano Previtali, der das Haus seit Jahren als Liebhaberprojekt betreibt. Nur ein einziges Mal schluckte der Hotelier, als Luciano Fasciati ihm eine Arbeit antrug: Das Künstlerduo „Wiedemann/Mettler“ wollte im Hotelrestaurant zwischen Geweihen und Gewehren ein riesiges Steckperlenbild von Walt Disneys Tierfigur Bambi anbringen.

Hier wird den oft individualistisch wirkenden Hotelgästen exzellente Küche mit Lokalkolorit serviert, die Einrichtung bewegt sich zwischen Trattoria und Jagdstube. Aus den Lautsprechern dringt Musik, vielleicht aus den Zwanzigern, vielleicht auch aus den Dreißigern. Wieder tritt das Zeitverlorene in Erscheinung. Regelmäßig finden hier die Stammtische der Talbauern statt, Ältestenräte gewissermaßen. Und inmitten dieser Versammlungsstätte mit ihren Symbolen männlicher Macht sollte das niedliche, verweichlichte „Bambi“ platziert werden, das die Jagd- und Bergsteigertrophäen persiflierend hinterfragt? Previtali stimmte dennoch zu. Er geht mit der Zeit.

Notizen
Hotel Bregaglia 
Kunsthotel
Die Interventionen und Kunstwerke wurden allesamt abgebaut, das Hotel zeigt sich nun wiederum in seinem ursprünglichen Gewand. Die Zimmerpreise liegen je nach ­Ausstattung zwischen 64 und 78 CHF, Reser­vierung empfohlen. Im Restaurant gibt es ­einfache, doch vorzügliche Küche.
 
„Hotel Bregaglia“, 7606 Promontogno, Schweiz, T. +41/(0)81/822 17 77
Infos unter www.hotelbregaglia.ch // www.artehotelbregaglia.ch
 
„Palazzo Salis“ in Soglio
Nur zehn Autominuten von Promontogno entfernt liegt, umgeben von schneebestäubten Gipfeln, auf 1090 m ein kleiner botanischer Garten, in dem man Kaffee trinken und sogar köstlich essen kann – der Garten des Hotels und Restaurants „Palazzo Salis“ in Soglio. Das historische Bergdorf gilt als eines der schönsten der Alpen und ist eine Sehenswürdigkeit für sich.
Infos unter www.palazzosalis.ch // www.soglio.ch
 
Wanderweg „La Panoramica“
Über Soglio führt von Casaccia aus auch ein Panoramawanderweg, der sich wegen der geringen Höhenunterschiede auch für mäßig Trainierte eignet. Mit unvergleichlichen Ausblicken aufs Tal und die umliegenden Berge.
Infos unter www.bregaglia.ch // www.wanderland.ch
 
„Palazzo Castelmur“
Die Farbe und die maurischen Zinnen lassen den Palazzo Castelmur fast wie einen Fremdkörper erscheinen. Der extravagante südliche Teil wurde von Giovanni de Castelmur erbaut, der es vom Zuckerbäcker zum Baron brachte. Im Innern verbergen sich Räume im Louis-Philippe-Stil, Wandmalereien und eine Ausstellung über die Emigration der Graubündner Zuckerbäcker.
Infos unter www.palazzo-castelmur.ch
 
Palazzo Castelmur © Foto: Roland Zumbühl