Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf!

Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf! Eine Stunde müssen die seltenen Lupinensamen über dem offenen Feuer rösten. Dabei muss die Pfanne fast durchgehend in Bewegung bleiben

Bewegung Eine Stunde müssen die seltenen Lupinensamen über dem offenen Feuer rösten. Dabei muss die Pfanne fast durchgehend in Bewegung bleiben © Fotos: Sylvan Müller (5), Frieder Blickle (3)

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Vor wenigen Jahren noch war das Südtiroler Dorf Altrei ein weißer Fleck auf der Landkarte und wäre es wohl geblieben. Wäre da nicht Theresia Werth, die Jahr um Jahr ein Fleckchen Erde mit einer Kaffee-Lupine bebaute, bis die Zeit reif war, für die Wertschätzung einer fast vergessenen Tradition (ALPS Magazine #16 3/2013 Review)

Hallo, Frau Werth!“ Ein einladendes „Ja“ dringt von weit her an mein Ohr. Ich folge der Stimme, finde die richtige Türe, drücke die Klinke herunter und bin in einer anderen Welt. Auf der Eckbank sitzt eine alte Dame, deren Ausstrahlung mich sofort gefangen nimmt. Das lange dunkle Haar hat sie zum Dutt hochgesteckt, sie spinnt braune Wolle. Wir begrüßen uns herzlich, als würden wir uns schon lange kennen und Theresia Werth beginnt ohne Umschweife zu erzählen. „Die Großeltern hatten eine Bäckerei. Wenn der Kaffee zum Rösten war, hat die Großmutter gerne die Nachwärme im Backofen genutzt. Auf dem Herd konnte man ja nur eine kleine Menge davon rösten und damit kam man nicht weit. Doch der Großvater wollte das nicht. Er befürchtete, dass das Brot nach dem Kaffee schmecken würde und die Leute es nicht mehr kaufen.“ Und dann lächelt die 83-jährige keck wie ein junges Mädchen und fügt hinzu: „Aber die Großmutter hat es trotzdem gemacht, sobald der Großvater nicht zu Hause war.“

Wenn Theresia Werth erzählt, dann leuchten ihre Augen, die Wangen glühen und ihre Hände sprechen Bände. Es sind schwielige Hände, denen man die harte Arbeit in Feld, Garten und Haus ansieht. „Ich muss nachlegen, sonst geht mir das Feuer aus“, sagt sie bestimmt. Die Südtirolerin öffnet das Ofentürl vom Küchenherd, holt aus der Lade darunter zwei Scheite Holz, schiebt diese ins Feuer und wischt sich die Hände an der Schürze ab. Jeder ihrer Handgriffe strahlt Ruhe aus und Achtsamkeit. Dann setzt sie sich wieder auf die Eckbank und fährt fort. „Wir haben den Kaffee für den Hausgebrauch angebaut. Morgens hat man ihn gebraut und über den Tag verteilt getrunken.“ Theresia Werth zeigt auf eine braune Emaille-Kanne, die auf dem Küchenbüfett thront. „Das ist noch die Kaffee-Kanne von der Großmutter. Wenn die Männer abends von der Feldarbeit gekommen sind, haben sie immer den Wein mit Kaffee verdünnt getrunken. Auch den Tieren hat man den Altreier Kaffee gegeben, wenn sie es am Magen hatten. Mein Bruder macht das heute noch.“

Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf! Theresia Werth, 83, baut Lupinensamen an, die geerntet, geröstet, gemahlen und in einer alten Kaffeemaschine zu einem würzigen Kaffeegetränk aufgebrüht werden

Bewahrerin Theresia Werth, 83, baut Lupinensamen an, die geerntet, geröstet, gemahlen und in einer alten Kaffeemaschine zu einem würzigen Kaffeegetränk aufgebrüht werden © Fotos: Sylvan Müller (5), Frieder Blickle (3)

Wenn die Südtirolerin aus dem 400-Seelen-Dorf Altrei von Kaffee spricht, dann unterscheidet sie zwischen „gutem“ Kaffee und Altreier Kaffee, der eigentlich gar kein Kaffee ist, sondern ein Kaffee-Ersatz – wie Gerste oder Zichorienwurzel – und der von einer seltenen Lupine stammt. Die Menschen im Dorf haben diese Lupine schon vor mehr als 100 Jahren angebaut, haben die reifen Samen geröstet und vermahlen, Kaffee damit gebraut und getrunken. Und so mancher Dorfbewohner hat sich mit dem Verkauf der Kerne ein paar Pfennige dazu verdient. Dem Bohnenkaffee hat Theresia Werth noch nie etwas abgewinnen können, sagt sie, auch später in den 1960er- und 1970er-Jahren nicht, als er für die kleinen Leute erschwinglich wurde.

Dem Altreier Kaffee hingegen und vielen anderen Pflanzenkindern, die in Altrei gediehen, gehörte ihre ganze Leidenschaft. Nicht nur, dass sie das Gärtchen am Haus und einen Gemüseacker bestellte, sie vermehrte auch die Samen und betrieb mit Schwägerin und Schwester die Anzucht junger Gemüsepflanzen für den Verkauf. „Den Kaffee haben wir nie im Acker angebaut“, erinnert sich die alte Dame, „sondern immer nur in einzelnen Reihen um den Getreide- oder Kartoffelacker herum.“ Auf diese Weise bekamen die wärmeliebenden Pflanzen mehr Sonne ab, schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass Samen auf 1200 m Höhe ausreifen. „Je nach Höhe und Lage hat es schon bessere und schlechtere Äcker gegeben“, erinnert sich Theresia Werth. „Bei meiner Schwester im Nachbarort Trudern war es ganz unmöglich, den Altreier Kaffee anzubauen, denn er will sandige Böden, und auf Lehmböden gedeiht er nicht.“

Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf! Jedes Jahr kommen mehr neugierige Kaffeeliebhaber in das kleine Südtiroler Dorf, um die blau blühenden Lupinenfelder zu bestaunen – und den unbekannten Kaffee zu kosten

Arche Noah Jedes Jahr kommen mehr neugierige Kaffeeliebhaber in das kleine Südtiroler Dorf, um die blau blühenden Lupinenfelder zu bestaunen – und den unbekannten Kaffee zu kosten © Fotos: Sylvan Müller (5), Frieder Blickle (3)

Auch die Hege der Lupine erforderte viel Handarbeit, und weil die Schoten nicht gleichzeitig reifen, dauerte die Ernte mehrere Wochen lang. „Verpasst man den richtigen Erntezeitpunkt, dann explodieren die Hüllen, und man findet kein einziges Korn mehr.“ Das hat Theresia Werth des öfteren erfahren. „Irgendwann haben die Leute gesagt: Wir kaufen jetzt den guten Kaffee, und man hat den Altreier Kaffee immer weniger angebaut und beachtet“, erinnert sich die Gärtnerin. „Aber ich habe Jahr für Jahr zehn Pflanzen angepflanzt, um den Kaffee zu erhalten, denn die Kerne bleiben nur zehn Jahre lang keimfähig“, wußte sie von der Großmutter. „Sind doch nur Lupinen, hat mein Bruder gesagt, aber ich habe weiter gemacht, weil unsere Eltern und Großeltern es schon getan haben.“ Oft genug wurde sie dafür als ewig Gestrige belächelt.

Dann kam das Jahr 1998, und wenn Theresia Werth davon erzählt, merkt man, wie ihre Gefühle Purzelbäume schlagen: „Die Heistinger Andrea kam auf einmal bei der Tür herein“, sagt sie fast atemlos. „Wie sie auf mich gekommen ist, das weiß ich nicht, nur dass sie für ihre Diplomarbeit nach dem Saatgut alter Sorten suchte. Ich hab meine Samen hergezeigt, die ich von der Mutter und der Großmutter hatte, und in die Mitte hab ich drei Kaffeekerne gelegt. Die Andrea hat gleich gefragt: Was ist das? Das ist unser Altreier Kaffee, hab‘ ich geantwortet, und dann hat sie nur noch Augen dafür gehabt.“ Die Aufregung in der Stimme der alten Dame hat sich jetzt wieder gelegt: „Ab da ist die Andrea fast jeden Tag gekommen, und sie hat immer nur gefragt: Wie geht das? Und wie macht man das? Und was keimt denn da?“ Theresia Werth hat der gelehrigen Schülerin bereitwillig Auskunft gegeben und für ihre Mühen, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten ehrliche Wertschätzung erfahren.

Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf! Früher war das Pulver der gerösteten Lupinensamen ein Kaffee-Ersatz für all jene, die sich echten nicht leisten konnten. Dank einer tüchtigen Studentin erfreut sich der Altreier Kaffee heute wieder großer Beliebtheit

Renaissance Früher war das Pulver der gerösteten Lupinensamen ein Kaffee-Ersatz für all jene, die sich echten nicht leisten konnten. Dank einer tüchtigen Studentin erfreut sich der Altreier Kaffee heute wieder großer Beliebtheit © Fotos: Sylvan Müller (5), Frieder Blickle (3)

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Die Lupinensamen, welche die österreichische Studentin der Agrarwissenschaften von Experten bestimmen lies, entpuppten sich als eine botanische Rarität: Lupinus pilosus, wie es sie in Europa kein zweites Mal gibt. Mit Andrea Heistingers Unterstützung trug man jenes alte Wissen über Anbau und Verarbeitung zusammen, von dem die Jungen im Dorf längst nichts mehr wussten. Und Theresia Werth vermehrte das Saatgut, von dem es anfangs ja nur noch eine Handvoll gab. „Über ein paar Jahre hinweg haben wir soviel Kaffeekerne zusammengebracht, dass wir jedem, der mitmachen wollte, 10 bis 20 Stück geben konnten, um anzufangen“, berichtet die versierte Pflanzenzüchterin. Beim Treffen der Interessierten kamen mehr als 30 Menschen zusammen,die den Altreier Kaffee wieder anbauen wollten.

Das Feuer im Herd brennt jetzt genau richtig, um die Lupinenkerne zu rösten. Mit dem Schürhaken holt Theresia Werth einige Ringe aus der Herdplatte. Sie füllt die haarigen braun-rosa-weiß gefleckten Lupinensamen vorsichtig in die alte Röstpfanne der Großmutter, die genau in die Öffnung über dem offenen Feuer passt und beginnt die Kurbel zu drehen. Eine gute Stunde lang habe man die Kerne auf dem Herd bewegen müssen, um sie gleichmäßig zu rösten. Ob die Kinder diese Arbeit machen mussten, will ich wissen? „Nein, nein!“, wehrt die alte Dame heftig ab. „Die Kinder durften da nicht ran, weil sie nicht richtig gedreht hätten.“ Außerdem musste man zwischendurch schauen, ob der Kaffee fertig sei und darauf achten, dass er nicht zu braun wurde.“

2006 gründeten die Menschen im Dorf den Verein der Altreier Lupinen-Anbauer und fanden für ihr Projekt auch staatliche Unterstützung. Es wurde ein Verarbeitungsraum angemietet, eine Röstmaschine gekauft und die Proberöstungen verkostete man im Dorf. Seit 2010 kann man den Altreier Kaffee wieder kaufen und mittlerweile auch weitere Produkte mit dem Aroma der seltenen Lupine: Schokolade, Käse, Nudeln, Bier und Schnaps. Der österreichische Spitzenkoch Johann Reisinger sieht die Zukunft der Altreier Lupine weniger als Kaffee-Ersatz sondern als Gewürz – in ihm haben die Altreier einen prominenten Fürsprecher gefunden. Von Jahr zu Jahr kommen jetzt mehr Menschen in das kleine Dorf an der Grenze der Provinzen Südtirol und Trentino. Sie bestaunen die blau blühenden Felder und verkosten den unbekannten Kaffee.

Ob es sie freue, dass Altrei durch ihre Samen so eine Bekanntheit erlangt habe? „Ja, ja, es freut mich“, sagt sie mit gezügeltem Stolz. „Zum einen – und es freut mich auch weniger.“ Sie habe viel von ihrem Wissen preisgegeben und nicht immer sei es in ihrem Sinne weitergegangen, womit sie die Preisgestaltung für den Kaffee anspricht. „Sie gehorchen mir ja nicht! Aber heute ist eben eine andere Zeit.“ Ob sie noch viele Samen habe? Auch seltene Sorten? „Ja“, antwortet Theresia Werth, und da ist es wieder, dieses kecke, mädchenhafte Lächeln. Was Sie mit denen machen wolle, frage ich? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Die behalte ich für mich!“

Altreier Kaffee – Theresias Saat geht auf! Theresia Werth freut sich über die Bekanntheit ihres Dorfes. Doch nicht alles wurde in ihrem Sinne umgesetzt, zum Beispiel bei der Preisgestaltung des Kaffees

Träumen dürfen Theresia Werth freut sich über die Bekanntheit ihres Dorfes. Doch nicht alles wurde in ihrem Sinne umgesetzt, zum Beispiel bei der Preisgestaltung des Kaffees © Fotos: Sylvan Müller (5), Frieder Blickle (3)

Kategorie ALPENLEBEN, Brauchtum & Mythos

Seit die Fränkin als 11-Jährige bei einem Schullandheim-Aufenthalt die Tegernseer Bergwelt kennenlernte, haben sie die Alpen nicht mehr losgelassen. Nach der Schule zog es Elisabeth Melzer nach Oberbayern. Sie studierte Ökotrophologie, besuchte die Journalistenschule, arbeitete für Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Bei der Biogarten-Zeitschrift „kraut&rüben“ in München fand sie eine feste Bleibe – die Berge waren jetzt immer in Reichweite. In den Themenfeldern Ernährung, Ökologie und Naturschutz fühlt sie sich zu Hause. Am liebsten porträtiert sie Menschen mit Idealen und Visionen. Für ALPS die letzte Kaffee-Bäuerin Südtirols.