Bad Gastein – Aufbruch aus Ruinen

Das Zentrum des Kurorts Bad Gastein wird geprägt von den hochherrschaftlichen Herbergen aus der seligen K.-u.-k.-Zeit

WAHRZEICHEN Das Zentrum des Kurorts Bad Gastein wird geprägt von den hochherrschaftlichen Herbergen aus der seligen K.-u.-k.-Zeit

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Über dem Kurort Bad Gastein liegt ein morbider Charme. Einst mondäne Luxushotels zerbröckeln, ein Wiener Immobilien-Zampano lässt den Ortskern verfallen. Doch rund um das kaputte Zentrum blüht ein neuer Tourismus für urban geprägte Gäste, die das ursprünglich Alpine wollen (ALPS Magazine #11 4/2012 Review)

Hoch droben auf dem Berg ist die Welt in Ordnung. Wir sitzen auf einer morschen Holzbank, genießen die erhabene Aussicht auf die sattgrünen Wiesen im engen Tal – schweigend, keuchend und mit gerade genug Sauerstoff im Blut, um etwas wie Glück zu empfinden. Der Aufstieg war steil, zwei Stunden über lockeres Gestein, durch Rinnsale von Regenwasser, immer stramm voran. Emil, der schwedische Bergführer, hat nur kleine Pausen im dichten Wald erlaubt – und dann stiefelten wir über der Baumgrenze auf die Anhöhe. Nun blicken wir hinunter in diese Welt aus Almen mit urigen Hütten zum Einkehren, die – durch Schotterwege verbunden – das Eldorado für Wanderer und Kühe ist.

Schwedische Hoteliers polierten den alten Glanz und brachten neues Leben in den dahindämmernden Kurort

Alle zwei, drei Kilometer lädt eine Sonnenterrasse zum Verweilen ein, dort wird selbst gemachter Käse und Hauswurst angeboten. Und überall wuseln Wanderer umher. Gruppenweise sind sie hochgekraxelt. Als wir näher kommen, schallt uns ein Gemisch aus fremden Sprachen entgegen. Emil klärt uns auf: Norweger, Dänen und Unmengen von Schweden treibt es hier um. Die meisten logieren unten im Ort, ein, zwei Kilometer um die Bergkuppe herum, in Bad Gasteins neuem Hotelviertel. Tausende von Skandinaviern wohnen in den stattlichen Pensionen und hochherrschaftlichen Bettenburgen, die rund um den Bahnhof in den letzten Jahren angesiedelt wurden. Die Skandinavier prägen das touristische Stadtbild des Pongauer Ortes im langgezogenen Gasteiner Tal, knapp eine Autostunde von Salzburg entfernt. Der einst beim deutschen Kaiser Wilhelm I. so geliebte Kurort ist heute überwiegend ein quirliger, winters wie sommers ziemlich belebter Sportplatz für die junggebliebene Generation.

Doch kaum 400 Meter vom schwedischen Hotelkomplex entfernt gibt es einen anderen „Komplex“: den Schandfleck. Fünf mehrgeschossige Luxushotels gammeln rund um den imposanten Wasserfall vor sich hin. Seit 14 Jahren leer stehend, verfällt das Gemäuer, blättert überall der Putz. Wo im 19. Jahrhundert Könige abstiegen, sieht es heute aus wie in einer Geisterstadt.

Das Kongresshaus, wo früher der weltweite Kurärzteadel sein Wissen austauschte, ist verkommen. Überall wuchert Moder. Notdürftig aufgestellte Bauzäune und Absperrgitter trennen die schöne Urlaubswelt von einer schnöden Provinzposse.

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder © Fotos: Florian Bachmeier

Hauptdarsteller des Dramas ist der Wiener Kaufmann und Investor Franz Duval (86), der 1999 fünf schmucke Häuser des ehemaligen Weltkurorts gekauft hat. Er wollte aus den denkmalgeschützten Häusern eine Phalanx von Luxusherbergen machen, die an die große Tradition der berühmten Hotels anknüpfen sollte. Seit Jahren streiten sich Behörden mit dem störrischen Mann, der viel verspricht und nichts tut.

Erneuerer wollen Bad Gastein so „hochladen“, dass die „Geistercity“ bald der Vergangenheit angehört

Längst hat sein Sohn Phillippe den Part des bösen Immobilien-Zampanos übernommen. Er will nun das ausgestorbene Zentrum mit Skifahrern und Snowboardern beleben. Auf Anfrage von ALPS sollen laut Duval junior gut 1000 Gästebetten entstehen – er spricht von einem potenten Finanzpartner für ein riesiges Liftprojekt, er plant, die Talstation ins Zentrum zu verlegen – und die Häuser endlich zu sanieren. Das haben ihm diverse Gerichtsurteile und Behördenbescheide auferlegt. Der Wiener möchte jetzt 100 Millionen Euro mit Partnern investieren. Seit Monaten verhandeln er und sein Vater mit dem internationalen Baukonzern Strabag. Eine Einigung gibt es auch nach 30 Meetings nicht. In Bad Gastein will an eine Zukunft mit Duval niemand mehr glauben. „Franz Duval hat seit 14 Jahren nicht eine einzige Maßnahme begonnen, keine Initiative zur Renovierung der Häuser gestartet”, schimpft Bürgermeister Gerhard Steinbauer.

Die Häuser stechen immer noch – wie ein paar verfaulte Zähne in einem strahlenden Gebiss – aus der von Ferne majestätischen Silhouette hervor, die sich vor dem Besucher aufbaut, wenn er sich dem Ende des Gasteiner Tals nähert. Manche mögen es für morbiden Charme halten, doch aus der Nähe betrachtet, steht der Besucher nur noch kopfschüttelnd vor Ruinen.

Bad Gastein hat in den 1980er-Jahren den Anschluss an touristische Trends verschlafen. Die Badekur-Gästekultur war längst überholt, die piefigen Eisdielen wurden kaum mehr von den früher so treuen deutschen Gästen aufgesucht. Bad Gastein lag im Tiefschlaf. Da kam den damaligen Stadtoberen die Idee von einem österreichischen Monte Carlo mit Casino und Edel-Hotels des reichen Franz Duval gerade recht. Auch die soufflierenden Partner Duvals, die eine zusätzliche Bergbahn und Skipisten zuhauf bauen wollten, waren gern gesehen. Doch irgendetwas lief dann gehörig schief.

Besser wurde es erst mit den Schweden. Die Hotelbetriebsfirma „Janus“ der Familie Magnusson renovierte 1985 die erste kleine Pension und holte im Laufe der Jahre mittels einer Reisebürokette und Lockpreisen immer mehr Landsleute zum den Ort überragenden Graukogel. Vier Hotels betreibt die Firma heute, Glanzstück ist der liebevoll restaurierte „Salzburger Hof“, ganz im Stil der Wiener Opernball-Romantik. Insgesamt 120.000 Übernachtungen im Jahr stehen für den Erfolg des Hotels. „Diese Investitionen waren eine Art Initialzündung“, bestätigt Bürgermeister Gerhard Steinbauer. „Aber wie gut könnten wir dastehen, wenn dieser Schandfleck nicht wär!”, seufzt er.

Eigentlich würde er gern viel mehr über den „ganz massiven Aufschwung“ reden als über die Duval- Ruinen. Denn rund um sie blüht die Tourismuswirtschaft. Von 850.000 Übernachtungen in 1980er-Jahren schnellte die Zahl auf heute 1,2 Millionen hoch, im gesamten Tal sind es 2,4 Millionen, mit Schwerpunkt im Winter. Der Urlauberstrom aus dem hohen Norden hat generell den Tourismus des Ortes beflügelt. Inzwischen rangiert Bad Gastein auf Top 11 im Österreichischen Übernachtungs-Ranking. Neben den klassischen Angeboten wie den gut ausgebauten Skigebieten, dem gesunden Thermalwasser und dem Heilstollen lockt sommers im tiefen Tal ein anspruchsvoll designter Golfplatz zahlungskräftige Gäste an.

Mit neuen Ideen will Hotelier Ikrath „exaltierte Geister aus der kreativen Klasse“ ins Tal locken

Internationale Großveranstaltungen wie ein berühmtes Damen-Tennisturnier und Jazz- sowie Kunstaktionen werten den Ort auf –aber vor allen Dingen eine neue Art von Hotellerie macht die Beliebtheit aus. Diesen Weg neben der üblichen Tourismusstrategie gehen viele traditionelle, kleinere Familienbetriebe wie das Spa-Hotel „Haus Hirt“, etwas abseits gelegen an der Kaiser-Wilhelm-Promenade. Mit seinem Schwester-Hotel „Miramonte“ hat sich das Haus zu einer gerade bei jüngerem Publikum beliebten Lifestyle-Herberge gemausert. Da hängen Hirschgeweihe neben moderner Kunst. Lässig und geschmackvoll geht es zu. Der stilvolle Mix aus modernem Alpenschick und ökoangehauchten Wellness-Angeboten der Hoteliers Evelyn und Thomas Ikrath spricht das hippe Großstadtpublikum aus München und Wien offensichtlich an. Yoga und Salonmusik werden hier zu einer wundervollen Melange vermischt – und Kinder sind ausdrücklich erwünscht. Im Kontrast zu dem altertümlichen Oeuvre des Ortes wird der Gast hier Teil einer herrlich entspannten Szene. Der Clou: Die großen Zimmer des historischen Hotels wurden im alten Stil erhalten, dazu wurden hypermoderne Badezimmer und Spa-Abteilungen gebaut. Ikrath sieht das generell als Weg in die Zukunft: „Ein Hotel soll nicht mehr aussehen wie ein Hotel.

Die Gäste vom Haus Hirt blicken runter ins Gasteiner Tal

AUSBLICK Die Gäste vom Haus Hirt blicken runter ins Gasteiner Tal © Fotos: Cathrine Stukhard/Alpine Spa Haus Hirt

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Das Angebot des Wellness-Hotels Haus Hirt umfasst Thai-Chi

Das Angebot des Wellness-Hotels umfasst Thai-Chi …

Auch Ausflüge hoch hinauf auf 1500 Meter zum Wildwasser im Wandergebiet von Sport Gastein gehören zum Angebot von Haus Hirt

… wie auch Ausflüge hoch hinauf auf 1500 Meter zum Wildwasser im Wandergebiet von Sport Gastein

Beispielsweise werden Elemente der Bürowelt mit in ein Zimmer integriert – also Laptops oder iPods.“ Arbeit und Urlaub sollten als Lebenswelten nicht mehr getrennt werden: „Man setzt sich auf den Gipfel, entwickelt eine kreative Idee und mailt sie von dort ins Büro“, beschreibt er. Danach ginge es zur Entspannung im Tal in die Sauna. Dahinter steckt die Vision „Grand Hotel meets Designhotel“, die der Stadtplaner und Architekt Ikrath als „stilübergreifende Welt“ für Bad Gastein sieht: „Der Ort bietet mit seiner atmosphärischen Dichte im Zentrum und der unberührten Natur im Rücken etwas Einmaliges.“ Ikrath glaubt, „interessante – ja exaltierte Geister aus der kreativen Klasse“ ins Tal bringen zu können. Nicht nur durch Events allein könne das gelingen; die gesamte Denkart müsse sich ändern. „Wir haben jetzt eine tolle Chance für den Neuanfang. Unser Ort strahlt die Forderung aus: Mach was draus.“

Der Architekt, und mit ihm inzwischen auch das Tourismusamt, setzt auf Nachhaltigkeit – und den Mix aus K.-u.-k-Charme sowie Kulturbegeisterung. Franz Schubert, Arthur Schopenhauer, Thomas Mann und Gustav Klimt – sie alle ließen sich schon in Bad Gastein inspirieren. Diese Tradition wird mit dem Sommerfestival „sommer.frische.kunst“ fortgesetzt. Alle Aktionen laufen von Juni bis in den Oktober hinein; in den ersten Wochen arbeiten Künstler aus dem In- und Ausland in der „kunstresidenz“ im historischen Wasserkraftwerk von Bad Gastein. Das internationale Stipendiaten-Programm bietet jungen Künstlern Freiräume für ihr kreatives Wirken durch kostenfreies Wohnen in Hotels und Atelierräumen.

Bad Gastein. Im ehemaligen Kraftwerk wohnen im Sommer Kunst-Stipendiaten der Stadt. Ansonsten treten hier auch Musikgruppen auf – sie müssen laut spielen, denn der Bach tost mit infernalischem Lärm vorbei

MITTELPUNKT Im ehemaligen Kraftwerk wohnen im Sommer Kunst-Stipendiaten der Stadt. Ansonsten treten hier auch Musikgruppen auf – sie müssen laut spielen, denn der Bach tost mit infernalischem Lärm vorbei

Dieses Kraftwerk steht unweit der leer stehenden Hotels, über ihm tost der Wasserfall – eine wahrlich inspirierende Umgebung. Auch das Kraftwerk ist wie fast alle Gebäude im Zentrum aus Stein erbaut. Und genau diese Beständigkeit des Materials der Häuser beflügelt die Fantasien der Optimisten. Eine kürzlich veröffentlichte Studie belegt: 50 Prozent der leer stehenden Häuser könne man erhalten, das Gemäuer sei stabil, die Zimmer ließen sich problemlos renovieren und mit moderner Badezimmerkultur und ganzheitlicher Gastronomie kombinieren. „Das ist auch kosteneffizient“, so Ikrath. Ein Abriss der Hotels werde viel teurer. Freigeister unter den Gasteinern und Hoteliers wie Ikrath wollen „Bad Gastein hochladen“, den Ort touristisch qualitativ aufwerten. Wer den Gipfel sucht, findet hier allerdings jetzt schon garantiert einen Platz, der das Herz aufgehen lässt. Und schnell ist die Geister-City unten im Tal vergessen.

Gut zu Wissen
 sommer.frische.kunst / Bad Gastein
Haus Hirt
Kaiserhofstr. 14
A-5640 Bad Gastein
Tel. +43/(0)64 34/27 97-0
Infos unter www.haus-hirt.com
 
sommer.frische.kunst
Tourismusverband Bad Gastein
Tel. +43/(0)64 32/33 93-560
Infos unter www.sommerfrischekunst.de