Berge in Flammen – Herz-Jesu-Feuer

Berge in Flammen – Herz-Jesu-Feuer

Im Juni verzaubern Feuermotive die Berge der Tiroler Zugspitz Arena bei den traditionellen Sonnwendfeuern © Foto: Foto Somweber

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Ein glühendes „Mir san mir“: Seit Jahrhunderten entzünden die Menschen in allen Landesteilen Tirols das Herz-Jesu-Feuer auf den Bergen. Gerade südlich des Brenners bekräftigen die Helfer damit neben ihrem katholischen Glauben auch eine politische Botschaft: Südtirol, das ist gewiss nicht Italien! (ALPS Magazine #16 3/2013 Review)

Es brennt, und alle schauen zu. Ganze Waldhänge an den Bergen ringsum stehen in Flammen, das Feuer verzehrt Zweige, Äste, ganze Bäume. Es knistert, lodert, frisst sich den Berg entlang und verzehrt alles, was vor ihm liegt. Und alles, was den jungen Männern, die doch eigentlich hervorragend geeignet wären für die Feuerwehr, übers Gesicht rutscht, ist ein breites Grinsen. Es ist Herz-Jesu-Sonntag und an diesem Tag legen die Menschen Feuer am Berg, wie jedes Jahr. Seit Jahrhunderten. Als es dunkel wird, erstrahlen die ersten hellen Punkte an den schwarzen Hängen. Einzelne Feuer-Flecken zuerst, die sich nach und nach vereinen und schließlich ihre vorgesehene Form erreichen: die eines Herzens. Herz Jesu – das ist im katholischen Glauben die Verehrung des leidenden Christus am Kreuz. In der biblischen Beschreibung der Kreuzigung durchstoßen römische Soldaten nach dem Tod Jesu sein Herz mit einer Lanze. Heraus fließen Blut und Wasser. Für die katholische Kirche wichtige Symbole der Heilsversprechung für ihre Gläubigen. Ähnlich der Marienverehrung umrankt das Herz Jesu eine Art eigene Mystik innerhalb des Katholizismus, in manchen Gegenden stärker als in anderen.

Zum Beispiel im Land Tirol, dort ist der entsprechende Sonntag ein besonders hoher Feiertag. Für viele Gläubige beginnt jener Tag, der drei Wochen nach Pfingsten begangen wird, mit dem Gottesdienst und einer anschließenden Prozession durch den Ort. Es böllern die Schützen, es spielt die Musikkapelle – nichts Außergewöhnliches für eine katholisch-geprägte Gegend. Das Besondere am Herz-Jesu-Sonntag in Tirol, und zwar in ganz Tirol, ist nicht seine religiöse Bedeutung, sondern seine politische: An diesem Tag wird dort alljährlich ein alter Bund erneuert. Ein Bund aus einer Zeit von Kaisern und Königen, in der Nord- und Südtirol noch eins waren und in der man zur schnellen Nachrichtenübermittlung Leuchtfeuer einsetzte. Wenn heute die Bergfeuer brennen, flackert diese alte Zeit für einen kurzen Moment wieder auf.

Der Bund der damaligen Tiroler mit dem Herz-Jesu-Feuer entstand Ende des 18. Jahrhunderts, als Napoleon ganz Europa mit Krieg überzog und auch die Grenzen Tirols bedrohte. Die dortigen Verteidiger überraschte der Krieg, mit richtigen Kämpfen rechnete kaum jemand. Schließlich war das Land innerhalb der k. u. k. Monarchie in der privilegierten Lage, weder Soldaten noch Geld zur Unterstützung der kaiserlichen Armee schicken zu müssen. Der einzige Haken: Tirol musste seine Landesgrenzen selbst verteidigen. Als Napoleon mit seinen Truppen vor den Tiroler Grenzen auftauchte, gelobte man bei einem Treffen in Bozen, das Land dem „Heiligsten Herzen Jesu“ anzuvertrauen und versuchte so, die gläubige Bevölkerung durch einen religiösmotivierten Schwur zum Glaubenskrieg anzustacheln. Mit Erfolg: Immer mehr Männer meldeten sich freiwillig zur Landesverteidigung. Wollte man noch mehr von ihnen mobilisieren, blieben damals als Kommunikationsmittel nur die Leuchtfeuer auf dem Berg. Wenn die brannten, war klar: Alles zu den Waffen!

Berge in Flammen – Herz-Jesu-Feuer. Am 24. Juni 2017 verzaubern Feuermotive die Berge der Tiroler Zugspitz Arena bei den traditionellen Sonnwendfeuern

Feuer-Kunst zur Sommersonnenwende in der Tiroler Zugspitz Arena © Foto: Albin Niederstrasser

Auch wenn es die Herz-Jesu-Mystik in Tirol schon vor der Französischen Revolution im Jahr 1789 gab, so war es doch die Bedrohung durch Napoleon, die diesen Glauben der katholischen Bevölkerung noch vertiefte. Das Symbol stand plötzlich nicht mehr nur für die bedingungslose Liebe des Erlösers, sondern verkörperte den Widerstand gegen alles Revolutionäre aus Frankreich. Es stand gegen den säkularen Napoleon und für den Glaubenskampf gegen ihn. Auch der Tiroler Nationalheld Andreas Hofer wiederholte das Gelöbnis 1809 vor der Schlacht am Berg Isel. Nach Hofers überraschendem Sieg über die Franzosen und Bayern wurde der Herz-Jesu-Sonntag zum Tiroler Feiertag, inklusive dem Abbrennen von Feuern am Berg. Nach und nach ersetzten die lodernden Flammen so die traditionellen Sonnwend- und Johannisfeuer.

Gut zweihundert Jahre später: Tirol ist geteilt und fast hundert Jahre sind vergangen, seit Südtirol 1919 am Ende des Ersten Weltkrieges Italien zugeschlagen wurde. Dennoch machen sich am Herz-Jesu-Sonntag auch heute noch Helfer in allen Teilen Tirols auf den Weg zum Gipfel ihres Hausbergs. Oft führt der Weg durch absturzgefährdetes Gelände und das bei jedem Wetter. Wer da nicht regelmäßig am Berg unterwegs ist, hat bei so einer Aktion nichts verloren. Einmal oben angekommen, wird das Feuer vorbereitet. Teilweise schleppt man gesammeltes Holz zum Verbrennen hinauf, teilweise setzt man auf selbstgebaute Kerzen. Damit die Konturen des Brandes vom Tal die Form eines Herzens ergeben, muss alles exakt ausgerichtet sein. Das erfordert Erfahrung und viel räumliches Geschick.

Ist die Arbeit erledigt, entwickelt sich das Entzünden des Feuers zu einer gemütlichen Veranstaltung. Der Grillrost, der das ganze Jahr über am Berg liegt, wird hervorgezogen, man vertreibt sich die Zeit bis zur Dämmerung mit Grillen, Spielen und lockeren Gesprächen. Meist sind die Einheimischen dabei unter sich. Wenn es dämmert, entzünden die ersten Männer Fackeln Reisig und Zweige. Es sind Momente der Spannung: Was macht das Wetter? Ist das Holz trocken genug? Schließt sich der Feuerkreis, sodass die Leute im Tal das ganze Herz sehen können? Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Anzünden? Schließlich wartet ja noch der Abstieg, der bei Dunkelheit gefährlich werden kann.

Kurt Sagmeister vom Tourismusverband Vinschgau ist selbst mit den Bergfeuern aufgewachsen. Während in manchen Regionen altes Brauchtum häufig zur reinen Touristenattraktion degradiert wird, besteht die Herz-Jesu-Verehrung für ihn als Tiroler Tradition für die Ortsansässigen fort. Gäste kommen deshalb nicht extra ins Vinschgau. „Aber die, die schon da sind, erleben das natürlich mit“, sagt Sagmeister. Er erzählt auch, wie der Tag noch eine zusätzliche politische Symbolkraft erhielt: Es war der Herz-Jesu-Feiertag im Jahr 1961. Aktivisten vom „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS), einer separatistischen Untergrundorganisation, sprengten damals in der sogenannten „Feuernacht“ zahlreiche Hochspannungsmasten und legten Elektrizitätswerke lahm. Ziel der Separatisten war es, der in ihren Augen „faschistischen“ Industriezone Bozen sprichwörtlich das Licht auszuknipsen, um so die Augen der Welt auf ihr „Südtirolproblem“ zu lenken.

Die italienischen Behörden reagierten prompt. Die Polizeipräsenz stieg, die Verfolgung der Täter aus dem „BAS“-Umfeld war hartnäckig – angeblich wurden Verdächtige von Polizisten gefoltert. Besatzung und Fremdbestimmung waren wohl auch Gründe dafür, warum den Bergfeuern gerade in Südtirol neben ihrer religiösen auch zunehmend eine politische Bedeutung beikam. Wer verstehen will, wie Südtirol tickt, der kommt an den Bräuchen des Herz-Jesu-Festes unmöglich vorbei. Der Patriotismus mancher autonom eingestellter Südtiroler mag das ganze Jahr schweigen, an diesem einen Sonntag im Jahr lebt er auf. Kurt Sagmeister vergleicht das ein wenig mit dem „Mir san mir“ der Bayern. Mit dem Rauch der Flammen zieht auch stets die Botschaft des „Mir san mir“ aus Südtirol zur Regierung in Rom. Jedes brennende Herz an einem Südtiroler Berg ist damit auch nach fast hundert Jahren der Tiroler Trennung ein stückweit Abgrenzung von Italien.

Brennende Berge
 
Am 24. Juni 2017 verzaubern Feuermotive die Berge der Tiroler Zugspitz Arena bei den traditionellen Sonnwendfeuern.
 
Mystisch, fast unwirklich wirken die bis zu 200 Meter hohen Feuerbilder, die am 24. Juni 2017 die Berge rund um die Zugspitze erleuchten. Wenn der längste Tag auf die kürzeste Nacht trifft, wird das in der Tiroler Zugspitz Arena mit bis zu 10.000 Sonnwendfeuern gefeiert. Diese platzieren rund 25 Bergfeuergruppen aus der Region unter anderem auf den Hängen von Wetterstein, Grubigstein und Sonnenspitze. Im Rundum-Blick können die Gäste das einzigartige Spektakel am besten vom Talkessel in Ehrwald, Lermoos und Biberwier genießen.
 
Feuer-Kunst zur Sommersonnenwende
 
Sonnwendfeuer haben sowohl religiöse als auch heidnische Wurzeln. Das ist auch an den unterschiedlichen Feuermotiven zu erkennen. Statt einfache Feuerstellen brennen in der Tiroler Zugspitz Arena echte Kunstwerke. Von christlichen Symbolen über Motive von Alpentieren sorgen die Feuer in der Bergkulisse für eine besondere Nacht. Welche Symbole in diesem Jahr aus bis zu 700 Säcken Raps- und Sägemehl (pro Motiv) entzündet werden, halten die Bergfeuergruppen, trotz monatelanger Planung, bis zuletzt streng geheim. Ihren Ursprung haben die Sonnwendfeuer im Mittelalter. Seit dem 14. Jahrhundert werden in der Johannisnacht, die zurückgeht auf Johannes den Täufer, Feuer in den Bergen entzündet. Dem Brauch nach tanzen Menschen in dieser Nacht um das Feuer, um sich vor bösen Geistern zu schützen und von Krankheiten und Unwetter verschont zu bleiben. Die Bergfeuer der Region sind tief in der Kultur verankert und wurden deshalb 2010 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.

 
Wann und wo?
Bei Regen werden die Bergfeuer auf den 1.7.2017 verschoben. Weitere Informationen gibt es unter zugspitzarena.com.
Tiroler Berge in Flammen – die 10 spektakulärsten Bergfeuer unter tirol.at.

Berge in Flammen – Herz-Jesu-Feuer