Die geheimen Heilkräfte der Kräuter

Die geheimen Heilkräfte der Kräuter.

Zauberkräfte auf Vorrat Wer, wie Sandra Südbeck, im Frühjahr frische Kräuter sammelt und sie anschließend sanft trocknet, kann das ganze Jahr über von ihren Heilkräften profitieren. Etwa, indem man sie räuchert © Foto: Lisa Hörterer

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen
 

Überall in den Alpen sprießen sie, gerade jetzt im Frühling. Kräuterhexe Sandra Südbeck weiß, wo die geheimen Zauberheilkräfte der Natur verborgen sind

Heide ist schon ganz verhext. Seit ihrem letzten Kurzurlaub im Allgäu futtert sie fleißig 20 getrocknete Beeren von der Eberesche pro Tag, sobald ihre Blase zickt. „Das hat mir meine Kräuterhexe in Balderschwang empfohlen“, grinst sie über das Zaubermittel gegen ihre Schwachstelle. Ob sie mir auch helfen kann? Obwohl bei mir „nur“ eine dauererkältete Familie, vielleicht etwas zu viel Rotwein und der Dauerstress im Job zicken? Immerhin ist die Kombination toxisch genug, dass sie für ständiges Kopfbrummen, Einschlafstörungen und Verspannungen sorgt. Weil ich mir ohnehin ein paar Tage Auszeit gönnen wollte, befolge ich also Heides Rat und besuche ihre Zauberin.

„Ah, da bist du ja!“, begrüßt mich eine junge Frau mit auffälligen Tattoos, einer beeindruckenden Reihe Glitzerohrringen und langen roten Haaren in der Lobby der „Hubertus Alpin Lodge.“ „Ich bin die Sandra.“ So also sehen Kräuterhexen heutzutage aus. „Komm, lass uns draußen quatschen“, schiebt sie mich zur Tür hinaus. „Frische Luft macht gute Laune.“ Protestieren zwecklos. Wäre auch ungerecht: Die Sonne strahlt, das erste Grün sprießt, und im Hintergrund bauen sich die noch immer schneeweißen Gipfel der Allgäuer Berge auf. Eine Kulisse wie aus dem Heimatfilm. „Die Natur ist mein Anker“, bekennt Sandra und streicht über ein paar Fichtenzweige. „Wann immer ich kann, bin ich draußen bei den Pflanzen.“ Kräuter sammelt die Allgäuerin, seit sie sieben ist. Damals bekam sie ein Kräuterlexikon mit Rezepten geschenkt und fand darin, „dass Maisbart-Tee die Gehirntätigkeit anregt. Also habe ich mir vor jeder Schulaufgabe einen gebrüht.“

Mithexen
 
Sandra Südbeck Kräuterwanderungen, Kräuterseminare und Kräuter-Workshops Hubertus Alpin Lodge Sandra Südbeck bietet Kräuter­wan­der­ungen, -seminare und -Workshops zur Herstellung von Naturkosmetik, Kräuter-Smoothies und -salzen bei sich zu Hause (Infos im Web: www.diespinnstube.de) und in der „Hubertus Alpin Lodge“ in Balderschwang an. Konkrete Termine über das Hotel: www.hotel-hubertus.de

„Ich habe mein Bein mit Arnikasalbe, Bädern mit Eichenrinde, Heilerde und Kräuterwaschungen behandelt. Zurück geblieben ist nur eine winzig kleine Narbe.“

Sandra Südbeck

Die geheimen Heilkräfte der Kräuter.

Trockenübung In ihrer Stube bewahrt Sandra einen reichen Vorrat an Kräutern. Die Rohstoffe verarbeitet sie zu Tinkturen, Tees und Salben. Oder sie verwendet sie zum Räuchern © Foto: Lisa Hörterer

 

Auch meinen grauen Zellen könnte etwas mehr Power nicht schaden. „Vielleicht sprudeln dann die Ideen, und ich bekomme nicht mehr diese Spannungskopfschmerzen“, sage ich hoffnungsfroh. „Klar“, sagt Sandra, „aber gegen das Kopfweh trink besser zwei Tassen Mädesüß-Tee. Wirkt bei mir Wunder und schont die Magenschleimhaut.“ Schon füllt mir Sandra einen Becher aus ihrer Thermoskanne ab. „Hab ich immer dabei. Ich kenn das Problem.“ Schon bald lässt der Druck in meinem Kopf nach. Einbildung? Ich glaube nicht – Mädesüß enthält Salicylsäure, die natürliche Form des Aspirins, und wirkt tatsächlich Wunder. Und ist kein Hexenwerk!

Dabei war Sandras erstes Kräuterexperiment gründlich danebengegangen. Als kleines Mädel hatte sie Löwenzahn gepflückt und wollte daraus ihren eigenen Honig machen. „Ist eigentlich ganz einfach“, weiß sie heute. „Drei Handvoll Blüten in einen Liter kaltes Wasser geben, aufkochen und über Nacht ziehen lassen. Dann ein Kilo Zucker und eine halbe klein geschnittene Zitrone dazu, einkochen, fertig.“ Nur dass man den Honig am Ende durchsieben muss, wusste sie damals noch nicht. Ihre Geschwister haben das klebrige Gemisch trotzdem gekostet, um sie nicht zu entmutigen.

Entmutigen ist ohnehin kein Wort, das man mit Sandra in Verbindung bringt. Denn sie muss­te in ihrem Leben schon so viele Hürden meistern, dass es eigentlich für zwei reicht. Weil es zu Hause schwierig war, lebt Sandra allein, seit sie 15 ist. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Floristin und bringt mit 23 ihre Tochter zur Welt. Mit 27 kommt es knüppeldick: Diagnose Unterleibskrebs, sie wird operiert und kann ihr schwaches Immunsystem mit Kräutertee und Holundersirup wieder aufpeppeln. Doch sechs Jahre später kehrt der Krebs zurück. Unmittelbar vor der zweiten OP verliert sie ihren Job. Aber niemals den Mut. „In der Natur und bei meinen Tieren habe ich stets Halt gefunden“, erklärt Sandra heute. Und: „Meine Freunde esse ich nicht.“

ANZEIGE
Die geheimen Heilkräfte der Kräuter.

AUFGESCHRECKT Der Hahnenfuss soll kleine Kinder überzeugen, dass Sandra eine richtige Hexe ist © Foto: Lisa Hörterer

„Das Leben ist schön – und es ist jetzt.“

Sandra Südbeck

Die geheimen Heilkräfte der Kräuter.

Stallgeruch Im Bauernhaus der Kräuterhexe gibt es auch gefiederte und vierbeinige Mitbewohner. Ihren Heilkräften vertrauen sie instinktiv © Foto: Lisa Hörterer

 

Seit sechs Jahren ernährt sie sich vegan. Zusammen mit ihrer Tochter, einem Hund, ein paar Katzen, Schafen, Hühnern, zwei Pferden und zwei Zwergschweinen lebt Sandra in einem Bauernhaus am Rottachberg. Hier direkt am Waldrand, wo das Handynetz nur ab und an auffla-ckert, fühlt sie sich am wohlsten. Sie gibt Kräuterkunde an einer Waldorfschule bei Kempten und Kräuterseminare für Erwachsene. Und wenn mal ein Zipperlein ansteht, weiß sie, dass dagegen Kräuter gewachsen sind. Als Sandra sich etwa eine schlimme Quetschung am Bein zuzieht und die Ärzte ihr gar zu einer Hauttransplantation raten, winkt die Kräuterfrau ab. „Ich habe mein Bein mit Arnikasalbe, Bädern mit Eichenrinde, Heilerde und Kräuterwaschungen behandelt. Zurück geblieben ist nur eine winzig kleine Narbe.“

Meine Ansprüche sind eigentlich viel bescheidener: „Jetzt im Frühling bin ich dauernd schlapp und fange mir Erkältungen ein. Außerdem bin ich total verspannt. Gibt’s dagegen auch ein Kraut?“ Sandra grinst – typische Anfängerfrage – und empfiehlt grüne Smoothies: „Mixe zwei Drittel Obst mit einem Drittel Gemüse und gib Wildkräuter wie Brennnesseln, Giersch, Gundermann und Löwenzahn dazu. Das entgiftet und stärkt das Immunsystem.“ Und wenn’s doch mal ärger kommt? „Dann reib deine Schultern abends mit warmem Beifuß-Öl ein und trink zur Entspannung Lavendel- oder Hopfentee. Aber denk auch daran, dass Körper und Seele zusammengehören.“ Und die Grundeinstellung stimmen muss: „Das Leben ist schön – und es ist jetzt.“

Tatsächlich: Draußen taucht die Sonne Bergspitzen und Wiesen in warmes Licht. Wir hocken uns auf eine Holzbank an einem kleinen Bach und schweigen. Sandra lauscht aufmerksam, fast andächtig dem Rauschen des Wassers. Ich hole tief Luft und sehe mich um. Wir sind umgeben von Schätzen aus der Natur, die ich bisher allenfalls als Unkraut wahrgenommen habe. Dabei steckt so viel Nutzen in ihnen. „Und Unkraut vergeht nicht. Es steht immer für uns bereit“, sagt Sandra und reicht mir einen Löwenzahnstengel. Kräuter sind Helfer, die die Natur uns schenkt, lehrt Sandra. Ich puste ganz fest und schicke einen guten Wunsch für meine Kräuterhexe in den Himmel. Denn ich bin inzwischen auch ganz schön verhext.

Weitere Kräuterhexen
 
Gabi Buchöster Kräuter-Workshops Gabi Buchöster: Schon als Kind half die gebürtige Münchnerin im Pfarrgarten ihres Großvaters mit. Inzwischen bewirtschaftet sie mit ihrem Mann einen Bauernhof im Chiemgau und hat sich zur Kräuterpädagogin ausbilden lassen. Feriengäste können mit ihr Spaziergänge durch den Wald und den eigenen Kräutergarten unternehmen und sogar ein „Kräuterhexendiplom“ erwerben. Auch Kräuter-Workshops für Erwachsene und Kinder sind im Angebot. // www.daxlbergerhof.de
 
Christine Schäfer Kräuterwanderungen Christine Schäfer beschäftigt sich seit der Geburt ihres ersten Sohnes mit Kräutern und umsorgt inzwischen die ganze Familie, wenn es darum geht, kleinere Blessuren zu lindern. Die Hotelbesitzerin aus Vorarlberg geht mit den Hotelgästen auf Kräuterwanderungen und veranstaltet Workshops zur Herstellung von Tees, Tinkturen oder Salben mit Kräutern aus dem eigenen Pfarrgarten oder von der Pfarrwiese. // www.dasschaefer.at
 
Renate De Mario Gamper Kräuterkosmetik Renate De Mario Gamper ist in Südtirol aufgewachsen. Die Sommermonate verbrachte sie auf dem Bergbauernhof ihrer Großeltern, deren uraltes Wissen in Renate schon früh das Interesse für Kräuter weckten. Heute gibt die Naturheilkundlerin und Kräuterpädagogin im Hotel „Castel Fragsburg“ Einführungen in die Herstellung von Kräuterkosmetik und bietet ausgedehnte Wanderungen rund um das Thema Kräuter an. // www.fragsburg.com