Die Welt als Maschine

Weltmaschine – Franz Gsellmann Junior Enkel des Erbauers der „Weltmaschine“ und deren heutiger Eigentümer, zählt jedes Jahr über 10.000 Neugierige, die das Konstrukt seines Großvaters besichtigen möchten.

Weltmaschine Franz Gsellmann Junior Enkel des Erbauers der „Weltmaschine“ und deren heutiger Eigentümer, zählt jedes Jahr über 10.000 Neugierige, die das Konstrukt seines Großvaters besichtigen möchten © Foto: Florian Bachmaier

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Vor 55 Jahren hatte der steirische Bauer Franz Gsellmann eine Vision: Das Atomium in Brüssel inspirierte ihn, in einer winzigen Kammer seines Hofs eine seltsame Maschine zu bauen, aus Tausenden von Schrott- und Spielzeugteilen. Bis heute gibt die Weltmaschine ihren Besitzern und Besuchern Rätsel auf (ALPS Magazine #15 02/2013 Review)

Der Lauf der Welt ist aus dem Takt gekommen. Hinter dem rotierenden Käfig aus Hula-Hoop-Reifen hat sich ein Keilriemen verhakt. Das Eisenrad mit den grünen Speichen steht still. Und damit verharren auch die großen Flügel des Porsche-Gebläses, die sich eigentlich über den Hula-Hoop-Reifen drehen sollten, in Bewegungslosigkeit. Flugs schiebt sich Franz Gsellmann Junior in die schmale Gasse zwischen Räderwerk und Ziegelwand, fädelt den Riemen zurück an seinen Platz, und setzt die monströse Maschine wieder in Gang. Nun heult es wieder und rappelt, bimmelt und rattert, wirbelt und blinkt.

Draußen vor den Fenstern hängen die Nebelschwaden. Es ist ein trister Mittwoch Nachmittag, doch selbst bei diesem Stubenhocker-Wetter pilgern Neugierige zu dem abgelegenen Hof der Gsellmanns eine Autostunde östlich von Graz. In der Gegend von Edelsbach im Steirischen Vulkanland ist oft kilometerweit kein Hof zu sehen. Doch mitten in diesem Nirgendwo steht eine Konstruktion, die seit über vierzig Jahren als Phänomen gilt: Die „Weltmaschine“ des Franz Gsellmann. Einen Porzellanadler und ein Spielzeugschiff, eine Holzuhr und ein Metronom, eine Schiffsschraube und eine zweihundert Jahre alte Strumpfstrickmaschine, eine rote Plastiketagere, den Ventilator einer Trockenhaube und einen einarmigen Banditen – all dies und vieles mehr verschraubte Franz Gsellmann Senior (1910–1981) zu einer Maschine, die nichts erzeugt, außer einen unendlichen Kreislauf aus Bewegung, Licht und Geräusch.

Die Entstehung dieses faszinierenden, aber auch verstörenden Apparillos ist längst Legende: Wie sich der einfache Bauer, nachdem er in einer Regionalzeitung ein Bild des Atomiums entdeckt hatte, 1958 in den Zug setzte und nach Brüssel fuhr. Wie er sich nach seiner Rückkehr in einem Kämmerchen verschanzte und zu bauen begann, zunächst ein Modell des Atomiums, dann immer mehr Drumherum: den drehbaren Käfig aus Hula-Hoop-Reifen, dessen Verbindung zu Rädern, Spielzeugkreiseln, Getriebeteilen von Autos … Auf Flohmärkten, in  Stahlwarenhandlungen und Spielzeuggeschäften suchte der alte Gsellmann nach tauglichen Teilen für seine Maschine. Nach Hause schleppte er sie zu Fuß – am Hof gab es weder Auto noch Mofa. Nicht weniger als zwölf Elektromotoren verbaute er, und eine Lichtmaschine, die das Wirbeln der vielen Schwungräder zurück in Energie verwandelte.

Weltmaschine – Franz Gsellmann Junior. Fast ein Perpetuum Mobile: Lampen, Stahlreifen, ein Trocken­­haubengebläse (rechts neben dem großen blauen Zahnrad) – die ­Fantasie, die Franz Gsellmann beim Auswählen und Verbauen der Bestandteile für seine „Weltmaschine“ bewies, verblüfft bis heute. Nicht weniger als zwölf Elektromotoren sorgen für ­Bewegung in allen Bereichen des faszinierenden, aber auch verstörenden Apparats. Eine Licht­maschine verwandelt einen Teil des Gewirbels in Energie zurück

Fast ein Perpetuum Mobile Lampen, Stahlreifen, ein Trocken­­haubengebläse (rechts neben dem großen blauen Zahnrad) – die ­Fantasie, die Franz Gsellmann beim Auswählen und Verbauen der Bestandteile für seine „Weltmaschine“ bewies, verblüfft bis heute. Nicht weniger als zwölf Elektromotoren sorgen für ­Bewegung in allen Bereichen des faszinierenden, aber auch verstörenden Apparats. Eine Licht­maschine verwandelt einen Teil des Gewirbels in Energie zurück © Foto: Florian Bachmaier

Doch die Elektro-Installation der „Weltmaschine“ hatte Tücken: Wenn Gsellmann sein Konstrukt einschaltete, fiel in der ganzen Nachbarschaft der Strom aus. Kein Wunder, dass er in der Familie wie auch im Dorf auf vollkommenes Unverständnis stieß. „Ich kann mich noch erinnern, wie der Großvater in der Kammer mit der Maschine verschwand. Von der Familie durfte niemand hinein. Er hat die Tür immer abgeschlossen. Den Schlüssel trug er um den Hals.“ Als Gsellmann, der Enkel, seinen Großvater beobachtete, war dessen Maschine allerdings bereits zur Berühmtheit avanciert: Um 1970 begann der Erbauer, sein Werk ausgewählten Besuchern zu zeigen. Aus Graz kamen Kunsthistoriker und zwängten sich in die enge Kammer, die  inzwischen bis fast an die Wände mit der „Weltmaschine“ ausgefüllt war; aus Wien und dem fernen Köln reisten Fernsehteams an. Sogar Jean Tinguely, selbst weltbekannt für seine Kunst-Maschinen, machte sich auf in diesen verlassenen Winkel der Steiermark.

Der Apparat, der bei der Familie und den Nachbarn nur Kopfschütteln auslöste, wurde zur vieldiskutierten Attraktion. Doch nach dem Tod Franz Gsellmanns vor 32 Jahren hinterließ er die Nachkommen ratlos und voller Ängste. „Man verstand die Funktionsweise der Maschine nicht, wusste nicht, was sie tat. Niemand kannte sich damit aus. Man fürchtete, sie könnte explodieren, sobald man sie in Betrieb nahm“, erzählt Franz Gsellmann Junior. Staatliche Institutionen setzten sich für den Erhalt ein; zehn Jahre lang, von 1992 bis 2002, hatte das Land Steiermark die „Weltmaschine“ sogar gepachtet. Während dieser Zeit wurden offene Leitungen abgesichert; außerdem finanzierte der Pachtschilling die Erweiterung des Zimmerchens, in dem die Maschine stand. Heute ist der Raum mehr als doppelt so groß wie zu Zeiten des alten Franz Gsellmann, und gegenüber der Maschine sind Bänke aufgestellt, damit man deren farbenfrohes Spiel mit Muße betrachten kann. Zwischen zehn- und dreizehntausend Besucher lassen sich jährlich davon verzaubern.

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Gsellmann Junior bekam die Maschine 2002 feierlich von Großmutter, Mutter und Tante überschrieben – seitdem ist er offizieller und alleiniger Besitzer dieses großen, aber auch nicht einfachen Erbes. Denn obwohl die „Weltmaschine“ nach wie vor läuft wie geschmiert, gibt es immer wieder Ausfälle; ein herausgesprungener Keilriemen ist da noch die harmloseste Panne. Deshalb hat Franz Gsellmann Junior für die technische Instandhaltung zwei Elektriker engagiert, die sich der komplexen Maschinerie mit viel Liebe und Feingefühl widmen. Doch manche Bauteile werden unrettbar brüchig. Längst sind die porös gewordenen Hula-Hoop-Reifen von innen mit dünneren Reifen verstärkt. Eine Spielzeug-Rakete mit ausfahrbarem Astronauten versagt seit Jahren ihren Dienst, eine leuchtende Lourdes-Madonna droht zu erlöschen.

Auf der „Weltmaschinen“-Website sucht Franz Gsellmann nach Ersatz dafür, ebenso wie für eine braun marmorierte Obstschale. Seit einer Kollision mit einem benachbarten Bauteil hat sie Sprünge, weswegen Gsellmann die Terrine, die früher mit atemberaubender Geschwindigkeit um sich selbst rotierte, lieber nicht mehr bewegen will – „Wir fahren sie nicht mehr“, formuliert er es. Und wenn man ihm zuhört, wie er über die Maschine spricht, merkt man, vor welche Rätsel das großväterliche Werk selbst den heutigen Besitzer stellt. Mal redet er von ihr wie von einem technischen Gerät, mal wie von einem fremdartigen Lebewesen. „Es ist kein Problem, wenn ein, zwei Komponenten für ein Jahr ausfallen, bis sie repariert werden können“, sagt er beispielsweise. „Aber wir müssen vermeiden, dass ein ganzer Bereich der Maschine ausfällt. Denn dann beginnt die Weltmaschine zu sterben.“

Notizen
 
Die „Weltmaschine“ ist ganzjährig täglich außer dienstags von 9 bis 18 Uhr zu besichtigen, und wird von Maria Gsellmann, der Schwieger­tochter des Erbauers, liebevoll erklärt.
 
Kaag 12, A-8332 Edelsbach, Tel. +43/31/15 29 83, ­
 
Website: www.weltmaschine.at, dort findet sich auch eine Wegbeschreibung