Haflinger – Blondinen bevorzugt

Haflinger. Die elegante Reyna aus Alta Badia wurde auf dem Südtiroler Fohlen­championat 2011 zur Schönsten gekürt. Sie bezauberte alle

Eine Klasse für sich Die elegante Reyna aus Alta Badia wurde auf dem Südtiroler Fohlen­championat 2011 zur Schönsten gekürt. Sie bezauberte alle © Fotos: Helmut Rier

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Aus der Affäre eines temperamentvollen Arabers mit einer gleichmütigen Gebirgsstute entstand die bedeutendste Pferderasse der Alpen: gutmütige und leistungsstarke Haflinger. Ein Stallbesuch bei Reyna in ihrer Bergheimat Südtirol (ALPS Magazine #11 4/2012 Review)

Miss Hafling ist Südtirolerin und lebt in den Dolomiten. Colfosco nennen die Italiener das höchstgelegene Dorf Alta Badias. Auf Ladinisch sagt man Calfosch. Auf deutsch Kolfuschg. Miss Hafling heißt Reyna. Gerade mal ein halbes Jahr jung, wurde sie Ende Oktober vergangenen Jahres auf dem Südtiroler Fohlenchampionat in Schluderns als schönstes Mädchen unter fünfundzwanzig Mitbewerberinnen gekürt. Reyna hat alle ausgestochen, schwärmt stolz ihr Züchter Tomas Alfreider: „Ihr schmaler Hals! Der zierliche Kopf! Die exquisiten Gliedmaßen! Ihr durchgehend goldfuchsfarbenes Fell!“ Reynas noch kurze weizenblonde Mähne hatte in der herbstlichen Sonne verwirrend gefunkelt. Einem italienischen Pferdeliebhaber am Gatter entrang sich ein Seufzer: „Madonna! Das ist der Hammer!“ So schwebend war Reynas Gang, als Tomas Alfreider sie am Halfter in den Ring führte.

Haflinger sind die Blondinen unter den Pferden, und um ausgezeichnet zu werden wie Reyna aus Colfosco und das gleichaltrige Hengstfohlen Wotan aus Klausen im Eisacktal, müssen die innere und äußere Harmonie der Pferde erstmal eine Kommission überzeugen. Nicht nur, dass der Charakter des Jungtieres gutmütig sein soll. Es darf bitte schön auch ordentlich Temperament zeigen. Und an den richtigen Stellen mögen deutlich die Muskeln spielen. Ganz abgesehen von den erwünschten ausdrucksstarken Augen und feinen Gliedmaßen soll sein Haar möglichst durchgehend fuchsgolden sein und Schweif und Mähne von makellosem Weizenblond. Mit anderen Worten: gesucht werden Miss und Mister Hafling.

Tomas Alfreider hatte Reynas Schönheit gleich erkannt, als sie nach der Geburt im März letzten Jahres auf wackligen langen Beinen neben ihrer Mutter Elena stand und zielstrebig die Milch ansteuerte. „Daraus wird was ganz Tolles! Der Kopf. Die Schultern. Alles hat gepasst.“ Auf der Stirn leuchtete Reynas Haar schneeweiß und glich einem unregelmäßigen weißen Stern. Reyna brachte ihre Auszeichnung gewissermaßen gleich mit auf die Welt. Stirnzeichen genannte Blessen sind nämlich erwünscht. Helle Flecken an Beinen dagegen nicht. Die Liste der Rassemerkmale für eine glänzende Zukunft als Zuchtpferd ist zu lang, um sie hier aufzuführen. Reyna erfüllte sie auf jeden Fall Punkt für Punkt.

Haflinger. Mister ­Hafling heißt Wotan. Er wurde in Klausen geboren und lebt jetzt in der Nähe von Neapel

Mister ­Hafling heißt Wotan Er wurde in Klausen geboren und lebt jetzt in der Nähe von Neapel © Fotos: Helmut Rier

Die Geschichte der Haflingerzucht ist bald hundertvierzig Jahre alt und untrennbar mit dem Land Südtirol verbunden. 1874 wurde der Hengst „240 Folie“ in Schluderns auf dem Hof seines Züchters Josef Folie geboren. Seine Mutter soll ein kräftiges und gelassenes Tiroler Gebirgspferd gewesen sein, sein Vater ein eleganter temperamentvoller Araber. Wer da wen bezaubert hat, ist heute nicht mehr klar. Der Nachwuchs der beiden entzückte jedenfalls alle und wurde als „Muskelpaket mit Araberadel“ beschrieben. „240 Folie“ ist für die Geburt aller sieben Blutlinienbegründer verantwortlich.

Von denen stammen heute noch die besten aller Haflinger ab. Der Haflinger ist als Gebirgspferd bekannt und wurde einst hauptsächlich für die Landwirtschaft als Zugpferd eingesetzt, als an den Berghängen noch Kartoffeln und Getreide wuchsen. Bis der Tourismus kam und das sanfte, starke und familienfreundliche Tier immer häufiger Erholung suchende Menschen samt Koffern vom Bahnhof zum Berghotel transportierte. Heute werden sie gern vor Kutschen und Schlitten gespannt, um Urlauber Südtirols, die Sinn für Romantik haben, zu allen Jahreszeiten durch die Landschaft zu fahren. Manche kann man auch reiten.

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In Almentarola, ganz am Ende das Gadertales, ziehen sie gar Skiläufer, die vom Berg gerauscht kommen, einzeln oder als Gespann am langen Band durch die Ebene bis zum nächsten Skilift. Die Alfreiders waren schon immer auf Colfosco, hoch auf 1645 Meter über Corvara. Tomas Alfreider wuchs mit Haflingern auf. Schon sein Vater hatte welche. „Da ist die Liebe gewachsen.“ Noch heute ist seine Familie die einzige auf Colfosco, die Haflinger hält.

Zucht ist ein Hobby für Tomas. Das Geld verdienen er und seine Familie mit Milchvieh und einer Skihütte am Berg. Viel Zeit für seine acht Haflinger bleibt da nicht. Im Winter werden Reyna und ihre Artgenossen mit duftendem Bergheu gefüttert, das Tomas Alfreider im Sommer geschnitten hat und das über dem Stall in der Scheune lagert. Dazu kommt gemischtes Getreide und kristallklares Bergwasser zum Saufen. Morgens und nachmittags haben die Tiere Auslauf im Freien. Tagsüber stehen sie im Stall, der sorgsam mit Sägespänen ausgestreut wurde. Ihr Fell wird regelmäßig gebürstet. Vom Juni bis in den September dürfen die Pferde durchgehend auf die Weide. Reynas Hufe versinken dann tief in der mit goldgelbem Löwenzahn und weißem Schaumkraut übersäten Sommerwiese, und die Sonne wärmt ihren anmutigen Körper. Endlich loslassen, den Stall für eine lange Zeit einfach vergessen. Bloß Alm und Frischluft genießen. Unter ihr im Tal fließt glucksend der Grand Ega, der große Bach, und das riesige Sella-Bergmassiv ragt über ihr in den blitzblauen Himmel. Endlich draußen und ohne Halfter! Reyna wiehert ausgelassen und macht erst mal wahre Bocksprünge vor Freude. Sie rast über die Wiese, als wolle sie ihre Fähigkeiten als Rennpferd prüfen.

Haflinger. Fell und Mähne leuchten in der Sonne, wenn Stut- und Hengstfohlen in Schluderns der Bewertungskommission vorgeführt werden. Züchter Thomas Alfreider hat sich eine kobaltblaue Schürze umgebunden, als er Siegerin Reyna in den Ring führt.

Junge Schönheit Fell und Mähne leuchten in der Sonne, wenn Stut- und Hengstfohlen in Schluderns der Bewertungskommission vorgeführt werden. Züchter Thomas Alfreider hat sich eine kobaltblaue Schürze umgebunden, als er Siegerin Reyna in den Ring führt. © Fotos: Helmut Rier

Über ihre Zukunft weiß sie nichts. Anders als die meisten ihrer Artgenossen im Tal, die ihr Leben sommers wie winters dem Tourismusgeschäft widmen und hin und wieder wie seit alters her den Forstarbeitern beim Schleppen der geschlagenen Bäume helfen, ist Reynas Leben allein dem Fortbestand ihrer Rasse gewidmet.

Im Alter von vier Jahren wird Miss Hafling ihr erstes Fohlen bekommen. Wenn alles gut geht, wird es im Frühling 2014 so weit sein. Schon im Herbst im Jahr davor hat Tomas Alfreider sich während der sogenannten Herbstchörung nach einem standesgemäßen und attraktiven Partner für seine schöne Reyna umgesehen. Zwanzig Jahre Mutterschaft können dann vor ihr liegen, wie Tomas Alfreider versichert. Das bedeutet jedes Jahr Nachwuchs, wenn Reyna gesund bleibt und schöne Kinder bekommt. Manche der Tiere wird Tomas Alfreider behalten, andere verkaufen.

Noch hat Reyna allerdings Zeit, sich auf ihre Mutterrolle vorzubereiten, das Leben auf Colfuschg zu genießen und hin und wieder eine Paraderolle während einer der historischen Veranstaltungen Südtirols zu spielen, auf denen nicht nur die ladinischen Trachten, sondern vor allem auch die Pferde der Alta Badia die Hauptdarsteller sind. Im November während des St.-Leonardi-Ritts in St. Leonhard im Gadertal sind Mensch und Pferd prachtvoll geschmückt. Blüten zieren dann Reynas weizenblonden Schweif, und ihre prachtvoll gewachsene Mähne wird zu schmucken Zöpfen geflochten. Dann ist Miss Hafling wieder die Schönste im ganzen Land.