Reinhold Messner – Auf Messners Schneide

Reinhold Messner: Kaum einer kennt die Gebirgslandschaften dieser Welt besser als der Südtiroler Reinhold Messner

Reinhold Messner © Foto: Heinrich Hülser

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Kaum einer kennt die Gebirgslandschaften dieser Welt besser als der Südtiroler Reinhold Messner. Heute kämpft er wort­gewaltig gegen die Verhunzung der Alpen. Unser Autor sprach mit ihm auf Schloss Firmian bei Bozen, wo Messner eines seiner sechs Süd­tiroler Bergmuseen eingerichtet hat (ALPS Magazine #6/2011 Review)

ALPS: Über welches Erlebnis in den Alpen haben Sie sich zuletzt gefreut?
REINHOLD MESSNER: Vor zwei Wochen bin ich mit meinem Sohn Simon die Lang­kofel-Nordwand geklettert. Mit dem eigenen Sohn zu klettern, ist natürlich ein starkes ­Erlebnis. Aber wenn man älter, ungeschickter und langsamer wird, ist das extreme Unterwegssein in einer großen Felswand nicht mehr so einfach (Messner ist 67, sein Sohn 19).

ALPS: Und worüber haben Sie sich in den Bergen zuletzt geärgert?
MESSNER: Ich ärgere mich generell nicht mehr. Es lohnt sich nicht. Ich bin ein solitärer Gestalter und versuche Dinge so zu machen, wie ich es für richtig halte.

ALPS: Sie haben sich den Alpen auf unterschiedliche Arten genähert: als Bergsteiger, als Autor, als Museumsgründer, als Biobauer und auch als Politiker …
MESSNER: Ja, aber als Abgeordneter im Europaparlament hat man kaum Möglichkeiten, die Alpen in den Mittelpunkt zu stellen.

ALPS: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: „Die Wahrnehmung der Alpen verändert sich mit der Entfernung.“ Wie ist das zu verstehen?
MESSNER: Ein Mensch, der in den Alpen lebt, nimmt sie ganz anders wahr als einer, der in der Stadt lebt. Die allermeisten Menschen nehmen die Alpen heute als Postkartenidylle wahr.

ALPS: Das ist die Wahrnehmung der Städter. Wie empfindet ein Mensch, der in den Alpen lebt und arbeitet?
MESSNER: Für den Bergbauern bedeuten die Alpen Mühe. Er muss steigen, um seine Tiere auf die Alm zu treiben oder Holz zu schlagen. Als Jäger holt er da oben eine Gämse. Dafür steigt er ausnahmsweise bis knapp über den Waldrand. Er weiß: Weiter oben ist nichts zu holen. Kein Teufel könnte ihn treiben, höher hinaufzusteigen. Die Landschaft oberhalb von 2400 Metern haben Bauern früher als wertlos angesehen. Die Idee, auf Gipfel zu steigen, kam erst mit der Aufklärung in der Romantik aus industrialisierten Stadtregionen; aus England, vor allem Manchester, wo die ersten Industrien entstanden, von dort kamen die ersten Bergsteiger. Später haben Städter die Alpenvereine aufgebaut und versucht, sich die Hochgebirgsregion anzueignen. Aber denen gehören die Alpen nicht! Wenn schon, gehören sie den Leuten, die dort leben.

ALPS: Stadtmenschen haben für Sie zu viel Einfluss auf die Alpen?
MESSNER: Ja. Sie sind politisch besser organisiert, in Gesinnungsvereinen, wie ich sie nenne. Bergbauern gibt es wenige und sie haben keine Lobby.

ALPS: Aber unter den Städtern gibt es doch auch viele Naturschützer …
MESSNER: Selbst ernannte Naturschützer haben oft wenig Ahnung von der Natur der Gebirge, das muss ich leider sagen. Was sie tun, damit eine Wiese grün bleibt, Bäche oder Wälder gesunden, ist kontraproduktiv. Naturschutz als Selbstzweck, um sich in den Medien wichtig zu machen. Es begann in den 70er-Jahren. Umweltgruppen und Idealisten haben damit angefangen, die Alpen vor den Menschen zu schützen. So ist ein schräges Bild entstanden. Man hat den Blick der Romantiker übernommen und gefordert: überall Heideland! Aber die Alpen sind kein Heideland. Ohne die Bauern als Landschaftspfleger geht die Kulturlandschaft kaputt.

Der BERG muss GEFÄHRLICH bleiben

ALPS: Halten Sie Naturschutz für überflüssig?
MESSNER: Nein, aber die Bauern haben sich über Jahrtausende selber vor der Natur geschützt. Ein Bergbauer konnte nur überleben, wenn nicht Muren oder Lawinen auf seinen Hof herabgingen. Das war nur möglich, wenn er den Wald über sich pflegte. Die nachhaltige Waldbewirtschaftung ist viel älter als die Ökobewegung. Der Städter hat das alles verlernt. Nur dort, wo die Stadtkultur hinkommt, gilt es heute, die Alpen vor den Menschen zu schützen.

ALPS: In vielen Gegenden der Alpen verlassen die Menschen ihre Heimat, weil sie keine Zukunft haben.
MESSNER: Ja, der ländliche Raum verödet, Straßendörfer breiten sich aus. Städte wie Innsbruck, Lausanne, Bozen wachsen mächtig.

ALPS: Verödung und Verstädterung – beide Entwicklungen entwerten die Alpen. Sehen Sie einen Ausweg?
MESSNER: Handeln, ein Stück Land kaufen und anpacken. Nicht reden, machen! Verantwortung für ein Stück Alpen übernehmen und versuchen, es besser zu machen.

ALPS: Stadtmenschen, die Land in den Alpen kaufen, haben oft ganz andere Motive.
MESSNER: Da genau liegt der Fehler. Landschaftsverbrauch, Schlafburgen, im Grunde sollte unsere Landesregierung verbieten, dass jemand in Südtirol eine Zweitwohnung kauft. Cortina d’Ampezzo zum Beispiel besteht bald nur noch aus Zweitwohnungen. Wenn die Einheimischen abwandern, wird der Ort zu einer Ruine verkommen.

ALPS: Viele Städter spüren eine enorme Sehnsucht nach Natur, nach Rausgehen, nach Landleben.
MESSNER: Alles schön und gut, aber die Alpen können nicht ersetzen, was in den Städten fehlt. Die allermeisten gehen ja nicht in die Natur, sondern dorthin, wo alle Infrastrukturen da sind und Wohnsiedlungen gebaut werden.

ALPS: Werner Bätzing, der Wissen­schaftler, Alpenforscher und Kulturgeograf, spricht von drei Sichtweisen, die das Bild der Alpen prägen: die schrecklichen Berge, die ­romantischen Berge und die Berge als Sportgerät.
MESSNER: Dem stimme ich völlig zu. Ich bin nicht glücklich damit, dass die Berge ein Sportgerät sind. Die Leute bewegen sich heute zu 99 Prozent auf wenigen präparierten Wegen und Pisten. Was in den 30er-Jahren mit dem Skifahren passiert ist – Hänge wurden präpariert, Seilbahnen gebaut, Pisten angelegt –, passiert jetzt beim Bergsteigen.

ALPS: Soll etwa jeder seine eigenen Wege in den Bergen gehen?
MESSNER: Ich hätte nichts dagegen, wenn sich die potenzielle Gästeschar gleichmäßig über die Alpen verteilen würde, dann hätten wir alle viel mehr Platz. Aber die allermeisten finden „ihre“ Wege gar nicht. Wege sind entstanden, weil Menschen den Wildwechseln folgten. Auf den gleichen Wildwechseln wurden die Tiere hoch- und runtergetrieben, so sind Jäger- und Hirtensteige entstanden. Auf diesen Trassen haben die Bergsteiger dann ihre Wege angelegt und markiert. Dort sind die Massen unterwegs. Der Massentourismus ist nicht das Problem, die Verteilung ist es.

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ALPS: Liegt in der Natursehnsucht der Städter nicht auch eine Chance?
MESSNER: Ja, wenn sie nicht die Stadtkultur in den Bergen suchen. Ich habe nichts dagegen, dass die Leute in die Berge gehen, im Gegenteil. Wichtig ist das Verständnis der Berge: Bis etwa 2400 Meter gibt es eine kleinräumige alpine Kulturlandschaft. Bis dorthin gibt es Wege, man kann gehen und biken. Darüber ist der Bergwald, im Idealfall Naturlandschaft, beide Landschaften bilden eine Einheit. Dort beginnt die Eigenverantwortung. Diese Barriere muss es weiterhin geben, wie einen Zaun, an dem die Angst beginnt. Der Berg muss gefährlich bleiben, weil man auf ihm umkommen kann. Wenn ein Berg nicht mehr tödlich ist, wird er zur Attrappe.

ALPS: Wenn man montags in die Zeitungen schaut, sind sie immer voll mit Bergunfällen.
MESSNER: Leider ist das so. Berge sind eben immer noch gefährlich. Wenn alle das wüssten, würde viel weniger passieren. Und wenn es die Hubschrauberrettung nicht gäbe, müssten Sozialpolitiker das Bergsteigen verbieten.

ALPS: Wie wird sich das Bergsteigen künftig verändern?
RESSNER: Das klassische Bergsteigen wird sich mehr und mehr verlieren. Die großen Routen in den Dolomiten wurden in den 60er-Jahren zehnmal so oft geklettert wie heute. Es gibt auch weniger Kletterer in den großen Wänden. Die Kletterer sind inzwischen neben der Straße, an den Randfelsen. Da sind die wirklich schwierigen Wege, wo alle zwei, drei Meter ein gebohrter Haken steckt. Man soll nicht wirklich abstürzen können. Mir soll’s recht sein.

ALPS: Verliert das Bergsteigen für Sie durch verbesserte Sicherheitsmaßnahmen an Reiz?
MESSNER: Das Wertvollste, das ich von oben herunterholen kann, ist Erlebnis. Und dieses Erlebnis hängt nicht davon ab, wie schwierig, wie gut, und wie hoch ich klettere, sondern vom Verhältnis meines Know-how, meiner Erfahrung, meines Könnens zur Herausforderung, die ich annehme. Derjenige ist der erlebnisoffenste Alpinist, der auf fast alle Technologie verzichtet und zugleich in der Lage ist, aufzuhören, wenn er Angst bekommt.

Reinhold Messner – 10 Gebote

1. Ich vergesse nie, dass die Alpen primär Lebensraum für die dort angesiedelten Menschen sind.

2. Ich akzeptiere alle Spielarten des Bergsteigens gleichermaßen: Sportklettern, Mountainbiken, Gleitschirmfliegen, Weitwandern, Alpinistik, Skitourengehen, Höhenbergsteigen.

3. Ich befürworte Großveranstaltungen nur dann, wenn sie auf Gebiete mit vorhandener Infrastruktur beschränkt werden.

4. Ich unterstütze eine Verzahnung von Landwirtschaft und Tourismus, die langfristig die kleinräumige alpineKulturlandschaft und die nicht erschlossene Urlandschaft des Hochgebirges retten kann.

5. Ich bin mir immer bewusst, dass der Wert der Gebirge mit ihrer Unberührtheit steigt.

6. Ich akzeptiere als Grundregel: Das Können ist das Maß des Dürfens.

7. Ich lehne jede Form von Wettkampf in den Bergen ab.

8. Ich bin gegen das Leitbild für Bergsteiger: besser, stärker, schöner, schneller, fitter. Für mich ist Bergsteigen Ausdruck von Wohlbefinden: sich gesund laufen, steigen, klettern.

9. Ich glaube, dass nur Anstrengung, Gefahr und Entbehrung als Filter gegen die Massen taugen.

10. Ich wehre mich dagegen, dass die Alpen als Naturreservat oder Sportarena missbraucht werden.

Pionier
Er war der Erste, der alle Achttausender dieser Welt ohne Sauerstoff bezwang. Aber auch die Herausforderungen von Antarktis, Grönland und der Wüste Gobi nahm Reinhold Messner an
 
Mehr Informationen unter www.reinhold-messner.de
Reinhold Messner

Reinhold Messner © Foto: Heinrich Hülser