Sonnenschutz für weiße Riesen

Massarbeit Ein Pistenfahrzeug und vier bis fünf Mann sind am Werk, um gefährdete Pistenabschnitte auf dem Diavolezzafirn im Oberengadin mit Vlies zu verhüllen

Massarbeit Ein Pistenfahrzeug und vier bis fünf Mann sind am Werk, um gefährdete Pistenabschnitte auf dem Diavolezzafirn im Oberengadin mit Vlies zu verhüllen © Foto: Frieder Blickle

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Wie man den Schnee über den Sommer retten kann, damit beschäftigen sich Glaziologen und Betreiber von Bergbahnen seit Jahren. Nach Experimenten und Irrtümern gilt die Abdeckung von kritischen Gletscherzonen und Schneedepots als die beste Methode, das kostbare Weiß zu konservieren und Skispaß auch für den nächsten Winter zu garantieren. ALPS besuchte die Sonnenschützer im Ötztal und im Oberengadin (ALPS Magazine #10/2012 Review)

Talstation Rettenbachgletscher. Andrea Fischer schultert schwungvoll ihr Tragegestell mit dem Dampfbohrer. Für eine Gletscherforscherin ist das leichtes Gepäck. Normalerweise schleppt sie mit Eispickel, Seil und Steigeisen auch noch Schaufel, Messgeräte, Radargerät, GPS, Feldbuch und Fotoapparat auf die Gletscher. Und Sonnencreme mit höchstem Schutzfaktor – die zierliche Wissenschaftlerin des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck ist sehr, sehr blond. Aber heute geht es ja nicht in die unberührte Wildnis der Ötztaler Alpen, sondern nur vom Parkplatz zum Auslauf der Rettenbach-Gletscherskipiste von Sölden. Auch die hat extrastarken Sonnenschutz – lange, miteinander verschweißte weiße Bahnen aus Vlies sorgen dafür, dass den Sommer über möglichst viel Schnee auf der Piste erhalten bleibt. Denn das „ewige“ Eis der Alpen ist endlich. Seit bald 40 Jahren schrumpfen die Gletscher, seit Mitte der 1990er-Jahre sehr auffällig, in den Hitzesommern 2003 und 2007 war die Schmelze schon mal exorbitant. Ein Problem für die Gletscherskigebiete im ganzen Alpenbogen: Da apern Abfahrten aus oder werden zu steil, dort verlieren Liftstützen den Halt. „Punktuell sind Gletscherabdeckungen mit Folien hoch effizient“, erzählt Andrea Fischer, während sich ihr Dampfbohrer langsam seinen Weg durch die unbedeckte Eisfläche am Fuß des Folienfelds schmilzt. „Ablationspegelbohrung“ ist der Fachausdruck für die Messung der Schneeschmelze auf den Gletschern.

Forscherin Fischer misst an einer ungeschützten und an einer mit Vlies abgedeckten Stelle. Der Vergleich zeigt: 70 Prozent weniger Schmelze unter den Folien. „Zehn bis 20 Zentimeter schmelzen pro Tag, pro Sommersaison sind das sechs Meter. Vier Meter können dank der Abdeckungen erhalten werden“, rechnet die Wissenschaftlerin vor. Den Unterschied kann jeder Laie mit bloßem Auge sehen. Die verhüllten Flächen ragen hoch aus dem blanken Gletscherfeld, sehen aus wie gigantische Pakete, von unbekannter Hand aus dem Himmel hinunter auf die weißen Hänge geworfen.

Eberhard Schultes, verantwortlicher Bereichsleiter für das Gletscherskigebiet der Bergbahnen Sölden, ist der Mann fürs Praktische. Er macht die Möglichkeiten und Grenzen der Verhüllung schnell klar. Rund 6,5 Hektar werden auf den Ötztaler Gletscherpisten am Rettenbachferner und am Tiefenbachferner abgedeckt, verteilt auf zwei größere Flächen an der Rettenbach- Talstation und an der Bergstation des Tiefenbachferners sowie auf vier kleinere Flächen in den Gletscherrandbereichen. „Um 6,5 Hektar abzudecken, braucht es 2000 Arbeitsstunden. Am Werk sind Acht-Mann-Trupps, zwei Pistengerätefahrer zum Entrollen der Vliese, dazu sechs Mann, die sie verlegen und verschweißen“, sagt Schultes. Mitte September müssen die Vliese wieder abgenommen werden, und zwar zügig, denn dann ist Schneefall jederzeit möglich, auf die Wetterprognosen jedoch höchstens drei Tage Verlass.

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Frieder Blickle

Der Praktiker Schultes und die Wissenschaftlerin Fischer arbeiten Hand in Hand. Sehen die Argusaugen des Seilbahners Problemzonen, informiert er die Glaziologin. Gemeinsam erörtern sie mögliche Lösungen. Vor Ort, aber auch mithilfe von grafischen „Rückzugs-Szenarien“ oder dem iPhone. Die Universität Innsbruck liegt optimal für angewandte Gletscherforschung, in gut einer Stunde ist man in den meisten Gletscherskigebieten Tirols. Daher hat sich die Hochschule als einzige Österreichs auch mit zehn Wissenschaftlern der praktischen Umsetzung glaziologischer Forschung verschrieben. Und ist unmittelbar nach der Extremschneeschmelze des Sommers 2003 dem Ruf der Gletscherbahnen gefolgt, den Schutz der hochalpinen Skigebiete auf eine solide, die Umwelt möglichst wenig belastende und wirtschaftlich vertretbare Basis zu setzen.

In einem ersten Versuchsprojekt zwischen 2004 und 2006 testeten die Experten auf den Ötztaler Fernern mit Massenbilanzmessungen 25 verschiedene Folien und Vliese. In einem Folgeprojekt zwischen 2006 und 2008, an dem sich auch die Gletscherskigebiete des Kaunertals, des Pitztals, des Stubaitals und des Dachsteins beteiligten, ging es dann um die Entwicklung eines Managementplans zur sinnvollen Bewirtschaftung der schwindenden Pistenflächen. „Kein Gletscher gleicht dem anderen, jedes Skigebiet braucht individuelle Lösungen“, ziehen Andrea Fischer und Eberhard Schultes Bilanz. Die Experimentier- und Forschungsarbeit hat sich trotzdem gelohnt.

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Die Gletscherpisten bekommen alle eine einheitliche Decke. Nachdem biologisch abbaubares Material im Praxistest versagte, vom Wind zerfetzt wurde und durch die Gegend flog, verschweißen die österreichischen Seilbahner wiederverwertbare Vliese, die aus der Baubranche kommen. Und dorthin zurückkehren, wenn sie nach drei Jahren Einsatz auf dem Gletscher zu schmutzig und unansehnlich geworden sind.

Gletscherpiste Diavolezza im Oberengadin: Sommerskilauf ist hier schon seit 1999 nicht mehr möglich. Auch die Bergbahnen Engadin St. Moritz kämpfen gegen das Dahinschmelzen des Diavolezzafirns, seit 2008 mit 105 Meter langen und 50 Meter breiten Vliesen. Die Einfahrt in die Piste beim Sessellift ist durch den Schneeschwund immer steiler geworden. Sommerliche Geländekorrekturen mit dem Bagger reichen da längst nicht mehr.

Ein Pistenfahrzeug am Stahlseil wickelt im Rückwärtsgang Vliesbahn für Vliesbahn von den Rollen. Vier Männer ziehen die Stoffbahnen auf Kante, ein fünfter Mann näht sie zusammen, mit einer Handnähmaschine und feuerrotem Faden. Zwischen den dunklen Felskämmen des Sass Quender und der Diavolezza liegt der Gletscher wie ein gestrandeter Wal. Seine Hänge sind bis zu 34 Grad steil. Starkwinde mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 170 km/h fetzen über ihn hinweg.

Eine Wissenschaftlergruppe der Universität Innsbruck kümert sich um die praktische Umsetzung der Gletscherforschung und schützt hochalpine Skigebiete

Die Männer, die ihm sein schützendes Sommerkleid auf den Leib schneidern, betreiben Handwerk im Großformat. Ein big business, das außer Körperkraft und Präzision auch viel Erfindungsgabe braucht. Die ersten Schutzvliese des Sommers 2008 trug der Wind einfach davon. Seither befestigen die Firnschützer sie mit prall gefüllten Wasserschläuchen, die jede dritte Längsnaht niederdrücken. Solche Beschwerung brauchen die Ötztaler Ferner nicht. Dort genügt es, die oberen und unteren Ränder der Vliesflächen als Schlaufen zu verschweißen und mit Kies zu befüllen. Doch so unterschiedliche Modelle die Haute Couture für die Alpengletscher auch schneidern mag, eine Erkenntnis verbindet alle Bahnbetreiber: Kleider in Größe XXXL allein schützen nicht genug. Snowfarming ist angesagt in den Gletscherskigebieten, die bis auf Weiteres auch solche bleiben wollen. Im Klartext: Fällt im Winter reichlich Naturschnee auf die Gletscherpisten und Umgebung, wird so viel wie möglich in die nächste Saison gerettet. Und egal, was der Himmel hergibt, beschneit wird auch das Gletscherpistenterrain. Natur und Kunstschnee werden in Depots gehortet. Der optimale Schutz für die weißen Schätze: die Gletscherabdeckplanen. „Die Erkenntnis, dass Schneedepots abgedeckt gehören, war ein Lernprozess“, sagt Eberhard Schultes. Der Betriebsleiter der Sölder Gletscherbahnen lächelt aus gletscherwasserblauen Augen und erzählt: „Zuerst haben wir die Schneevorräte flächig angelegt und abgedeckt. Dann sind wir darauf gekommen, dass der Schwund geringer ist, wenn wir Schneehügel aufschieben. Denn jeder Hügel hat bekanntlich eine Schattenseite.“

„Pflästerli“ für die Gletscher nennt die Schweizer Gruppe der alpinen Umwelt-Dachorganisation CIPRA die Planen auf den Gletscherpisten. Sie fürchtet eine exzessive Entwicklung wie bei den Beschneiungsanlagen, zu große Eingriffe in Natur und Landschaft und einen zu hohen Energieverbrauch. Daher fordert sie einheitliche Regelungen für Bewilligungen von Gletscherabdeckungen in der Schweiz. Im Wallis ist für die Abdeckung von Gletschern mit Schutzfolien bereits eine Baugenehmigung einzuholen. In Österreich sind die Bedenken gegen die Folien geringer. „Nach dem Tiroler Naturschutzgesetz fallen Gletscherabdeckungen und Schneedepots unter Wartung und Instandhaltung vom Skigebiet“, erklärt Eberhard Schultes.

Andrea Fischer ist überzeugt, dass die wissenschaftliche Begleitung der Gletscherabdeckung schon im Vorfeld etliche umweltschützerische Bedenken ausräumen konnte. Zum Beispiel jenes, dass die Abdeckung negative Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Mikroorganismen haben könnte. „Im Ötztal hat man schon im 17. Jahrhundert mit Gletscherforschung begonnen“, erzählt sie, „auch die ersten Längen- und Massenbilanzmessungen wurden dort durchgeführt.“ Altes Wissen, das der jungen Forscherin viel Gelassenheit gibt. „Das Klima und mit ihm die Gletscher unterliegen seit jeher einem ständigen Wandel. Alles schon mal dagewesen: So geschrumpft wie heute waren die Gletscher zuletzt zur Römerzeit“, sagt sie und verstaut ihr Messgerät sorgfältig im Kofferraum.