Glöcklerlauf – Süsser die Glocken nie klingen

Glöcklerlauf
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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Rebellische Frauen oder Brauchtum in zeitgemäßer Form? In der oberösterreichischen Salzdomäne Ebensee leuchten nun auch auf weiblichen Köpfen die prächtigen Kappen. In das Geläut der Glocken mischten sich anfangs auch kritische Töne: Dürfen die das denn, die Frauen? (ALPS Magazine #8)

Beim ersten Akkord lösen sich die Tränen der Anspannung: „Oh Bruder, lieber Bruder mein, was ich dir Neues muss sagen …“ Augustine Spitzer drückt die Hand der Frau neben ihr. Fast dreißig weiß gekleidete Frauen stehen im Kreis vor der Kirche. Atemwolken begleiten das Krippenlied auf seinem Weg in die kalte Winterluft. Es ist der 5. Jänner in Ebensee, die letzte „Raunacht“, der Vorabend des Festes der Heiligen Drei Könige. Seit 150 Jahren laufen die Passen mit ihren Kappen am Abend durch den Ort. Dutzende Gruppen, die man hierorts Passen nennt, von Talschaften bis zu Sportvereinen, haben sich monatelang auf diesen Abend vorbereitet.

Was fast verniedlichend Kappe genannt wird, sind große, leuchtende Halbkreise aus Holz, bespannt mit buntem Papier in Scherenschnittmotiven und von innen mit Kerzen beleuchtet. Sie sind der Stolz und die Ehre jeder Passe. Die Zahl der Läufer geht Jahr für Jahr in die Hunderte. Bis zu 15 Kilogramm balancieren die Geübteren stundenlang auf dem Kopf durch die Straßen des Ortes. Bisher war das Männersache, vererbt vom Vater auf den Sohn. Augustine Spitzer und ihre Mitstreiterinnen vom „Frauenforum Salzkammergut“ brechen diese Tradition auf. Sie erweitern sie, wie sie selbst sagen. Sie zerstören sie, wie ihre Gegner meinen. In ein paar Minuten startet der erste Lauf. Der Gottesdienst für die Glöckler ist gerade zu Ende. Neun Kappen stehen bereit im nahen Kinderhort, den das Frauenforum in Ebensee unterhält. „Toll, dass Ihr das macht!“ klopfen Messbesucher den angehenden Glöcklerinnen auf die Schulter.

Mut können sie jetzt brauchen. Seit Monaten gehen ihretwegen die Wellen hoch, höher als der benachbarte Traunsee sie je hervorbringen könnte. Ist Brauchtum nur richtig, wenn es unverändert bleibt? Warum wurden dann die Kappen im Lauf der Zeit immer größer und prächtiger, warum liefen früher nur Buben und heute laufen in manchen Passen auch Mädchen mit? Geht es wirklich um das Brauchtum oder nicht vielmehr um einen Konflikt zwischen Männern und Frauen? „Vielleicht haben wir uns doch zu viel zugetraut?“, fragt eine Freundin Augustine Spitzer noch am Morgen. Sie ist fast zitternd bei ihr im Büro einer Handelsfirma aufgetaucht. Was, wenn ihrer erst 16-jährigen Tochter, die auch am Abend mitlaufen wird, etwas zustößt, wenn den Ausschreitungen der Worte die rüde Kraft der Fäuste folgt?

Das Bruder-Lied klingt aus. Iris Kästel, die aus Köln zugezogene Geschäftsführerin des Frauenforums, steht in weißer Hose mit dicker, weißer Jacke schon bereit. „Los geht’s!“ Seit fünf Jahren lebt die Deutsche in Ebensee. Zu kurz, um schon als mitspracheberechtigt bei Fragen des Brauchtums zu gelten. Der Karneval in Köln scheint ihr nun wie eine laue Büttenrede im Vergleich zu den deftigen Leserbriefen der Passen-Chefs. Gerade, dass sie nicht sagten: „Scher’ dich heim!“ Iris Kästel ist als „Begleiterin“ beim ersten Glöcklerinnenlauf dabei. Ihre Aufgabe: „Aufpassen, dass nichts passiert.“

Seit das Frauenforum neben all den Trainings für Selbstbewusstsein den Frauen auch einen Hort für Kinder eingerichtet hat, haben sich die Einwohner des Salinenortes einigermaßen mit dem feministischen Fremdkörper arrangiert. In diesem Hort drängen sich jetzt die Kappenträgerinnen. Es sind Frauen wie Augustine Spitzer, in „gesetzterem“ Alter, wie man hier ausdrückt, wenn eine reif genug ist, für sich selbst zu sprechen. Einige haben ihre Töchter mitgebracht. Frauensolidarität zwischen den Generationen. Augustines Tochter, Studentin in Graz, hatte zuerst abgewunken und dann, als der Druck auf die rebellischen Ebenseerinnen so groß wurde, doch gesagt: „Mama, ich bin dabei.“ Die Kappen stehen noch am Boden. Wunderschön sind sie geworden. Ein alter Meister seines Fachs hat aus Fichtenholz den Aufbau gezimmert. Zwei Künstlerinnen, Helene Benedikt und Eva-Maria Ranzenbacher, haben die Motive der Kappen entworfen. Das Frauenforum bleibt sich selbst treu. Frauen sichtbar zu machen ist eines ihrer Ziele.

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Bei der 400-Jahr-Feier des Ortes spannten sie ein riesiges Transparent mit Frauenporträts über die Fassade des Rathauses von Ebensee. „Heimat bist du großer Töchter“ – hätte man es schöner sagen können? Aber müssen sie das denn, müssen sie sich überall hineindrängen? Männerwelten, Frauenwelten, schön getrennt, die Männer sichtbar, die Frauen dienstbar, ist das nicht lange klaglos gut gegangen? Sieben Kerzen entzünden die Begleiterinnen in Augustines Kappe. Wie ein Kokon sitzt die Papierhülle auf dem Traggestell. Ein weiches, warmes Licht umspielt die farbigen Papierstücke. Die „Graslweiber“ und die Pfannhausfrauen, die Weberinnen und die „Schlafende Griechin“, die Rindbachweiberl und die gute Frau Koch, sie alle erzählen von mythischen Frauengestalten und von Ebenseer Frauengeschichte. „Also!“ Augustine Spitzer stellt sich an die Spitze der Läuferinnen. Sie ist durchtrainierte Sportlerin, selbst eine Zugezogene, wenn auch nur aus Gmunden.

Die „Weiberpass’“ wie der Volksmund die rebellischen Frauen bereits nennt, setzt sich in Bewegung. Den Bach entlang hinunter in den historischen Ortskern. Tausende Besucher warten am Weg. Kamerateams, Neugierige, wie viele Freunde, wie viele Feinde? Nur jetzt nicht das Gleichgewicht verlieren, nicht schwanken nach links oder rechts. Kein Wind heute, das zumindest ist gut. Das Kerzenlicht flackert ruhig in der ungewohnten Kopfbedeckung. Mit ihren Händen in den weißen Handschuhen umfängt Augustine fest die schmale Stange ihrer Kappe.

Geradeaus schauen, konzentrieren, beisammenbleiben. Die ersten Pfiffe aus Trillerpfeifen gellen durch den Ort, Schreie, „Geht doch heim, kochen!“ Nicht hinhören, ruhig bleiben, nur keinen Rempler riskieren. „Bravo!“ „Super!“ Auch Applaus, Gott sei Dank. Augustine denkt an ihre Tochter, an die Frauen hinter sich. Sind alle da? Sind alle in Ordnung? Die Glocke auf ihrem Rücken schlägt beständig ihren Ton. Dennoch ist alles anders als sonst. Trotz vieler Besucher ist der Glöcklerlauf sonst ein fast meditativer, stiller Zug entlang der Hauptstraße, über die Traunbrücke Richtung Saline und dann zurück zum Stadtplatz. Ein farbenprächtiger Lichterkranz, der sich durch den Ort zieht, den kein anderer heller Schein an diesem Abend erleuchtet.

Das Leben in Ebensee war immer hart. Schwere Arbeit in Stollen und Fabriken, Hungersnöte, Überflutungen, Waldbrände. Wie oft schaute man neidisch auf das nahe Gmunden, die schöne Handelsstadt, die das Salz gewinnbringend verkauft hat, das die Ebenseer mühsam gewonnen hatten. Vielleicht braucht ein Ort im Schatten einer dominanten Schwester das Selbstbewusstsein eines besonderen Brauchtums noch viel mehr als andere? Die Pracht der Kappen, die Feierlichkeit des Umzuges, die Gewissheit, etwas berückend Schönes abseits der Schlote und Werkhöfe in die Welt setzen zu können.

Blitzlichter und Kameraleuchten strahlen die Glöcklerinnen an. Sie sind Attraktion und Provokation. Die traditionellen Passen haben erstmals ihre Routen verändert. Die „Alt-Ebenseer“ und die „Rindbachtaler“, sie meiden das Rathaus, den üblichen Treffpunkt aller Kappen. So viel Protest muss sein. Er spaltet den Ort in Befürworter des Frauenlaufes und in erbitterte Gegner, Männer wie Frauen. Hatten Frauen nicht ohnehin auch bisher ihren Platz im Ganzen? Wer hat die filigranen Motive aus schwarzem Tonpapier geschnitten und mit farbigen Teilen aus Seidenpapier hinterklebt? Wer die weißen Kleider genäht, geputzt und geflickt?

Ein erster Stopp. Augustine Spitzer hält. Die Läuferinnen hinter ihr scharen sich um sie, die Begleiterinnen stützen sich auf ihre Stöcke. „Gut ist es gegangen“, sagt Iris Kästel. „Nichts ist passiert“, denken die meisten. Ein großer Teller „Glöcklerkrapfen“ macht die Runde, heißer Tee wärmt die Kehlen. Ein paar Kerzen in den Kappen werden neu entzündet. Es geht noch die ganze Nacht weiter. Einige Familien haben die „Ebenseer Glöcklerinnen“, wie sie ihre Passe selbst nennen, zur Stärkung eingeladen. „Heute haben wir Geschichte geschrieben“, meint Iris Kästel. Mit Glocken, Licht und Kappenpracht. Mögen die guten Geister Ebensee gewogen bleiben und die bösen das Weite suchen. „Oh Bruder, lieber Bruder mein, was ich dir Neues muss sagen …“ Augustine Spitzer wird nächstes Jahr wieder laufen. Vielleicht ist es dann so, wie sie es sich erträumt: ruhig, still und leise, mit dem Zauber einer ganz besonderen Winternacht.