Ballon-Legende Hans Almer – Der Himmelvater

Hans Almer Ballonfahrer

© Foto: Florian Bachmeier

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wer mit der steirischen Ballon-Legende Hans Almer unterwegs ist, fragt nicht mehr, wieso der Pilot zu diesem Spitznamen kam: Sobald sich der Korb vom Boden gelöst hat und Almer die Flamme ins riesige Rund der Hülle schießen lässt, scheint es, als seien die luftigen Höhen sein eigentliches Element (ALPS Magazine #16 3/2013 Review)

Wenn Hans Almer an die Gashebel des Ballonbrenners fasst, ist das mehr als das bloße Bedienen eines technischen Geräts. Jeder Griff, jedes Zünden der Flamme sieht aus, als käme er einer angeborenen Regung nach, als wären Luft und Wind sein eigentliches Element. Wer immer ihm einst den Spitznamen „ Himmelvater“ verpasste, muss ein kluger Mensch gewesen sein. Denn Almer erfüllt dieses Bild nicht nur wegen seines voluminösen Barts und seiner Lockenmähne, sondern auch wegen der Seelenruhe, die er ausstrahlt – besonders, wenn er im Korb eines Heißluftballons steht.

Über 2500 Mal ist Almer darin „in die Luft gegangen“, seit er vor 28 Jahren den Ballonpilotenschein gemacht hat; das sind im langjährigen Mittel zwei bis drei Fahrten pro Woche. Zweimal war er österreichischer Staatsmeister, einmal ungarischer Meister, ungezählte Male bester Pilot der Steiermark. Er nahm an Weltmeisterschaften in Japan teil und an Europameisterschaften in Schweden und Litauen. Im Clan der Ballon-Enthusiasten ist der Himmelvater längst eine Legende, obwohl – oder gerade weil – er von Erfolgen nur dann erzählt, wenn man ihn darauf anspricht, und selbst dann nur wenig.

Auch an diesem Samstagmorgen ist er voller Ruhe und Zuversicht. Eben noch lag der Morgennebel bleiern über Puch bei Weiz, Almers Heimatort. Doch nun beginnt es aufzureißen, ganz so wie der Himmelvater es am Vortag prophezeit hat. Jede Wiese, jede Straße, jede Stromleitung in der Umgebung kennt er blind; jeden Wind sowieso. Zur Sicherheit, um einzuschätzen, ob er überhaupt starten kann, war er noch schnell bei der Wetterwarte oben auf dem Keltenberg Kulm und prüfte, ob der Wind in 900 Metern Höhe, wie erwartet, aus nördlicher Richtung kommt. Denn dann führt die Ballonfahrt nach Süden, aus den dichten Wolkenfeldern heraus zu einem der Dörfer nördlich der Autobahn Wien-Graz.

Auf dem Ballonstartplatz, einer Wiese mitten zwischen Apfelplantagen, herrscht reger Betrieb. Gemeinsam mit den Verfolgern, die den Piloten und die Passagiere nachher vom Landeplatz abholen werden, legt Almer eine riesige, 25 Meter lange grüne Stoffbahn aus. Aufgeblasen fasst sie tausend Kubikmeter Luft. Aufs Ballonfahren bezogen, bewegen wir uns auf fast schon historischem Boden: Im steirischen Apfelland stand die Wiege des österreichischen Ballonsports. Bereits Ende der 1960-er Jahre, als sich nur eine Hand voll Pioniere für die fast vergessene Technik des Heißluftballonfahrens interessierte, gab es hier wagemutige Piloten. 1976 wurde die erste „Apfelmontgolfiade“ abgehalten, die inzwischen ihren festen Platz im Jahreslauf des Örtchens hat. Gerade zehn Mannschaften fanden sich ein, was damals reichte, um zum größten Treffen Europas zu Landeavancieren. „Puch ist für Ballonfahrer ein ideales Terrain: Es gibt keinen großen Flughafen in der Nähe – Graz mit seinen vielleicht zehn Landungen am Tag fällt kaum ins Gewicht. Da kann man per Funk mit dem Tower plaudern“, lacht Almer. „Außerdem gibt es viele Möglichkeiten zu landen, und man kann das ganze Jahr über in die Luft. Im Unterschied zu den alpinen Regionen, wo das Ballonfahren nur im Winter möglich ist, weil sich zu jeder anderen Jahreszeit Thermik bildet.“

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Inzwischen ist der leuchtend grüne Ballon komplett aufgerüstet, steht aufrecht und ist startklar. Almer lässt eine weitere Flamme ins Innere der Hülle schießen. Und da hebt der Korb, für Neulinge unmerklich, ab. Fast senkrecht geht es nach oben, immer kleiner wird die Verfolger-Crew. Schon reicht der Blick über die Wiese hinaus, über Hügel und Apfelbaumreihen, über Puch und seine auf einer Anhöhe stehende Kirche. Wolkenfetzen fliegen vorbei. Dann liegt irgendwo unter dem Korb ein weiches, bauschiges Meer, durch das sich die schwarzen Zacken der Vorberge bohren. Manchmal taucht der Ballon wieder in die Wolken ein. „70 Grad Temperaturunterschied“, erläutert Almer, „müssen zwischen dem Ballon-Inneren und der Temperatur der Umgebung herrschen, um die Höhe zu halten.“ Kühlt die Luft im Ballon stärker ab, beginnt er zu sinken. Je wärmer die Außentemperatur, desto mehr muss also geheizt werden. Und umgedreht: Bei den frischen Frühlingstemperaturen, die im Inneren einer Wolke nochmals abfallen, reagiert der Ballon, sobald die Flamme gezündet wird; schon schwebt er wieder in die Sonne.

Fürs Foto platziert der Himmelvater den Ballon exakt so, dass sich sein Schatten scharf auf einer flachen Wolke abzeichnet. Wieviel Erfahrung in diesem Bravourstück steckt, wird erst klar, wenn man sich überlegt, dass ein Ballon keinerlei Steuerung besitzt. Wer mit ihm fährt, überlässt sich dem Spiel der Winde, und macht es sich geschickt zunutze. Almer selbst verliert über seine Kunstfertigkeit nicht viele Worte. Dafür ist seinem Schwiegersohn Thomas Herndl bei jeder zum Besten gegebenen Anekdote die immense Bewunderung für den Schwiegervater anzumerken. Herndl, selbst leidenschaftlicher Ballonfahrer, hatte Almers Tochter – wo sonst? – bei einer Montgolfiade kennengelernt. Längst fährt er bei vielen Wettbewerben als Copilot Almers mit. Und so berichtet er, wie dieser einmal in aller Ruhe während des morgendlichen Berufsverkehrs mitten in einem Kreisverkehr aufsetzte, weil sich sonst kein geeigneter Landeplatz bot. Oder wie bei einer Meisterschaft die Aufgabe gestellt war, ein Eisenbahngleis an einer bestimmten Stelle zu markieren, und der Himmelvater während des Anflugs schelmisch fragte, ob er lieber die linke oder die rechte Schiene nehmen solle.

Im Vergleich zu solchen Herausforderungen scheint die Landung an diesem Frühlingsmorgen fast schon ein Kinderspiel: Der Himmelvater hat sich zum Aufsetzen eine unbefahrene, schmale Landstraße ausgeguckt. Während des Sinkens beugt er sich über den Rand des Korbs und spuckt hinunter. Nicht etwa aus Jux und Tollerei. „Daran, wie die Spucke fällt,kann ich erkennen, in welcher Richtung unter uns der Wind weht“, erklärt er schmunzelnd. Da hat der Korb auch schon Bodenkontakt. Der Ballon ist noch nicht richtig zum Stehen gekommen, da biegt der Geländewagen der Verfolger schon um die Ecke. Zwar steht die Crew mit dem Ballon in ständigem Funkkontakt, „ein guter Verfolger aber steht schon am Landeplatz, bevor der Ballon da ist“, lacht Thomas Herndl. Nun wird auch klar, warum die Landung in der Mitte der Straße so wichtig war: So kommen beim Umlegen des Ballons alle Teile auf dem Asphalt zu liegen statt in der matschigen Wiese. „Eine Ballonhülle kostet 25.000 Euro“, erklärt Almer. „Wenn sie nass wird, muss man sie sorgfältig trocknen. Denn wenn sie zu schimmeln beginnt, schmeißt du dieses Geld in den Müll.“ Beim Zusammenlegen packen alle mit an: Tausend Quadratmeter Stoff in einen vielleicht eineinhalb Meter breiten Sack zu stopfen, ist eine schweißtreibende und keineswegs glamouröse Arbeit. Ballonfahren ist, trotz der enormen Ausgaben, alles andere als ein Snob-Sport. „Wir haben in unserem Verein Mitglieder quer durch alle Schichten“, erklärt Almer. Er selbst arbeitet in der Logistikabteilung eines Technik-Konzerns. „Unsere Ballone finanzieren wir größtenteils über Sponsoren.“ Auch Fahrten mit Gästen helfen dem Verein, die nicht unerheblichen Kosten zu decken.

Inzwischen ist der Ballon samt Korb auf dem Anhänger verstaut, alle sitzen glücklich im Auto. Auch nach so vielen Flügen genieße er immer noch jedes Abheben, verrät Almer. Doch was ihn am Ballonfahren begeistert, ist nicht so sehr das Gefühl der Freiheit, das Losgelöstsein von allem. „Was für mich am schönsten ist?“, fragt der Himmelvater. „Wenn ich die Menschen im Korb fürs Ballonfahren begeistern, ihnen etwas mitgeben kann.“ Und die Philosophie, mit der er an jede Fahrt, selbst an Wettbewerbe herangeht, sie könnte gut auch als Lebensweisheit durchgehen: „Die gegebenen Verhältnisse kann ich nicht ändern. Ich muss halt das Bestmögliche draus machen.“

Kategorie ALPENLUST, Bewegung & Sport

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.