Familie Grassmayr – Die Grossglockner

Familie Grassmayr – Die Grossglockner

Seit 1599 haben die Mitglieder der Innsbrucker Familie Grassmayr einen gemeinsamen Lebensinhalt: das Gießen von Glocken, die zu den Besten der Welt gehören. Die Liebe zu diesem Handwerk, aber auch der Wille, aus der Bronze einen immer noch reineren, volltönenderen Klang herauszuholen, schweißt die Generationen zusammen. (ALPS Magazine #12 Review)

Das Handy von Johannes Grassmayr klingelt nicht. Es läutet. Die Glocken der Innsbrucker Basilika kündigen ihm den nächsten Anruf an. „Das sind die Heimatglocken. Die sind doch einfach was besonderes“, sagt er, bevor er das Gespräch annimmt. Für ihn sind diese Glocken noch heimatlicher als für alle anderen Innsbrucker, denn sie stammen natürlichvon der Gießerei Grassmayr – ein Vorfahr hat sie gegossen, so wie überhaupt sämtliche Glocken in der Stadt Vorfahren von Johannes Grassmayr gegossen haben. Schließlich macht die Familie schon seit 1599 hier in Innsbruck aus Bronze Glocken, und nur einmal musste die Produktion pausieren.

Im Dreißigjährigen Krieg gossen die Grassmayrs Kanonen. Danach und bis heute: Glocken. Kirchenglocken, aber auch Glocken für Orchester, für Kühe und den Heimgebrauch. Diese klingende Tradition macht die Grassmayrs nicht nur zum ältesten Familienbetrieb Österreichs, sie mündet heute auch in einem modernen, mittelständischen Betrieb, der zu den drei wichtigsten Glockengießereien in Europa zählt. Auch diese Geschichte erzählt das läutende Handy des Geschäftsführers, es sind nämlich Monteure in Israel, die an diesem Vormittag anrufen.

Es gibt Probleme am Berg Tabor, wo gerade eine ganz besondere Grassmayr-Glocke aufgehängt werden soll, die größte, die sie je gegossen haben, ein Koloss mit fast 16 Tonnen „Lebendgewicht“. In den letzten Wochen wurde das Meisterwerk als Sondertransport verschifft und zum griechisch-orthodoxen Kloster auf den biblischen Berg gebracht. Dort wartet man sehnlich auf den ersten Ton der neuen Glocke, von dem Glockenfans schon behaupten, er wäre dem Klang der „Gloriosa“ im Erfurter Dom ebenbürtig. Das würde bedeuten: Weltspitze. Aber irgendwas klappt nicht mit dem Läutwerk auf dem Berg Tabor, und Johann Grassmayr in seinem Büro gleich unter der Berg-Isel-Schanze, gibt aufgeregt verschiedene Lösungsansätze durch.

Eine Etage tiefer, in der Gießerei ist sein Bruder Peter ebenfalls aufgeregt, aber aus einem anderen Grund. Er trägt die schwere Feuerschutzkleidung, die die Arbeiter hier wie Ritter aussehen lässt, in der Esse bullert eine farblose Flamme. Gerade zeigt das Digitalthermometer 935 Grad an. Erst bei 1115 Grad wird die flüssige Bronze gegossen, und Peter Grassmayr hat deswegen noch Zeit, um zu erklären, dass es hier nur um einen kleinen Versuchsguss geht, keine Auftragsarbeit. Versuche wie dieser waren es, die die jüngste Geschichte der Grassmayrs entscheidend beeinflusst haben.

Denn seit die beiden Brüder Mitte der 90er-Jahre als junge Männer in den Betrieb eingestiegen sind, hat sich manches verändert, was vorher hunderte Jahre lang gleich geblieben war. Das merkt man zum Beispiel an der lichten Werkhalle, die sie so konstruierten, dass man gerne darin arbeitet und sogar die Innsbrucker Bergkette sieht. Der Vater hatte noch im rußigen und fensterlosen Gewölbe gegossen, das heute Teil des Museums im Haus ist. Man merkt die Fortschritte auch an den großen Klangschalen, die überall auf Paletten stehen und Zuwachs im Angebot der Grassmayrs sind, Zielgruppe ist die Wellness und Esoterik-Branche.

Die wirklich entscheidenden Fortschritte aber, die bemerkt nur ein Glockenfachmann. Denn es ist die ausgezeichnete Klangqualität und tonale Genauigkeit der Grassmayr-Glocken, die sich mit den Brüdern und ihren Versuchen entscheidend besserte und den Auftragsbüchern heute zehnmal mehr Einträge beschert als noch zur  Jahrtausendwende. Bevor es soweit war und die Marke weltweit neuen Glanz bekam, hat Peter Grassmayr in verschiedenen Gießereien in Europa hospitiert, hat die unterschiedlichen Verfahren studiert und auch die alten Meisterglocken, die seit Jahrhunderten in den Kirchtürmen hängen.

Die Brüder hielten aber nicht nur Rückschau, sie gingen auch ganz neue Wege, kooperierten mit Universitäten, um die Theorie der Glockengießerei auf den neuesten Stand zu bringen. Abkühltemperaturen, Klöppelgrößen und –formen– das alles sind Dinge, über die die beiden jungen Grasssmayrs ausgiebig philosophieren können. Neugier und Lust auf Innovationen sind keine Selbstverständlichkeit in diesem Handwerk und schon gar nicht, wenn man eine derart tiefsitzende Familientradition im Nacken hat. „Die Tatsache, dass man schon vierhundert Jahre existiert, bedeutet noch nicht, dass man auch in vier Jahren noch existiert.

Wir hatten Glück mit unserem Vater, er hat uns freie Hand für Neues gelassen.“ sagt Johannes Grassmayr. Einmal pro Monat wird die Grube in der Halle aufgemacht und ein großer Guss mit etlichen Glocken feierlich begangen. Beim letzten waren fast 200 Besucher dabei, darunter auch Geistliche aus Italien und Rumänien, die zusahen, wie ihre Glocken auf die Welt kamen. „Früher waren 90 Prozent der Bestellungen katholisch. Heute sind es nur noch 40 Prozent. Wir liefern an fast alle Religionsgemeinschaften auf der ganzen Welt Glocken, nur der Islam verwendet dieses Symbol nicht.“ In der Ecke der Bildhauerwerkstatt steht eine abgedeckte Glocke, bestimmt für einen hinduistischen Schrein in Thailand. Die Gießerei in der Leopoldstraße 53 ist also auch im wahrsten Sinne ein Schmelztiegel der Kulturen und Konfessionen geworden.

Am Ende eines Jahres kann die Familie heute auf eine Produktion von 200 bis 300 großen Glocken zurückblicken, darunter immer welche, die mannshoch und mehrere Tonnen schwer sind, wie das fertige Modell, das neben dem Tor der Halle auf den Transport nach Deutschland wartet. „Eigentlich hatte den Auftrag eine andere Gießerei bekommen, aber der Kunde war mit dem Klang nicht zufrieden. Wir haben sie eingeschmolzen und neu gegossen, jetzt stimmt alles.“ wird Johannes Grassmayr später im Vorbeigehen sagen, aber mit jener Bescheidenheit, die jeder aus dem Clan der Glockengießer ausstrahlt.

Vielleicht macht das die ständige Nähe der Ewigkeit, die in diesem Handwerk dazugehört. Nicht nur die Ewigkeit, von der die Priester und Pastoren sprechen, die hier täglich als Kunden begrüßt werden. Auch die eherne Lebenserwartung ihres Produkts nötigt den Grassmayrs immer noch Respekt ab. „Viele dieser Glocken die heute hier auf Paletten stehen, werden in zweihundert oder vierhundert Jahren noch läuten.“ sagt Vater Christof Grassmayr. Geboren 1938 war sein eigener Einstieg in die Gießerei alles andere als leicht – Aufträge gab es zwar, aber die Rohstoffe fehlten nach Jahren der Kriegsrüstung, genau wie die Facharbeiter.

Mit einem Tauschhandel kam der junge Geschäftsführer an die ersten Bronzebarren, deswegen hieß es damals auch, der Grassmayr gieße die Glocken aus Zillertaler Schnaps. Das Familienoberhaupt lacht und erzählt in wohlüberlegten Sätzen, wie der Betrieb in den Nachkriegszeiten gedieh, aber immer auch von Rohstoffkrisen getroffen wurde. Wenn die Preise für Metalle an den Weltmärkten in die Höhe gingen, wurden auch die Innsbrucker Glocken mitgerissen. Trotzdem schaffte es die Firma, in den 70er-Jahren nahezu eine Monopolstellung für die Glockenfertigung in Österreich zu erringen. Der Höhepunkt der jahrhundertealten Tradition? Christof Grassmayr winkt ab, heute seien die Glocken viel besser, seine Söhne hätten mehr Talent und Eifer bei der Sache als er. „Aber man kann sehr dankbar sein, dass unsere Familie über so lange Zeit Glück hatte, nie gab es eine Erbkrankheit, keine Unfälle und eben immer Söhne, die die Tradition fortsetzten.“

Einer von ihnen, Peter, nimmt in der Werkstatt die Schutzmaske vor dem Versuchsguss noch einmal ab, um laut ein Vaterunser zu beten. So halten sie es hier, vor jedem Guss, auch wenn es ein Experiment ist, bei dem nur ein Lehrling und ein Journalist zusehen. Nach dem Amen ist die Bronze heiß genug, dann muss es schnell gehen. Die Männer lassen sonnenrote Lava in den Formkasten fließen. „Vorsicht!“ ruft Peter Grassmayr, „die spuckt!“. Tatsächlich brodelt es wild aus der Form und flüssiges Metall leckt züngelnd an der Seite vorbei, es riecht stechend nach heißem Eisen.

Das Grundprinzip des Glockengießens ist immer noch das Gleiche wie damals im ausgehenden Mittelalter, als Bartlmä Grassmayr die erste Glocke goss: Bronze, eine Legierung mit dem Hauptteil Kupfer und etwas Zinn, wird in eine Lehmform gegossen, deren Zutatenliste jeder Glockengießer als Geheimnis hütet – Bier, Tierhaare und Pferdemist können enthalten sein. Nach einigen Tagen oder Wochen Ruhe wird der Formkasten gelöst und der hartgebrannte Lehm abgeklopft wie eine Schale, fertig. Spitzenglocken wie die der Grassmayrs tragen dazu noch aufwändige Inschriften, ganze Segenssprüche und Reliefs und natürlich die imposante Engelskrone als Abschluss, das Markenzeichen der Innsbrucker.

Kein Schmuck aber wird an der Versuchsglocke von diesem Nachmittag zu sehen sein. Peter Grassmayr hat sie gleich in eine Ecke geschoben, zum baldigen Einschmelzen. Schon nach der ersten Sekunde habe er gehört, dass dieses Experiment schief geht, zu viel Feuchtigkeit, murmelt er. Es wurmt ihn, weil ihm selten etwas misslingt und weil er genau wie sein Bruder jede der Glocken hier liebt. Von früh morgens an sind sie in ihrem Dienst unterwegs: Johannes mehr oben im Büro, Peter häufiger im Overall der Arbeiter, so haben sie das aufgeteilt und verstehen sich ohne viele Worte. Irgendwann, das sagen beide, werden sie hier „die Stradivari der Glocken“ gießen. Vermutlich wird dann schon eines ihrer Kinder helfen, denn die Familientradition will es, dass man als echter Grassmayr im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal beim Guss mit anpackt.

Eine einzige Ausnahme von dieser Regel gab es bisher: Bei der Riesenglocke für den Berg Tabor waren alle Familienmitglieder mit Aufgaben betraut, das sollte Glück bringen. Nur Vater Christof ging in die Heilige Messe, während fast 16 Tonnen heißer Bronze in Form gebracht wurden. Um sich für das zu bedanken, was seiner Familie zuteil wurde und darum zu bitten, dass auch bei einem spektakulären Auftrag wie diesem alles gut gehen möge. Es hat wohl geholfen, denn im Büro ist Johannes Grassmayr an diesem Nachmittag längst wieder ganz entspannt. Die Monteure in Israel haben ein Video ins Netz gestellt, anhand dessen er schnell den Fehler bei der Verkabelung erkennen konnte. Gott und YouTube haben es also gerichtet. Jetzt läutet die Große, weit weg, aber sie erzählt fortan bei jedem Schlag auch immer ein bisschen von den Grassmayrs in Tirol.