Aus der Bahn!

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Sebastian Nachbar

Foto: Kilian Blees

Schnelle Kufen, enge Kurven: Kaum eine Winterunternehmung verspricht mehr Spaß, als auf einem Schlitten durch verschneite Wälder zu flitzen. Zu den Klassikern unter den Rodelbahnen zählt die Piste vom Rotwandhaus hinunter zum Spitzingsee. Wer hinaufstapft, findet gutes Essen, schnelle Kurven und vielleicht auch zu sich selbst.

Wer den perfekten Wintertag sucht, findet ihn am ehesten auf dem Schlitten. Von dort zieht das malerische Abziehbild weißer Märchenlandschaften am besten durchs Blickfeld; man hat genau die gleiche Perspektive auf die weiß wattierte Winterwelt wie als Kind. So gesehen, sind Rodelbahnen weniger Wege, um etwas über eine Gegend zu lernen. Sie sind eher dazu da, um etwas über sich selbst zu erfahren, um sich auf den Schlitten zu schwingen und zwischen Leimholz und Fahrtwind einzutauchen in eine Zeitreise. Eine Reise zu Erinnerungen an Familienausflügen im Winter 65, an Nachmittage am Schlittenberg, und an Schneehöhen zu Zeiten, in denen mit „Klimawandel“ noch die politische Stimmung zwischen den USA und den Sowjets gemeint war.Rodeln: Wenig fasziniert eine Horde Erstklässler mit Ohrenklappen-Mützen genauso wie reiche Banker in everesttauglicher Daunenklamotte. Es erlaubt den Zipfelbob vom Baumarkt gleichermaßen wie den Davoser Rennrodel. Bezaubert, nervenkitzelt und ermüdet.

ANZEIGE

Von München aus warten im Mangfallgebirge gleich zwei wunderbare Schlittenstrecken, die gar nicht weit auseinanderliegen: Die Bahn von der Rotwand hinunter zum Spitzingsee, sowie die alte, für den Verkehr stillgelegte Spitzingstraße. Abenteuerlustige können sogar beide miteinander verbinden. Wer sich auf den Klassiker, die Rotwand-Schlittentour, beschränken möchte, stellt das Auto am Parkplatz bei der Kirche in Spitzingsee ab und geht am See entlang zur Alten Wurzhütte. Dort gabelt sich der Weg: Der eine führt hinunter ins Valepp, der andere hinauf Richtung Rotwandhaus. Zwei Stunden geht es nun zwischen den Bäumen zügig bergan. Wer einen Schlitten zieht, kommt ganz schön ins Schwitzen. Allerdings kann man auch ohne „Anhang“ gehen: Oben am Berghaus gibt es Rodel zu leihen.

Dann, plötzlich, öffnet sich der Wald, eine unbewirtschaftete Alm kommt in den Blick, dann ein fast schon gipfelwürdiges Panorama, vom Großglockner bis zur Zugspitze. Diese Aussicht versüßt die gesamte – ohnehin gemütliche – letzte halbe Stunde bis zum Rotwandhaus. „Wer hinauf mag, muss laufen“, sagt Hüttenwirt Peter Weihrer. Fahrservice? Fehlanzeige. Der würde nur die Rodelbahn ramponieren. Doch wenn die Kälte unter den Füßen knirscht, in die Wangen schneidet und in die Nasen beißt, fühlt sich ein Anstieg, bei dem einem tüchtig warm wird, sowieso genau richtig an. Und die feinen Spezialitäten aus Weihrers Küche – die Spinatknödel mit Parmesan, das Gulasch oder der Kaiserschmarrn, schmecken gleich noch mal so gut, als sie es sowieso schon täten.

Der 49-jährige Weihrer ist, neben seiner Tätigkeit als Koch, nämlich auch Landwirt. Deshalb ist bei ihm vieles selbst gemacht: Das Brot und der Käsekuchen, die Spatzen und Suppen – selbst das Fleisch stammt von eigenen Tieren. Wenn der Bauch voll ist und das Kondenswasser schon die Fensterscheiben herab rinnt vor lauter Hüttengaudi, dann geht’s los. Eingepackte Finger schnüren die Schuhe enger, knöpfen den Kragen zu, manche legen Gamaschen an. Schließlich zwängt sich der eiskalte Schnee bei hoher Geschwindigkeit durch jede Ritze zwiebelartiger Klamottenschichten. Vom Rotwandhaus geht es „human“ weg, wie der Hüttenwirt sagt, dann kommt jedoch ein schnellerer Mittelteil mit kurzer Gehpassage, bis es wieder gemütlich hinaus geht zum Ende.

Das Besondere an dieser Rodelbahn ist die Art, wie Weihrer sie präpariert. Anstatt sie per Traktor oder Unimog auszuschieben, wie ein Schneepflug die Straße räumt, fräst er sich mit einer Pistenraupe durch den Schnee. Dadurch entsteht eine Unterlage wie auf Skipisten. Und, je nach Schneelage, mit kleinen Banden aus Schnee an der Seite, damit kein Rodler aus der Kurve fliegt. Um Diesel zu sparen, räumt Peter Weihrer die Bahn allerdings erst, wenn es aufhört zu schneien. Das kann er auch, denn wenn die Bedingungen passen, rennen ihm die Rodler sowieso die Bude ein. Hundert Schlitten hat er zu verleihen. Die sind an guten Tagen alle weg, bieten dem urbanen Gesäß statt gepolsterter Bürostühle einen heißen Ritt auf Holzsprossen. Wem fünf Kilometer Schlittenabfahrt zu kurz sind, der kann noch einen Abstecher zur Alten Spitzingstraße dranhängen.

Für diese „Abenteuervariante“ allerdings muss man von vorneherein am Bahnhof von Fischhausen-Neuhaus starten und von dort mit dem Bus zum Spitzingsee fahren, bevor man zur Rotwand hinaufmarschiert. Nach der Abfahrt von dort geht es dann eine knappe halbe Stunde am See entlang und hinauf zum Spitzingsattel. Von dort führt ein gestapfter Pfad durch den Tiefschnee hinunter zur Stockeralm und zur ehemaligen Passtraße. Wer sich an allen Gabelungen rechts hält, stößt rund 300 Meter nach der Alm auf die zur Rodelbahn umfunktionierte Bergstraße. Auf ihr kann er ins Josefstal hinuntersausen, bequem in 25 Minuten zum Bahnhof marschieren – und so die Zeitreise durch märchenhafte Winterwälder bis zur Dämmerung ausdehnen.