Der See der Rätsel

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Bild: Frieder Blickle

Am Lago di Tovel in den Brenta-Dolomiten regieren unsichtbare Kräfte. Warum stürzte ein Steilhang in die Fluten? Wo kommt der  Überschuss an Wasser her, der die von hier ins Val di Non fließende Tresenga speist? Und wieso leuchtete die Südbucht jahrzehntelang rot?

Alles fließt. Wie eine graue Flut wälzt sich das Geröllfeld der Glare durch das obere Toveltal, unterbrochen nur von ein paar einsamen Lärchen. Wer hier zu Fuß unterwegs ist, bewegt sich schnell: Obwohl es Jahrhunderte her ist, dass die Gesteinslawine vom Monte Corno niederging, hat man beständig das Gefühl, die Berge könn­ten weiterbröseln, Felsbrocken und Kies in Bewe­gung setzen, und den Weg, die schmale Straße und alles Lebende verschlingen. Was so festgefügt erscheint, so unverrückbar für die Jahrtausende – Berge, Seen, Flüsse – an Orten wie dem Lago di Tovel wird deutlich, dass all dies in Wirklichkeit ständigem Wandel unterworfen ist.

Tatsächlich ist der unweit von Tuenno und dem Val di Non gelegene See ein Wunderland für Hydrogeologen. Denn obwohl sich immer wieder Forscher damit beschäftigten: Ganz entschlüsselt ist das Wechsel­spiel von Wasser und Stein, das den See und die ihn umgebende Landschaft ständig aufs Neue umformt, bis heute nicht. Die Entstehungsgeschichte des Sees sei noch relativ „normal“, sagt Eileen Zeni, die im Natio­nalpark Adamello-Brenta als Erziehungsbeauf­tragte für Umweltfragen arbeitet. Vor etwa 15.000 Jahren, nach dem Ende der letzten Eiszeit sei ein gewaltiger Gletscher auf der Westseite des Sees geschmolzen und habe einen ganzen Bergrücken mit in die Tiefe gerissen, der dann die Senke für den See in den Grund schlug.

Doch Ende des 16. Jahrhunderts beginnen die Mysterien. 1597 kam aus bis heute ungeklärter Ursache ein Abhang auf der Ostseite des Sees ins Rutschen – „Die Einwoh­ner von Tuenno nennen den Gipfel Polenta-Berg“, erzählt die fröhliche Führerin – tatsächlich sieht die Erhebung mit der abgerissenen Flanke aus wie ein gigantischer Schapf Maisbrei, von dem schon jemand gegessen hat. Der Bergsturz erhöhte den bisherigen Wasserspiegel des Sees um über 50 Meter, blockierte aber zugleich den bisherigen Abfluss.

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Das Flüsschen Tresenga, das vom See aus das Toveltal hinabfließt und bei Tuenno in die Noce mündet, brauchte Jahrzehnte, um sich einen neuen Weg zu bahnen. Heute ist es, vor allem zu Zeiten der Schneeschmelze, sehr reißend und führt so viel Wasser, dass es im Toveltal mehrere leuchtendblaue Seen ausbildet, die vom einen auf den anderen Tag wieder verschwinden. Genaue Ursache? Ungeklärt.

Und wo kommt überhaupt das viele Was­ser her? Der See hat kaum sichtbare Zuflüsse: Die Santa Maria di Flavona, die auf der Südseite des Sees die Felsen hinabstürzt, schickt ihre Flu­ten nur während der Schneeschmelze als breiten Bach zum See. Zehn Gehminuten entfernt gibt es noch einen zweiten Wasserfall, die Rislà. Doch die gewaltige Kaskade verschwindet ohne Abfluss im Fels. „Wie man inzwischen herausfand, hat sich ein unterirdischer See gebildet, der das Wasser der Rislà aufnimmt und an den Lago di Tovel abgibt“, erklärt Zeni. Und es gibt noch weitere geheime Wasserwege: Die Gesteinsschichten auf der Süd-und Westseite des Sees bestehen aus kaum zusam­mengepresstem Geröll; Regen und geschmolzener Schnee bahnen sich durch die Bröckchen ihren Weg nach unten und sprudeln mit leisem Blub­bern direkt am Ufer in den See.

Diese Durchlässig­keit des Gesteins ist auch verantwortlich für jenes Phänomen, für das der See noch immer berühmt ist, obwohl es seit 1964 nie mehr auftrat. Davor färbte sich die Südbucht alljährlich zwischen Juni und September blutrot. Natürlich gibt es da die Sage von einer unbeugsamen Prinzessin, die sich lieber mit ihrem gesamten Gefolge dahinmetzeln ließ, als einen verhassten Freier zu heiraten. Andere Erklärungen aber blieben Mangelware: Erst vor gut zehn Jahren gelang es Biologen, dieses Geheimnis zu knacken: Grund für die Rötung war die Blüte einer winzigen Alge, Tovellia sanguinea, die in die­sem Teil des Sees überbordend wucherte, obwohl ihr der felsige Grund eigentlich kaum Nahrung bot. Die wurde mit dem Gebirgswasser durch das poröse Gestein in die Bucht gespült: Kuhdung von der Hochebene Campo Flavona, wo bis in die 60er- Jahre intensiv Almwirtschaft betrieben wurde.

Seit sie aufgegeben wurde, zeigt sich der Lago di Tovel nur noch in klassischem Türkisgrün. Längst ist das Forschungsprojekt abgeschlossen, das Resul­tat im Besucherzentrum anschaulich dokumentiert. Und trotzdem – sei es wegen der bis in den Frühsommer schneebedeckten Bergriesen, die sich im See spiegeln, sei es wegen des beständigen Blubberns und Kräuselns im Wasser: Der Lago die Tovel bleibt ein magischer Ort.