Warten auf den Winter

Warten auf den Winter. Kein Leben mehr Leer stehen die Gehöfte von Unterhaus. Kalt dräut die Rote Wand. Die Menschen im Tal schauen auf den Berg – dann sagen sie: Jetzt dauert’s nimmer lang da droben

Kein Leben mehr Leer stehen die Gehöfte von Unterhaus. Kalt dräut die Rote Wand. Die Menschen im Tal schauen auf den Berg – dann sagen sie: Jetzt dauert’s nimmer lang da droben © Foto: Detlef Vetten

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Erster Schnee ist schon im frühen Herbst gefallen – und liegen geblieben. Die Menschen haben ihre Hütten verlassen. Still ist es geworden unterm Hahntennjoch, dem 1894 Meter hohen Gebirgspass, der das obere Inntal mit dem Tiroler Lechtal verbindet. Jetzt kann es nur noch Tage dauern, bis der Winter übers Land kommt. Unser Autor hat ihn begrüßt (ALPS Magazine #8 6/2011 Review)

Der Berg baut sich auf. Er ist übermächtig und undurchsichtig. So viele Flanken, diese Zacken, dieses Kaum-Erklimmbare. Noch weiß ich nicht, wie der Berg heißt. Habe mich in einer Hütte gegenüber einlogiert. Bin aus dem Inntal die Straße zum Hahntennjoch hoch gewandert. Auf der anderen Seite wieder hinunter bis nach Boden, wo der Lechleitner Walter das „Bergheimat“ betreibt. Es ist Betriebsruhe – aber die Tür zur Küche sei nicht abgeschlossen, hatte der Lechleitner gemeint. Er wartete bereits. Es gab einen Rotwein, und er bot an, er würde mich zur Hütte fahren. Jedenfalls, soweit das möglich sei. Gern, sagte ich. Der Rucksack war schwer, und ich hatte nach sieben Stunden auf den Beinen genug vom Gehen.

Lechleitner lenkte den Wagen die Passstraße hinauf. Er fuhr souverän, erklärte noch einmal, wie alles in der Hütte funktioniert. Ob ich wirklich im Schlafsack …? Kein Problem, sagte ich. Was ich denn zu dieser Jahreszeit hier oben wolle? Es habe keine Menschen ringsum, es liege zu viel Schnee zum Wandern, und der Winter sei nah. Deswegen sei ich da, sagte ich. Wann er denn komme, der Winter? „Ich glaube, morgen oder übermorgen. Morgen haben wir Vollmond. Da schlägt das Wetter um.“ Er blickte kurz herüber, dann wieder auf die sich nach oben windende Straße. „Und dann kommst da fast nicht mehr weg, da oben in der Hütte von Pfafflar.“

Warten auf den Winter. Über Nacht ist das Hahntennjoch eingefroren. Vorgestern schien noch die Sonne. Doch es war schon klirrkalt. Dann, über Nacht, fiel der Schnee leise und unaufhaltsam. Das hat gesessen!

Schnee-Bleiben Über Nacht ist das Hahntennjoch eingefroren. Vorgestern schien noch die Sonne. Doch es war schon klirrkalt. Dann, über Nacht, fiel der Schnee leise und unaufhaltsam. Das hat gesessen! © Foto: Detlef Vetten

Nun sitze ich vor der Hütte auf einer Bank und blicke über ein Hochtal auf den gegenüber aufragenden Berg. Der Tag verglimmt, der Himmel wölbt sich in pastellenem Rosa über dem Land. Kein Geräusch, es ist windstill, sehr kalt. Die Felswand gegenüber verliert ihre Konturen und wird schwarz. Ich fühle mich nicht recht wohl. Bin hier falsch. Am Morgen bewegte ich mich noch in der Zivilisation und kannte mich aus. Jetzt muss ich wieder lernen, mit allem und mit mir umzugehen. Vielleicht sollte ich zurück in die Hütte. Spaghetti kochen, einen Tee machen.

Ein bisschen in einem der Bücher lesen, die der Lechleitner mir mitgegeben hat. Eins erzählt über Lawinen, das andere ist ein Roman über Pfafflar, den kleinen im Winter verlassenen Weiler, an dessen Rand meine Hütte steht. „Das verschworene Tal“ hat der Lechleitner seinen Roman, der im Mittelalter spielt, genannt. Verschworenes Tal. Vergessenes Tal. Verlorenes Tal. Na, toll! Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Die Felswand, mit deren Anblick ich von nun an zehn Tage leben werde, wirkt fast einladend. Es muss wunderbar sein, dort den Aufstieg zu finden und dann oben zu sitzen und der Sonne beim Tagwerk zuzusehen.

Aber der Lechleitner hat abgeraten. „Brüchiges Glump, da oben. Du nimmst einen Fels und hast die Wand in der Hand. Dieses brüchige Glump macht das Klettern zum Glücksspiel.“ Als junger Bursch ist er einmal mit einem Spezl hoch. Sie waren bester Laune. Kraft ohne Ende hatten sie und keine Bange – wie die jungen Burschen in dem Alter nun mal sind. Warum sie hinauf wollten? „Ach, das gehörte einfach dazu. Schon wegen der Madl.“ Sie waren sich so sicher, dass sie aufs Seil verzichteten. An einer ganz einfachen Stelle packte der Walter einen groben Griff. Ein Henkel wie bei einem Maßkrug – daran konnte man sich mühelos hochziehen wie an einer Leitersprosse. Da riss der Griff aus. Lechleitner flog. Zehn Meter, 15 Meter. Er drehte seinen Körper, touchierte den übersteilen Fels mit dem Hintern, bremste mit Fersen und Händen, schrubbte über rauen Stein, hob noch einmal ab, es wurde flacher, er konnte den Fall stoppen, blieb auf einem Vorsprung liegen, schnaufte durch. Unter dem Felsvorsprung hundert Meter Luft. Das wäre es gewesen.

Warten auf den Winter. Knietief watet der Wanderer auf ­seinem Weg nach Ebele, wo die Hütte liegt. Dort wartet ein Feuer im Kamin, ein heißer Tee und ein berückend-bedrückender Blick auf die verschneite Rote Wand

Schnee-Treiben Knietief watet der Wanderer auf ­seinem Weg nach Ebele, wo die Hütte liegt. Dort wartet ein Feuer im Kamin, ein heißer Tee und ein berückend-bedrückender Blick auf die verschneite Rote Wand (u.) © Foto: Detlef Vetten

Warten auf den Winter

© Foto: Detlef Vetten

Der Hintern war blutig, der Rücken tat sauweh, die Hände konnte man ein paar Tage nicht gebrauchen. Ansonsten: Glück gehabt. Und die Anekdote vom Sturz war auch 60 Jahre später noch frisch. Ich denke an die Geschichte, während ich von einer Gipfelbesteigung träume – und entscheide mich für die Vernunft. Also, nicht ganz hinauf. Ich werde durch das Hochtal marschieren, bis ich an die Felsen komme. Es wird ein langer, manchmal mühseliger Weg. Obwohl der Winter noch nicht da ist, stapfe ich nach zwei Stunden durch knietiefen Schnee. Hundert Meter Arbeit, eine Minute Pause. Ich beginne, die Eintönigkeit zu genießen. Draußen in der Welt geht das Getriebe weiter, hier zählen nur die nächsten Schritte. Es ist, als ob Störgeräusche beim Denken ausgeschaltet würden.

Nach dreieinhalb Stunden muss ich vor einer Wand umkehren. Wunderbarer Blick hinunter. Eine breite Rinne, rechts und links Felsen, in der Rinne meine Spur. Tee aus der Kanne, ein Apfel, Speck und Brot. Besser geht es nicht. Nachmittags darf ich auf Luxus umschalten. Lechleitners Tochter hat die Hütte modern aufrüsten lassen. Es gibt sogar hausgemachtes warmes Wasser und eine Wanne. Im Kamin spritzen die Fichtenscheite vor Hitze. Bullerwarm ist es in der Stube. Der Rotwein ist Hausmarke – aber man hat ihn den Berg hochgetragen, da weiß man, was man trinkt. Kein Radio, kein Fernsehen, das Handy funktioniert hier nicht. Nur ein Buch übers „verschworene Tal“ und die Gedanken, die beim Lesen die Helden von Pfafflar bei ihren Abenteuern und Mühseligkeiten, bei ihren rustikalen Galanterien und bescheidenen Lustbarkeiten begleiten.

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„Das verschworene Tal“ erzählt, wie Generationen in Pfafflar unbehelligt von allen Vögten und Äbten und Lehnsherren ihr eigenes Leben gelebt haben. Die Lehnsherren hat das Dorf nicht interessiert, weil es so schwer erreichbar war. Die Mühe wollte sich keiner machen. Also haben die Pfafflarer ein ganz eigenes Selbstbewusstsein entwickelt. Sie waren keine Untertanen – sondern ihre eigenen Herren. Die entdeckten, dass in den Bergen ringsum das Galmei, ein seltenes Erz, zu finden war. Das haben sie in Eigenregie abgebaut und unter Umgehung von Steuerabgaben verscherbelt. Sie hatten mehr Geld als die Leut’ in den Tälern, sie hatten eine eigene Tracht, sie hatten vor allem sich als verschworene Gemeinschaft. Daraus hat Walter Lechleitner seinen ersten Roman gemacht. Respekt.

Ich tauche aus dem Mittelalter auf. Draußen ist Wind aufgekommen. Noch nicht sehr stark. Aber er ist überall. Schleicht ums Haus – als wollte er etwas ankündigen. Gut, ein Feuer zu haben. Noch ein Schluck Rotwein, ein Lesezeichen ins Mittelalter – und ab in den Schlafsack. Am nächsten Morgen will ich Herrn Lechleitner besuchen. Ich trete vor die Hütte, über mir steht ein stahlblauer Himmel, der sich scharf von der Gipfellinie des Berges mir gegenüber abhebt. Ich trinke den Morgentee auf der Bank. Es ist zum Nervöswerden still. Kein Rascheln, kein Raunen, kein Zwitschern. Nichts scheint zu leben. Ich höre meinen Atem und glaube, mein Herz zu hören. Schmarrn, sage ich mir und schlurfe beim Teetrinken wie ein Japaner. Dann rührt sich was. Ganz sacht. Die Luft bewegt sich. Ein bisschen mehr, noch mehr, ein Wind streicht den Hang hoch. Und dann erlebe ich in der nächsten Stunde das Spektakel: Der Winter kommt!

Zuerst ergraut der Himmel. Dunkler und dunkler wird er. Nach einer Weile ist es über dem Gipfelgrat des Berges fast schwarz. Dann ist der Grat nicht mehr zu erkennen. Eine schmutzig-weißgraue Wand schiebt sich auf die Hütte zu. Sie nimmt die Felsen ein, entzieht Meter für Meter das Tal dem Blick. Sie ist da. Schwerer Sturm. Grobe Flocken jagen schräg zu Boden. Im Gesicht stechen sie unangenehm. Ich ziehe mich in die Hütte zurück und rüste mich für den Abstieg nach Boden. Bis zur „Bergheimat“ ist es nicht weit. Nach einer halben Stunde durch wildes Treiben trete ich durch die Küchentür. Walter Lechleitner studiert die „Tiroler Tageszeitung“. Er nimmt die Brille von der Nase, grient und meint: „Jetzt hascht Dein’ Winter.“ Ja.

Warten auf den Winter. Früher haben die Bauern von Pfafflar am Hahntennjoch während des ­Winters die Alten „am Berg“ gelassen. Mit den Kindern sind sie ins Tal, während ihre Leut’ das Vieh versorgten und ganz auf sich gestellt waren. Sie waren aus der Welt

Wegelos Früher haben die Bauern von Pfafflar am Hahntennjoch während des ­Winters die Alten „am Berg“ gelassen. Mit den Kindern sind sie ins Tal, während ihre Leut’ das Vieh versorgten und ganz auf sich gestellt waren. Sie waren aus der Welt © Foto: Detlef Vetten

Wie das denn früher zu dieser Jahreszeit gewesen sei? Beschwerlich, sagt er. Walter Lechleitner ist über 70, er hat den Pilotenschein, er fährt Skidoo wie ein Junger und hat zeitlebens seinen Mann gestanden. In Pfafflar ist er aufgewachsen und hat auf dem Fels mit den eigenen Händen einen Gasthof hochgezogen. Für den Betonmischer hat er ein Motorrad umfunktioniert, das Schwimmbad haben die Männer mit Muskelarbeit ausgehoben, einen Lift haben sie mittlerweile auch. Größer und größer ist die „Bergheimat“ geworden. Lechleitners Frau hat sich in den Jahren krumm gebuckelt. Ihm selbst hat der Herrgott ein besonderes Gen in die Wiege gelegt: Er kommt daher wie ein gesunder Fünfziger.

„Beschwerlich“ ist es früher im Winter gewesen. Lang gab es die Passstraße nicht – und dann sind da immer die Lawinen gewesen. Die haben den Ort von der Außenwelt abgeriegelt. Man musste sich mit der übermächtigen Natur arrangieren. Man musste klein beigeben. „Aber wir hätten es nicht anders gewollt.“ Jetzt arbeitet er an einer Erfindung zur effektiven Gewinnung von Latschenöl („die Krüppel nehmen bei uns überhand“) und an seinem zweiten Roman. Und wenn sie seinen Rat annehmen, gibt er den Gästen gute Ratschläge, wie sie sich mit der Natur arrangieren. Nach einem langen Gespräch – draußen tobt ein Sturm ums Haus – meint er: „Wennst jetzt nauf gehst, nimmst die Straß‘. Der Fußweg is nimmer schön bei dem Schnee.“ Also, Rückweg über die Passstraße. Am Ortseingang werkelt einer in seiner Garage an einem Bulldog. Man grüßt sich. Wohin des Wegs?, will er wissen. Nach Pfafflar. „Ah, Du bist der Verrückte. Hab’ schon gehört von Dir. Hast keine Angst?“ „Angst? Wieso?“ „Wegen de Mannder.“ „Mannder?“ „Die Toten, die da spuken. Die schieben mit Schädeln Kegel und haben es nicht gern, wenn man sie stört. Noch dazu bei dem Wetter.“ Aha. Naja. Soso. Na denn, man muss weiter. 20 Zentimeter Schnee. Jaulender Sturm. Eineinhalb Meter Sicht. Es ist ein harter Weg zurück zur Hütte. Endlich daheim. Tür zu. Was für ein Wetter! Wie war das noch einmal mit den Manndern? Vielleicht ist es doch besser, ich sperre ab. In der Nacht legt sich der Schnee halbmeterdick aufs Land.

Warten auf den Winter. Du sitzt in der Hütte und schaust nach draußen. Wo die eisigen Nebel über die Rote Wand hinunter­kriechen. Wo die Abendstimmung am Himmel so spektakulär und sinnenfroh ist. Und wo selbst der Zaun am Berghang so weit scheint. Du schaust und schaust und schaust. Ein Fern­­sehen braucht es da nicht

Abweisend Du sitzt in der Hütte und schaust nach draußen. Wo die eisigen Nebel über die Rote Wand hinunter­kriechen (u.). Wo die Abendstimmung am Himmel so spektakulär und sinnenfroh ist. Und wo selbst der Zaun am Berghang so weit scheint. Du schaust und schaust und schaust. Ein Fern­­sehen braucht es da nicht © Foto: Detlef Vetten

Warten auf den Winter. Du sitzt in der Hütte und schaust nach draußen. Wo die eisigen Nebel über die Rote Wand hinunter­kriechen. Wo die Abendstimmung am Himmel so spektakulär und sinnenfroh ist. Und wo selbst der Zaun am Berghang so weit scheint. Du schaust und schaust und schaust. Ein Fern­­sehen braucht es da nicht

© Foto: Detlef Vetten

Ein wunderschönes Bild am Morgen. Das Weiß funkelt und glitzert in der Sonne, die Felswand gegenüber ist verschneit, nein, mit Kaltem fixiert. Reat – so heißt der Berg, weil er wegen des Metallrosts einen leichten Rotstich hat – ist winterweiß. Rauf will da jetzt niemand. Aber aussehen tut es toll. Es geschieht nicht viel in den kommenden Tagen. Ich wandere und komme heim, ich esse und trinke und lese und blicke träumend in den Winter. Abends sehr erfüllt in den Schlafsack. Dann die Abreise. Morgens um vier trete ich aus der Hütte. Das Thermometer zeigt minus 23 Grad an. Ich stapfe hinüber zur Passstraße und wandere talwärts, diesmal in Richtung Lech. Die Schritte knirschen, der abnehmende Mond und die Sterne illuminieren das Land in mattem Silber. Es ist schön, der einzig wache Mensch hier zu sein.

Um sieben steige ich in Elmen in den Bus nach Reutte. Müde junge Frauen auf dem Weg zur Arbeit, ein mürrischer Chauffeur. Der Blick geht nach oben zu den Bergen. Die ersten Spitzen erröten. Das wird ein harter, langer Bilderbuchwinter. Hier dauert er bis Ende April. Man wird wunderlich, wenn man eine Zeit lang mit sich allein ist. Ich hocke also in diesem Bus zurück in die Zivilisation und rede mit den strahlenden Bergen. Habe die Ehre, Freunde, sagt es in meinem Kopf. Bis dann. Wenn der Frühling kommt, bin ich wieder da. Freu’ mich schon.

Gut zu wissen
Mehr Informationen zum Gasthof „Bergheimat“ unter members.aon.at/bergheimat/