Auf Poirots Spuren

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Als Agatha Christie in den Zwanzigerjahren am Karersee abstieg, fand sie eine blühende Landschaft und Ideen für einen Krimi.

Wer seinen Blick nach unten lenkt, sieht ein Bild vollkommenen Friedens: Auf den Wiesen rund um die Latemar-Alm nicken Abertausende gelber Blütenkugeln. Für die Trolloder Butterblumen ist die leicht feuchte Erde der Bergwiesen ein wahres Paradies. Sobald die Sonne hervorblitzt, falten die Hahnenfußgewächse ihre Blütenblätter auseinander, und Schmetterlinge, Bienen und Hummeln tanzen über den goldenen Kelchen. Doch wenn man von den Blüten hochschaut, schieben sich über Wiesen und Nadelbäumen die Geröllfelder und zerklüfteten Türme des Latemar-Massivs eindrucksvoll, aber auch drohend ins Blickfeld. Dieser Gebirgsstock wirkt nicht so freundlich wie der nahegelegene Rosengarten. Hier ist der rosenholzfarbene Dolomit immer wieder von finsteren Basaltschichten durchzogen. Der Fels scheint kalt und unnahbar.

„Sublim“ hätten die Briten des 19. Jahrhunderts diesen schroffen Kontrast zwischen blühender Vegetation und lebensfeindlicher Felsenwüste genannt und sich an dem leichten Schaudern erfreut, den eine solche Landschaft im Betrachter wachruft. Kein Wunder, dass sich die Fantasie einer stark in der viktorianischen Tradition verwurzelten englischen Schriftstellerin daran entzündete, als sie Mitte der 20er-Jahre im Grand Hotel am Karersee abstieg und einige ausgedehnte Wanderungen an den Fuß des Latemar unternahm. Ihre Eindrücke verarbeitete Agatha Christie 1927 im furiosen Finale des Romans „Die großen Vier“.

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In diesem Buch schickt sie ihren manierierten belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot zum ersten Mal überhaupt ins Gebirge. (Erst zwanzig Jahre später darf er erneut in die Alpen reisen. Die Kurzgeschichte „Der Erymanthische Eber“ führt ihn in die Schweiz.) Für sein Bergdebüt in „Die großen Vier“ bürdet Christie Poirot eine waghalsige Tour auf: Die gejagte Verbrecherbande hat sich mitten im Latemar ein unterirdisches Hauptquartier eingerichtet. Schon das Erreichen desselben ist eine Strapaze, zumal Poirot und sein Begleiter von den Gaunern dorthin verschleppt werden: „In großer Eile wurden wir auf halsbrecherischen Wegen durch den Wald geführt, es ging stetig bergan. Als wir endlich aus dem Walde herauskamen, befanden wir uns an einem Bergabhang, und ich erblickte vor mir eine Anhäufung von fantastischen Felsen und Gesteinsbrocken. Dies musste das Felsenlabyrinth sein (…). Kreuz und quer wanden wir uns durch die zahllosen Schluchten hindurch, der Ort glich einem Irrgarten, der von einem Teufel erdacht zu sein schien“, beschreibt Christie Poirots Ankunft am Bergmassiv. Natürlich gelingt dem kriminalistischen Genie die Flucht, das Höhlenhauptquartier fliegt in die Luft, und die Widersacher werden unter Tonnen von Felsen begraben. Auch wenn sich eine so gewaltige Explosion nie tatsächlich ereignete: Das unwegsame Labyrinth, durch das Poirot irrt, gibt es wirklich, und Agatha Christies Lieblingsweg, der vom Karersee durch die Wälder dort hinauf und dann über die Latemar-Alm und ihre schönen Wiesen wieder zurück zum immer noch bestehenden Grand Hotel führt, wurde längst nach ihr benannt.

Die beste Jahreszeit für die Drei-Stunden-Wanderung ist Anfang Juni, wenn die Lärchen hellgrün leuchten und auf den Wiesen die Trollblumen blühen. In rauen Mengen wachsen sie übrigens nur noch auf den Almen und an Gebirgsbächen. In den Niederungen sind sie so selten geworden, dass sie längst in die Reihe der gefährdeten Pflanzen eingestuft wurden und in Deutschland sogar unter Naturschutz stehen. Aber das ist ein Krimi anderer Art …

Kategorie ALPENPFADE, ALPS-Weg, Bewegung & Sport, Italien, Südtirol, Zeitgeschichte

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.