Adel verpflichtet

Adel verpflichtet // © Foto: Quirin Leppert

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Die Künstlerin Andrea Varesco und ihr Ehemann, Wilfried Battisti Matscher, erbten ein 400 Jahre altes Schloss mitten in Kaltern. Sie restaurierten die historischen Räume mit Feingefühl, moderner Kunst und Mut zur Leere

Es gab eine kurze Zeitspanne, da fremdelte Andrea Varesco in den langen Gängen, den hohen Sälen und den vielen Zimmern des Ansitzes, der ihr neues Zuhause werden sollte. „Vor dem Einzug“, erzählt die Südtiroler Malerin, „habe ich mir Gedanken gemacht: Wie bekomme ich hier Atmosphäre rein?“ Doch dann zeigte sich schnell, was Räume und Menschen brauchen in diesem schlossartigen Bau mitten in Kaltern: ganz wenig. „Es genügt“, sagt Andrea Varesco heute, „ein Tisch, ein Stuhl, eine Kerze, ein angenehmes Gespräch. Mehr nicht, das würde nur stören.“ Kein Zuviel an Möbeln und Kleinkram soll die Geschichte und die Geschichten übertönen, die das Gebäude im ortstypischen italienischen Palazzostil aus dem Jahr 1696 in seinen Wänden und Decken speichert.

„Ein großer Teil der Häuser in Kaltern wurde damals von Baumeistern und Handwerkern aus Norditalien errichtet“, sagt Andrea Varescos Ehemann Wilfried Battisti Matscher. „Bei uns ist der Einfluss aus dem Süden stärker als im Vinschgau oder im Pustertal.“ Bauherr des Anwesens war Antonio Tonvini, Steuereinnehmer für die Grafen Giovanelli aus Venedig. Im ausgehenden 18. Jahrhundert ging das Gebäude mit den drei Erkertürmen an den damals größten Weinhändler in Tirol, Franz Michael von Schasser. Im Mittelsaal des Piano Nobile – dem von alters her als repräsentativste Etage geltenden ersten Stock – erinnert das große Wappenrelief überm Kamin an die Familie von Schasser, und die im Deckenstuck dargestellte Szene des Kampfs von David und Goliath an deren Religiosität.

Das getäfelte Herrenzimmer nebenan war der Raum, in dem von Schasser am liebsten um Weinpreise feilschte, unter anderem mit einem Wirt, Bauern und Pferdehändler aus dem Passeiertal. „Der Andreas Hofer war hier oft zu Gast“, weiß der heutige Hausherr. „Denn von Schasser war auch ein großer Geldgeber für die Tiroler Freiheitskämpfer.“ Die beiden den zentralen Saal flankierenden Zirbenholzstuben für die Damen und die Herren, die mächtigen Majolika-Öfen, die Stuckdecken und die Fichtenholzdielen mit den geschmiedeten Nägeln, die Türbeschläge, von denen jeder anders und für sich genommen ein kleines Kunstwerk ist – all das gibt es bis heute im Ansitz Tonvin. Nur die Hauskapelle kann nicht mehr als solche genutzt werden.

Zur Geschichte dieses stolzen Anwesens gehörte in der Besitzerreihe nämlich auch ein „schwarzes Schaf“ mit akuten Geldnöten. So waren das Inventar der Kapelle wie auch viele wertvolle Möbel längst versilbert, als Wilfried Battisti Matscher 1984 einen Teil des Hauses von seiner Tante Anna Battisti erbte und bald darauf auch die zweite Haushälfte kaufen konnte. Anfang der Neunzigerjahre ließen Wilfried Battisti Matscher und Andrea Varesco das Haus sanieren und restaurieren. Eine Heizung, ein modernes Badezimmer und eine neue Küche wurden eingebaut, die Fenster ausgetauscht. „Die Substanz war sehr gut“, versichern beide. Sie haben sich eingestellt auf die Bewahrung dessen, was sie übernommen haben – auch wenn in den Räumen mit Holzvertäfelung die Steckdosen fehlen. „Wir behelfen uns“, sagt Andrea Varesco. Und ergänzt: „Eine schöne Stube ändert auch die Denkweise.“

Ob es an der Stube lag oder einfach an ihrer Geradlinigkeit – etwa zur gleichen Zeit beschloss Andrea Varesco, ihr künstlerisches Talent, das schon während ihrer Schulzeit aufgefallen war, stärker auszuschöpfen, als dies anhand der einschlägigen Workshops und Seminare möglich war, die im nahe gelegenen Bildungszentrum Bozen angeboten wurden. „Ich habe“, sagt Andrea Varesco, „eine Basis gebraucht.“ Und die legte sie sich selbst. Die Kinder waren im Schulalter, der Ehemann völlig eingespannt in seine Aufgabe als Bürgermeister von Kaltern, als sie beschloss, an der staatlichen Kunstlehranstalt in St. Ulrich die Reifeprüfung abzulegen. In den frühen Morgenstunden und mit privatem Unterricht eignete sie sich den Lehrstoff von fünf Schuljahren in anderthalb Jahren an. Kaum war die Abiturprüfung bestanden, schrieb sie sich an der renommierten Kunstakademie Brera in Mailand ein.

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Von 1990 bis 1994 fuhr sie zweimal pro Woche mit dem Zug frühmorgens in die norditalienische Metropole und abends wieder zurück, büffelte Kunsttheorie, erwarb sich neue malerische Techniken. Das Mittagessen für die Familie hatte sie vorbereitet. Die Kinder wusste sie auch nach der Schule für eventuelle Notfälle versorgt. „Damals wohnte im Erdgeschoss noch eine Näherin, die den ganzen Tag da war – und mein Mann arbeitete im Rathaus, also in der Nähe.“ Dass der Bürgermeister bei Veranstaltungen meist ohne seine Frau auftrat, und das über eine Amtszeit von 30 Jahren hinweg – daran waren die Leute in der Gemeinde gewöhnt.

Seit dem Tod der früheren Mieter ist das Erdgeschoss das Reich der Malerin geworden. Wo zu Zeiten der adeligen Bewohner das Gesinde lebte, entstehen nun, in einem langwierigen Prozess, Andrea Varescos Bilder, die sich mit dem Prozess des Malens selbst auseinandersetzen: „Mich interessiert, wie Farben aufeinander reagieren.“ In ihren Atelierräumen kann sie die Tiefenwirkung und Leuchtkraft einer Farbe testen, vor allem aber untersuchen, wie sich die aufgetragene Farbmasse verhält, wenn sie so aufgetupft wird, dass sie feine Spitzen zieht, oder wenn sie mit der Spachtel bis zum Bildgrund hinunter aufgerissen wird. Ein Zimmer mit Kreuzgewölbe nutzt die Künstlerin, um die Wirkung ihrer Bilder im Raum zu überprüfen: „Ich weiß noch nicht, ob es seine Gültigkeit bekommt“, erklärt Andrea Varesco bei der kritischen Betrachtung eines frischen Gemäldes, das noch intensiv nach Farbe riecht.

Die Arbeit im Atelier bestimmt, je nach Intensität, den Tagesablauf. „Wenn ich eine Farbe angerührt habe, wäre es schade, wenn ich sie nicht mehr verwenden könnte am selben Tag“, sagt die Künstlerin. „Dann gibt es mittags eben etwas Schnelles.“ Sie selbst spart sich das Essen ohnedies bis zum Abend auf: „Nach der Malerei kann ich es richtig genießen.“ Auch die Druckerpresse hat im Erdgeschoss ihren Platz. Mit bibliophilen Mappenwerken gibt Andrea Varesco Gedichten und Texten, die sie berühren, Gestalt – etwa von Rainer Maria Rilke, Emily Dickinson oder von dem Schweizer Schriftsteller Joseph Kopf.

Außerdem werden hier die Kunstprojekte geboren, die zu bestimmten Bauwerken passen müssen. Für das puristische Winecenter der genossenschaftlichen Kellerei Kaltern hat die Künstlerin Arbeiten für die Verkaufsstelle, für die Lounge und für den Degustationsraum geschaffen. Weil es in ihren Werken weniger um den Ausdruck persönlicher Erlebnisse und Gedanken geht, als um die sich selbst genügende Beschäftigung mit Farbe und Textur, sind Varescos Bilder perfekte Blickpunkte in historischen wie modernen Räumen: Sie setzen klare, aber ruhige Akzente, ohne sich gegenüber der Architektur allzu sehr in den Vordergrund zu spielen.

„Die Kinder“, sagt Andrea Varesco selbstbewusst, „profitieren auch davon, dass die Mutter Malerin ist.“ Sowohl Tochter Margit, die mit Mann und Tochter im modern ausgebauten Obergeschoss des Elternhauses lebt, als auch Sohn Franz, mit seiner Familie ebenfalls in Kaltern zu Hause, haben sich Arbeiten der Mutter für ihr eigenes Ambiente gewünscht. Die Aufgabe erfüllte die Malerin mit Freude – und ungewöhnlichen Ideen: Für die Dachwohnung ihrer Tochter etwa gestaltete sie ein Bild in einem extremen Querformat, das wie eine Blende über ein Dachfenster geschoben werden kann.

Ihren beiden 2011 geborenen Enkelinnen ist Andrea Varesco eine liebevolle Großmutter – die es gleichwohl vorzieht, mit Erwachsenen über Kunst zu diskutieren, statt in omahafter Begeisterung hinzuschmelzen. Und die sich, das war von Anfang an klar und in der Familie auch kein Problem, nicht als Kleinkind-Aufbewahrungsstelle sieht. Sie wird der jüngsten Generation zeigen, wie man aus der Fülle des Lebens heraus einfach lebt, immer mit Blick auf das Wesentliche. „Wir genießen die Weite, die unsere Räume atmen, die Stille und den Rückzug“, sagt Andrea Varesco, „und wir sind uns des Privilegs, so zu wohnen, auch sehr bewusst.“

Kategorie Architektur & Wohnen

Sommerwochen im Kärntner Mötschlach, Winterwochen in Abwinkl am Tegernsee – die Familienferien, die sie als Kind in kleinen Orten unter imposanten Gipfeln verbrachte, haben die Kunst- und Architekturjournalistin geprägt. Die Tage, als sie barfüßig über Stock und Stein stürmte, sind lange vorbei. Aber der Anblick schneebedeckter Berge ist der gebürtigen Fränkin heute noch der beste Ausgleich zum Stadtleben. Im ebenso gastlichen wie untouristischen Bündner Dorf Vrin fand sie an Details, wie etwa den Handläufen der Außentreppen, bestätigt, dass die einfachen Dinge oft die besten sind: „Und zu denen muss man wie im Leben vordringen. Im Baumarkt findet man sie nicht.“