Die menschliche Dimension

Die menschliche Dimension // © Foto: Hubertus Hamm

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Vor dem gewaltigen Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau schrumpft jedes Ego wie im Angesicht der Ewigkeit – die Berge gab es lange vor unserer Zeit, und sie werden noch lange nach uns da sein. Wie gut, diese Kulisse von einem Richard-Neutra-Haus aus zu betrachten, das Schutz bietet und gleichzeitig den Horizont öffnet. Da kann man in Ruhe nachdenken über die menschliche Dimension

Der Blick ist atemberaubend. Es könnte ein Turner sein. Oder ein Caspar David Friedrich. Stundenlang kann man sich dem Schauspiel von Wind und Wolken hingeben. In der Ferne läuten Kuhglocken. „Wie ein Bill-Viola-Video, oder?“, sagt Marlies Kornfeld. Wir sitzen auf der sonnengefluteten Terrasse, die den Blick auf die gigantische Naturbühne von Eiger, Mönch und Jungfrau freigibt. „Manchmal denke ich, das ist fast ‚too much’. Eine Aussicht, die man immer vor Augen hat, sollte eigentlich nicht derart grandios sein, oder?“ Sie hat oft mit Freunden darüber gesprochen, wo man ein Haus bauen würde. „Sicher nicht in Wengen“, lacht sie.

Doch dann kam Neutra, genauer gesagt, Fritz Rentsch. Für ihn hatte der österreichisch- amerikanische Architekt Richard Neutra 1965 das Haus im Berner Oberland entworfen. Ein großzügig angelegter Bau, mit dem für Neutra charakteristischen „spider-leg“, einem über die Fassade ausgreifenden und mit einer Stütze abgefangenen Deckenbalken. Mauern aus Granit, zwei Arten von Holz aus der Region, Stahl, Glas. Das Neutra- Haus fügt sich in seiner klaren, dynamischen Formensprache organisch in die Landschaft ein. Hoch steht es über dem Lauterbrunnental, weithin sichtbar zwischen traditionellen Holzhäusern, Ferien- Chalets und den Hotels mit Belle-Époque-Charme. Als Richard Neutra dem Bauherrn seine Pläne schickte, war Fritz Rentsch sofort begeistert – nicht so die Wengener. Es hagelte Einsprüche. Besonders das Flachdach stieß bei den Vertretern des Heimatschutzes auf erbitterten Widerstand. Man drängte auf ein Satteldach im Chaletstil und einigte sich nach zermürbendem Hin und Her schließlich auf ein doppeltes Pultdach.

Der Kompromiss erwies sich als Gewinn. Es entstand ein ungewöhnlich hoher Innenraum. Der Architektur- und Kunsthistoriker Hubertus Adam hält ihn für einen der schönsten von Richard Neutra überhaupt. Vor acht Jahren hat Marlies Kornfeld das Neutra-Haus von Rentsch erworben. Ein spontaner Entschluss, sagt sie. „Ich kann oft schnell entscheiden.“ Nichts macht sie ungeduldiger als Trägheit, geistige wie körperliche. Die 71-Jährige sprüht vor Energie. Seit ihrer Kindheit läuft sie hochalpin Ski, sie war eine exzellente Reiterin. „Ich bin sehr gern in Bewegung.“ Dass sie sich nachts durch die zentimeterdicken Akten eines inhaftierten moslemischen US-Bürgers liest und überlegt, welchen Anwalt sie für ihn engagieren kann, erwähnt sie dagegen nur nebenbei.

Marlies Kornfeld ist ein Freigeist des Typs, den vielleicht nur die Schweiz hervorbringen kann. Klug und kultiviert, bescheiden und großzügig, bodenständig und rebellisch, weltgewandt und heimatverbunden und vor allem gänzlich unsentimental. Als Tochter des Deutschen Industriellen und Kunstsammlers  Jacques Koerfer ist sie auf dem Landsitz Rothaus in Bolligen in der Nähe von Bern unter fünf Brüdern aufgewachsen. „Aber die Wilde war ich.“ Der Schriftsteller Benjamin Stuckrad-Barre hat die Schweizer einmal die Punks Europas genannt. Weil es in Europa das einzige Land mit quadratischer Landesflagge ist. Marlies Kornfeld nickt. „Gar nicht schlecht.“ „Die Freiheit ist ein hohes Gut“, zitiert sie Wilhelm Tell. Obwohl sie die halbe Welt bereist hat, vier Sprachen spricht und Jahre in England gelebt hat, sagt sie von sich: „Ich bin eine alteingesessene Schweizerin, das ist meine Heimat, obwohl ich mich auch in Deutschland etwas zu Hause fühle. In den Bergen ist mir wohl. Sie sind etwas, das viel größer ist als der Mensch.“

Sie lebt gern im Neutra-Haus. „Wenn ich nach einer anstrengenden Reise hierher komme, erfüllt mich auf der Fahrt nach Wengen eine große Vorfreude. Ich sitze auf der Terrasse, schau, lese, denke nach, bin in einer anderen Welt. Das hat sich der Neutra schon sehr gut überlegt, den Innenraum in die Natur einzubeziehen. Ein guter Architekt vermittelt ein gutes Lebensgefühl.“ Sie erzählt, dass ursprünglich das ganze Flachdach geflutet werden sollte, um Himmel und Berge zu spiegeln. „Neutra hat dabei allerdings nicht bedacht, dass das Haus tatsächlich in den Bergen steht. Auf über 1300 Meter. Es gibt lange, sehr kalte Winter.“ Der Reflektions-Pool hätte ständig beheizt werden müssen, doch das, findet Marlies Kornfeld, ist umwelt- und energietechnisch nicht mehr zeitgemäß. Solarzellen auf dem Dach kommen allerdings auch nicht infrage. „Nicht auf einem Neutra-Bau!“

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Das Haus ist Refugium und Begegnungsort zugleich. Regelmäßig kommen die beiden Töchter mit ihren Familien zu Besuch, gerade ist der Sohn, der in San Francisco lebt, abgereist. Künstler, Galeristen und vor allem Freunde aus der ganzen Welt gehen ein und aus. Wie geht man mit so einem Haus um, das einem seinen Stil in gewisser Weise aufzwingt? „Räume bewusst zu gestalten, liegt mir. Ich gehe da behutsam vor, doch auch präzis.“ Nie würde sie einen Innenarchitekten beauftragen. Man glaubt ihr sofort, wenn sie erklärt: „Man sollte nicht Angst davor haben, einen Löffel des Meisters zu verrücken.“ Umso mehr hat sie sich gefreut, dass einer der in den USA lebenden Neutra-Söhne bei einem Besuch meinte: „Ihr Umgang mit diesem Haus hätte meinen Vater sehr glücklich gemacht.“ „Es ist ein sehr strenges Haus, das keinen Kitsch oder viel Spielerisches zulässt“, sagt Marlies Kornfeld.

Dafür ironische Anspielungen. Auf der Terrasse betrachten ein weißer und ein schwarzer Gartenzwerg mit gefalteten Händen ergriffen das Panorama. Ursprünglich sollte die gusseiserne Tasse von Daniel Spoerri hier stehen. Das Eat-Art-Objekt hat jetzt ein Zuhause im Garten eines Freundes gefunden. Die Zwerge passen sowieso viel besser hierher, den Blick leicht nach oben gerichtet, wo die „weißen Zwerge“ sind, die Überreste ausgebrannter Sterne, so klein wie die Erde, die eines Tages in Jahrmilliarden durch Abkühlung der Oberfläche zu „schwarzen Zwergen“ werden. Im Haus findet sich viel junge Kunst. Katharina Grosse, Herbert Brandl, Christine Streuli, Eberhard Havekost, Karin Kneffel. Dazwischen sparsam ausgewählte Stücke der klassischen Moderne, eine Corbusier-Liege, Esszimmerstühle von Mies van der Rohe, ein Sessel von Charles Eames.

Marlies Kornfeld, über 20 Jahre mit dem Sammler Kunsthändler und Verleger Eberhard W. Kornfeld verheiratet, hat einen unbestechlichen Blick für Räume und für moderne, unangepasste Kunst. „Als ich in den 1980er-Jahren eines der Datumsbilder von On Kawara gekauft habe, hat meine Familie gespottet: ‚Jetzt spinnt’s Mami.’“ Heute ist der japanische Künstler, der in New York lebt, einer der Stars der Konzeptkunst. Das bedeutet Marlies Kornfeld nur wenig. „Kunstkaufen als Wertzuwachs interessiert mich nicht. Ich war von diesem Bild fasziniert, es hat mich angesprochen. Das ist alles.“ Architektur und Kunst begleiten sie seit ihrer Kindheit. Ihr Großvater war Architekt, ihr Vater einer der bedeutendsten Sammler von Kunst der klassischen Moderne. „Die Auseinandersetzung mit Kunst ist eine sehr freudvolle Beschäftigung. Wie die Gestaltung von Räumen. Ich habe immer schön und interessant gewohnt, als Studentin in Oxford sogar mal in einem Wohnwagen.“

24 Jahre verbringt sie mit der Familie die Ferien im 300 Jahre alten Kirchner-Haus in Davos. Kornfeld, Förderer und Freund von Chagall, Giacometti und Picasso, hatte es Ende der 1970er-Jahre erworben. „Das Leben dort war sehr einfach. Es gab nur kleine Räume, in denen Ebis Kirchner-Sammlung hing. Da habe ich mich sehr wohl gefühlt mit den Kindern, umgeben von Kühen, einer lieblichen Alpenlandschaft, ohne Fernsehen und Ablenkungen. Davos ist ja nicht hochalpin, da sieht man nur auf Berge, die zweieinhalbtausend Meter hoch sind. Das ist, was ich als menschliche Dimension bezeichne.“

Marlies Kornfeld holt tief Luft. „Letztlich geht es im Leben nicht um Ästhetik, um Kunst oder Räume. „It’s all about compassion“, zitiert sie den Dalai Lama. „Mitgefühl für die Menschen und unsere Umgebung.“ Das Foto des Dalai Lama steht neben ihrem Computer. Sie hatte das Privileg, ihn einige Male zu treffen, spricht über ihn mit Zuneigung und großer Achtung. Vor sieben Jahren hat Marlies Kornfeld auf seine Anregung hin in Nepal zunächst ein Kloster gebaut. In zwei Bauphasen entstand eine Schule, das Bright Horizon Children’s Home mit insgesamt neun Gebäuden, eine halbe Stunde von Kathmandu entfernt, in der Nähe des Dorfes Matatirtha, was so viel heißt wie Mutter Erde. 270 Kinder leben und lernen hier. Die meisten sind Halb- und Vollwaisen, viele haben auf der Straße gelebt. Im BHCH bekommen sie ein Zuhause und eine zehnjährige Schulausbildung. „Bei der Auswahl der Kinder zählt nur die Bedürftigkeit, ethnische oder religiöse Kriterien und die Kastenzugehörigkeit spielen keine Rolle“, betont Marlies Kornfeld.

Und auch, dass sie keine Buddhistin ist, wenngleich die buddhistische Ethik einen großen Einfluss auf ihr Denken und Fühlen hat. „Man darf alles hinterfragen, muss nichts glauben. Nicht ‚du sollst’, sondern ‚warum?’. Und vor allem weg von der Bedeutung, die wir dem Ego zumessen, das ist wohl das größte Problem unserer Zeit.“ Sie fühlt sich reich beschenkt durch die Menschen, die sie in Nepal kennengelernt hat. Dazu gehört auch Jetsun Pema, die Schwester des Dalai Lama. „Ich bin ihr durch die Schweizer Tibet-Hilfe begegnet. Sie fragte unsere Gruppe eines Tages ‚Do you want to meet the Dalai Lama?‘, woraufhin wir leichthin erwiderten, ‚Why not?‘, wir wären zwar ziemlich beschäftigt, aber …“ Marlies Kornfeld lacht: „Wenn man das heute erzählt, glaubt das niemand.“ Ihr Engagement hält sie für selbstverständlich. „Ich bin da ganz pragmatisch. „Wo Not ist und man etwas bewegen kann, muss man möglichst sinnvoll helfen.“ Sie ist privilegiert aufgewachsen, führt ein privilegiertes Leben, das verpflichtet. „Es ist uns alles nur geliehen“, sagt sie. „Auch die Zeit hier.“