Ein Herz für Holz

Ein Herz für Holz

Ein Herz für Holz // © Foto: Aleksy Aleksjew, Schreinerei Eham

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Dass Tradition keinen Staub ansetzen muss, beweisen vier Schreinereien aus dem Alpenraum, die sich zwar von der Natur und ihrer Umgebung inspirieren lassen, aber dennoch ihre ganz eigenen Wege dabei gehen

Ramòn Zanggers Arbeiten haben ihre Wurzeln in der Kultur des Engadins. Doch statt auf verkitschten Chaletstil setzt der Tischlermeister aus Samedan auf geradlinige Schnörkellosigkeit. Zangger fertigt Möbel, „die in der Tradition der Region stehen und dennoch Weltluft riechen“. Vor knapp dreißig Jahren übernahm der Möbeldesigner, aufgewachsen in Indien und Basel, zusammen mit seiner Frau Emilia die Schreinerei seines Schwiegervaters. Und seitdem interpretiert er alpines Mobiliar neu: Er baut schlichte und massiv verarbeitete Tische, Hocker, Stühle, Schränke, ja sogar ganze Hotelzimmer – und befreit sie komplett vom rustikalen Image. „Ich will die Identität des Engadins vor allem im Material und in der puristischen  Form wiederfinden“, erklärt er. „Mir liegt es am Herzen, etwas aus dem Erbe der Region heraus zu entwerfen, in der ich lebe. Deshalb arbeite ich gerne mit Arve, das ist, neben der Lärche, das typisch heimische Holz aus dem Engadin. Der Baum gehört zur Familie der Zirbelkiefer.

Die Arve wird sehr alt und hat einen ganz eigenen Duft. So stehen meine Möbel auch noch lange nach ihrer Verarbeitung durch ihren intensiven Geruch immer für ein Stück Heimat“. Gerne lässt sich der Tischler von seiner Umgebung inspirieren. „Ich sehe überall Dinge, die mich faszinieren. Ich speichere sie ab und ergänze sie mit vorhandenen Bildern und Eindrücken. Das ist vergleichbar mit einzelnen Zutaten, die irgendwann zu einem Gericht werden“, sagt Zangger. Und so macht er zum Beispiel aus einem Bündner Bauerntisch mit Steineinsatz ein modernes Designobjekt. Für sein regionales Engagement erhielt der Schreinermeister zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Förderpreis der Stiftung Bündner Kunsthandwerk und den Anerkennungspreis „Graubünden Holz“.

Unverwechselbare Einzelstücke sind auch die archaischen Möbel von Stefan Knopp. Der gebürtige Wiener, der sich vor vier Jahren mit seiner Familie in Obertrum bei Salzburg niedergelassen hat, arbeitet seine Tische, Bänke und Hocker mit der Motorsäge aus einem Stamm heraus und bringt sie anschließend auf unterschiedliche Art und Weise in Form. Der Objektkünstler macht sichtbar, was die Natur geschaffen hat: „Ich versuche, fast wie in einer Übersetzung, das Wesen des Baumes greifbar zu machen und seine Geschichte zu erzählen“, erklärt Knopp. Mit selbstentwickelten Oberflächentechniken fügt er dem Holz Risse zu und dringt so in tiefe Schichten des Werkstoffs vor. Seine Kombination aus schlichter Form und herausgearbeiteter Natürlichkeit weckt Emotionen und fordert zum direkten Kontakt auf. „Meine Möbel wollen im wahrsten Sinn des Wortes begriffen und besessen werden. Die Kraft des Ursprungs spricht die Menschen an“, sagt Knopp.

Sein Arbeitsprozess gleicht einem innigen Dialog mit dem Holz. Bevor er das Material bearbeitet, überlegt er sich ganz genau, wo er den ersten Schnitt ansetzt. „Denn was der Baum in sich trägt, welche Strukturen, Maserungen und Einschlüsse, das zeigt sich erst beim Aufschneiden“, erläutert der Schreiner. Und so kommt zum Beispiel bei einer Tischplatte die Maserung des über ein Jahrhundert gewachsenen Stammes neu zur Geltung. Die Oberfläche bürstet, kalkt, schleift und wachst Knopp anschließend. Um möglichst vollkommen im Einklang mit der Natur zu sein, arbeitet Knopp gerne in seinem Freilicht-Atelier, mit Blick auf den Alpenhauptkamm: vom Watzmann bis zum Dachstein. Und auch sein Holz kauft der Tischler bei Bauern direkt in der Umgebung ein. Die Arbeiten des ehemaligen Betriebswirts, der sich nach einer kreativen Tätigkeit sehnte und daher in seiner zweiten Lebensphase die Ausbildung zum Tischler in Rekordzeit absolvierte, sind regelmäßig auf internationalen Messen zu sehen sowie in seinen Schauräumen in Wien, Salzburg und München.

Auf Individualismus, Ästhetik und Purismus, gepaart mit hoher handwerklicher Präzision legt auch die Firma Holzrausch mit Sitz in Forstern bei München ganz besonderen Wert. Tobias Petri und Sven Petzold gründeten vor knapp 15 Jahren die Schreinerei mit dem lautmalerischen Namen, der die Begeisterung der beiden für das Material Holz unterstreicht. Als Weiterentwicklung gründeten die zwei Tischlermeister zusammen mit Nina Schreiber Anfang 2011 ein Planungsbüro, um eigene Innenarchitekturprojekte abzuwickeln. Mittlerweile beschäftigen die drei Spezialisten für exklusiven Innenausbau 28 Mitarbeiter und bieten Innenarchitektur, Holztechnik und Tischlerei aus einer Hand an. Obwohl sie vor allem rund um München tätig sind, arbeiten die Designtalente zur Zeit an europaweiten Projekten: in Berlin, in Zürich, in Salzburg, im Engadin und in Frankreich.

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Produkte von höchster Manufakturqualität, absolute Reduktion auf das Wesentliche sowie Funktionalität stehen bei Holzrausch an erster Stelle. Die Formensprache ist klar, modern und zeitlos. Verarbeitet werden ausschließlich natürliche Materialien „Wir verwenden hauptsächlich einheimische Hölzer, etwa sehr viel Eiche,“ sagt Tobias Petri. Eine alte Schlosserei im Münchner Westend baute Holzrausch zum Beispiel mit sehr viel Liebe zum Detail zu einem Koch- und Filmstudio aus. Die alte Bausubstanz bildet hier einen schönen Kontrast zu den neuen Eichenholzfronten der Küche. Für den gelungenen Umbau wurde das Team 2011 mit dem begehrten Innenarchitektur-Design-Award von „best architects“ ausgezeichnet.

Einen weiteren Meisterwurf hat Holzrausch mit ihrem Küchenprojekt in Zürich hingelegt: Eine offene Küche aus unbehandelter Eiche mit Blick auf den See. Auch hier zeigt sich das große Plus von Holzrausch: Die Kombination aus detaillierter Planung und Handwerk aus einer Hand. Bei der Umsetzung ihrer Entwürfe bezieht das Unternehmen heimische Handwerker mit ein. „Unsere Zulieferfirmen sind Handwerksbetriebe aus dem oberbayrischen Raum. Alles, was wir in der Nähe produzieren können, machen wir hier. Das ist uns sehr wichtig. Denn die Umgebung, in der man lebt, hat großen Einfluss auf das, was man tut. In gewisser Weise wird man über die Natur und die schöne Landschaft dazu angehalten, im Einklang damit zu arbeiten,“ erklärt Tobias Petri.

Dem Brückenschlag zwischen Tradition und modernem Wandel hat sich auch Josef Eham verschrieben. Der in Rottach-Egern aufgewachsene Schreinermeister hat den Holzhandel seiner Vorfahren zwischen Gmund und Hausham in den letzten 25 Jahren zu einem großen Holzveredelungsbetrieb gewandelt. Heute blickt er auf ein kleines Imperium aus mittlerweile knapp siebzig Mitarbeitern. Der Spezialist in Sachen Holz bietet Mobiliar und Designlösungen für alle Wohnbereiche, insbesondere für die Küche. Mit seinem Kreativ-Team setzt er flexibel alle Arten von Aufträgen um – von Großprojekten mit Millionen-Volumen bis zur kleinen Eckbank des Nachbarn. Ausschließlich Unikate nach Maß und auf individuellen Kundenwunsch stellt Eham her. Dabei setzt die Firma auf Nachhaltigkeit und verbindet gekonnt Alt mit Neu.

Eine perfekte Visitenkarte dafür ist das eigene Firmengebäude, ein Architektur-Highlight der Gegend, das in Anlehnung an einen Stadel neu gebaut wurde. Hier sind auf 2500 Quadratmetern das Büro und die Produktion untergebracht. Es ist vor allem die Kombination aus Tradition, unterschiedlichen Materialien und Schlichtheit, die Josef Eham reizt. „Ich mag es nicht verschnörkelt. Wir arbeiten mit authentischen Materialien, die oft antik sind. Wir verwenden alte Türen, Hölzer und Böden wieder, bauen sie aber technisch meistens komplett um.“ So macht es Eham möglich, dass aus einer alten Truhe der Fernseher herausfährt, in eine antike Haustür eine Alarmanlage integriert ist oder sie sich mit einem modernen Fingerabdruckleser öffnen lässt.

Das Altholz liefern Händler aus der ganzen Alpenregion. „Hier helfen langjährige Netzwerke, die ich mir aufgebaut habe“, sagt Josef Eham. Mit handwerklicher Perfektion verarbeitet er das Material. Seine Kreationen kommen ganz ohne Metall und Klebstoff aus, dafür setzt er auf ganz klassische Holzverbindungstechniken – Stemmzapfen, Fingerzinken und Schwalbenschwänze. Die Kunden, die zum Großteil aus dem Voralpengebiet kommen, schätzen die qualitätsbewusste Maßarbeit. Sechzig Prozent davon sind Privatpersonen, die sich von Josef Eham ihren Traum vom besonderen Wohnen verwirklichen lassen. Die Kombination von Tradition, Ideenreichtum und Experimentierfreude will Sohn Dominik weiterführen: Er wird das Familienunternehmen übernehmen.

Kategorie Architektur & Wohnen

Die Südtirolerin wuchs in der bayerischen Hauptstadt auf, studierte in Innsbruck, München und Paris und pendelt heute zwischen München und Meran, den beiden Städten, die sie am liebsten mag. Die promovierte Kunsthistorikerin liebt die Künstlergruppe „Scholle“ und die Sammlung Unterberger, für die sie als wissenschaftliche Beraterin tätig ist. Die ehemalige Redakteurin des Kunstmagazins „Weltkunst“ hat ein Faible für Old- und Youngtimer – am liebsten sind ihr Roadster: „Weil sie Geschichte haben und viel erzählen können.“