Gion A. Caminada – Strick ist schick

Gion A. Caminada . Neue Gebäude wie die Ställe und die Metzgerei im Vordergrund oder die helle Totenstube unter der Kirche fügen sich unauffällig in das Ortsbild von Vrin ein

Harmonisch Neue Gebäude wie die Ställe und die Metzgerei im Vordergrund oder die helle Totenstube unter der Kirche fügen sich unauffällig in das Ortsbild von Vrin ein // © Foto: Lucia Degonda

Eins links, eins rechts – so wurden die Hölzer beim Hausbau im Schweizer Bergbauerndorf Vrin im Kanton Graubünden früher gelegt. Dieses Muster ist wieder gültig, seit der einheimische Architekt Gion A. Caminada das Renovieren und Bauen in die Hand nahm. Er machte Vrin zum  Geheimtipp für Schweizreisende – und Pilgerort für Architekten aus dem ganzen Alpenraum (ALPS Magazine #4/2011 Review)

Der Tod schaut immer zu beim Leben. Am Beinhaus, das sich an die Barockkirche schmiegt, erinnert ein breiter Fries aus steinernen Schädeln die Dorfbewohner, wohin die Reise geht. Letztendlich. Früher wurde, wenn es so weit war, das Wohnhaus zum Trauerhaus, dem Ort für die Rituale der Totenwache. Doch „früher“ ist auch in der kleinen Bündner Bergbauerngemeinde Vrin vorbei, selbst wenn hier Vieles auf den ersten, oberflächlichen Blick wirkt wie in der alten Zeit. Über die Kirchhofmauer lugt nun das 21. Jahrhundert auf den Gottesacker – in Gestalt eines Neubaus am darunter liegenden Hang. Bleich schimmert das Haus, als wolle es mit seinem Kasein-Gewand, einem Gemisch aus Magerquark und Kalk, dem Licht huldigen, das dem Tal seinen Namen gab: Val Lumnezia. Das Innere glänzt bernsteingold wie eine wertvolle Schatulle – mit Schellack sind die Fichtenholzwände und die massiven Einbauten veredelt. „Ich hätte einen Aufbahrungsraum bauen können wie alle anderen auch“, sagt Architekt Gion A. Caminada, 53. „Aber die Leute hier waren bereit, darüber zu diskutieren, dass das Gebäude mehr sein könnte.“ Also hat er eine Totenstube gebaut, die dem Abschied, „und Trauern heißt für mich weinen und lachen können“, so viel Raum gibt wie früher das Wohnhaus. Wie dort kann man auch in der „Stiva da morts“ umhergehen, von der Totenwache im Eingangsgeschoss wechseln in Flur und Treppenhaus, wo die Brüstung gleichzeitig Sitzbank ist, und oben zusammmensitzen, Erinnerungen austauschen, und, warum auch nicht, gemeinsam Kaffee trinken, das Überleben feiern. Sieben Jahre hat es gedauert, bis das außergewöhnliche Gemeinschaftshaus, das nun so selbstverständlich zwischen Friedhof und Dorf steht, Form annahm und dann Pilgerort wurde für Architekten von weither. „Anderthalb Jahre Planungs- und Bauzeit“, sagt Caminada. „Der Rest war Denken – um das Richtige zu machen.“ Doch die Stiva da morts ist nur eine Station auf dem langen Weg, den gesellschaftlichen Wandel auch in einer strukturschwachen Bergregion zu verwurzeln und eine von der Abwanderung bedrohte Gemeinde lebenswert zu machen für ihre Einwohner: Damit das Ende des Tals sich nicht anfühlt wie das Ende der Welt. „Ein Bauerndorf ohne Bauern ist kein Bauerndorf mehr“, erklärt Gion A. Caminada. Und ergänzt, mit Blick auf den pittoresken Dorfkern mit seinen dunklen verwitterten Häusern und den kleinen alten Ställen, die für eine lohnende Viehhaltung längst nicht mehr ausreichen: „Eine Musealisierung wollen wir nicht.“

Große Achtsamkeit schenkt Gion A. Caminada auch kleinen Bauaufgaben wie der Telefonzelle in modernem Strickbau

Einfühlsam Große Achtsamkeit schenkt Gion A. Caminada auch kleinen Bauaufgaben wie der Telefonzelle in modernem Strickbau // © Fotos: Lucia Degonda

Die TOTENSTUBE ist für die LEBENDEN gemacht, denn sie gibt ihrer TRAUER den SCHÜTZENDEN RAUM

Selbst als Bauernsohn in Vrin aufgewachsen und vor seinem Architekturstudium gelernter Schreiner, ist der 53 Jährige seinem Heimatort treu geblieben, auch wenn er andernorts öffentliche Gebäude und Privathäuser plant und Professor ist an der Zürcher ETH. Auf dem Vriner Sonnenplateau haben Caminada und seine Mitstreiter von der Stiftung Pro Vrin, der Gemeindebehörde und der kantonalen Denkmalpflege in den achtziger Jahren den Kampf gegen die Abwanderung aufgenommen: mit neuen Angeboten für die Landwirtschaft, von der etwa die Hälfte der knapp 250 Einwohner lebt. Während andernorts hässliche Großställe die Peripherien der Dörfer ausfransen, hat man in Vrin die Pflege der landwirtschaftlichen Betriebe mit der Landschaftspflege verbunden. Unterhalb der Stiva da Morts und einer Wiese markieren Caminadas neue Nutzbauten nun in kompakter Reihe den Rand des Dorfs. Neben langen Ställen steht hier die „Mazlaria“, die Metzgerei des Ortes, die als Genossenschaft geführt wird. Im steinernen Sockelgeschoss wird geschlachtet. Im hölzernen Obergeschoss wird das Fleisch getrocknet und verkauft. Die Spezialitäten, etwa „Salsiz“, getrocknete Rohwurst, der das Berggewächs Krauseminze oder die ordinäre Brennessel lokale Würze verleihen, Lammbratwurst mit Bärlauch oder das „Gitzifleisch“ vom Zicklein kann man sich im Online-Shop auch virtuell vom Haken holen lassen.

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Andri Pol

Wie die heimischen Produkte, die hier vermarktet werden, stammen die Baumaterialien für Metzgerei und Ställe – Bruchsteine und Holz – vom Ort: „Es macht keinen Sinn, Baustoffe auf langen Wegen herzukarren“, meint Caminada und erklärt seine Strategie, die sich bei all seinen Vriner Gebäuden bewährt hat: „Ich versuche immer, einfaches Material zu nehmen.“ Die Verarbeitung von heimischen Handwerksbetrieben dürfe dann aufwendig sein. „So können wir unsere Kultur aufrecht halten und zeigen, wozu wir fähig sind.“ Im Dorfkern selbst führen die kleinen Durchgänge, die sich als verzweigte Lebensadern zwischen Schuppen, Misthaufen und Gemüsegärten schlängeln, inzwischen auch zu Neubauten. Für den Dorfarchitekten, dem der romantische Blick des Städters auf vermeintliche „Heidi“-Kulissen sehr zuwider läuft, besteht „die Qualität eines alten Hauses nicht darin, dass es die Jahreszahl 1700 trägt. Die Frage ist immer: Kann man es noch brauchen? Ist die Substanz gut?“ Die Wohnhäuser, die Caminada im Dorf errichtet hat, die boxenartigen Erweiterungen, die den Altbestand flottmachen für moderne Ansprüche, und das hölzerne Telefonhäuschen mit der Sitzbank, von der man hinübersieht zum Campanile, spiegeln seine Haltung gegenüber dem Hergebrachten. „Für uns geht es darum, kontinuierlich weiterzuarbeiten an dem, was die Vorfahren schon herausgefunden haben. Wenn wir Tradition wollen, müssen wir auch fähig sein, etwas Neues zu machen. Das aber sollte mindestens so gut sein wie das Alte.“ Mehr als hundert, heute großenteils leerstehende Heuställe künden auf den Hügeln über Vrin von der Standfestigkeit der regionalen Blockbauweise, „Strick“ genannt, die fassadenlange, an den Ecken sich überkreuzende Balken zur tragenden Wandkonstruktion schichtet. Ob grob oder fein, ob fürs Vieh oder für die Menschen – alle alten Bauten Vrins außer der Kirche sind so „gestrickt“. Caminada hat den Faden aufgenommen. Er hat die Technik modifiziert für die Systembauweise. Und er hat die traditionelle, der Struktur des Stricks entsprechende Haustypologie weiterentwickelt: Von den klassisch einfachen Grundrissen mit rechtwinkligen und quadratischen Räumen und der Erweiterung dieses Typus in Zweifamilien-Häuser mit einem gemeinsamen Flur ist Caminada zu komplexen Gebilden vorgedrungen: Mit mehreren Zellen in Strickbauweise, deren Aussteifungen an der Fassade sichtbar sind, und den entstehenden Zwischenräumen wächst das Gebäude wie eine Plastik von innen nach außen.

Der Architekt ist in Vrin aufgewachsen und kehrt immer wieder nach Hause zurück. Für die Dorfbewohner ist er einer der ihren

Integriert Der Architekt ist in Vrin aufgewachsen und kehrt immer wieder nach Hause zurück. Für die Dorfbewohner ist er einer der ihren // © Fotos: Andri Pol

„Das Fantastische am Strickbau ist die skulpturale Kraft“, erklärt Caminada und knetet mit beiden Händen eine imaginäre Masse. Seine hellen Wohnhäuser, die sich unter Vrins wettergegerbte Altbauten mischen, sind mit ihren dominanten Falt- und Schiebeläden sowohl beschützende Höhle als auch Öffnung zum Licht. Zwischen den neuen Familienhäusern hat auch mancher moderne Stall einen Platz gefunden, in dem statt der Kuh das Auto und das Velo unterm Satteldach stehen. Denn für den bedächtigen Dorfarchitekten ist die intuitive Verbindung Garage gleich Flachdach „ein merkwürdiges Bild, das man im Kopf hat“.

Architektur
 
Wer sich für moderne alpine Baukultur interessiert, kommt im Bündner Oberland auf seine Kosten
 

Hotel Alpina Vals

Hotel Alpina

Caminada entdecken
Neben dem im Oberlugnez südlich von Ilanz gelegenen Vrin mit Caminadas Stallbauten, Wohnhäusern, der „Stiva da morts“ und der Gemeindehalle gibt es in der weiteren Umgebung noch andere Werke des heimatverbundenen Graubündners, die mit Archi­tekturpreisen ausgezeichnet wurden: ein Mädchen­internat in Disentis nahe der Rheinquelle oder das Schulhaus in Duvin im Valser Tal. Unweit davon kann auch jeder die suggestive Wirkung von Caminadas Räumen persönlich testen: im von dem gebürtigen Vriner umgebauten, historischen Hotel Alpina am Talschluss in Vals. Infos: Übernachtung mit Frühstück in einem der neu gestalteten Räume: 110 CHF.; T. +41/81/920 70 40, www.hotel-alpina-vals.ch

 

Therme Vals

Therme Vals

In Zumthor eintauchen
Der Abstecher nach Vals ist auch noch aus einem ­anderen Grund ein Muss: Gleich neben dem ­Hotel Alpina steht jene berühmte Therme, die Star-­Architekt Peter Zumthor 1996 buchstäblich in Stein meißelte. Er baute das Heilbad aus Valser Quarzit, einem örtlichen Gestein, von dem er 60.000 milli­metergenau abgemessene Platten aus dem Steinbruch schneiden ließ. Damit entwickelte er eine Raum­sequenz, in der der Badegast quasi den Weg des Heilwassers aus den Tiefen des Gesteins ans Tages­licht nachvollzieht. Infos: Ein Monument zum ­Begehen, Durchschwimmen, Genießen … geöffnet bis 3. April und ab 11. Juni; Eintritt: 80 CHF; Tel. +41.81.926 80 80, Therme Vals

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Sommerwochen im Kärntner Mötschlach, Winterwochen in Abwinkl am Tegernsee – die Familienferien, die sie als Kind in kleinen Orten unter imposanten Gipfeln verbrachte, haben die Kunst- und Architekturjournalistin geprägt. Die Tage, als sie barfüßig über Stock und Stein stürmte, sind lange vorbei. Aber der Anblick schneebedeckter Berge ist der gebürtigen Fränkin heute noch der beste Ausgleich zum Stadtleben. Im ebenso gastlichen wie untouristischen Bündner Dorf Vrin fand sie an Details, wie etwa den Handläufen der Außentreppen, bestätigt, dass die einfachen Dinge oft die besten sind: „Und zu denen muss man wie im Leben vordringen. Im Baumarkt findet man sie nicht.“