Wolf im Schneepelz

STALL GERUCH Wo einst die berühmten schwarzen Herens-Kühe des Wallis Unterschlupf fanden, lädt heute ein Tagbett mit Überwurf aus Kaninchenfell zum Ausruhen ein. Die Wände sind aus trockenen Natursteinmauern, Decke und Fußboden aus Lärchenholz // © Foto: Gaelle Le Boulicaut. Produktion: Jeremy Callaghan

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Bescheiden und harmlos wie das sprichwörtliche Tier im Schafspelz präsentiert sich diese Hütte im schweizerischen Wallis. Weder sieht man ihr den luxuriösen Komfort mit Fußbodenheizung und Sauna an noch ihre lawinengeprüfte Standfestigkeit. Auf 1850 Metern bietet sie „mörderische Ausblicke“ ins Val d’Hérens und gleichzeitig sicheren Schutz vor den berüchtigt schnellen Wetterwechseln – ein ideales Winterversteck!

Eigentlich wollte das Schweizer Ehepaar Jean und Mathilde nur eine beschauliche Wanderung im Schnee machen, aber dann stolperten die beiden über das, was sie heute ihren Traumplatz nennen. Das Stolpern ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, denn verbogene Metallteile und versprengte Steine bildeten Hindernisse auf dem Weg. Sie legten Zeugnis ab vom letzten verheerenden Lawinenunglück: 1999 löste sich etwa tausend Meter weiter oben im Hang ein Schneebrett, das sich zu einer 15 Meter hohen Wand auftürmte und auf seinem rasenden Weg abwärts zwölf Menschen in den Tod riss. Nur ein Gebäude blieb in der Lawinenschneise stehen, eine traditionell erbaute Hütte. Und in die verliebten sich Jean und Mathilde auf der Stelle.

Aber bevor sie sich zu einem Kaufangebot entschlossen, führten sie ihren Freunden, dem Architektenpaar Patrick und Inès, ihren Fund vor. Alle vier standen stumm vor der Hütte, die kaum mehr war als ein Unterstand, der Sennern und ihren Herden seit sechzig Jahren Schutz in kalten Wintermonaten geboten hatte. Ihr Schweigen war Ausdruck von Ergriffenheit vor den majestätischen Gipfeln ringsum – aber auch von Zweifeln angesichts der tödlichen Lawinenspur, die sich bei der stabilen Hütte in zwei Arme teilte. Schließlich gewann die Schönheit der grandiosen Natur. „Dieser Platz, dieser Platz, dieser Platz“, sagt Jean grinsend, „das war alles, was unsere Freunde herausbrachten.“ Ungeachtet der Gefahren beschlossen Jean und Mathilde, den schlichten Kuhstall mit der Millionen-Dollar-Aussicht zu kaufen und „mit der ständigen Bedrohung zu leben“, wie sie sagt.

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Tradition ist dem Ehepaar wichtig, aber auch Bequemlichkeit und Sicherheit. „Wir wollten das ursprüngliche Aussehen einer Schweizer Blockhütte bewahren und gleichzeitig etwas schaffen, das Bestand hat“, erklärt Jean. „Die Form war gegeben, das Material war da – wir mussten nur noch das Alte mit Neuem verbinden. Und das sollte natürlich den Ansturm einer Lawine überstehen können.“ Genau diese technische Herausforderung, gepaart mit ästhetische Einschränkungen, ist eine Aufgabe, die Architekten reizt. Es war die „mörderische Aussicht“, im wörtlichen wie übertragenen Sinn, die das befreundete Architektenpaar Patrick und Inès zur richtigen Lösung inspirierte. „Wir diskutierten zwei Tage, und zwei weitere Tage zeichnete ich“, sagt Patrick Devanthéry, der die Vorlieben seines Freundes und Auftraggebers gut kannte.

Der neue lawinensichere Rückzugsort sollte von außen weiterhin wie ein gewöhnlicher Kuhstall wirken. Klingt einfach, bedurfte aber der Präzision eines Archäologen. „Jedes Stück Holz wurde nummeriert und notiert, wie es mit den anderen zusammenhing, bevor alles gelagert wurde“, erklärt der Architekt. „Dann sprengten wir die Baustelle und gruben tief in die Berge, um mehr Platz für den Innenausbau zu schaffen. Eine verstärkte Betonhülle wurde gegossen, quasi ein etwas verkleinertes Spiegelbild des ursprünglichen Unterstandes. Dieser ‚Bunker’ wurde mit Drainagen versehen, isoliert und auf Wasserfestigkeit geprüft, bevor die hölzerne Struktur originalgetreu darum herum wieder aufgebaut wurde.“ Die bescheidene hölzerne Hülle birgt nun ein luxuriöses Chalet, das einen Druck von 1000 Kilo pro Quadratmeter überstehen kann, sollte die Natur eines Tages wieder eine donnernde Lawine den Hang hinunterschicken.

Das „lawinensichere Gebäude“ wendet der Gefahr seine betonverstärkte Rückseite zu. Nach vorn öffnet es sich der spektakulären Aussicht und dem gleißenden Licht der Alpen. Die Inneneinrichtung ist klassisch modern mit klaren Linien. Zeitgemäße Annehmlichkeiten wie Fußbodenheizung und Sauna mildern die raue Anmutung von Stein, Holz und Beton. „Der größte Vorteil“, sagt Besitzer Jean, „liegt darin, dass wir nie Nachbarn haben werden – außer Kühen.“ In dieser Höhe von 1850 Metern kann das Wetter sich blitzschnell ändern. Moderne Doppelfenster und -türen im Wohnbereich und im Schlafzimmer geben den Blick frei und ermöglichen einen fließenden Übergang zwischen dem gemütlichen Innen und der wilden Natur außen. Selbst wenn alle Türen und Fenster geschlossen sind, bleibt die Aussicht erhalten. So können Jean, Mathilde und ihre Freunde das Schauspiel eines Sonnenuntergangs, wenn die letzten Strahlen den Schnee in sanftes Rosa hüllen, von ihrer Terrasse aus genießen. Und wenn die Sonne schließlich hinter den Bergen versinkt, müssen sie nur ins Haus gehen, um Wärme und Schutz zu finden, im sicheren Wissen, dass die Natur ihnen hier nichts anhaben kann.