Der Abgrund ruft

Bernhard R. H. Scholz auf dem Weg zum Abgrund

Am Start: Bernhard R. H. Scholz auf dem Weg zum Abgrund © Fotos: David Capozzi, Lorenzo Rieg, Bernhard R.H. Scholz, Francesco Tremolada

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Steilwandskifahrer leben in ihrer ganz eigenen vertikalen Welt. Mit ihren Ski­ern befahren sie nahezu senkrechte Steilrinnen und Bergflanken im Hoch­gebirge. Unser Autor Bernhard R.H. Scholz ist einer von ihnen. Er schildert, warum die gefährliche Sportart immer mehr Menschen fasziniert

Verschneite Gipfel, Schnee glitzert, fast senkrecht steil fällt der Nordhang unter mir ab. Der erste Schwung muss sitzen, die Skikanten müssen hundertprozentig greifen – alles andere wäre fatal. Doch darüber darf ich nicht nachdenken. Die gute taktische Vorbereitung, das Training und geduldiges Warten auf die passenden Verhältnisse für dieses Skiabenteuer sind auf meiner Seite. Stundenlang habe ich mir die beste Abfahrtslinie der Alpspitze-Nordwand über Garmisch-Partenkirchen eingeprägt, Fotos studiert und bin die Tour mehrfach im Sommer hochgeklettert. Ob die Tour extrem ist, wurde ich gefragt, ob ich verrückt sei. Aus meiner Sicht ist sie nicht extrem, denn extrem bedeutet: am äußersten Limit. Und natürlich gibt es schwierigere Abfahrten, gibt es stärkere Skifahrer und bessere Alpinisten als mich. Also kann dies nicht das Limit sein. Es fühlt sich auch nicht extrem an, ich kenne die Situation.

„Rutscht man ab, rauscht man wie ein Pingpongball die 45 Grad steile Rinne hinunter“

Es ist das aufgeregte, intensive Spüren aller einprasselnden Sinneseindrücke, das hellwach macht, jede Muskelfaser ergreift und die Gedanken beschleunigt, gleich einem Raubtier auf der Jagd. Verrückt bin ich also auch nicht – eher besonders intensiv lebendig. Also los! Abstoßen … gleiten … Ich folge den legendären Spuren Heini Holzers (1945–1977), des Südtiroler Kaminkehrers, der 1976 zum ersten Mal die Steilwand der Alpspitze befahren hat. Wie er bin ich über die Abfahrtsroute aufgestiegen, anders als er konnte ich den eingeschneiten Klettersteig nutzen. Das war ganz einfach. Auf der Toponeige-Skala, die den Schwierigkeitsgrad von Skitouren bewertet, bringt es meine Tour auf die Formel D 5.3 E3 (D = schwerer Zustieg; 5.3 = sehr herausfordernde schwere Abfahrt, lange und konstant steile Rinnen; E3 = hohe Gefahrenstufe). Aber am Limit ist das noch nicht. Der Winkel der Steilwand beträgt maximal 50°, das sind 7° weniger als das Limit von 57°, über dem kontrollierte Skischwünge nicht mehr möglich sind.

Nun gähnt ein Abgrund unter mir. Ich kann Personen klein wie Ameisen im Skigebiet erkennen, und ich weiß, dass ein hoher Felsabbruch lauert. Typisches Umspringen im Steilgelände, stark abbremsen, immer die Kontrolle behalten. Die Kanten greifen. Der Schnee hält mich und meine Schwünge, es ist fast wie Pulverschneeskifahren. So gut ist es heute! Beruhigt fädle ich Schwung an Schwung. Nicht immer verlaufen Steilabfahrten so perfekt, Heini Holzer und andere bezahlten ihre Leidenschaft mit dem Leben. Bestimmt nicht, weil sie leichtsinnig waren, Steilwandfahrer sind gute Alpinisten.

Gut vorbereitet wagte sich auch Sylvain Saudan, Jahrgang 1936, das Spencer Couloir hinunter, eine schwere Eistour in den Westalpen. Er ließ sich dafür 1967 von Fotografen in Szene setzen, von Helikoptern aus filmen und von Sponsoren bezahlen. Der Schweizer trat damit eine kleine Revolution los, er war der Erste, der diese Art des Skifahrens öffentlich machte. Mit relativ kleinen, steilen Rinnen in Graubünden hatte er begonnen – als er seine Karriere im Himalaja abrundete, nannte man ihn „Skieur de l’impossible“ (Skifahrer des Unmöglichen). Ihm folgte eine Generation Franzosen, Italiener und vereinzelt auch Österreicher, Schweizer sowie wenige Deutsche. Sylvain Saudans einziger direkter Konkurrent war Heini Holzer. Die Rivalität ging so weit, dass Heini seine Pläne geheim hielt und seine Ski versteckte, bevor er den berühmten Biancograt im Engadin 1973 als Erster hinunterfuhr. Insgesamt gehen auf sein Konto über 100 Erstbefahrungen. Sylvains Statistik weist „nur“ 14 auf. Diese dafür sehr beeindruckend und außerdem besser vermarktet.

„Der erste Schwung muss sitzen, die Kanten müssen greifen – alles andere wäre fatal“

Der Walliser brauste mit einem Sportwagen durch die Alpen und ließ sich gelegentlich mit einem Helikopter auf die Berge fliegen, während der Südtiroler Kaminkehrer zunächst nur mit einem Motorrad und später einem Fiat 500 herumknatterte. Als Seilgefährte der Messner-Brüder vertrat er bereits damals mit Inbrunst den Gedanken des Bergsteigens „by fair means“ (mit fairen Mitteln). Dies ist bis heute die Maxime der Steilwandfahrer, auch von Sylvain Saudan. Anderes hat sich geändert. Saudan und auch der Pionier Otti Wiedmann aus Innsbruck lassen eine Skibefahrung nur gelten, wenn eine Abfahrt von ganz oben bis ganz unten komplett mit Ski gefahren wird. Abseilen oder Abklettern zählen für sie nicht. Den nachfolgenden Generationen legt diese Haltung im Wortsinn Steine in den Weg: Es gibt in den Alpen nicht mehr viele Erstbefahrungen, die ohne Abseilen möglich sind, und selbst auf die muss man manchmal jahrelang warten, bis die Bedingungen passen.

Für mich passen die Bedingungen heute und abseilen muss ich hier auch nicht. Es ist ja auch keine Erstbefahrung. Ein Seil habe ich trotzdem im Rucksack, für den Notfall, falls ich auf Eisplatten treffe oder der Schnee auf den teils 50° steilen, abschüssigen Platten der Alpspitze abrutscht und ich abklettern muss. Sylvain ist immer ohne Rucksack gefahren, ohne Notfallausrüstung, auf der Suche nach dem Abenteuer Steilwandskifahren. Hopp oder topp. Er ist jedoch in dieser Konsequenz eine Ausnahme. In Frankreich und Italien, wo steile Erstbefahrungen in der breiten Öffentlichkeit immer eine wesentlich größere Rolle spielten als bei uns, gehört Abseilen und Abklettern seit den 70er-Jahren dazu.Manche Steilwandfahrer wurden wie Stars gefeiert, zum Beispiel Toni Valeruz aus Italien. Seine Abfahrt über die Lauperroute am Eiger wurde 1983 vom italienischen Sender RAI landesweit übertragen. Ein Husarenstück, bis heute nicht wiederholt. Zu selten spielen Schnee, Eis und Wetter mit, zu selten steht ein Könner im richtigen Moment bereit. Auch die Befahrung der Matterhorn-Ostwand 1975, eine Bergflanke so steil und gefährlich, dass sie selbst im Aufstieg nicht häufig begangen wird, trug zum Ruhm von Valeruz bei.

Das Wetterglück ist heute auf meiner Seite und auch der Schnee hält. Das war auch schon anders. Mit Grausen erinnere ich mich an ein vereistes Stück im Canale Sassongher in den Dolomiten. Nur Schritt für Schritt wagte ich mich hinunter, immer den Felsabbruch weiter unten im Hinterkopf. Rutscht man ab, rauscht man erst wie ein Pingpongball durch die gut 45° steile Rinne und fällt letztlich einen etwa 20 Meter hohen Absatz hinunter. Die intensive Vorbereitung und meine Erfahrung taten damals gut. Ruhig konnte ich die eisige Stelle hinter mich bringen und habe jetzt ein Erlebnis, an das ich mich noch in Jahrzehnten erinnere.

Schon die Planung, das Beobachten des Wetters und der Schneeverhältnisse, genaues Kartenstudium, die Suche nach Partnern und die Aufregung und Hektik, wenn es losgeht, sind intensiv. Viel intensiver als normales Skifahren oder Tourengehen. Dafür ist auch das Risiko höher. Wenn aber alles passt, die eigenen Fähigkeiten, die Vorbereitung und letztlich die Erlaubnis des Bergs harmonisch ineinandergreifen, stellt sich das Gefühl ein, den perfekten Moment zu leben. Tagelang spürt man das spannungsvolle Kribbeln und die Leichtigkeit, mit der alles von ganz alleine zu geschehen scheint. Eine kurze, steile Rinne durch einen Felsriegel. Unten. Geschafft. Aufatmen. Skifahrer haben mich von der Piste aus beobachtet und blicken anerkennend. Ein wenig geschmeichelt fühle ich mich schon, aber im Vergleich mit Steilwandfahrern wie Pierre Tardivel, der seit 30 Jahren eine Erstbefahrung an die nächste reiht, oder Reini Scherer, der in den letzten Jahren unglaubliche Befahrungen in der Mieminger Kette gemeistert hat, ist mein Tourenbuch klein.

ANZEIGE

Schon denke ich an die nächste Abfahrt. Vielleicht eine Erstbefahrung? Im Tourenführerbuch meines Freundes Francesco Tremolada, einem der wenigen Bergführer, die ihre Kunden in die steilen Hänge mitnehmen, habe ich am Rande eines Fotos eine Rinne ohne eingezeichnete Abfahrtslinie entdeckt. Vielleicht wäre sie etwas für mich? Mit ihm gemeinsam? Oder lieber alleine? Oder ich fahre nach Südamerika, zu den Sechstausendern, wo es noch unzählige Erstbefahrungsmöglichkeiten gibt. Oder ich plane etwas gleich um die Ecke, ein bekanntes Wahrzeichen zwischen Innsbruck und Garmisch, noch unbefahren. Wie es heißt, verrate ich nicht, da bin ich wie der Pionier Heini Holzer. Der wollte auch nicht, dass ihm seine Konkurrenten zuvorkommen…

Steilwandskifahrer extrem: Snowboarder an der Nordflanke der Aiguille du Plan bei Chamonix

Extrem: Snowboarder an der Nordflanke der Aiguille du Plan bei Chamonix

Steilwandskifahren: Mutprobe im Hochgebirge
 
Als Steilabfahrt wird eine schwierige ­Skiabfahrt in alpinem Gelände bezeichnet, wobei zu Fuß aufgestiegen wird. Es handelt sich um ­Rinnen und Bergflanken, die über längere Strecken bedeutend steiler als durchschnittliche Skiabfahrten sind. Ab etwa 45° Neigung ist dies der Fall. Die „steilste präparierte Piste der Welt“, die Harakiri in Mayrhofen/Tirol, hat auf nur 150 Metern 38° Neigung.
 
Die größten Gefahrenquellen sind Eis- sowie Steinschlag, Gletscherspalten, Lawinen, Felsabbrüche. Das Absturzrisiko ist immer vorhanden.
 
Voraussetzung sind alpinistisches Können, perfekte Skitechnik und gute körperliche Verfassung.
 
Neben der Skiausrüstung wird oft eine Eis- und Felsausrüstung, bestehend aus Seil, Klettergurt, Sicherungsmittel, Eispickel, Steigeisen etc. benötigt.
 
Als Wegbereiter gelten der Schweizer Sylvain Saudan sowie der Südtiroler Heini Holzer, die bereits in den 1960er-Jahren aktiv waren. Aktuell prägen der Franzose Pierre Tardivel, der
Schwede Andreas Fransson und der Österreicher Reini Scherer die Steilwandskifahrerszene.
 
Insbesondere rund um Chamonix in Frankreich und in den Dolomiten finden sich beeindruckende Abfahrten. Als besonders prestigereich unter Steilwandfahrern gelten Erstbefahrungen. Außerhalb Europas gibt es noch zahlreiche unbefahrene Ziele in Südamerika, im Himalaja und in den Bergen Nordamerikas.