Der Drang nach oben

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Eva Meschede

Foto: Claudia Ziegler

Für die Profikletterin Andrea Maruna ist der Kampf mit dem Fels das Lebenselixier. Ohne den brennenden Wunsch, wieder wie früher allein mit der Kraft der eigenen Hände und Füße die steilsten Wände zu bezwingen, hätte sie die Folgen ihres schweren Unfalls vor sechs Jahren kaum so bravourös überwunden.

Das Schlimmste war die Angst, die Angst zu stürzen: Nachts kam sie, dann fürchtete sie sich, aus dem Bett zu fallen. Und am Tag tauchte sie auch plötzlich auf, „sogar, wenn ich einfach nur dastand, hatte ich Angst umzufallen“, erinnert sich Andrea Maruna. Diese Attacken ließen sie erstarren und nahmen ihr die Luft. Ein mächtiger Gegner, ein schlimmer Feind für die junge Frau. Die Notfallpsychologin in der Klinik sagte, das sei normal nach so einem Unfall und sie half mit Tricks gegen die Bedrohung. So ruhig atmen, wie es nur geht, und möglichst sofort mit jemandem sprechen, dann verliert die Panik ihre Macht.

Heute brauche sie diese Tricks nur noch ganz selten, sagt die 34-Jährige. Nur manchmal spürt sie die Angst noch lauern, etwa wenn sie eine Tour über mehrere Seillängen hochklettert, auf einen hängenden Stand, den letzten Haken, zu. Die „Umlenkung“, an der sie sich festbinden muss, um das sichernde Seil durchzufädeln, ist ihr noch manchmal unheimlich – je mehr sie die ganze Situation an das Unglück erinnert, desto stärker wird das ungute Gefühl. Angst, das Wort würde keinem spontan einfallen, der Andrea Maruna kennen lernt. Sie ist eine der führenden Sportkletterinnen Österreichs, eine Frau, die in höchsten Schwierigkeitsgraden unterwegs ist. An steilen, oft überhängenden Felswänden klimmt sie empor. Ihre Finger ziehen an winzig kleinen Griffen, die Füße finden auf schmalsten Widerständen Halt. Entschlossen klickt sie die Karabiner in die Haken, um das Seil, das sie sichert, einzuhängen.

Freeclimbing – das Klettern nur mit Händen und Füßen, ohne jedes künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung – viele, die es noch nie versucht haben, halten es ohnehin für gefährlichen Wahnsinn, glauben, diese Sportart können nur Frauen und Männer ohne Nerven ausüben, Leute ohne jede Angst zu fallen und ohne jede Panik vor dem Höhenschwindel, Lebensmüde. Andrea Maruna spricht von einem „Restrisiko“, das bleibt, auch wenn man alles nach Vorschrift macht. Wenn das Material – Karabiner, Seile, Gurte – kontrolliert ist, die Partner, also der Sichernde und der Kletternde, sich gegenseitig genau gecheckt haben, Knoten richtig geknüpft, Gurte geschlossen sind, wenn die Bedingungen gut sind, dann ist Klettern kein besonders riskanter Sport. Wahrscheinlich weniger gefährlich als eine Fahrt im Nebel auf der Autobahn. „Ich hatte alles kontrolliert und alles richtig gemacht, es ist trotzdem passiert“, sagt Andrea.

Sechs Jahre ist es her, am 28. Mai 2006, ein schöner Frühlingstag: Die 28-jährige Andrea klettert eine lange Tour an der „Hohen Wand“, einem Klettergarten nicht weit von ihrer Heimatstadt Wien entfernt. Sie freut sich, dass sie die schwere Route geschafft hat und baut oben den üblichen Stand, um sich dann abzuseilen. Plötzlich löst sich das Seil. Sie fällt. 30 Meter tief. Und überlebt. „Sie werden nie mehr gehen können“, hört sie die Ärzte prognostizieren, als sie für die Notoperation vorbereitet wird. „Ich wusste, dass ich nicht querschnittgelähmt bleiben, dass ich wieder klettern werde“, sagt sie selbstbewusst. Sie hat nie daran gezweifelt.

ANZEIGE

Obwohl ihre Verletzungen verheerend sind: Bruch am sechsten und siebten Halswirbel mit Rückenmarkskompression, eine schwere Gehirnerschütterung, Verletzungen an den Beinen, Muskelrisse, überall schwere Prellungen. Sie bekommt eine Platte in den Nacken geschraubt, das Bein in Gips, „eine Woche nach dem Unfall konnte ich aufstehen“, sagt sie und sie ist überzeugt: „Gelähmt hätte ich nicht überlebt.“ Doch sie braucht Geduld. Nach vielen Monaten im Krankenhaus und in der Reha versucht sie sich an ersten Kletterzügen, steigt langsam wieder ins Training ein. Kämpft zuerst vor allem gegen die Angst.

Warum, fragt man sich, musste es wieder das Klettern sein, nach einer so lebensbedrohlichen, traumatischen Erfahrung? „Es hat mich immer so glücklich gemacht“, sagt Andrea, „es hat mir so viel bedeutet.“ Sie sei gar nicht auf die Idee gekommen, etwas anderes zu probieren. Sie wollte ihr altes Leben zurück, der Unfall sollte es nicht ändern, die Angst-Gespenster keine Macht über sie erhalten. Schon als Kind war sie mit ihren Eltern in den Bergen unterwegs gewesen, auf den Großglockner oder den Venediger hat der Vater, der auch Bergführer ist, die Familie geleitet. Andrea ist einer von den Menschen, die Sport so zum Leben brauchen, wie die Luft zum atmen. Als Mädchen turnt sie erfolgreich in Wettkämpfen, ihre Spezialität ist das Reck, hohe Schwünge und Sprünge.

Als junge Studentin entdeckt sie dann das Sportklettern, zuerst in der Halle, dann am echten Fels. Klettern, das bedeutete für sie vor allem draußen zu sein, in der Natur, an glitzernden Seen oder Bächen im Sonnenschein, in schattigen Wäldern, auf grünen Wiesen, an grauen, braunen oder roten Felsen überall auf der Erde. Und Klettern, das ist für sie „Bewegungsintelligenz“. Kein „Move“, keine Strategie, keine Figur ist gleich. „Das ist nicht wie beim Salto, bei dem die Körperhaltung genau vorgeschrieben ist“, schwärmt die ehemalige Turnerin. Klettern ist kreativ, immer neu, immer anders.

Einmal angefangen war Andrea Maruna schon bald mit vollem Einsatz dabei, schnell auf dem Weg an die Spitze. Nebenher studierte sie Sport und Physiotherapie. Heute, als ausgebildete Therapeutin, kann sie den Patienten seit dem Unfall viel mehr geben, sagt die junge Frau, die ihr Fachgebiet mittlerweile auch an der Uni unterrichtet. Sie ist eine Helferin, die selbst schon Hilfe brauchte, die erlebt hat, wie es ist, langsam wieder aufstehen zu müssen. „Oft glauben Unfallopfer nicht, dass es je wieder gut wird.“ Dann sagt Andrea ihnen, dass sie sich an den kleinen Fortschritten orientieren sollen, nicht an dem, was noch nicht geht. „Es ist oft schwierig, den Patienten zu erklären, dass es das Wichtigste ist, nicht an sich selbst zu zweifeln, die Hoffnung nicht aufzugeben “, sagt sie.

Sie kann ihre Erfahrungen einbringen und das eigene Wunder beschreiben, das sie auch mit ihrem Willen und Glauben an sich selbst vollbracht hat. Sie ist ein Vorbild für viele. 2006 ist sie Monate lang mit Gips am Bein auf Krücken gehumpelt, viele Wochen wurde sie verfolgt von schweren Schwindelgefühlen und überwältigender Angst. Drei Monate trug sie eine harte Krause um den Hals. Nach einem halben Jahr konnte sie wieder richtig laufen und übte an einer Kinderkletterwand mit großen Griffen und Tritten. Sie klettert nicht hoch bei diesem Neuanfang sondern arbeitet sich wenige Zentimeter über dem Boden an der Wand entlang. Noch hält sie die Angst unten. Aber sie ist entschlossen, zuversichtlich.

2007 ist sie schon wieder im Training, punktet im August des Jahres mit „Steinfelder“ ihre bis dahin schwierigste Route, im Höllental bei Wien. Eingestuft wird diese mit dem Grad 8b/8b+: mehr Herausforderung ist kaum noch möglich; die kleinteilige „FB-Skala“ endet bei 8c+. Anfang 2008 wird Andrea Maruna als Profi ins Salewa-Kletterteam geholt. Sie ist zurück an der Spitze, sammelt Routen im enorm schweren 8. Grad. Erst kürzlich meldete die Kletterszene begeistert, dass Andrea im Juli dieses Jahres in ihrem Lieblingsklettergebiet wieder eine Route mit rekordverdächtigem Schwierigkeitsgrad geknackt hat (Indo Times 8b+). Das Höllental sei der perfekte Platz, „ein enges Tal, ein glasklarer Fluss, rechts und links hohe Wände, idealer Fels“, schwärmt sie. Hier ist schon in den 80-er Jahren schwer geklettert worden, ein Ort mit Tradition, ihr Heimatgebiet.

Oft kann man sie dort am Fels beobachten, wenn sie nicht gerade in der weiten Welt unterwegs ist, in Südafrika etwa oder derzeit in Australien, wo sie bis September dieses Jahres einige schwere Wände hochgeht. Er ist sechs Jahre her, aber der Unfall ist nicht vergessen, zwei Finger kann sie nicht richtig spüren und ein Bizeps hat nicht die volle Kraft zurückerlangt: „Es geht ja trotzdem“, versichert die Athletin und ihre Stimme klingt fröhlich. Die Angst hat sich wieder klein gemacht, nur manchmal schaut sie kurz vorbei. Etwa, wenn Andrea am Ende einer Route einen Stand bauen muss. „Zum Glück gibt es keine Knotenbandschlingen mehr“, findet sie.

Seit ihrem Unfall werden nur noch genähte Schlingen verwendet – sich mit einer verknoteten Schlinge am obersten Haken festzubinden, eine uralte Praxis, ist nicht mehr üblich nachdem Andrea stürzte. „Todesschlingen“, schimpften einige, als die Ursache für ihren Unfall dokumentiert war. Eine Felsspitze hatte sich in den von Andrea geknüpften Knoten gebohrt und ihn dann gelöst. Schon immer kontrolliere sie ihr Material sehr penibel, erzählt Andrea; sie ist noch vorsichtiger geworden. Aber etwas sei noch wichtiger: „Ich muss immer weiter Vertrauen gewinnen“, sagt sie. Vertrauen ins Leben, in die Zukunft und ins Glück.“