Kinder von der Leine lassen

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wenn sie über Wiesen sausen, auf Felsen klettern, den Ameisen zuschauen oder Dämme bauen, bekommen Kinder leuchtende Augen. Mehr Spaß als im Gebirge gibt es nirgendwo. Doch mit dem fröhlichen Erleben verbindet sich tiefer Nutzen, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein. Der Ressortleiter für Breitensport weiß dies dank seiner Ausbildung und aus Lebenserfahrung: Der studierte Lehrer ist Vater dreier Kinder. Das Interview führte Claudia Teibler

Warum ist es so wichtig, mit seinen Kindern Zeit in den Bergen zu verbringen?

Sie profitieren davon auf extrem vielfältige Weise. Sie können tolle Erlebnisse mitnehmen – ein Effekt, den man nicht unterschätzen sollte, weil dies ein Leben lang prägen kann. Der Gegenpol ist, dass sich nachhaltig ein Verhalten einstellt, das Kindern in ihrem Erwachsenwerden hilft, beispielsweise weil sie gelernt haben, dass man sich für ein schönes Erlebnis auch anstrengen muss, dass man nicht gleich aufgibt, wenn man müde oder lustlos wird, und dass man verantwortungsvoll mit seiner Umwelt umgeht.

Immer wieder gibt es alarmierende Berichte über motorische Defizite, gerade bei Kindern, die in der Stadt aufwachsen. Beispielsweise heißt es, dass viele Vierjährige heute nicht rückwärts laufen oder auf einem Bein stehen können – was ein Kindergartenknirps vor vierzig Jahren noch mühelos schaffte. Können Ausflüge ins Gebirge dazu beitragen, solche Fähigkeiten wieder auszubilden?

Die zwischen 2003 und 2006 durchgeführte sogenannte KIGGS-Studie hat Entwarnung gegeben: Um die Bewegungsfähigkeit der Kinder ist es, sofern die Eltern verantwortungsvoll mit dem Medienkonsum ihrer Sprösslinge umgehen, gar nicht so schlecht bestellt. Allerdings sind sie in ihrem alltäglichen Umfeld kaum herausgefordert, Dinge auszuprobieren. Alles ist organisiert, abgesichert und geregelt. Selbst auf dem Spielplatz verläuft alles in vorgegebenen Bahnen: Eine Schaukel ist zum Schaukeln da. Viel mehr kann ich damit nicht anfangen. Das Gebirge dagegen fordert auch zu Bewegungen heraus, in denen ich sonst nicht so geübt bin: klettern und steigen, laufen und tollen über Stock, Stein und Bach … Vorgegeben ist nichts: Man muss sich als Kind in der Natur erst einmal treiben lassen und kreativ werden, Ideen entwickeln, was sich mit dem Vorgefundenen anfangen lässt. Und ich muss mich bewegen, um etwas zu erleben. Zu Hause kann ich, zum Beispiel vor dem Fernseher, auch ein Erlebnis haben, ohne nur eine Zehe zu krümmen.

Wie reagieren Kinder auf das Gebirge, die dort nicht so oft hinkommen?

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Im kindlichen Geist ist Bewegungsfreude zwar vorprogrammiert – es kommt aber gar nicht so selten vor, dass sie sich in der freien Natur zunächst nicht trauen, loszulaufen.

Liegt das vielleicht auch an den Erwachsenen?

Die Ursache hierfür ist etwas, das ich den einzelnen Eltern gar nicht zum Vorwurf machen kann: In unserer zivilisierten Wohlstandsgesellschaft ist der Anspruch an Sicherheit sehr hoch; er hat in den letzten Jahren definitiv noch zugenommen. Risiken werden so gut wie nicht mehr akzeptiert. Ich glaube, dass Eltern aus dieser gesellschaftlichen Grundhaltung heraus den Druck spüren, immer wissen zu müssen, was ihr Kind gerade macht. Sie fühlen sich verpflichtet, alle Gefahren auszuschließen und immer sofort einschreiten zu können, wenn es brenzlig wird. Dass Kinder, wie in meiner eigenen Kindheit noch üblich, unbeaufsichtigt durch Höfe und Gärten ziehen, kommt so gut wie nicht mehr vor. Unsere starke Verankerung in Wohlstand und Sicherheit erzwingt den Reflex, dass man sich für seine Kinder immer verantwortlich fühlt. Dadurch fällt es schwerer zu akzeptieren, dass es auch Situationen gibt, und geben muss, in denen niemand verantwortlich ist.

Spielt dieses Sicherheitsdenken auch für das Verhalten der Erwachsenen eine Rolle?

Wenn Sie Erwachsene im Gebirge beobachten, merken Sie schnell, dass auch sie nicht mehr daran gewohnt sind, draußen unterwegs zu sein, Gefahren zu begegnen und Risiken zu meistern; Bergsportler haben hier gewisse Vorteile. Was man vor allem nicht mehr kennt, ist es, sich auf Terrain zu begeben, wo nichts geregelt ist und es niemanden gibt, der für die Dinge, die passieren, verantwortlich gemacht werden kann. Diese Entwicklung können sie auch bei vielen Bewegungsangeboten in touristischen Zentren beobachten, die mit einem gewissen Pseudo-Risiko ausgestattet sind: Ich klettere, gut gesichert, durch einen extra aufgebauten Abenteuerparcours, ich stürze mich, alle instinktiven Ängste überwindend, eine Brücke hinunter, vom Bungee-Seil gehalten. Dabei ist es eigentlich für Eltern wie für Kinder wichtig, genau das Gegenteil zu lernen: Nicht mit doppeltem Boden den absoluten Nervenkitzel zu suchen, sondern sich selbstverantwortlich auf das Gebirge einzulassen und bedachtsam mit den vorhandenen Risiken umzugehen.