Mit Schwung durch die Skigeschichte

Mit Schwung durch die Skigeschichte

© Foto: Kilian Blees

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Meterhoch Pulverschnee, unberührte Hänge und bequeme Liftverbindungen – ein Traum für Freeride-Fans, der im kleinen Dorf Warth in Vorarlberg Wirklichkeit wird. Wer die „Pfarrer-Müller-Tour“ unternimmt, bekommt neben dem perfekten Skierlebnis auch einen Ausflug in die Geschichte des Wintersports. (ALPS Magazine #15 2/2013 Review)

Wie das Innere eines Kanonenrohrs schießt das Gelände eng und steil in die Rinne hinab. Oben stehen vier Skifahrer, sie blicken hinab in das finstere Loch und warten. Hubert Strolz ist einer davon, er ist ein einheimischer Skiführer und brachte die Gruppe hierher. Er mustert den Schnee in der Rinne, sucht nach dem sichersten Weg, damit keine Lawine abgeht und jemanden verschüttet. Die „Klemm“, wie diese Passage heißt, ist der schwierigste Teil einer Freeride-Tour, die den ganzen Tag dauert und Skifahrern ein gewaltiges Erlebnis bieten soll. Genau dort steht jetzt Hubert Strolz mit seinen Gästen. Er deutet mit dem Arm in die Rinne, wirft der Gruppe ein paar Kommandos zu und schwingt sich ins Steilgelände. Hubert Strolz ist 50 und arbeitet als Skiführer. Er zeigt Variantenfahrern das Gelände jenseits der Grenzen des gesicherten Skigebietes und bringt sie zu den schönsten Pulverschneehängen der Umgebung.

So auch heute. Das Gelände zwischen Warth und Lech bietet eine der schönsten Freeride-Touren weit und breit: Von Warth nach Lech am Arlberg und wieder zurück. Seit dieser Saison vermarkten die Skilifte Warth die Runde unter einem neuen Namen: Die sogenannte „Pfarrer-Müller-Tour“ soll die Geschichte des Skifahrens in dieser Gegend aufarbeiten und sie den Touristen vermitteln, die in Warth Urlaub machen. Der Begriff geht zurück auf Pfarrer Johann Müller, der Ende des 19. Jahrhunderts Priester in Warth war. Jeden Winter musste er lange Wege durch tiefen Schnee zurücklegen. Als Müller im Jahr 1894 in der Zeitung las, dass die Menschen in Skandinavien zur Fortbewegung im Winter Ski benutzten, besorgte er sich ein Paar und probierte sie aus. Damit ihn niemand beim Üben sehen konnte, trainierte er nachts.

Irgendwann meisterte er auf Ski den tief verschneiten Weg hinüber nach Lech und bewies so, dass seine „Schwedischen“, wie er sie nannte, ein praktisches Fortbewegungsmittel waren, mit dem man im Schnee weniger einsinkt und bequemer laufen kann. Irgendwann kapierten das auch die Dorfbewohner und taten es dem Pfarrer gleich. Das Skifahren am Tannberg, wie die Gegend um Warth heißt, war geboren. Heute ist Warth ein 160-Seelen-Dorf mitten in den Bergen. Es liegt knapp 1500 Meter hoch, genau dort, wo die Grenzen Tirols, Vorarlbergs und Bayerns aufeinandertreffen. Jeden Winter fällt dort angeblich mehr Schnee als sonstwo in Europa. Elf Meter sollen es im Durchschnitt sein. Perfekt für den Skisport.

Doch zurück zum Aufbruch am Morgen: Hubert Strolz stapft durch knietiefen Schnee. Er schwitzt, reißt seinen Helm vom Kopf, öffnet die Jacke und stapft weiter. In seitlichem Schritt tritt er mit Ski an den Füßen den Hang hinauf. Und das, obwohl einige Meter weiter ein Sessellift die Skifahrer im Sekundentakt ausspuckt. Doch das Skigebiet mit seinen Pisten, das interessiert Hubert Strolz und die Skifahrer in seinem Schlepptau heute wenig. Das offene Gelände dafür umso mehr. Gewalzte Pisten, künstliche Beschneiung, Après-Ski-Treiben – all das ist beim Variantenfahren Fehlanzeige. Auf die Freerider warten stattdessen anstrengende Stapf-Etappen, Fußmärsche und Lawinengefahr – und makellose Pulverschneehänge ohne die Furche einer einzigen Skispur. Zumindest heute.

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Die Tage zuvor fiel so viel Neuschnee, dass selbst die breitesten Ski bis zum Knie in das weiße Pulver einsinken. Aus Sicht der Lawinensicherheit eine heikle Situation, immerhin haben starke Windböhen den frischen Schnee verfrachtet und im Windschatten-Gelände abgelagert. Das Ergebnis sind empfindliche Schneepolster, die beim Queren einer Skifahrergruppe besonders leicht Lawinen auslösen. Doch Hubert Strolz kennt jeden Hang in der Gegend ganz genau, sommers wie winters, er erkennt eingeblasene Stellen und weiß, auf welchem Untergrund der Neuschnee liegt. „Sonst würde ich die Tour mit euch heute natürlich nicht machen“, sagt er. Strolz gibt sich einen Ruck mit den Stöcken, die Gruppe beschleunigt, der weiche Schnee weht pulverisierend wie Staub um die Körper der Skifahrer. Momente, in denen sich das Skifahren in Fliegen verwandelt. Zwei Bretter, Pulverschnee, Sonne und Geschwindigkeit: das totale Skierlebnis. Eines, wie es Speicherteiche, Schneekanonen und Pistenwalzen niemals bieten können.

Die Gruppe schwebt geräuschlos und geschmeidig den Hang hinab. Weiter geht es zur Siedlung Bürstegg, einem alten Dorf der Walser, das mehrere Hundert Jahre alt ist. Blockhäuser aus dunklem Altholz, Fenster klein wie Bullaugen, eine Kapelle und Schnee bis übers Dach. Bürstegg ist eine der ältesten noch erhaltenen Siedlungen jener Menschen, die im 14. Jahrhundert vom Schweizer Wallis an den Tannberg kamen, weil ihre ursprüngliche Gegend einfachzu wenig hergab für so viele Menschen. Also wanderte ein Teil ab und ließ sich in der Gegend nieder, wo heute die drei Bundesländer Vorarlberg, Tirol und Bayern aneinander grenzen. Mittagspause in einem Bergrestaurant im Skigebiet Lech. Skifahrer-Trubel, dazwischen edles Holz, edle Weine und edler Schmuck. Hubert Strolz wirft einen kameradschaftlichen Gruß in die Runde und bittet um ein paar Restplätze. Am Nebentisch gibt es Rucolasalat mit Rinderfilet, die Freerider bleiben bei Saftschorle und Knödelsuppe.

Bis 1994 war Strolz als Rennfahrer im Skizirkus aktiv, reiste jahrelang für Weltcuprennen um den Globus und nahm bei den Olympischen Spielen von Sarajevo bis Albertville teil. Bei Olympia in Calgary gewann er Gold in der Kombination. Nach dem Ende der Rennfahrerei machte er das Skilehrer-Diplom, wurde Skiführer und übernahm zehn Jahre lang die Leitung der örtlichen Skischule. Ein Mann, der sein Leben auf Ski verbracht hat, und für den nichts anderes in Frage kommt. Strolz war bei der Gendarmerie und arbeitete bei der örtlichen Bankfiliale. Daheim wartete der Hof auf ihn. Ein paar Milchkühe, eine Gästepension, zwei Kinder und im Sommer die harte Arbeit beim Heumachen. Weggehen aus Warth wollte er nie. „Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass ich hierher gehöre“, sagt Strolz. Vom Mohnenfluhsattel führt eine lange und wilde Abfahrt hinab nach Norden, zurück ins Skigebiet Warth-Schröcken. Kein Mensch war hier seit dem letzten Neuschnee, keine Spur führt die Hänge hinab, an der man sich orientieren könnte. Ohne ortskundigen Führer würden sich die meisten hier hoffnungslos verfahren – und irgendwann im extrem steilen Gelände festsitzen.

Wieder fährt Strolz voran, wieder staubt der Schnee und bricht sich im Sonnenlicht. Ein Traum. Kurzes Sammeln, ein paar Fotos, durchschnaufen und weiter. Hinab, hinab, endlos hinab. Bis zu der Stelle, an der sich Hubert Strolz konzentrieren muss, die Klemm. Es ist schon Nachmittag, die Sonne verschwindet hinter dem Berg, zurück bleiben Schatten und Kälte. „Einzeln fahren und nicht stürzen“, sagt Hubert Strolz. Er rast als Erster in die Rinne, umfährt das gefährliche Schneepolster, das der Wind verfrachtet hat und wedelt den steilen Hang hinab. Seitlich begrenzen Felsen die Rinne. Der einzige Ausweg aus diesem Kanonenrohr wartet am unteren Ende. Eine Lawine wäre jetzt eine Katastrophe, und so folgen die anderen Skifahrer einzeln. Im Extremfall können sie sich so gegenseitig suchen. Aber der Hang hat gehalten, die „Pfarrer-Müller-Tour“ geht an diesem Tag gut. Wie bislang jedes Mal, wenn Hubert Strolz eine Gruppe führte, der Mann mit dem Gespür für Schnee.