Mondgeschöpf

St. Leonhards: Wie man auch zum Vollmondwasser steht – der Zauber der Nacht ist einzigartig

St. Leonhards Wie man auch zum Vollmondwasser steht – der Zauber der Nacht ist einzigartig © Foto: Kilian Blees

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Bei Ebbe und Flut ist der Einfluss des Erdtrabanten auf das nasse Element für jeden sichtbar. Doch Frau Luna wirkt auch im Verborgenen. Heilwasser, das bei Vollmond aus dem Brunnen sprudelt, wird eine besondere Wirkung auf Geist und Körper nachgesagt. Oder sollte alles nur an der Magie der hellen Nächte liegen? Eine Spritztour zum Wasser-Mekka Leonhardspfunzen (ALPS Magazine #17/2013 Review)

Ich habe einen wilden Onkel. Früher war er Bodybuilder, und davor, noch zu Teenagerzeiten, Mitglied einer Motorradgang im Münchner Norden. Auch heute fährt er noch gern Motor­rad, doch zu seinen bevorzugten Zielen zählen nun nicht mehr Rockertreffen und wüste Besäufnisse, sondern zum Beispiel die Sankt Leonhardsquelle in der oberbayerischen Gemeinde Stephanskirchen. Denn mein großer, starker Onkel hat auch seine zarten Seiten – wie etwa eine ausgeprägte Sensibilität für das Thema Trinkwasser. Dem städtischen Leitungswasser traut er längst nicht mehr über den Weg. Darum braust er regelmäßig – seine Yamaha bestückt mit allerlei Glasgefäßen – in den Ort Leonhards­pfunzen, um das dort entspringende Heilwasser gleich literweise abzuzapfen.

Wie eine grüne Schlucht nimmt sich die zum Inn absinkende Flusslandschaft aus, durch die der Weg zur Quelle führt. Die Brunnenkapelle, die dem Heiligen Leonhard geweiht ist, steht dann aber eher unspektakulär auf einem kleinen, asphaltierten Dorfplatz. Das christliche „Auge der Vorsehung“ ziert ihren Giebel. Es macht sich gut da, gilt das Wasser hier doch auch als „Augen­wasser“, das Leiden der Sehorgane lindert. Vor dem kleinen öffentlichen Brunnen gleich daneben stehen die Menschen nicht selten Schlange. Erst seit einigen Jahren ist sein Wasser ganz klar – ein Quarzsandfilter wurde installiert, der das überflüssige Eisen heraussiebt: „A recht a roade Briah woar’s“, weiß ein vollbärtiger Lang­zeitbesucher noch, der hier sein Trinkwasser holt, um so die Folgen starken Rauchens auszu­gleichen.

Kanister, Karaffen, Flaschen scharen sich an dem steinernen Becken: der umgekippte, hohle Fuß eines römischen Altars, denn schon die Römer schätzten, wie die Kelten zuvor, das hiesige Wasser und errichteten ihre Kultstätten hier. 1734 dann wird die Quelle erstmals schrift­lich erwähnt. Da, so heißt es, erschien Sankt Leonhard einem Kranken im Traum und pro­phezeite ihm Heilung durch ein ganz besonderes Wasser. Kurz darauf fand dieser die Quelle, trank von ihr und wurde gesund.

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Heute aber ist ein großer Tag für viele Wasser­jünger. Oder vielmehr: eine große Nacht. Denn es ist Vollmond, und dem jetzt emporsprudelnden Wasser sagt man außergewöhnliche Heilkräfte nach. Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich die biophysikalische Qualität von Wasser mit den Mondphasen ändert. Wolfgang Ludwig, einem Physiker und Pionier der Alternativmedi­zin, gelang es, in Wasser, das bei Neu- und bei Voll­mond aus der gleichen Quelle abgefüllt wurde, unterschiedliche elektrische Leitwerte nachzuweisen. In Leonhardspfunzen ist es die unweit vom Kapellenbrunnen gelegene „Mondquelle“, die besonders stark auf den bleichen Himmels­körper reagiert: Sie soll gegen Elektrosmog helfen, und, bei Vollmond geschöpft, gegen Blockaden und Krankheitsbilder aller Art. Der französische Ingenieur und Wasserforscher Louis-Claude Vincent hat eine Formel entwickelt, die aufzeigen kann, dass sich die biophysikalischen Qualitäten des hiesigen Mondquellenwassers bei Vollmond um das Neunfache steigern.

Dennoch seien solche Erkenntnisse ähnlich grenzwissenschaftlicher Natur wie zum Beispiel die homöopathische Lehre, räumt das Wasserunternehmen St. Leonhards ein. Erst mitte der Neunziger Jahre kaufte der Immobili­enmakler Johann Abfalter, der die Heilkraft des Leonhards-Wassers selbst erfahren hat, jenen Teil der Sankt-Leonhards-Quelle, der bereits zuvor von einem Getränkehersteller vermarktet wor­den war. Wenige Jahre später ließ er die Mond­quelle erschließen, deren Wasser nun ebenfalls im Handel angeboten wird: Vor allem die „Voll­mondabfüllung“ will aber vorsichtig, fast wie eine Arznei, dosiert werden: „Es gibt Leute, denen von zu viel Vollmondwasser schwindlig wird. Andere können nicht schlafen, weil es so viel Energie hat“, erklärt Johann Abfalters Sohn Martin, einer der Chefs im Familienbetrieb.

Wie man auch zum Vollmondwasser steht – der Zauber der Nacht ist einzigartig

Mit mittlerweile acht Wässern aus sechs Quellen – vier sind vor Ort, zwei weitere befinden sich in Ruhpolding – ist die Marke in der Biobranche extrem erfolgreich. Martin Abfalter lädt uns zu einer Verkostung sei­ner stillen Wässer ein. Was für den eigenen Orga­nismus gut sei, entscheide der Gaumen, davon ist er überzeugt: „Das richtige Wasser schmeckt einem am besten.“ Und wirklich, die sechs Schluck Flüssigkeit munden sechs Mal anders: mal weich und anheimelnd, mal schal und fade. Den ganzen Tag über bis in die tiefe Dunkel­heit hinein parken immer wieder Autos vor dem öffentlichen Brunnen. Der SUV des gutbürger­lichen Ehepaars, das seinen Enkeln nur Wasser aus dieser Quelle zu trinken gibt. Das Dreirad­auto eines jugendlichen Veganers, der das Nass für seine fleischfressenden Pflanzen schöpft. Manche von ihnen glauben ans Vollmondwas­ser, anderen ist das einerlei.

Wer auf die Kraft des Mondes baut, sollte allerdings auch bei Neumond einmal einen Ausflug nach Leonhardspfunzen unternehmen: Nach derzeitigem Kenntnisstand, weiß Martin Abfalter, habe das Brunnenwasser nach der Vincent-Formel zu diesem Zeitpunkt seinen definitiv stärksten Tag. Es ist fast elf, als der volle Mond es endlich über die Hangwaldwipfel auf den Uferhöhen schafft. Die Flussnacht taucht nun in sein Licht, ein weißes Haus blendet auf einem Hügel, und auch die Kapelle, im Innern noch immer von Kerzen­flackern erleuchtet, strahlt. Die stillen Auentümpel und Nebenarme des Inns sind jetzt verwunschene, von Wasserpflanzen durchwobene Mondspiegel, die kniehohen Kaskaden eines Bachlaufs wirken wie hauchzarte Vorhänge, Tore zu einer anderen Welt. Über allem liegt ein Film aus Silbermilch. Spätestens jetzt verstehe ich meinen Onkel und alle anderen Mondwassersüchtigen: Schon die Natur in ihrem nächtlichen Lichtrausch rockt hier auf ihre ganz eigene Art.