Fitzcarraldos Erben

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Ruth Händler

Wie in dem Filmklassiker von Werner Herzog ziehen zwei Münchner Künstler ein Schiff durch unwegsames Gelände. Statt durch den peruanischen Urwald quälen sich Wolfgang Aichner und Thomas Huber über die Alpen und landen am Ende in Venedig. Ihr Projekt „passage2011“ ist offizieller Beitrag zur Biennale. Alps-Fotograf Thomas Straub hat sie unterwegs begleitet.

Am Anfang war das Bild. Feuerrotes Boot in heroischer Berglandschaft. Surrealer Fremdkörper. Vor dem inneren Auge des Malers aufgetaucht. Nie angekommen auf der Leinwand. Dafür im richtigen Leben. Umtost von Stürmen, gepeitscht vom Schneeregen rumpelt und rutscht ein ausgewachsener schrillroter Glasfaserlaminat- Kahn über die Zillertaler Geröllhalden, Firnhänge, Gletscherflanken. An seinen Seilen ziehen die Künstler Wolfgang Aichner und Thomas Huber. Das 150 Kilogramm-Teil muss den Berg rauf, von 1895 Meter Höhe auf 3009 Meter. Dann wieder runter auf 1850 Meter. So die Mission. Ob möglich oder unmöglich, das wird sich weisen. Die Bildidee hat sich entwickelt zu einem „aktionistischen, transalpinen Drama“. Eigenfüßig, eigenhändig und eigensinnig wollen die beiden Münchner ihr selbst gebautes Boot über den Alpen-Hauptkamm nach Venedig bringen. „Eine große Metapher für das menschliche Streben“, erklärt der Kunstwissenschaftler Christian Schoen. „Wohin geht unsere Reise?

Alles muss immer schöner, schneller, größer sein. Wir setzen unseren Weg unbeirrbar fort – auch wenn wir wissen: Das ist totaler Quatsch, was wir machen.“ Christian Schoen ist der Kurator des Projekts. Monatelang wurde geplant. Am Ausgangspunkt München und in Venedig, wo „passage2011“ offizieller Beitrag der 54. Kunstbiennale ist, kann man in einer Videoinstallation die Expedition verfolgen. Kameramann Matthias Fuchs begleitet die Künstler. Nach dem aufreibenden Tagwerk, dem Aufstieg zum Boot, der stundenlangen Rackerei mit dem Flaschenzug, dem Abstieg am Spätnachmittag, geht es abends im Basislager weiter mit Computerarbeit. Filme und Fotos werden gesichtet, Tagesnotizen verfasst, Dateien versandt – wenn der Standort „Netz“ hat.

Auf der virtuellen Route im Internet markieren rote Bootssymbole wie Perlen einer Kette den Fortschritt. Alles ist organisiert. Auch die Genehmigung, das Boot zu Wasser zu lassen am venezianischen Rio dei Santi Apostoli, damit es von dort im triumphalen Schlussakt den Canal Grande erreicht. „Mit uns beiden als Kapitäne, unter der Rialto-Brücke durch, oben Fähnchen schwenkende Kinder, dem Sonnenuntergang entgegen“ – so soll es sein. 22 Tage sind sie unterwegs. Ohne die Sicherheit, dass sie ankommen werden mit ihrem Kunstwerk. Wundgescheuerte Hände, schwere Beine, gezerrte Rückenmuskulatur, Schulterschmerzen. Jeden Morgen wieder hinein in die nassen Stiefel und beim Blick in den Himmel das Erstaunen, „dass wir so viel Pech haben mit dem Wetter.“

Drei Wochen permanente Bootstaufe von oben. Mal Pappschnee, mal Regen. Keine Proben auf der großen Naturbühne, die vom Furtschaglboden über den Alpen-Hauptkamm bis zum Südtiroler Lago di Neves reicht. Eine Aufführung. Scheitern oder Gelingen. Es gibt das Vertrauen in die eigene alpinistische Erfahrung und in die Kraft des Teamgeists: „Wir sind zwei Dickschädel, die sich hundertprozentig aufeinander verlassen können.“ Das wissen Wolfgang Aichner und Thomas Huber, seit sie gemeinsam eine Extremsituation am Berg durchgestanden haben. 1988 überquerten sie den isländischen Vatnajökull, den größten Gletscher Europas, gerieten in einen gigantischen Wirbelsturm und mussten über zwei Wochen im Zelt ausharren. „Wir haben uns immer gesagt: Irgendwann spielt dieses Erlebnis hinein in die gemeinsame Arbeit.“

Jetzt aber geht es nicht um die sportliche Herausforderung. „Als Alpinisten würden wir uns eine ganz andere Route suchen hoch zum Neves-Sattel“, erklärt Thomas Huber. Nun spielt das Boot die Hauptrolle. Ächzend, stöhnend und jaulend hängt es in den Seilen. Es darf nicht zerbrechen bei der Schlepperei über Stock und Stein, nicht zerschellen an steilen Felsplanken. „Es muss seinen Weg finden. Wir helfen ihm.“ Aus ihrer ungewohnten, neuen Perspektive, als Darsteller in „supporting roles“, stellen die beiden fest, „driftet das Nur-Bergsteigerische schon fast ab in Egoismus. Für ein höheres Ziel zu kämpfen, das gibt eine ganz andere Motivation.“ Wochenlang sind sie „kleine demütige Punkte in einer wundersamen Welt“. Streifen den Wahnwitz des Fitzcarraldo mit seiner Schiffsverschleppung durch den Urwald, die vergebliche Mühe des Sisyphos.Zeigen Tag für Tag, wie schwierig es ist, ein Boot über die Alpen zu ziehen.

Damit es dann, im riesigen Rahmen der venezianischen Schau und ihrer vielen Satellitenausstellungen, ein Kunstwerk ist unter Tausenden, die eingeflogen wurden aus der ganzen Welt. Ist das nicht absurd? „Heute hantiert man so schnell mit der Parole: Das macht Sinn“, sagt Wolfgang Aichner. „Wenn man Dinge macht, die gesellschaftlich akzeptiert sind, macht das automatisch ‚riesig Sinn’: der vermeintlich sinnvolle Job, um sich Akzeptanz zu erkaufen, dazu den Lebensstandard mit repräsentativer Wohnung und repräsentativem Fahrzeug, all das affige Zeug, für das sich die Leute abarbeiten. Da zieh’ ich doch lieber gleich ein Boot über den Berg. Das ist von vorneherein ganz ehrlich sinnlos, und ich habe dabei sogar eine Aufgabe, die mir etwas gibt.“

Wie im richtigen Drama ist auch im transalpinen Drama am Höhepunkt nichts entschieden: Am Tag 16 ihrer Reise stehen Wolfgang Aichner und Thomas Huber auf dem Gipfel und ihr Boot direkt auf der Grenze nach Italien. Vor ihnen klafft der Abgrund: Die 70 Meter abfallende Steilwand kündigt den letzten Akt an. Das Boot muss runtergebracht werden zum Neves-Stausee. Katastrophe oder Apotheose – noch wissen die abgekämpften Helden nicht, auf welchen Ausgang sie zusteuern. Nun braucht es ein wenig Glück. Aus dem Südtiroler Ahrntal eilt unverhofft ein Helfer herbei. Der Bergführer und Bildhauer Alois Steger hat die Expedition per Internet verfolgt und meint, dass etwas Unterstützung im kritischen Abstiegsbereich vielleicht nicht schlecht wäre. Er bringt mit: eine Brotzeit, beste Ortskenntnis, Verständnis für die Künstlerpsyche und Manpower. ALPS-Fotograf Thomas Straub, der die To(rt)ur der beiden Künstler auf der Südseite dokumentierte, sprach mit Alois Steger.

Wie bist Du darauf gekommen, zwei Unbekannten Unterstützung anzubieten?

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Das war schon etwas gewagt. Ich habe mich nicht aufdrängen wollen. Als Künstler weiß ich, dass man sehr respektvoll sein muss, wenn man nicht eingebunden ist in eine Aktion. Aber mir war klar, was die durchstehen müssen. Ich habe selbst schon Land Art auf 3000 Metern gemacht. Also konnte ich nachvollziehen, was das bedeutet, in dem Gelände mit einem Schiff unterwegs zu sein. Noch dazu bei Dauerregen. Ich wollte nicht, dass dieses spannende Projekt ins Wasser fällt.

Wo hast Du die beiden getroffen?

Ich hatte eine Mail geschickt und gefragt, ob ich etwas beitragen kann. Der Kurator hat mir dann bestätigt, dass das Basislager auf die Südseite verlegt worden war. Um fünf Uhr morgens bin ich losgegangen und habe sie am Neves-Stausee getroffen. Ich habe angeboten, mit ihnen aufzusteigen bis zum verankerten Boot und ihnen etwas abzunehmen vom Gewicht. Ich habe gespürt, dass meine Hilfe willkommen ist.

In welchem Zustand hast Du sie erlebt?

Ausgelaugt, durchnässt. Sie hatten die Grenze dessen, was körperlich möglich ist, überschritten.

Du bist ein erfahrener Alpinist. Findest Du die Aktion waghalsig?

Als ich im Internet zufällig auf die Ankündigung der Aktion stieß, war mein erster Gedanke: Die Zwei müssen super sein am Berg, sonst geht das von Anfang an schief. Die müssen alle wichtigen Techniken beherrschen zu Seil, Sicherung und Flaschenzug. Auf der Südseite ist es zwar etwas leichter, weil das Boot nicht mehr hinaufgezogen werden muss. Es sind aber ständig Moränen und Steine im Weg. Das ist ein gewaltiger Kraftaufwand, immer nach links oder nach rechts zu ziehen und die ideale Linie zu finden.

Du hast einen der härtesten Tage miterlebt. Der Regen kam einem fast waagrecht entgegen. Man hatte das Gefühl, man ertrinkt, wenn man den Mund offen lässt …

Das schaffen wirklich nur Leute, die hartnäckig eine Idee verfolgen und abschließen wollen. Wer halst sich schon so einen Kraftakt auf – noch dazu mit ungewissem Ausgang? Aber ich finde es gut, den Menschen zu zeigen, dass es in unserer perfektionierten, mechanisierten Gesellschaft auch was anderes gibt als das Abgesicherte. Dass man Dinge machen soll, die absurd sind. Es ist einfach schön, dass auf diesem Weg ein Schiff von München in die Lagune kommt. Eine Leistung, die sich sehen lassen kann. „Wäre nicht der Südtiroler Künstlerkollege und unser neuer Freund Alois Steger, der nach kürzeren Hilfestellungen in den letzten Tagen heute voll mithilft, würden wir abgekämpften Veteranen in der durchziehenden Kaltfront wohl die Segel streichen“, notieren Wolfgang Aichner und Thomas Huber am Tag 21 von passage2011. Und am Tag 22: „Staunend betrachten wir heute Morgen die fast vergessene Farbe Blau am Himmel. Das gibt uns Mut und Enthusiasmus und die Steilflanke ins Ursprungtal meistern wir im Sturm … Einen guten Kilometer ziehen wir voller Elan das Boot zum Nevessee … Jubelnd legen wir über eine Almwiese gar einen Endspurt hin und werfen uns keuchend ins Gras – es ist geschafft!

 

Die Münchner Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner, beide 1965 geboren, realisieren seit 1995 gemeinsame Projekte unter dem Label GÆG (Global Aesthetic Genetics). Die Schau passage2011 ist ihre bislang größte Aktion. Daneben arbeiten sie individuell in den Bereichen Malerei, Installation, Video und Kunst im öffentlichen Raum. Das Boot, das sie über die Alpen gezogen haben, ist bis 11. September mit einer Videoinstallation und der Dokumentation der Tour bei der Biennale in Venedig zu sehen. Der Ort: Scuola dell’Angelo Custode, Comunità Evangelica Luterana di Venezia, Campo Santi Apostoli (Vaporetto-Halt Ca’d’Oro oder Rialto). Im Internet unter: www.passage2011.org