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Wie reagieren Gebirgspflanzen auf den Klimawandel? Ein neues Forschungsprojekt auf dem Schachen wird Antworten liefern, aber nicht unbedingt erfreuliche.

Was für eine Widerstandskämpferin! Die Silberwurz hat smarte Strategien entwickelt, um sich auf den Geröllhalden des Wettersteingebirges, deren oberste Schichten in Bewegung sind, zu behaupten. Über den Schutt legt sie eine robuste Decke aus bewurzelten Zweigen und bildet so feste Inselchen auf dem losen Boden. Hier oben herrschen raue Sitten. Der ständig wehende Wind rasiert die Polsterpflanzen und reißt Furchen in die Rasen. Wer hier zurechtkommt, ist ein Meister der Anpassung. Aber gerade für diese Spezialisten verdüstert sich die Zukunft. Um den Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die alpine Flora zu untersuchen, wurde nun im Alpengarten auf dem Schachen ein Forschungsprojekt initiiert.

Die 1860 Meter hoch gelegene Außenstation des Botanischen Gartens München ist einen Steinwurf vom Königshaus Ludwig II entfernt und Mitte Juni bis September geöffnet: Auf kleinstem Raum versprüht die artenreiche, einmalige Pflanzenwelt der Gebirge ihren Charme. Andreas Gröger, der als Oberkonservator des Münchner Gartens das alpine Schmuckstück wissenschaftlich betreut, kooperiert für das Projekt mit Annette Menzel. Die Professorin der Ökoklimatologie am Forschungszentrum Weihenstephan hat am viel beachteten letzten Report des UN-Klimarats IPCC mitgeschrieben. Wir treffen beide im Münchner Garten.

An diesem heißen Nachmittag sind die Schattenbänke alle belegt. Also setzen wir uns zum Gespräch auf die Wiese neben einer Zirbe. Wir erfahren viel über das Klima-Projekt und einiges über die Forscher-Tugenden Zweifel, Genauigkeit und Ausdauer. Zehn Zeigerpflanzen, darunter Arnika, Silberwurz und Rostalpenrose werden auf dem Schachen langfristig beobachtet. Die Reviergärtner erfassen kleinste Veränderungen, etwa im Austriebs- und Blühverhalten. Auf den Tag genau halten sie fest, wann sich bei der Silberwurz zum Beispiel die erste Frucht mit ihren langen Bärtchen auffedert. Wichtige Vergleichsmomente liefern genetisch identische Indikatorpflanzen, die bereits an fünf weitere arktisch-alpine Gärten wie den Reykjavik Botanic Garden oder den Jardin d’altitude du Haut-Chitelet in den Vogesen verteilt wurden.

Dank einer vor kurzem auf dem Schachen installierten Wetterstation liegen jetzt auch harte Klima-Fakten vor. „Uns interessiert, wie die fein abgestimmten Blüh- und Fruchtrhythmen der Pflanzen an das Klima gekoppelt sind“, sagt Andreas Gröger. Gibt es denn ein Szenario, das er sich jetzt schon ausmalt? „Ich bin gespannt, ob wir in fünf Jahren bei uns beispielsweise feststellen, dass sich die Ereignisse ganz unwesentlich verschoben haben, während die Kollegen in Reykjavik vielleicht beobachten, dass etwa die Fruchtreife eine komplette Woche früher stattfindet.“ Bis wirklich belastbare Daten vorliegen, dauert es jedoch eine Generation.

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„Die Lorbeeren werden wir nicht mehr ernten“, vermutet Gröger mit einem Lächeln, das die Demut des Forschers verrät. „Vom Klimawandel am stärksten betroffene Ökosysteme sind unter anderem die polarnahen Gebiete und das Hochgebirge“, erklärt Annette Menzel, „gleichzeitig hat man aus diesen Gegenden kaum kontinuierliche Daten. Wir wissen, dass sich die Temperatur in den letzten 100 Jahren global durchschnittlich um 0,7 Grad erhöht hat, in den Alpenregionen allerdings um eineinhalb Grad.“ Weshalb sind gerade diese Regionen so gefährdet? „Im Zuge der Erderwärmung werden schnee und eisbedeckte Flächen, die das Sonnenlicht stark reflektieren, durch dunkle Flächen, die mehr von der Solarstrahlung aufnehmen, ersetzt. Dadurch verstärkt sich die Erwärmung in diesen Regionen. Wir nennen das die Eis-Albedo-Rückkopplung.“ Wenn sich das Klima verändert, zerfällt die Welt in Gewinner und Verlierer.

„Die Arten mit einer breiten ökologischen Amplitude, die also weniger Ansprüche an Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse stellen, kommen sowieso klar“, weiß Andreas Gröger. Es gibt aber auch die Sensibelchen, die ein bestimmtes Zeitfenster haben, eine spezielle Anzahl von Sonnentagen benötigen, ganz eng angepasst sind an bestimmte Einflussfaktoren. „Das sind dann tendenziell die Verlierer. Und Gebirgspflanzen sind eigentlich immer hoch angepasst.“ An den Wind, die kurzen Vegetationsperioden, Schnee, Frost und die Überfülle an Licht, die Zwergwuchs, üppige Behaarung und intensive Blütenfarben hervorbringt.

Seit Urzeiten haben Pflanzen Übung im Flüchten und Auswandern. Ob Kraut oder Baum, alle streuen ihre Samen, um bereits im Klimaoptimum zu sein, wenn sich etwas zusammenbraut. Als wahre Überlebenskünstlerin erweist sich die Zirbe, der Charakterbaum am Schachen, dessen Nüsse der Tannenhäher auf mehrere 100 Höhenmeter nach oben und unten in kleine Verstecke verteilt – und viele davon glatt vergisst. Wenn sich klimatisch etwas tut, sind die Zirben-Sämlinge schon an der richtigen Stelle. Um zu verstehen, in welche Not die Alpenflora womöglich gerät, hilft ein bisschen Mathe: Pro 100 Höhenmeter verringert sich die Jahresmitteltemperatur um 0,6 Grad. Wie zahlreiche Wetterprofis befürchten auch Menzel und Gröger, dass sich die globale Durchschnittstemperatur bis Ende dieses Jahrhunderts um mindestens 4 Grad erhöht.

Ganze Lebensgemeinschaften müssten demnach mehr als 600 Meter Richtung Himmel wandern, damit sie wieder in ihrem Optimum wären. Aber was erwartet sie hier? „Für viele angepasste alpine Arten heißt es dann: nowhere to go, denn weiter oben ist die Welt zu Ende.“ Annette Menzel redet sich fast ein bisschen in Rage. „Es ist sogar noch dramatischer. Welche Zahl auch immer wir bei der Erderwärmung als globales Mittel annehmen, im Alpenraum wird es mehr sein. Wir haben einmal überlegt, was `500 Meter höher´ für die Latschenvegetation am Osterfelderkopf bei Garmisch bedeuten würde. Die müsste an das Schneefernerhaus, die Umweltforschungsstation auf der Zugspitze, wandern. Dort befinden sich aber nur Blockschutt und ganz vereinzelt ein paar angepasste Flechten, kein Gramm Boden. Selbst wenn die Latschensamen durch einen freundlichen Tannenhäher nach oben transportiert würden, könnten diese Bäume auch in 100 Jahren nicht dort wachsen.“

Der Alpenraum ist ohnehin eine geplagte und beanspruchte Gegend. Vor allem der massive Einfluss des Menschens machen das System ungeheuer verletzlich. Gröger findet die menschliche Wahrnehmung gefährlich, „wenn die Leute sagen: Och, Klimaschwankungen gab es schon immer. Oder: Von wegen Klimaerwärmung, der letzte Winter war doch richtig kalt.“ „Deshalb führen wir über die Phänologie so gewissenhaft Buch“, sagt Annette Menzel fein lächelnd. Mit guten Absichten allein lässt sich das Weltklima nicht retten. Es sind die Fakten, die zum Handeln zwingen.

Kategorie Bayern, Deutschland, Fauna & Flora

Seit der ersten Ausgabe kümmert sich Alexandra González um unsere ALPS-Kulturseiten. Dafür lotet sie das ganze Jahr über alle Kunst-, Musik-, Theater-, Film- und Literaturfaktoren der Alpenregion aus, um das Beste auszuwählen. Zehn Jahre lang war sie vorher bei AD für das Kunstressort verantwortlich.