Kräuter, Kohl & Co., drumherum ein Lattenzaun – fertig ist der Bauerngarten

Ein echter Bauerngarten beginnt am Zaun, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Oft sind die Umgren­zungen gezielt so konstruiert, dass sie zugleich Pflanzen – hier Kosmeen – als Stütze dienen

Ein echter Bauerngarten beginnt am Zaun, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Oft sind die Umgrenzungen gezielt so konstruiert, dass sie zugleich Pflanzen – hier Kosmeen – als Stütze dienen // © Foto: Günther Schlemmer

Der scheinbar so simple Bauerngarten ist abgeleitet vom höchsten aller Vorbilder – dem Paradies. Einen eigenen Garten Eden auf Erden erschufen sich schon die großen Herrscher des Altertums, später folgten die Bürger ihrem Beispiel, und schließlich übernahmen die Bauern die Idee des privaten Gartens. Denn was „die da oben“ machen, haben „die da unten“ immer imitiert. Heute ist es umgekehrt: Jetzt sind es die Wissenden und Wohlhabenden, die nach bäuerlicher Bescheidenheit streben (ALPS Magazine #11/2012 Review)

Wer wahren Luxus will, der wählt das einfache Leben. Das garantiert nicht nur Gesundheit – ein gutes Gewissen gibt’s gratis obendrauf. Ländliche Idylle mit Bauerngarten also. Nichts scheint einfacher als das. Wachsen da nicht Kraut und Rüben durcheinander? Richtig! Aber dem scheinbaren Chaos wohnt eine strenge Ordnung inne. Schließlich ist der so üppig anmutende Bauerngarten aus den Klostergärten des Mittelalters entstanden. Die Mönche wiederum haben ihr Wissen dem Studium alter Quellen zu verdanken, in denen die historischen Gärten der Ägypter, Perser, Griechen und Römer beschrieben wurden. Es waren vor allem die Benediktiner, die das verloren gegangene Pflanzenwissen zu neuem Leben erweckten. Da ihr Orden sie zur Selbstversorgung verpflichtete, verwandelten sie jedes ihrer Klöster in eine autarke Landwirtschaft.

Das blieb den Bauern – oder besser gesagt, ihren Frauen – nicht verborgen. Je einsamer ihr Hof lag, umso mehr waren sie darauf angewiesen, unabhängig von anderen überleben zu können. Da ging es nicht nur um Grundnahrungsmittel, wichtiger noch waren die Kräuter. Wo weit und breit kein Arzt oder Apotheker gefragt werden konnte, da mussten Frauen ihre eigene Heilkunst entwickeln. Als Lehrmeister dienten jene Wanderpater, die im zeitigen Frühjahr über Land zogen, um Samen und Reiser (Stecklinge) zu verkaufen, wobei sie bereitwillig auch ihr Wissen weitergaben. Blumen hatten ursprünglich keinen Platz, es sei denn, sie waren notwendig für Salben und Tinkturen, wie etwa die Ringelblume. Aber irgendwann entdeckten die Bäuerinnen, dass Schönheit Balsam für die Seele ist, und so öffneten sie ihre Gärten schließlich auch reinen Zierpflanzen, die zu nichts nutze sind, aber Auge und Herz erfreuen.

Schönheit spielte in den ersten Bauerngärten kaum eine Rolle. Sie sollten die kargen Vorräte aufbessern

Heute überborden Blumen oft alle Nutzpflanzen. Das entspricht zwar nicht der reinen Lehre, aber ein Bauerngarten muss anpassungsfähig sein – an Klima und Landschaft, an Gelände und Boden, an Bedarf und Brauchtum. Warum nicht auch an Zeit und Mode. Dennoch gibt es ein paar typische Merkmale, auf die kein Bauerngarten verzichten kann. Das Wichtigste ist der Zaun. Erst die Einfriedung – auf Althochdeutsch gart oder garto – macht aus einem Stück Land einen Garten. Zwischen Äckern und Weiden wäre kaum etwas zu ernten übrig geblieben, wenn vom Wild bis zum Haushuhn alle frei laufenden Tiere ungehindert Zutritt gehabt hätten. Der Zaun musste also Schutz bieten, er musste billig und jederzeit leicht auszubessern sein. Am ursprünglichsten ist wohl ein Flechtzaun aus Weidenruten oder anderen biegsamen Gehölzen, etwa Haselnuss. Ein schlichter Holzzaun aus Fichtenstangen oder aus zugespitzten Staketen (geschälte Halbhölzer) war am weitesten verbreitet. Die gängigste Form des Bauerngartens ist ein Quadrat oder ein längliches Viereck. Aber er kann auch jede andere Form annehmen, wenn das Gelände es verlangt, das ist umso häufiger der Fall, je höher er in den Bergen liegt. Da wird er vielleicht zum spitzen Dreieck oder zum Trapez.

Als Küchen- und Kräutergärten wurden die ersten Bauerngärten geplant; Gemüse ist bis heute ein unverzichtbares Element – entweder mitten zwischen den Blumen oder separiert. Hohe Pflanzen wie Stockmalven werden gerne an den Rand des Gartens gesetzt

Als Küchen- und Kräutergärten wurden die ersten Bauerngärten geplant; Gemüse ist bis heute ein unverzichtbares Element – entweder mitten zwischen den Blumen oder separiert. Hohe Pflanzen wie Stockmalven werden gerne an den Rand des Gartens gesetzt // © Foto: Die Bauerngärtnerin, Rosenheimer Verlag

Für die Gestaltung ihrer Gärten schauten sich die Bäuerinnen über Jahrhunderte hinweg viel in den Klöstern ab

An einem Steilhang muss er oft von einer Bruchsteinmauer gestützt werden. Kunstvolle Terrassen jedoch konnte die Bäuerin nie anlegen – am Hang gab’s halt abschüssige Beete. Aber bevorzugt wurden natürlich sonnige, windgeschützte und ebene Flächen, die nahe beim Haus liegen. Bei Bergbauernhöfen in Südtirol findet man noch den rätischen Gartentyp, der direkt ans Haus anschließt und die Wärme der Mauern aufnehmen kann. Bergbäuerinnen haben ihre Gärten durch schmale Trittwege unterteilt, sodass die Beete von allen Seiten bearbeitet werden konnten. Oft lief ein Trampelpfad rings um die bewirtschaftete Fläche herum. Das heute klassische Muster für einen Bauerngarten schufen die Benediktiner: Unter dem Einfluss der Barockgärten entwickelten sie die sogenannten „Kreuzgärten“ mit vier (oder mehr) etwa gleich großen Beeten, die durch ein Wegekreuz getrennt sind. Das klösterliche Vorbild fand ungezählte nicht-klerikale Nachahmer. Besonders beliebt ist dieser Grundriss im Voralpenland und in manchen Teilen der Schweiz. Typisch ist das Rondell, das die Mitte des Kreuzweges betont und Platz für ein Schmuckelement wie Brunnen oder Rosenbogen bietet. Einen Sitzplatz dagegen findet man in einem echten Bauerngarten nicht – weil er so arbeitsintensiv ist, dass die Bäuerin in ihrem Reich nicht zur Ruhe kommt. Dies zur Warnung an alle, die einen Bauerngarten als Hobby betreiben wollen …

Die buchsgefassten Beete und das Mittelrondell eines Schweizer Bauerngartens machen besonders deutlich, wo diese Gartenform ihren Ursprung hat: in den wohl­gepflegten Kreuzgärten der ­Benediktiner, die sich ihrerseits die ornamentale Gartenkunst des Barock zum Vorbild nahmen

Die buchsgefassten Beete und das Mittelrondell eines Schweizer Bauerngartens machen besonders deutlich, wo diese Gartenform ihren Ursprung hat: in den wohl­gepflegten Kreuzgärten der ­Benediktiner, die sich ihrerseits die ornamentale Gartenkunst des Barock zum Vorbild nahmen // © Foto: Die Bauerngärtnerin, Rosenheimer Verlag

Obwohl: Moderne Versionen haben so weit „abgespeckt“, dass sie eine reine Zierde sind. Geblieben sind die kurz gehaltenen Buchshecken, die alle Beete säuberlich umrahmen und auch im Winter noch dekorativ wirken. Auch andere niedrige Pflanzen, etwa Petersilie, kommen als Einfassung infrage. Im Laufe der Vegetationsperiode wird das strenge Raster überwuchert, sodass es kaum mehr zu erkennen ist. Nur die gemulchten Wege bilden eine Barriere gegen die dschungelartige Ausbreitung. Natürlich tun es auch Trittsteine, einfache Bretter oder – wenn es feiner sein soll – Kies, um zwischen den Beeten hindurchzukommen. Bei der Pflanzenordnung sollte man sich an die Tradition halten: Außen am Zaun stehen die hohen Gewächse wie Sonnenblumen, Malven, Rittersporn oder Dahlien, auch Flieder und Holunder oder Beerensträucher sind üblich. Pfingstrosen können stehen, wo sie wollen, während ihrer kurzen Blütezeit sind sie überall die Stars. Gemüse gehört unbedingt in jeden Bauerngarten, auch wenn wir heute keine Selbstversorger mehr sind. Das Miteinander von Nutz- und Zierpflanzen bestimmt schließlich den Charakter des Bauerngartens. Außerdem sind viele Gemüsesorten, wie etwa Kürbis, Palmkohl oder rotstieliger Mangold, ausgesprochen dekorativ.

Bauerngarten: Je gewaltiger die Landschaft, desto wichtiger der Zaun. Er erst macht – wie hier in Kastelruth – aus einem Stück Land wirklich einen Garten

Je gewaltiger die Landschaft, desto wichtiger der Zaun. Er erst macht – wie hier in Kastelruth – aus einem Stück Land wirklich einen Garten // © Foto: Günther Schlemmer

Dahlien sind die ungekrönten Königinnen ländlicher Gärten: Ihr Reichtum an Formen und Farben ist schier unerschöpflich

Nicht überall hat Vielfalt den Bauerngarten bestimmt. In extrem hohen Lagen wächst längst nicht alles. So haben sich Bäuerinnen in Südtirol oft auf reine Mohnfelder oder Kohläcker beschränkt, und auch dabei verbindet sich Schönheit mit Nutzen. Immer jedoch wurden Kräuter angepflanzt, und das ist auch heute noch die Regel. Ja, die Wiederentdeckung alter Gewürz- und Heilpflanzen hat zur Renaissance des Bauerngartens geführt. Jahrzehntelang gab es in den meisten Küchen nur Schnittlauch und Petersilie, jetzt müssen es Bohnenkraut, Borretsch und Basilikum, Dill, Estragon und Kerbel, Rosmarin, Thymian, Salbei und viele andere sein. Und die werden umso mehr geschätzt und auch vielseitiger eingesetzt, wenn sie aus dem eigenen Bauerngarten kommen: Da kann man sicher sein, dass sie nicht mit Kunstdünger und chemischen Spritzmitteln in Berührung kamen. Denn das A und O ist der biologische Anbau. Das neue Bewusstsein dafür hat den alten Bauerngarten wieder auferstehen lassen.

Zum Weiterlesen
 
Wolf Dietmar und Ursula Unterweger: Die Bauerngärtnerin (Rosenheimer Verlag, 24,90 €) mit großformatigen ­Fotos zum Schwelgen; Martha Canestrini, Bauerngärten in Südtirol mit Hintergrund­infos und Tipps zur Gestaltung und Bepflanzung (Folio Verlag, 21,10 €)
 
Wolf Dietmar und Ursula Unterweger: Die Bauerngärtnerin (Rosenheimer Verlag, 24,90 €) mit großformatigen ­Fotos zum Schwelgen
Martha Canestrini, Bauerngärten in Südtirol mit Hintergrund­infos und Tipps zur Gestaltung und Bepflanzung (Folio Verlag, 21,10 €)