Der Tradition enthoben

Familie Frauenschuh. Sportmode. Das Frauenschuh-Logo hängt als Illustration an der Tür des Modeladens, der ebenso wie der Firmensitz renoviert wurde

STILVOLL Das Frauenschuh-Logo hängt als Illustration an der Tür des Modeladens, der ebenso wie der Firmensitz renoviert wurde // © Foto: Maria Dorner

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Über das bodenständige Handwerk der Ledergerberei hat sich die zweite Generation der Frauenschuhs weit hinausgewagt – mit rasanten Schnitten und einem Hauch von Luxus erobert das Kitzbüheler Familienunternehmen den internationalen Markt für mondäne Sportmode (ALPS Magazine #9/2012 Review)

Luchino Visconti ist schuld. Der exzentrische Regisseur war in den 60er-Jahren nicht nur Teil jenes Jetsets, der Kitzbühel seinen Weltruf als Wintersportort bescherte. Der Mailänder war damals auch Kunde in der Ledermanufaktur Frauenschuh, wo man die besten Wintermäntel bekam. Er wollte aber nicht den Standard-Lammfellmantel der Frauenschuhs kaufen, der nun mal eines der wenigen Teile war, die beim Dorfgerber im Laden hingen – die Frauenschuhs waren fleißige Handwerker, die zwar auf die Qualität ihrer Produkte achteten, aber nicht unbedingt auf zeitgemäßen Chic. Visconti jedoch wollte einen Mantel gemacht bekommen, wie man ihn in Kitzbühel noch nie gesehen hatte. Er bekam ihn schließlich, auch wenn die Einheimischen darüber feixten. Daran erinnert sich Kaspar Frauenschuh fünfzig Jahre später noch gut, denn dieser Begebenheit verdankte er als Bub zum ersten Mal eine Ahnung von Stilbewusstsein sowie die wichtige Erfahrung, dass die Tradition durchaus mal über den Haufen geworfen werden darf. Während er davon erzählt, steht der heutige Patron der Firma Frauenschuh, den seine Mitarbeiter lustig „Kaschpar!“ rufen, vor der aktuellen Kollektion im neuen Firmensitz an der Josef-Pirchl-Straße. Immer wieder holt er mitten im Satz und impulsiv einzelne Teile vom Kleiderständer und breitet sie hingebungsvoll auf einem riesigen Tisch aus, der ganz mit Hirschleder- Segmenten bezogen ist. Das raumgreifende Möbel verkörpert viele wichtige Grundsätze der Firma Frauenschuh: die Exklusivität einer Manufakturarbeit, das „Made in Austria“, die Schönheit des naturbelassenen Leders und eben jenen Hauch Luxus, der auch jedem Stück anzusehen ist, das Kaspar Frauenschuh gerade vorzeigt. Die Materialien für die neuen Skijacken und Pullover, Mäntel und Hosen bestimmen den Charakter der Frauenschuh-Kollektion.

Walkfilz, Hirschleder und das hochfunktionelle Schoeller-Stretch aus der Schweiz finden etwa auf einer einzigen Hose Verwendung, kunstvoll kombiniert, manches in aufwendiger Handarbeit vernäht – damit ist man auf der Skipiste auf jeden Fall dem Nylon- Einerlei enthoben. Dazu kommen interessante Nahtführungen und Schnitte, mit denen Frauenschuh eindeutig gegen die übliche legere Sportswear anschneidert – seine Models zeigen damit derart elegante Linien und scharfkantige Silhouetten, dass sie den Figuren auf Bildern von Alfons Walde ähneln, dem großen Kitzbüheler Schneemaler. Ausschnitte von Walde- Gemälden schmücken folgerichtig auch Wände hier und drüben im Geschäft. „Eigentlich wurde der Anorak ja hier erfunden“, sagt Kaspar Frauenschuh mit Blick auf die alten Wintersportler und sortiert die Jacken wieder ein. „Es gibt eine große Sportmode-Tradition in Kitzbühel, viele der Marken kennt man heute aber gar nicht mehr.“ Dass der Gerbersohn einmal an diese Entwicklung der Sportmode anknüpfen und seine markanten Entwürfe in über hundert Geschäften weltweit zu kaufen sein würden, darauf deutete zunächst nichts hin. Denn die Visconti-Episode und die mondäne Welt, die sich regelmäßig vor seiner Haustür traf, veranlassten den jungen Kaspar Frauenschuh 1974 zunächst dazu, zusätzlich zur Gerberei ein Modegeschäft zu eröffnen. Er begann zu reisen und als Einkäufer in New York und Italien bei den besten Schneidern vorstellig zu werden. Das Wissen um herausragende Qualität, das er in der Gerberei anerzogen bekommen hatte, und die Lust auf neue Mode waren dabei seine besten Ratgeber – und sind es bis heute. Armani und Co. brachte er als Erster nach Kitz, und der Laden avancierte unter seinem Einfluss zu einer der Top-Adressen für die illustre Kundschaft.

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Dieses Geschäft und die Kundschaft gibt es bis heute, jeder im Ort, egal ob Einheimischer oder einer der vielen Zweitwohnsitzler, kann den Weg „zum Frauenschuh“ weisen. Bevor Kaspar Frauenschuh an diesem Winternachmittag, an dem die bleigrauen Wolken nicht weit über der Kelchalm stehen, das Geschäft präsentiert, bleibt er vor dem Schaufenster stehen und streicht über den Rahmen – der Anblick ist noch ungewohnt. Fassade und Räume wurden erst vor Kurzem modernisiert und strahlen jetzt das aus, was man angesichts der Kollektion und des Interiordesigns schon im Hauptquartier längst als typische Frauenschuh- Haptik begriffen hat: die Würde schöner Werkstoffe. Offenporiges Holz und schieres Eisen gestalten die Fassade, drinnen atmet ein sorgsam geschliffener Eichenboden in breiten Dielenbrettern genau jene Mischung aus alpiner Note und mondäner Eleganz, die zu den Produkten passt, die hier hängen – viele Topmarken wie Diane von Fürstenberg oder die dicken Daunenjacken von Moncler, Gürtel, die es nur als Einzelstücke gibt, und Kaschmirsakkos aus Italien. Kaspar Frauenschuh kennt jedes Stück, alles, was hier verkauft wird, hat er ausgesucht, zusammen mit seiner Schwester, die gerade kritisch den Schliff des Bodens betracht. „Gfallt’s dir so hell, Kaschpar?“, fragt sie, und der Bruder legt ihr beruhigend den Arm auf die Schulter. Es gefällt ihm, außerdem werde der Boden während der Wintersaison mit vielen nassen Schuhen noch etwas nachdunkeln. Wie kann sich so eine Edelboutique abseits der großen Nobelmeilen halten? „Das Geschäft ist ein Phänomen, selbst wenn kein Mensch in Kitzbühel ist, ist immer jemand bei uns“, sagt Frauenschuh, und tatsächlich, in jedem der großen Verkaufsräume wird beraten und probiert, trotz Vorsaison und noch ruhender Lifte.

In einer Ecke gleich neben dem Eingang nimmt der drahtige Tiroler jetzt etwas aus dem Regal, was man Signature Piece nennen könnte, das Gründungsstück, das Mitte der Neunzigerjahre die Tür aufstieß: vom Boutiquenbesitzer Frauenschuh zum Modeschöpfer Frauenschuh. Es ist eine Fleecejacke, tailliert geschnitten, sauber verarbeitet – ein schlichtes, funktionelles Teil. Aber als Frauenschuh seinen Slim-Fit-Fleece auf den Markt brachte, hießen diese Klamotten im Rest der Welt noch Faserpelz – und sahen auch so aus. Aus dem Material muss etwas Schöneres zu machen sein, dachte Frauenschuh damals und schuf die Jacke, die bis heute nahezu unverändert verkauft wird. Sie wurde, anfangs vom Schöpfer persönlich in den Wintersportorten der Alpen angepriesen, zu einem phänomenalen Erfolg und ist mit Abstand das meistverkaufte Stück der Kollektion Frauenschuh, die heute zum zweiten Standbein des Unternehmens geworden ist. „So eine eigene Kollektion hat natürlich mehr Wachstumspotenzial als ein Modegeschäft“, erklärt der Chef, der gut zwischen den Rollen des wortkargen Bergmenschen und des leicht flamboyanten Designers wechseln kann. Zusammen mit seiner Frau Andrea und mit einer Designerin aus Paris ließ er auf die Jacke immer mehr eigene Stücke folgen, ohne dabei jemals den Manufakturcharakter infrage zu stellen. Massenproduktion interessiert Kaspar Frauenschuh ebenso wenig wie die Anmerkung, dass seine Stücke recht kostspielig sind. „Alle unsere Entwürfe sind darauf ausgelegt, lange zu halten und mit der Zeit noch schöner zu werden, das werden alles Lieblingsstücke.“ Seine Hirschlederhose, die er nach eigenen Angaben fast jeden Tag trägt, ist der beste Beweis für diese Philosophie: Das eherne Material mit dem Schnitt einer modernen Jeans hat eine wunderbare Patina angenommen, genau wie Frauenschuhs Stiefel aus Pferdeleder. „So eine Patina muss man sich ertragen, dann hat das Stück einen Wert. Sachen, die auf Vintage gemacht sind, oder stonewashed Jeans kann ich nicht ausstehen“, sagt Frauenschuh auf dem Weg zurück vom Geschäft ins Hauptquartier. Er bleibt stehen und deutet Richtung Pass Thurn, zeigt die Gipfel, die er demnächst auf seinen Tourenski bezwingen wird, und erzählt vom eigentümlichen Gestank der Gerberei in seinem Elternhaus, den er immer nur dann wahrnahm, wenn ihn die anderen darauf hinwiesen. Davon ist im modernen Räumen an der Josef- Pirchl-Straße nichts mehr zu spüren, in der trutzigen Architektur einer ehemaligen Skifabrik hat sich das Unternehmen eingerichtet wie ein modernes junges Label in Paris oder New York. Eames-Chairs und Apple-Rechner, loftartige Räume und unter dem Dach eine große Küche. Gerade hat Frauenschuh einen Koch eingestellt, damit die 35 Mitarbeiter im Laden und hier auch mittags versorgt sind. Auf der Treppe kommt ihm sein ältester Sohn Jakob entgegen, die beiden tauschen ein paar Worte – der Junge hat beim Vater eine Lehre zum Bürokaufmann angefangen. „Der hatte keine Lust mehr auf Schule, jetzt soll er mal sehen, wie die Arbeitswelt ist“, sagt Kaspar Frauenschuh und grinst. Die drei anderen Kinder des Ehepaars Frauenschuh besuchen noch die internationale Schule, aber zeigen durchaus schon Interesse am Werk ihrer Eltern.

Sie tragen sogar die Entwürfe des Vaters gerne, auch wenn der 16-jährige Simon gelegentlich anmerkt, dass die Stücke gerne noch cooler sein dürften. Weiter geht es durch das Gebäude, bis ins Lager für die Kleidungsstücke, die in Österreich, Bayern und Italien genäht werden: „Wo wir eben einen Betrieb finden, der unseren Ansprüchen gerecht werden kann“, sagt Frauenschuh. Eine Mitarbeiterin ist gerade damit beschäftigt, Kartons versandfertig zu machen – der Online-Shop der Frauenschuhs läuft gut, ohne dass sie dafür jemals geworben hätten. Es ist dunkel geworden, eingekeilt zwischen den Hausbergen Hahnenkamm und Horn liegt der berühmte Skiort noch ziemlich ruhig. Kaspar Frauenschuh räumt den Schreibtisch in seinem Büro auf, eine uralte Strickjacke liegt da, mit Metallknöpfen. Solche Dinge aus dem Kleiderschrank der Großeltern inspirieren ihn, viele seiner Entwürfe hat er darauf aufgebaut. Das gute Einfache neu interpretieren, darum geht es. Mehr ist nicht zu sagen. Keine anderen Pläne? „Mal sehen“, sagt Kaspar Frauenschuh. „Schuhe haben wir noch nicht, das würde mich reizen, vielleicht mache ich ja sogar einen Frauenschuh. Das wär’s doch, oder?“