Eine eigenwillige Sippe

Fritz Unützer mit seiner zweiten Frau Alexandra und den Kindern Sophie, Katharina, Lenny, Fritzi und Pia

Fritz Unützer mit seiner zweiten Frau Alexandra (links neben ihm, sitzend) und den Kindern Sophie, Katharina, Lenny, Fritzi und Pia // © Foto: Florian Seidel

ANZEIGE
Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Unsere Eltern haben sich immer eine Tochter gewünscht, doch dann kam ein Bub nach dem anderen, sodass wir am Ende ein sehr maskuliner Haushalt waren. Sogar die Haustiere waren männlich“, erzählt Clanchef Peter, 66, der älteste der vier Unützer-Brüder. Da hatte die Mutter einen schweren Stand, „aber wir haben sie auf Händen getragen – vornehmlich in die Küche, denn sie war eine begnadete Köchin.“ Gut zu essen ist den Unützers bis heute wichtig (ALPS Magazine #10/2012 Review)

Zum Fotoshooting für ALPS treffen sie sich im Traditionslokal „Osteria Italiana“ in München-Schwabing, wo die Fagottini mit Wachteln und Steinpilzen wenige Feinschmeckerwünsche offen lassen. Peters ein Jahr jüngerer Bruder Fritz (familienintern „Duce“ genannt)  versucht noch vor dem Auftragen der Speisen, die aus allen Himmelsrichtungen angereiste Verwandtschaft für den Fotografen in Szene zu bugsieren. Das dauert, denn, so Fritz: „Wir sind eine ganz schön eigenwillige Sippe.“ Die Brüder Peter, Fritz, Thomas und Ulrich haben ihre Frauen mitgebracht und die nächste Unützer-Generation: zehn größtenteils erwachsene Söhne und Töchter. Alle sind vergnügt, denn so ein Treffen mit dem kompletten Clan ist ein seltenes Ereignis. Es gibt viel zu erzählen und der Lärmpegel steigt. Als schließlich alle vor einem surreal anmutenden Vesuv-Wandgemälde Aufstellung genommen haben, gibt der Fotograf bewährte Tipps, um die Gesichtszüge zu entspannen.

Brav trötet die gesamte Sippe dutzende Male „Affenscheiße“ in die Kamera – sehr zur Verwunderung der anderen Restaurantgäste. Aber die meisten kennt man eh seit Jahren.

Der Wirt scherzt mit der Jugend, hat einen anzüglichen Witz für die Alten, die Ober servieren Antipasti – und überhaupt ist alles wie bei einem Familientreffen in einer Osteria südlich der Alpen. Unützer – der Name steht für eine dieser vertrauten Urmünchner Marken wie Dallmayr (Kaffee), Böhmler (Möbel) oder Lodenfrey (Mode). Eine Kategorie, in die sich Unützer katapultieren konnte, obwohl die Firma wesentlich jünger ist als die drei genannten. Fritz Unützer senior, der Vater der vier Brüder, hat sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. 1948 eröffnete sein Sportmodengeschäft zunächst am Lenbachplatz und dann 1950 in der Maximilianstraße.

Unützer bezog schon sehr früh Waren aus Italien und England. „Unser Vater hatte eine gute Nase und war mit zahlreichen Marken und Trends der Erste in Deutschland“, sagt Fritz junior. Der Senior habe den Familiennamen „in kurzer Zeit zum Inbegriff für international tragbare, sportlich elegante Tages- und Skimode gemacht und den Ruf Münchens als Modestadt mit geprägt“.

Der Firmengründer wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Traunstein geboren und zog dann mit der Familie nach Augsburg. Dort verdiente er sich in den Zwanzigerjahren ein paar Groschen als Ballbub auf einem Tennisplatz, um die Haushaltskasse der Familie aufzubessern. Der Tennislehrer erkannte sein Talent und förderte Fritz, sodass er schon mit 17 Jahren selbst ausgelernter Tennislehrer war. Sicherlich war es ein großer Glücksfall, dass ihn der damalige Fürst Fugger im darauf folgenden Sommer für fünf Monate engagierte, um der Jugend und den Gästen im Schloss eine saubere Rückhand beizubringen (es sollen auch Töchter darunter gewesen sein!).

Der Lebensstil und die sportlich legere, englisch anmutende Kleidung der Adelskreise beeindruckten den jungen Unützer sehr und waren der erste prägende Einfluss für seine Geschäftsidee. Mit seiner späteren Frau Maria zog er bald darauf nach München. Sie besuchte dort die Meisterschule für Mode. Er arbeitete im Sommer als Tennislehrer (es gab noch keine Tennishallen) und im Winter bei seinem Vetter Willy Bogner senior, der in den Dreißigerjahren gerade dabei war, das gleichnamige Sportmodeunternehmen aufzubauen. Er importierte Ski und Ausrüstung aus Norwegen und ließ in einer kleinen Halle Anoraks und Hosen nähen. Für Unützer war diese Zusammenarbeit der zweite prägende Einfluss.

Den Zweiten Weltkrieg überstand er relativ unbeschadet, nicht in Wehrmachtsuniform, sondern im Tennisdress. Seine Aufgabe war es, von Ungarn bis zur Krim Tennisplätze für den nachrückenden Generalstab und die dazugehörigen Frauen und Gäste anzulegen. Unterstützt von sechs Rekruten suchte er geeignete Plätze. Den roten Sand ließ er mit der Bahn aus dem besetzten Frankreich anliefern. Sein 1947 geborener Sohn Fritz wuchs in Zeiten des Wirtschaftswunders heran und verbrachte seine Lehrjahre in London beim Schuhhersteller „Church“ und dem Modelabel „Burberry“.

„Jede freie Minute habe ich in Londons angesagten Vierteln verbracht“, erinnert er sich. „Soho, Portobello, Carnaby Street – dort gab’s nicht nur die kürzesten Miniröcke Europas zu sehen, sondern auch jede Menge anderer modischer Anregungen.“

ANZEIGE

Bruder Peter besuchte ihn oft, und dann durchstöberten sie die Flohmärkte nach Vintage-Tweedjacken und ausgefallenen Accessoires. Das Ergebnis der Londoner Erfahrungen: 1969 eröffneten Peter und Fritz Unützer gegenüber dem Geschäftshaus des Vaters ihr „English House, Unützer Söhne“, das zur einzigartigen Erfolgsstory wurde. Die treibende Kraft dahinter war der Vater, der sehr wohl wusste, dass es Söhne in einem Unternehmen mit einem sehr beliebten und geachteten Patriarchen immer schwer haben. Die beiden Geschäftshäuser waren nur etwa 60 Meter voneinander entfernt und so konnten sich die Drei ihre Bälle auf Distanz zuspielen.

Der Senior setzte auf die reifere Kundschaft, die Juniors auf die Jungen. Als geradezu revolutionär wurde die Inneneinrichtung empfunden, die die Brüder mit ihrem English House in die recht konservative Maximilanstraße brachten. Auf ihrer 600 Quadratmeter großen Geschäftsfläche verzichteten sie auf Verkaufstheken. Fritz junior: „Wir ließen die Kunden an die Ware ran.“ Die beherrschenden Farben im Laden waren Weiß und Silbergrau – ganz im Gegensatz zu den schweren, teilweise schrillen Farben, wie sie in den Siebzigerjahren üblich waren. Die Ware sollte im Vordergrund stehen und wirken. Eine permanente Auswahl von englischen Lambswool- oder Cashmere-Strickteilen in rund 30 Farben und dazu passende Feincordjeans und Röcke dominierten das Angebot. Mit dem innovativen Konzept hatte sich der älteste Sohn Peter durchgesetzt, der an der Münchner Akademie der Bildenden Künste Bildhauerei und Design studiert hatte. Spätestens nach einem Gastsemester an der Royal Academy of Art in London war ihm klar geworden, dass moderner Ladenbau „ganz anders“ aussehen müsse.

Ursprünglich sollte Peter nur Umbau und Einrichtung kreativ begleiten, aber dann arbeitete er 20 Jahre für das English House. „Was wir machten, war neu und spannend, die Münchner haben uns überrannt“, erzählt er. „Es war so viel los, dass wir manchmal erst nachmittags um fünf zum Mittagessen kamen.

Urlaub war gestrichen.“ Rückblickend meint er: „Erfolg entschädigt eben für Vieles, verbindet und macht zufrieden“. Mit dem Tod des Vaters 1985 ging eine Epoche zu Ende. Längst war die Maximilianstraße zu der Einkaufsmeile Deutschlands geworden. Erste Monolabels etablierten sich. „Nach und nach explodierten die Mieten in der City, und uns wurde klar, dass sich der Einzelhandel auf Veränderungen einstellen musste“, erläutert Peter. Solange der Vater lebte, lösten die Drei Probleme entweder einstimmig oder nach dem einfachen Mehrheitsprinzip.

Jetzt waren sie nur noch zu zweit und weitgreifende Veränderungen und Entscheidungen standen ins Haus. „Da hätte es leicht Streit geben können, der nur den Anwälten Freude macht“, kommentiert Fritz Unützer. „Das wollten wir um jeden Preis verhindern.“ Also besannen sich die beiden Brüder auf Neues. Und das bedeutete das Ende des English House. Heute ist dort eine Jil-Sander-Filiale untergebracht. Fritz zog unter dem alten Firmennamen „Unützer“ ein Damen- und ein Herrengeschäft in der Maximilianstraße neu auf und erfüllte sich 1989 einen lang ersehnten Traum: Er kaufte eine kleine Schuhmanufaktur in Fosso, unweit von Venedig. „Schuhe“, schwärmt er „das sind Faszination und persönlicher Ausdruck.“ Die Markenzeichen seines Schuhlabels „Unützer“ waren ursprünglich handgefertigte Ballerinas und Moccasins in allen Farben. Im Laufe der Jahre sind Stiefel, Pumps und Golfschuhe dazugekommen. „Ich habe in dem Sinne keine Vision und keine Message“, meint Fritz Unützer, „meine Produkte sollen bequem, langlebig und möglichst nicht langweilig sein, sie sollen dienen und sich nicht so wichtig nehmen.“

Peter Unützer zog es „in die Welt hinaus“. Das Reisen war in den 20 Jahren Einzelhandel zu kurz gekommen. Er arbeitete freiberuflich als Designer für internationale Modehäuser. Und er entwickelte und betreute für sie auch Shop-Konzepte, Showrooms und Messeauftritte. Die Arbeit führte ihn nach Schottland, quer durch Amerika, nach Hongkong, Taiwan, Japan und immer wieder nach Italien. 1998 entstand schließlich sein Label „Peter Unützer Collections & Concepts“, das zum einen Damenmäntel und Jacken in hochwertiger italienischer Schneidertradition fertigen lässt, zum anderen Einrichtungskonzepte für Läden und für den Privatbereich entwickelt.

Und was machen die beiden wesentlich jüngeren Unützer-Brüder Thomas und Ulrich? Auch Thomas beschäftigt sich mit Mode. Nach dem BWL-Studium arbeitete er für Bogner in München und Akris in St. Gallen. Seit 16 Jahren ist er Vertriebschef der Modefirma Schneiders in Salzburg. „Den schönsten Beruf hat sich der jüngste Bruder Ulrich ausgesucht, in erster Linie, weil er nichts mit Mode zu tun hat“, scherzt Peter, der Älteste.

Ulrich hat in Weihenstephan Landschaftspflege studiert, wie auch seine Frau Tatine. Gemeinsam gründeten sie ihre Firma für Garten- und Landschaftsbau, leben heute mit ihren beiden Kindern Lucia und Luis im Voralpenland. Womit wir bei der dritten Unützer-Generation wären: Sophie, die Tochter von Fritz, ist mit 34 Jahren die Älteste aus dem Nachwuchsreigen. Sie war mehrere Jahre Redakteurin bei den Zeitschriftenverlagen Condé Nast und Burda, bevor sie sich mit ihrer Kindermodekollektion „Hale und Hearty“ (gesund und munter) selbstständig machte. Ihre Ware wird ausschließlich aus ökologisch gefertigten Rohmaterialien in Deutschland produziert. Auf die Frage, ob ihr der Familienname dabei von Nutzen sei, kommt die spontane Antwort: „Der Name Unützer öffnet schnell so manche Türe, manchmal ist er aber auch ein Fluch, weil die Messlatte immer gleich so hoch gehängt ist.“ Ihre Schwester Katharina, 33, ist nach Lehr und Wanderjahren durch Mode, Medien und Marktforschung mittlerweile ins Münchner Stammhaus zurückgekehrt. Dort betreut sie den Sektor „Unützer Shoes“. Über die Firmenpolitik sagt sie: „Wir wollen Traditionelles mit Modernem verknüpfen und sind dabei ständig bemüht, den guten Ruf unseres Namens und unseres Familienunternehmens zu erhalten.“ Expansion um jeden Preis sei ihre Sache nicht. „Wir arbeiten nahezu ohne Banken.

Mit unseren Mitarbeitern sind wir eine Familie, die es gilt, auch durch eventuelle wirtschaftliche Talfahrten zu schützen und zu erhalten.“ Damit liegt Katharina Unützer ganz auf der Linie ihrer Vorfahren. Ihr Vater Fritz, der erfolgreiche Schuhproduzent, sagt es so: „Meine finale Erkenntnis zum Sinn unseres Lebens ist es, Verantwortung zu erkennen, zu übernehmen und vorzuleben. Und den damit verbundenen Begriff Langlebigkeit beziehe ich nicht nur auf Schuhe, sondern auch auf die Beziehungen zwischen Menschen.“