Hüte wie am Schnürli

Strohhut. Mit Lust und Liebe fürs Handwerk holt Julian Huber die Freiämter Tradition in die moderne Zeit

Großvatererbe Mit Lust und Liebe fürs Handwerk holt Julian Huber die Freiämter Tradition in die moderne Zeit// © Foto: Inge Ahrens

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Kurt Wismer und Julian Huber pflegen im schweizerischen Aargau ein goldenes Handwerk und damit die Freiämter Tradition des Hutmachens. Hüte aus der Blütezeit der Wohlener Strohindustrie locken Besucher ins Strohmuseum (ALPS Magazine #16/2013 Review)

In die Dachkammern von Kurt Wismer scheint milde die frühe Nachmittagssonne. Wie Zitronengold liegt sie auf dem Fragment eines Strohhutes aus schimmernden Weizenhalmen, den der 58-Jährige in einem Tag Arbeit auf dem hölzernen Model vollenden wird. Strohhalm steckt in Strohhalm und wird mit starkem Faden verwoben. Zieht Wismer ihn stramm, drückt er in die nass verarbeiteten Röhrlis ein hübsches Waffelmuster. So ein Röhrlihut ist reinste Architektur. Er ist federleicht und fest und gibt seinem Träger etwas Keckes. In alter Zeit trugen ihn die Bauersleute auf dem Feld gegen die gleißende Sommersonne. Heute ist er ein Sonntagshut. Kurt Wismer ist der Einzige, der ihn noch herstellen kann.

Die Sonne bringt Glanz in Wismers einstiges Kinderzimmer im 200 Jahre alten Bauernhaus in Hägglingen, als wolle sie die großen Zeiten herbei zaubern, als in der Schweizer Region Freiamt im südlichen Aargau noch Stroh zu Gold gesponnen wurde. Das nahe Wohlen war als Zentrum der Strohindustrie einst weltberühmt. Die Strohflechterei soll zu Beginn des 17. Jahrhunderts ihren Anfang genommen haben. Man glaubt, dass die aus der Toskana heimgekehrten Söldner ihren Frauen Strohhüte mitbrachten. Die waren so schön, dass diese dachten: Das probieren wir auch! Die italienischen Hüte waren aus milchweißem Weizenstroh und glänzten verführerisch. Im Schweizer Reuss- wie auch im Bünztal wuchs allerdings nur Roggen. Das musste auch gehen. Bald saßen die Familien zu Hause um den Küchentisch, spalteten die Halme in feine Streifen und flochten zierliche Bändchen daraus, die sie zu einem breitkrempigen Schinhuet vernähten, den die Bäuerinnen bei der Feldarbeit trugen und bald auch die Sommerfrischler aus der Stadt.

„Hutmacher machen Serien, Putzmacher Unikate. Ich mache Röhrlihüte. Sie sind mein Hobby.“
Kurt Wismer

Heute gehört der Schinhuet zur Freiämter Tracht. Für die Männer wurden Röhrlihüte gemacht, so, wie sie Kurt Wismer in seinem puppenstubenhaften Atelier herstellt. An die Raffinesse der toskanischen Hutmacher kamen die Freiämter nicht heran, weshalb sie sich auf Garnituren spezialisierten. Darin wurden sie allerdings unschlagbar. Garnituren sind Anstecker aus Stroh: Blumen, Insekten oder Spitzenkrägen – so fein ziseliert war das Geringel und Gerankel, das konnte ihnen niemand nachmachen. Jede Familie hatte ihre eigenen Muster. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Freiämter Kunst längst im Ausland bekannt.

Wohlens Garnituren wurden bald nach ganz Europa und in die USA exportiert. Es war die Zeit der Hutmode und die Strohhändler schwärmten aus nach Paris oder Rom. Die Familie Isler gehörte zu den ersten. Im 19. Jahrhundert kamen dann die handbetriebenen Flechtmaschinen auf. Sie verwoben Baumwolle und Seide mit feinstem Stroh, genauso wie Rosshaar und kunstvolle Glasperlen aus dem fernen Böhmen. Die edelsten Preziosen wurden so gefertigt. Später wurden die Fabriken gegründet, in denen das dunkle Roggenstroh an Webstühlen gewebt, gefärbt und gebleicht wurde, bis es ganz weizenblond war.

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Inge Ahrens

Um 1900 gab es rund um Wohlen 100 Strohfabrikanten, das Bauerndorf hatte sich zu einer wohlhabenden Gemeinde entwickelt. Doch es kamen neue Rohstoffe, später die Kunststoffe dazu und die Konkurrenz aus Asien schlief nicht. Das Stroh wurde irgendwann vom Markt verdrängt. 1940 arbeiteten noch 38 Fabriken in Wohlen für die Hutgeflechte. Der Krieg brachte das meiste zum Erliegen. Und danach trugen Frauen eher keine Hüte. Nur das Pariser Modehaus Balenciaga ließ für eine Robe mit Cape nochmal Strohornamente in  Wohlen fertigen. Sonst krempelte Frau die Ärmel hoch und griff eher zum Kopftuch. Als 1960 das Haus Dior zusammen mit den Wohlenern einen Haute-Couture-Strohhut lancieren wollte, hatte man dort schon alle Mühe, Menschen zu finden, die noch das Know-how für die Fertigung hatten. Bis 1970 war die Strohindustrie gänzlich am Ende.

Kurt Wismer, der seit vierzig Jahren die einzigartigen Röhrlihüte zaubert, machte noch eine Hutmacherlehre in einem örtlichen Betrieb. Dort sprang bald auch der kleine Julian Huber herum. „In Großvaters Lager durften wir uns immer wieder Mützen und Hüte aussuchen“, erinnert sich der heute 26-Jährige, der erst Feinmechaniker lernte und vor Jahren mit seiner Mutter in den großväterlichen Betrieb einstieg. Hutmacher zu werden, das war sein Wunsch. Er wollte das alte Handwerk modern umsetzen. So sehr hatte der Großvater seinen Enkel beeindruckt. Heute arbeiten in der „Risa Hutwerkstatt“ dreizehn Frauen und Männer und fertigen hauptsächlich Hüte aus Wolle oder Kunststoff. Strohhüte sind nur eine Spielart des Unternehmens. Eine geschickte Heimarbeiterin näht die geflochtenen Schnürli wie anno dazumal an einer eisernen Tischmaschine aneinander.

„Ich betrachte Material und Form eher mit den Augen des Technikers. Andere gehen ästhetisch ran.“
Julian Huber

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Die Strohhüte von Risa sind sehr fesch. Modische Buben und große Mädchen, die was auf sich halten, können zwischen chicen Kappen und modernen Klassikern in herrlichen Farben wählen. Jedes Jahr kommt eine Handvoll neuer Modelle hinzu. Im Frühjahr letzten Jahres tat sich Julian Huber für die „Kollektion Freiamt“ mit Kurt Wismer zusammen: der klassische Freiämter Handwerker mit seinen wunderschönen Röhrlihüten und sein junger Bewunderer mit den sehr trendigen Kopfbedeckungen. Zusammen bringen sie neuen Glanz in die Schweizer Region. Chapeaux! Ihre Handwerksstücke sind Unikate und tragen die Namen der Ortschaften im Freiamt: Bremgarter/in. Biswiler/in. Villmerger/in. Wohler/in. Und so weiter.

1991 hatte die letzte Fabrik des Strohfabrikanten Isler in Wohlen geschlossen. Rudolf Isler, der mit 91 Jahren starb, vermachte den Wohlener Bürgern noch seine Familienvilla. Das unter Denkmalschutz stehende klassizistische Gebäude von 1860 liegt inmitten eines Gartens. Behutsam wurde das Gebäude restauriert, denn am 5. Mai wird dort das neue „Freiämter Strohmuseum“ einziehen. Dann werden all die Hüte aus der Zeit von 1840 bis 1960 und die zu Garnituren geflochtenen Blüten, Knöpfchen, Spitzenlitzen und die Werkzeuge die beste Zeit Wohlens erlebbar machen. Julian Huber und Kurt Wismer werden auch da sein, um noch einmal das goldene Handwerk aufleben zu lassen.

NOTIZEN
 
Das Museum
„Freiämter Strohmuseum“, www.strohmuseum.ch
 
Die Hutmacher
Hutatelier Kurt Wismer, Vorstadt 1, CH-5607 Hägglingen, Tel. 0041/056/624 11 66
 
Hutwerkstatt Risa
Julian Huber, Zinsmattenstr. 10, CH-5607 Hägglingen, Tel. 0041/056/62 20 40, www.risa.ch
 
Die Freiamt-Kollektion von Wismer und Huber: www.risa.ch/freiamt-kollektion
 
Ein Buch
Veronica Main: „Zauberhaftes Stroh“. Herstellungstechniken aus dem Freiamt, 192 Seiten, Verlag Main Collins Publishing, 2003, 50 Euro