Luis Trenker – Mit Stolz im Janker

Gelebte Werte Bergesgipfel erklimmt Michi Klemera nicht nur, wenn Fotografen dabei sind. In vielerlei Hinsicht steht der gebürtige Bozener für die Einfachheit, die Naturverbundenheit und das Selbstverständnis, das die Zeit seiner Großväter prägte

Gelebte Werte Bergesgipfel erklimmt Michi Klemera nicht nur, wenn Fotografen dabei sind. In vielerlei Hinsicht steht der gebürtige Bozener für die Einfachheit, die Naturverbundenheit und das Selbstverständnis, das die Zeit seiner Großväter prägte // © Foto: Hartmann Seeber

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Seit Mitte der 90er-Jahre gelingt Michi Klemera mit seiner Marke Luis Trenker eine ungemein stilsichere Verbindung zwischen der Eleganz der 30er-Jahre und der Unkompliziertheit der Tracht. Mit einer entsprechenden Aufrüstung des Kleiderschranks allein kommt man diesem Ideal aber kaum nahe. Denn Klemera macht klar: Alpiner Chic beginnt im Kopf (ALPS Magazine #12/2012 Review)

Gerade ist Luis Trenker im Begriff, zum zweiten Mal zur Legende zu werden. Das Bild vom ewigen Bergfex, vom unverfälschten Naturburschen und treuen Seilkameraden, von Bundhose, Cordblazer, Filzhut und verwegen geknotetem Halstuch ist auf immer mit dem Südtiroler Original aus dem Grödnertal verbunden. Seit 17 Jahren schon steht der Name aber auch für alpin inspirierte Mode, die es in einer derart gekonnten Kombination aus Trachtenelementen und Anspielungen an historische Modeströmungen zuvor nicht gab. 1995 lehrte Michi Klemera, der Kopf der Marke, mit deren erstem Auftritt auf der Modemesse Pitti in Florenz alle das Staunen.

Seitdem hört das Staunen nicht auf: Die ersten Kollektionen hatte Klemera noch zusammen mit dem traditionsreichen Chiemgauer Ledermodehaus Meindl herausgebracht. Im Jahr 2000 dann nabelte sich der gebürtige Bozener von seinem oberbayerischen Partner ab und führte seine eigenwillige, doch zugleich vielseitig kombinierbare Mode zu einem solchen Erfolg, dass das Label gestalterisch die Grenzen des G’wands inzwischen gesprengt hat. Klemera stattet längst auch Hotelsuiten und Chalets aus.

Wer war zuerst da: ihre Mode oder der Name Luis Trenker? 
Michi Klemera: Dass wir zu dem Namen Luis Trenker kamen, war reiner Zufall. Ich hatte seine Erben im Vorzimmer eines Rechtsanwalts getroffen, letztendlich haben sie mir vorgeschlagen, den Namen zu verwenden. Ich fand die Idee gut, weil einige Jahre zuvor bei der Firma Meindl, für die ich damals die Exklusiv-Vertretung in Italien hatte, eine Lifestyle-Kollektion unter dem Namen des Musikers Hubert von Goisern herausgekommen war – mit vollem Erfolg. Allerdings hat sich von Goisern dann völlig aus dem Geschäftsleben zurückgezogen, die Kollektion wurde eingestellt, und für mich war die Idee frei. Man braucht nicht nur stilvolle Mode, sondern auch einen Namen, den die Menschen sofort mit bestimmten Qualitäten verbinden.

Das heißt, der Stil, mit dem sich Luis Trenker kleidete, seine Janker,Hemden und Berghosen, spielten gar keine Rolle, als Sie die Idee für die Modelinie entwickelten?
Klemera: Uns ging es mehr um den Geist seiner großen Ära, jener Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, in denen er Filme wie „Der Berg ruft“ drehte. Das war auch die Zeit meiner Großväter und der Jugend meines Vaters – er ist Jahrgang 1920. Damals haben die Leute ganz selbstverständlich Trachten getragen und sie mit natürlicher Eleganz mit anderen – schönen wie auch praktischen – Stücken kombiniert. Kleidung hatte damals eine ganz andere Wertigkeit. Sie musste aus guten, natürlichen Materialien gearbeitet sein, aus Walk, aus Leder, aus Leinen, um im Winter vor Kälte zu schützen, im Sommer die Hitze zu lindern, und um den Belastungen des Lebens im Gebirge lange standzuhalten. Vieles war selbstgestrickt, weil man aus Geldmangel gar keine Möglichkeiten hatte, Jacken oder Pullover zu kaufen.

Sie haben den selbstverständlichen Umgang mit Tracht angesprochen. Können wir gerade hier etwas aus jener Zeit lernen?
Klemera: Für die Menschen aus den Bergen war es damals normal, mit der eigenen Kleidung auch die eigene Geschichte zu zeigen, und damit deutlich zu machen, woher man kommt – sie kannten es ja nicht anders. Hier sehe ich wirklich Luis Trenker vor mir, wie er sich mit seinen Knickerbockers, dem selbst gestrickten Alpenjanker und den genagelten Schuhen in die elegantesten Salons stellt. Er beweist damit, dass man sich nicht biegen und beugen muss, sondern sich in einer vom Umfeld abstechenden, aber die eigene Person vollkommen widerspiegelnden Kleidung absolut wohlfühlen kann. Dieser Stolz ist vielen Menschen heute abhanden gekommen – man ist sich der Tatsache viel bewusster, dass man in einer Tracht ganz schnell als provinziell und hinterwäldlerisch abgestempelt wird. Eine Bekannte hat erzählt, dass sie selbst in Garmisch-Partenkirchen von Touristen einige in diese Richtung weisende Bemerkungen hörte, als sie im Dirndl durch den Ort radelte.

Ich muss also ein gesundes Selbstvertrauen haben, wenn ich heute Tracht trage?
Klemera: (Lacht) Es ist zumindest nicht von Schaden. Für mich ist Tracht, aber auch die alpin inspirierte Mode, die wir anbieten, die Kleidung einer starken Persönlichkeit. Sie bildet natürlich eine Synergie, wenn man selbst tatsächlich eine starke Persönlichkeit hat und sich dann auch wie eine solche anzieht. Diese Art der Mode drückt Eigensinn aus, Selbstvertrauen. Sie zeigt, dass ich zu dem stehe, was ich trage, dass ich stolz auf meine Herkunft bin, auf meine Geschichte, die ich durch die Kleidung offenbare. Oder dass ich mich als Fremder mit der Kultur identifiziere, die mit dieser Mode verbunden ist.

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Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder // © Fotos: Luis Trenker

Das klingt ziemlich ernst und gewichtig. Kann der Umgang mit Trachtenelementen auch spielerischer sein?
Klemera: Ein wunderbarer Ort, um ein solches spielerisches Verständnis zu beobachten, ist der Corso Italia in Cortina d’Ampezzo. Seit vielen Jahren studiere ich die dort Flanierenden, sehe, wie sie Leder, Loden und Walk zu Superga-Tennisschuhen oder Hogans tragen, oder wie sie Trachten mit Gucci, Hermès und Prada kombinieren. Das habe ich immer als sehr stilvoll empfunden; die Trachtenelemente wirkten überhaupt nicht aufgesetzt. An so vielen Orten wird Stil heute klein geschrieben; die wenigsten Menschen kleiden sich mit Geschmack – die meisten folgen Trends, weil sie dann eine Richtschnur haben, was sie anziehen sollen.

Hat das auch Auswirkungen auf die Art, wie mit Tracht umgegangen wird?
Klemera: Irgendwie hat sich in den Köpfen der Menschen die Meinung festgesetzt, Tracht sei eine Verkleidung, die allenfalls als Kostümierung fürs Volksfest taugt. Zum Glück fangen aber immer mehr Menschen an, zu erkennen, dass sich solche Elemente auch mit „normaler“ Kleidung zu einem alltagstauglichen Look kombinieren lassen. Viele fällen – zum Glück – wieder eine ganz bewusste Entscheidung für das Tragen von Tracht.

Wie kommt das?
Klemera: Das hat auch damit zu tun, dass wir nach der eigenen Kindheit suchen, in der wir im Urlaub bei der Oma in der Leserhose über die Wiese geflitzt sind. Außerdem glaube ich, dass gerade ein Umdenken stattfindet, dass wir uns wegen der sich aufbauenden Krisenszenarien und den Veränderungen auf dem Weltmarkt wieder stärker der Werte unserer eigenen, persönlichen Geschichte bewusst werden, und dass wir deswegen nicht mehr nur in Designer-Kleidung herumlaufen wollen. Wir möchten gerne das Anderssein, die Bescheidenheit, die Demut ausdrücken, mit der wir Trachten oder alpin inspirierte Kleidung tragen. Ich habe das Gefühl, dass eine ganz wichtige Zeit gekommen ist, in der wir uns wieder auf das besinnen müssen, was unsere Väter geleistet haben.

Inwieweit fließen solche Überlegungen in die Mode von Luis Trenker ein?
Klemera: Bei uns gibt es zum Beispiel keine ausgeklügelten Trends, denen alles unterworfen wird. Unsere Mode lebt vor allem durch die Details, in denen wir die Wertigkeit der früheren Zeit zum Ausdruck bringen. Wir benutzen zum Beispiel gezielt alte Materialien: Loden, Walk, Leinen. Und wir arbeiten mit Hirschhornknöpfen – eigentlich ein Erkennungszeichen von Tracht. Wir färben sie ein und benutzen sie ganz selbstverständlich als normale Knöpfe – deren außergewöhnliche Schönheit spricht für sich.

Inzwischen gestalten Sie auch Hotelsuiten oder, im „Bergdorf Priesteregg“ in Leogang am Hochkönig, ein ganzes Chalet. Wurde das Spielfeld der Mode für Luis Trenker zu klein?
Klemera: Mir geht es darum, die Werte der Zeit meiner Großväter erlebbar zu machen und den Geist, der ihren Lebensstil geprägt hat, in einem Umfeld umzusetzen, das von seiner Funktionalität her trotzdem unserer heutigen Welt angepasst ist. Das heißt auch hier: zurück zur Natur, zu natürlichen Materialien, wo immer es geht. Alles kann ganz schlicht sein: die Inneneinrichtung aufs Wesentliche reduziert, der Wellnessbereich auf Sauna und Infrarot-Kabine beschränkt … Es geht doch darum, mich auf die Menschen zu konzentrieren, mit denen ich dort meine Zeit verbringe, auf meine Gesundheit und einfach auf mich selbst. Mit einer oberflächlichen Idee von Luxus hat dies nichts zu tun. Für mich ist die Tatsache, dass ich mich in dieser Einfachheit wohlfühlen kann, der wahre Luxus, den ich mir mit Geld nicht kaufen kann.

Kategorie Mode & Design

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.