SOMA CUM LAUDE

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Charlotte Seeling

Gerade mal drei Jahre hatte der Tiroler Stefan Rutzinger sein Diplom in der Tasche, da setzte er sich gegen internationale Stars wie Zaha Hadid durch und gewann den offenen Wettbewerb zum Bau des zentralen Pavillons der Expo 2012 in Südkorea. Seither überschlagen sich die Ereignisse im Leben des jungen Architekten und seines Teams, das sich soma nennt.Die E-Mail kam im Oktober 2009, sie war kurz und kryptisch: Stefan Rutzinger solle am Abend die Maschine nach Seoul nehmen, um an der internationalen Pressekonferenz zur „Expo 2012“ teilzunehmen. Der damals 32 Jahre junge Architekt überlegte nicht lange, besorgte Sachertorten und Mozartkugeln als Gastgeschenke und trat mit seinem Kompagnon Martin Oberascher den Flug nach Südkorea an. Der Empfang dort war freundlich, aber zurückhaltend.

Welchen Stellenwert dieses Projekt in Korea hatte, wurde ihm erst am nächsten Morgen klar, als er in der Hotellobby die Tageszeitungen mit dem Foto seines Pavillonentwurfs auf der ersten Seite sah. Eile war angesagt: „Die ersten Entwürfe haben wir noch auf der Wohnzimmercouch gezeichnet“, sagt Stefan Rutzinger. Nun musste er über Nacht zum Unternehmer werden, um das Bauvorhaben im südkoreanischen Yeosu überhaupt ausführen zu können.

Das Viererteam aus Stefan Rutzinger, Kristina Schinegger – seit zwölf Jahren Stefans Partnerin im Beruf wie im Leben –, Martin Oberascher und Günther Weber hatte sich 2006 unter dem Namen „soma“ (altgriechisch für „Körper“) zusammengetan und sah sich jetzt vor die Notwendigkeit gestellt, ganz schnell eine GmbH zu gründen. Zwei Monate dauerte es, bis die Verträge für den Expo-Pavillon unter Dach und Fach waren – was sehr wenig ist, wenn man bedenkt, dass ein Partner für die Bauausführung in Südkorea gefunden werden musste, es wiederholter Besuche vor Ort bedurfte und die umfangreichen Verträge hin und her übersetzt werden mussten. Eigentlich hatte Stefan Rutzinger sich von dem Wettbewerb nur erhofft, dass er seinem Portfolio ein weiteres interessantes Projekt hinzufügen könnte. So wie „Breeze“, das ihn und seine Freundin Kristina Schinegger 2008 als Stipendiaten nach Los Angeles geführt hatte, wo sie im Rudolf-Schindler-Haus wohnen und arbeiten konnten.

Ihre Installation war eine Studie zum Thema Aggregation, bei dem Latexelemente zunächst eine pralle Rosette bilden, bei Unterdruck jedoch Luft ablassen und mehr oder weniger große Öffnungen freigeben. Was mit seinen sich hebenden und senkenden Membranen fast wie ein atmendes Wesen anmutet, sollte einmal ein Sonnendach werden, das sich selbsttätig den Lichtverhältnissen anpasst. Es ist kein Zufall, dass auch andere Arbeiten Ähnlichkeit mit lebenden Organismen aufweisen. „Wir haben einen Hang, Dinge auszureizen“, sagt Rutzinger.

Ein weiteres Beispiel ist der ebenfalls 2008 entstandene Entwurf eines mobilen Pavillons für moderne Musik: Der Lamellenbau soll überall da, wo er gerade Halt macht, Vorübergehende dazu einladen, zeitgenössische Musik unter idealen akustischen Bedingungen zu hören.

Oder der temporäre Kunstpavillon in Salzburg, Sieger in einem offenen Wettbewerb und 2011 realisiert: Als „Igel“ haben ihn Einheimische liebevoll bezeichnet oder auch als „Biberbau“. Tatsächlich sind die Aluminiumstäbe scheinbar willkürlich zusammengesteckt wie die Zweige im Nest eines Bibers – und sie erweisen sich als ebenso geniale, haltbare Konstruktion.

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Über einen Zeitraum von zehn Jahren soll „White Noise“, so der Name des flimmernden Pavillons, an immer anderen Stellen der Festspielstadt den unterschiedlichsten Kunstaktivitäten Heimstatt sein. In Salzburg unterhält das soma-Team nicht ohne Grund neben Wien ein zweites Büro: Martin Oberascher, der außer Architektur auch Bildhauerei studiert hat, ist dort geboren und bekam 2009 für seine Installation im Georg-Trakl-Haus den Preis für die beste Skulptur verliehen. Stefan Rutzinger hat ebenfalls einen sehr künstlerischen Zugang zur Architektur, „aber technische Aspekte und neue Materialien sind genauso wichtig“.

Und Emotionen: „Jeder Bau muss ein Erlebnis sein, muss ohne Erklärung funktionieren.“ Ursprünglich wollte er Grafiker werden, weil er schon als Schüler immer gern zeichnete. Aber seine Eltern – der Vater führte einen Installationsbetrieb – rieten ihm: „Mach Hochbau.“ Rutzinger begann sein Studium in seiner Heimatstadt Innsbruck. Dort hörte er einen Vortrag von Wolf D. Prix, einem der Gründer der avantgardistischen Architekturgruppe Coop Himmelb(l)au, und da wurde ihm klar: „Ich möchte lernen, was hinter diesen Konzepten steht und wie man so freie Architektur argumentiert.“ Er bewarb sich an „der Angewandten“ in Wien und gehörte zu den fünf von 50 Bewerbern, die angenommen wurden.

Rutzinger ist keiner, der es sich bequem macht. Seine Ideen wollte er auch in einer ganz anderen Umgebung und Sprache rechtfertigen können, deswegen ging er – zusammen mit Kristina – für ein Jahr an die renommierte Bartlett School for Architecture nach London, bevor er sein Diplom in Wien machte. „Uns wird schnell fad“, sagt er über sich und seine Partnerin.

Aus diesem Grund experimentieren sie am liebsten mit ganz neuen Zugängen zur Architektur. Sich auf „freiem Feld“ und in internationaler Konkurrenz auszuprobieren war auch die Motivation für die Teilnahme am Wettbewerb für die Expo, für die 136 Büros aus aller Welt eingereicht haben. Den überraschenden Sieg erklärt Rutzinger sich damit, dass „wir wohl einen Nerv bei der Jury getroffen haben“. Wahrheit ist, dass der soma-Entwurf so schön ist, dass er auch als Kunstwerk bestehen könnte – darüber hinaus jedoch bietet er ungewöhnliche und ganz neue technische Lösungen. Die Aufgabe hieß „The Living Ocean and Coast“, und Rutzinger und sein Team lieferten ein strahlend weißes Wesen, das sich auf der einen Seite wie eine versunkene Stadt aus dem Meer erhebt und auf der anderen, der Landseite, eine reizvoll mäandernde Küstenlinie definiert.

Das faszinierend Neue sind die Lamellenfassaden, die der Natur nachempfunden sind und sich durch Aufbiegen fast organisch öffnen lassen. So wird der Lichteinfall bei Tag nach Belieben gesteuert, und bei Nacht leuchtet das Gebäude von innen heraus durch LEDs, die an den beweglichen Lamellen angebracht sind. Das kinetische Lamellensystem, bei dem jedes Element mit sehr geringem energetischem Aufwand auch einzeln gesteuert werden kann, wurde gemeinsam mit einem deutschen Ingenieurbüro entwickelt und zum Patent angemeldet. Fast hätte soma kurz nach dem Expo-Sieg den nächsten großen Coup gelandet: Bei dem international offenen Wettbewerb für den „Taiwan Tower Complex“ belegte das kleine österreichische Architekturbüro den 2. Platz – was ihm viel Aufmerksamkeit in der Fachwelt einbrachte, aber leider nicht den Bauauftrag.

Aber es muss nicht immer die große weite Welt sein: „Ich würde gern mal an einer Ausschreibung in Tirol teilnehmen“, sagt der 1,93-Meter-Mann. Es kann kein Zufall sein, dass er und der preisgekrönte Immobilien- Investor René Benko im gleichen Jahr im gleichen Stadtviertel von Innsbruck geboren wurden. Bei so viel Gemeinsamkeit müsste es irgendwann doch zu einer Zusammenarbeit kommen … Das Jahr 2012 wird so oder so zu einem Höhepunkt im Leben von Stefan Rutzinger: Noch bevor die Expo am 12. Mai in Korea eröffnet wird, kommt im April in Wien sein erstes Kind zur Welt. „Es ist ein Sohn“, verrät Lebensgefährtin Kristina Schinegger.