Der Gischtreiter

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Frederik Jötten

Unser Autor musste schon allen Mut zusammennehmen, um auf dem regengeschwollenen Fluss durch die Vorderrheinschlucht zu paddeln. Sein Lohn? Das unvergleichliche Erlebnis, die gewaltigen Felsformationen nicht nur zu sehen, sondern Teil von Landschaft und Strom zu werden.Es war klar, dass es nicht gemächlich werden würde, die Vorderrhein­schlucht zu durchpaddeln – aber das Rauschen, das ich höre, als ich das Boot in Richtung Einstiegsstelle trage, hört sich für mich nicht nach einem Fluss, sondern einem Wasserfall an. Was hat mich nur dazu gebracht hier als Kajakanfänger hinunter fahren zu wollen? Es waren die Bilder des Grand Canyon der Schweiz, blaugrünes Wasser zwischen hohen Felswänden – und der Wille hautnah dran zu sein, Landschaft nicht nur zu sehen, son­dern zu spüren. Das Ergebnis ist, dass ich mich im Moment nicht für die Natur interessiere, nur noch für mein eigenes Überleben.

Zum Glück bin ich nicht alleine unterwegs, sondern mit Maud Verboven, 33, von der Kanu­schule Versam. Aus Holland kommt sie, wo es über­haupt kein Wildwasser gibt. Trotzdem vertraue ich ihr voll – sie macht seit zehn Jahren kaum etwas anderes als Kajaks und Raftboote zu steuern und Menschen beizubringen, wie das funktioniert. Außerdem lacht sie viel und spricht eine Mischung aus Deutsch mit niederländischem Akzent und Schweizerdeutsch – sehr sympathisch.

Wir schleppen unsere Boote einen Pfad ent­lang, dann tut sich vor uns das Bett des Vorder­rheins auf. Im Hintergrund steil emporragende, weiße Felswände, vorne das Wasser. Milchig-grün und mit Wucht jagt es an einer Kiesbank vorbei – viel Wasser, es hat geregnet gestern. Okay, das ist eindeutig kein Wasserfall, aber es sieht sehr rei­ßend aus. Da soll ich rein? „Wir gehen erst einmal schwimmen, damit du dich an die Temperatur gewöhnst“, sagt Maud. Sie zeigt mir eine Stelle, die ruhiger ist. Hier lege ich mich samt Neopren-anzug und Schwimmweste in den Fluss. Er ist sieben Grad kalt, aber das ist nach dem Fußmarsch erfrischend und beruhigt meine Nerven. Ich lasse mich treiben, dann steige ich etwas gelassener und von Maud für bootstauglich befunden, ans Ufer.

Wir verschließen die Einstiegsluke meines Kajaks mit einem Gummiteil, genannt Spritz­decke. Jetzt bin ich im Boot gefangen, wenn ich umkippe. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, denn man kann unter Wasser die Decke abziehen und aussteigen. Könner vermeiden das Kentern, indem sie eine Eskimorolle machen. Das kann ich leider nicht. Wenn ich ins Kippen komme, werde ich kentern. Das verringert die Angst nicht gerade.

Aber es gibt kein Zurück mehr, Maud gibt das Zeichen zum Start. Sie paddelt senkrecht gegen die Strömung, lehnt sich mit dem Körper flussab­wärts und wird vom Strom erfasst. Ich mache es ihr nach – Schrecksekunde, als das strudelnde Wasser mein Boot packt und mitreißt –, aber dann bin ich in der Strö­mung, die mich trägt. Ich paddele schon 200 Meter und bin nicht gekentert! Ich finde mich ziemlich gut. Aber Maud beordert mich zum Ufer. „Ich zeige dir mal, wie das bei dir aussieht“, sagt sie. Sie beugt sich nach vorn, spannt die Gesichtszüge an und pad­delt vogelwild. Ihre Schläge patschen auf die Wasser­oberfläche. Ich lache. „Nicht so hektisch“, sagt sie. „Mach langsam und zieh deine Pad­delschläge voll durch.“

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Fünfhundert Meter weiter halten wir an und blicken zurück – hinter uns liegt eine Felswand, 400 Meter hoch, höher als jeder Wolken­kratzer in Europa. Ihr Weiß blendet, der Kalkstein ist zerklüftet, einzelne Spitzen ragen wie Nadeln in den blauen Himmel. „Die Rheinschlucht ist entstanden, weil dieses Tal während der letzten Eiszeit von einem Gletscher ausgefüllt war“, sagt Maud. Als dieser wegschmolz, hielten die Wände nicht mehr stand. Deshalb rutschten beim Flimser Bergsturz vor 9500 Jahren neun Kubikkilometer Erde, Felsen und Geröll ins Tal, füllten es kom­plett und stauten den Fluss. Erst 1000 Jahre später schaffte er es, sich durch die Steinmassen zu fres­sen – die Vorderrheinschlucht entstand. Wir fah­ren weiter.

Kurze Zeit später dreht Maud ihr Boot zu mir „Hey, guck mal da oben, da ist ein altes Flussbett!“ Tatsächlich sehe ich in der Felswand eine horizontale braune Schicht – hier ist der Vor­derrhein vor einigen hundert Jahren geflossen. „Ja, super“, rufe ich. Gerade interessiert mich das aktuelle Flussbett allerdings mehr, denn ich sehe große Wellen. An ihrer Spitze spritzt die Gischt, als ob wir an der Atlantikküste wären – und wir fah­ren mitten rein. Der Bug meines Bootes schnellt nach oben, dann fällt er ins nächste Wellental. Wasser spritzt mir ins Gesicht, ich sehe nichts. Als ich die Augen wieder öffne, steht das Boot quer und droht zu kippen. Mit zwei schnellen Schlägen kann ich es gerade so wieder auf Kurs bringen. „Schön, oder?“ ruft Maud. Ich atme tief durch und nicke. Das war knapp.

Maud sagt: „Du fährst schön Boot.“ Ich bin ein bisschen stolz. „Dreh dich mal um die eigene Achse beim Fahren.“ Zuerst will ich nicht, weil das Was- ser auch hier sehr unruhig ist. Aber dann mache ich es – und es geht problemlos. Dann ruft Maud. „Und jetzt mach die Augen zu!“ „Neeinnn“, schreie ich. Dann versuche ich es. Ich schwappe über die Wellen, höre das Platschen – und reite einfach so über das Wasser, ohne etwas zu tun. „Manchmal muss man fast gar nichts machen im Wildwasser – aber das Wenige richtig“, sagt Maud. „Sehr gut, du bist schon viel relaxter als am Anfang.“ Ich nicke, ich habe statt panischer Todesangst jetzt nur noch Herzrasen, das ist schon mal ein Fortschritt.

Maud sagt: „Jetzt haben wir es fast geschafft und du bist noch gar nicht gekentert! Nur noch da vorne die Wellen…“ Ich fahre hinein, vielleicht zu relaxt, plötzlich stehe ich quer auf dem Wellenkamm. Das Boot beginnt nach links zu kippen, ich versuche mich in die Gegenrichtung zu werfen – und verliere die Balance. Mein Kopf taucht in das weiß schäumende Wasser, Kälte, dumpfes Grollen des Flusses unter Wasser, ein Anflug von Panik, ich öffne die Spritzdecke – und bin wieder an der Oberfläche. Mit Paddel und Boot schwimme ich an Land, gerettet!

„Perfekter Ausstieg“, sagt Maud, als sie bei mir angekommen ist. „Kein Materialverlust, super!“ Sogar jetzt ein Lob, sie weiß, wie sie Menschen motiviert. Trotzdem bin ich ein bisschen zerknirscht. Es hätte sich eben zu gut angehört, die Vorderrheinschlucht komplett durchfahren zu haben, ohne zu kentern. Das ist jetzt vorbei, genau wie unsere Paddeltour. In Reichenau laden wir die Boote in den Zug, er fährt zurück durch die Rheinschlucht. Ich blicke auf den Fluss, wie auf einen alten Bekannten. Ich habe jeden Meter nicht nur gesehen, sondern erlebt. Jetzt könnte ich irgendwo einritzen, dass ich hier war. Aber ich werde noch lange die Wellen spüren, das Wasser riechen, das Rauschen hören – und das ist viel bleibender.