Die Schnee-Fabrik

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Sebastian Nachbar

Foto: Thomas Straub

Winterspaß mit Pumpen und Turbinen: Obwohl das Walliser Bergdorf Saas-Grund zwischen den höchsten Alpengipfeln liegt, fehlt im Skigebiet der Schnee für ordentlichen Pistenbetrieb. Damit die Saison trotzdem starten kann, produzieren Maschinen die weiße Pracht künstlich. Zu Besuch bei den Schneekanonen.

So hoch oben, und doch muss Hans-Peter Lauber hinab in dieses finstere Loch. Der Mann mit der Arbeitshose und den schweren Bergstiefeln wuchtet einen schweren Deckel zur Seite und verschwindet in einem Schacht aus Beton. Dort unten in der Dunkelheit hantiert er an Hebeln herum. Als er zurück ans Licht klettert, kneift er zum Schutz vor der Sonne die Augen zusammen. Das kann er auch, die Schönheit der Natur ringsum kennt er sowieso. Der dunkle Schacht liegt auf 2900 Metern Höhe in den Walliser Bergen, direkt zwischen den höchsten Gipfeln der Alpen und birgt alle Anschlüsse, die zum Betrieb einer Schneekanone nötig sind. Denn Hans-Peter Laubers Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass zum Saisonstart im Skigebiet Hohsaas genug Schnee liegt.

Er ist Beschneier. Der 45-Jährige trägt eine Fellmütze, deren Ohrenklappen nach oben gebunden sind. Seine raue Stimme klingt freundlich. Er kümmert sich um den Betrieb bei Tageslicht. Das muss man extra dazusagen. Denn im Moment arbeitet rund um die Uhr jemand im Skigebiet. Tagsüber kontrolliert Hans-Peter Lauber als Chef der Beschneiung die Anlage, versetzt Schneekanonen und bereitet alles für die Kollegen von der Nachtschicht vor. Dann ist es kalt genug für die Schneekanonen, dann muss alles laufen. Ende November klettert die Sonne erst spät über die Walliser Viertausender. Das Skigebiet Hohsaas wartet auf den weißen Segen. Weil der ausbleibt, machen ihn die Betreiber eben selbst. Dafür zaubern ab Spätherbst rund 50 Kanonen Kunstschnee herbei.

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Mit Turbinen so groß wie Flugzeugmotoren und Wasserleitungen so dick wie Feuerwehrschläuche pustet jede einzelne von ihnen sekündlich sechs Liter Wasser in Form winziger Tropfen in den Himmel. Bei ihrem kurzen Flug durch die Luft gefrieren sie sofort. Wenn sie den Boden berühren, sind sie kein Wasser mehr, sondern Schnee. Schnee – für die Bergbahnen Hohsaas gibt es im Winter nichts Wichtigeres. Schnee bedeutet zufriedene Skifahrer. Die sind die wichtigste Einnahmequelle für den Liftbetreiber und bilden die Grundlage für den Wintertourismus im Saastal. Bergbahnen, Hotels, Restaurants, Handwerker – sie alle hängen mehr oder weniger vom Schnee in dem mit 45 Pistenkilometern vergleichsweise kleinen Skigebiet ab. Wenn er fehlt, fehlt der Gast. „Und der ist unser Leben“, sagt Hans-Peter Lauber.

Zurück am dunklen Schacht. Als die Turbine der Schneekanone verstummt ist, kuppelt Hans-Peter Lauber den armdicken Wasserschlauch ab und hängt ihn ans Metallgestell der Kanone. Obwohl es für  Ende November angenehm warm ist, trägt Lauber Handschuhe. Das tut er, seit ihm drei Finger erfroren sind. Damals hat er mit bloßen Händen ans Rohr gefasst. Doch das eiskalte Gletscherwasser kühlt das Metall der Schlauchkupplung derart herunter, dass es der Haut schnell Erfrierungen zufügt. Hans-Peter Lauber winkt ab: „Das hat doch fast jeder in den Bergen, oder?“, sagt er und zündet sich eine Zigarette an. Damit er die Schneekanone versetzen kann, müssen noch die Kabel für Strom und Kommunikation abgesteckt werden. Hans-Peter Lauber hängt sie an einen Haken, richtet die gelbe Turbine der Schneekanone gerade und schwingt sich auf sein Pistenfahrzeug.

Mit einem Joystick steuert er die Maschine, die so groß ist wie ein Panzer und ungefähr genauso laut. So spielerisch, als würde er einen Computersimulator bedienen, manövriert der Schweizer seine Pistenraupe durchs Steilgelände, verteilt hier ein paar Kubikmeter Kunstschnee, walzt dort einen Haufen platt, um dann zentimetergenau an die stillgelegte Schneekanone heranzufahren. Geschmeidig wie ein riesiges Raubtier fährt das zackenbesetzte Räumschild unter die Aufhängung der Schneekanone und hebt sie vom Boden. „Jetzt gehörsch mir“, sagt Hans-Peter Lauber in kehligem Walliser Dialekt. Er kutschiert sie mit seiner Maschine quer durchs hochalpine Gelände und stellt sie dort auf, wo Schnee fehlt. Was folgt, ist die immer gleiche Prozedur: Schachtdeckel auf, Kabel und Wasserschlauch angekuppelt, Turbine ausgerichtet. Und schon schneit es wieder. Zumindest auf den umliegenden Quadratmetern.

Das Skigebiet Hohsaas betreibt die älteste Beschneiungsanlage im Kanton Wallis, sie ist seit 1981 im Einsatz und funktioniert etwa so: Wo das Gletscherwasser zusammenläuft, wird es in die Anlage geleitet und über unterirdische Rohrleitungen zu großen Pumpen befördert. Die erhöhen den Druck und verteilen das Wasser entlang der Pisten auf die Zapfstellen, an denen die Schneekanonen hängen und das Wasser in Schnee verwandeln. Rund hundert Stück gibt es von ihnen. Drei Viertel der Pistenfläche im Skigebiet kann man damit beschneien. Die wichtigste Voraussetzung für Kunstschnee, neben jeder Menge Strom für die Schneekanonen, heißt Kälte. Optimal wären Minusgrade; am Hohsaas kann man aber auch noch bei knapp über null Grad Frau Holle spielen. Aber nur, weil das Wasser so kalt ist, dass es gerade eben taut.

Dieses ein Grad kühle Gletscherwasser ist ein wichtiger Vorteil für das Skigebiet Hohsaas. Nur so können die Schneekanonen auch an diesem Morgen den Betrieb aufnehmen, bei gut zwei Grad plus. Zum Vergleich: Skigebieten in Bayern und Österreich fehlt in den meisten Fällen das eiskalte Wasser von oben. Die Berge sind niedriger, die Bahnen fahren oft bis zum Gipfel, Gletscher sind die Ausnahme. Also werden für die Schneegewinnung meist Bäche im Tal angezapft und deren Wasser aufwändig den Berg hinauf gepumpt – wärmeres Wasser, das erst ab etwa minus vier Grad Lufttemperatur zu Schnee wird. Ein Problem bei milden Tagen im Spätherbst. Als Zwischenspeicher für das Wasser können künstliche Betonwannen neben den Pisten dienen, sogenannte Speicherteiche.