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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Ruth Händler

Gleich unterhalb des Montblanc, auf 3835 Metern, entsteht ein neues Schutzhaus. Für Techniker und Bauarbeiter ein Einsatz im James-Bond-Format.

Drei Jahre lang war sie das Topmodell unter den alpinen Schutzhäusern: Die kantige Monte-Rosa-Hütte oberhalb von Zermatt schimmerte in ihrer Aluminiumhülle auf 2883 Metern überm Meer und sonnte sich in ihrem Ruhm als Avantgardistin einer neuen Generation von Hochgebirgsherbergen. Doch jetzt bekommt die Architekturschönheit Konkurrenz von ganz weit oben: Im Montblanc-Massiv erhält gerade ein dickes Ei den letzten Schliff: das Refuge du Goûter des Club Alpin Français.

Mit diesem futuristischen Schutzhaus hat die Hightech- Bauweise neue Höhen erklommen. Am Grat der Aiguille de Goûter befindet man sich auf 3835 Metern. Geübte Bergsteiger brauchen von diesem höchstgelegenen bewirtschafteten Stützpunkt am Mont Blanc noch etwa fünf Stunden bis zum Gipfel. Wie auch am Monte Rosa ersetzt der moderne Bau eine veraltete Hütte. Nächstes Jahr wird der Vorläufer aus dem Jahr 1962, 200 Meter nördlich der Baustelle gelegen, abgerissen. Er dürfte, folgt man den Berichten der Bergsteiger, kaum vermisst werden: sanitäre Anlagen, Wasser- und Energie-Erzeugung, Abwasser-Entsorgung – alles nicht mehr zeitgemäß und ökologisch höchst unkorrekt. Wer heute im Hochgebirge baut, setzt innovative Technologien ein, die den Grundkomfort bereitstellen, ohne der Umwelt zu schaden. Fernab der Zivilisation und ihrer Infrastruktur liegen keine Leitungen, keine Kanäle, an die man sich anschließen kann. Wasser, Strom, Heizung: Was das Haus braucht, muss es selbst produzieren. Von Solarpaneelen, deren Wärmeenergie den Schnee schmilzt für die Wasserbereitung, über Windturbinen zur Stromerzeugung bis hin zu Vakuumtoiletten wie in Flugzeugen oder Schiffen, ist die neue Schutzhütte auf vier Stockwerken ein Musterbeispiel für ein autarkes Gebäude. Der einzige fossile Brennstoff, der gebraucht wird, ist das Gas für die Küchenherde.

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Der Entwurf für die neue Schutzhütte mit dem James-Bond-Touch stammt von dem Genfer Architekten Hervé Dessimoz, Gründer des Büros Groupe H, und seinem Kollegen, dem Holzbau- Ingenieur Thomas Büchi vom Büro Charpente Concept. Die Konstruktion aus lokalen Hölzern, die unter der metallenen Fassade liegt, wurde so weit wie möglich im Tal gefertigt. Tausende von Helikopterflügen mit Material oder Handwerkern gehörten in den letzten zwei Jahren zum Alltag auf der höchsten Baustelle Europas. Bis zu 300 Stundenkilometern schnell bläst dort der Wind – die extreme Lage, der Zeitdruck in der kurzen Sommerperiode, aber auch die atemberaubenden Blicke über das Montblanc-Massiv machten die Arbeit zu einer unvergesslichen Herausforderung.

„Wir mussten uns alle einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, um sicherzustellen, dass wir für die Arbeit auf 3800 Metern, in Kälte und dünner Luft, fit genug sind“, erzählt Jakob Swane Lund vom dänischen Dachfenster-Spezialisten Velux. Mit acht Kollegen hatte Lund die Aufgabe, 55 Fenster einzubauen, alle Spezialanfertigungen mit Dreifachverglasung zuzüglich einer zusätzlichen Acht-Millimeter-Glasschicht als Wetterschutz.

Zum Abenteuer wurde allein schon die Strecke von der alten Hütte, in der die Techniker untergebracht waren, zu ihrem Arbeitsplatz: „Wir hatten Spikes an den Schuhen und brauchten manchmal Eispickel, um zur Baustelle zu gelangen. Wegen der besonderen Bauweise mussten die Scheiben von außen montiert werden. Also arbeiteten wir auf einem Gerüst, von dem aus es 800 Meter in die Tiefe ging.“ Am 15. August 2012 wurde das nagelneue Refuge eröffnet. Es ist kein Haus, in das man mal eben hereinschneit; ohne Voranmeldung via Internet geht nichts. Voll dürfte es trotzdem werden, bei bis zu 30.000 Bergsteigern, die jährlich den Montblanc erobern wollen. Mit offiziell hundert Plätzen waren die alte Hütte und ihr Annex manchmal doppelt und dreifach überbelegt. Die neue Hütte bietet 120 Gästen Platz. Den anderen, die, wie gehabt, auf Boden, Bänken und Tischen nächtigen müssen, bleibt wenigstens ein Trost: alles ganz frisch. Duftet noch nach Tannen- und Fichtenholz.