In den Frühling verduften

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Text: Charlotte Seeling

Botanische Gärten beamen Besucher direkt in den Frühling, lassen Schnee, Schmuddelwetter und lähmende Winterdepression vergessen. Die besten Beispiele liegen in Meran, im Lago Maggiore und in Monaco.

Es ist der Duft, der den Frühling ankündigt. Als süßes Versprechen dringt er über die Nase direkt ins Gehirn, wo er Glücksgefühle auslöst. Deswegen ist ein üppiger Blütenflor die beste Therapie gegen Wintermelancholie. Leider halten die meisten Gärten im Alpenraum langen Winterschlaf, und da die Gerüche bei Schnee und Eis wie versiegelt sind, fehlt es an frohen Botschaften. Da hilft nur eines: jene Botanischen Gärten besuchen, die dank ihrer bevorzugten Lage ein Mikroklima entwickeln, das vorgezogenen Frühling garantiert. Meran hat die mildesten Winter im gesamten deutschsprachigen Raum, und dort ist auch der einzige botanische Garten Südtirols. Die vielen schlanken Silhouetten echter Zypressen lassen ans Mittelmeer denken, von dort weht der warme Wind herauf, der die Gärten von Schloss Trauttmansdorff zum Pflanzenparadies prädestiniert. Den Hintergrund bilden schneebedeckte Gipfel, die sich bis zu 3335 Meter erheben und vor Niederschlägen und kalten Winden aus dem Norden schützen. Vor zehn Jahren erst wurde das zwölf Hektar große Areal zur Heimat von über 500.000 Pflanzen aus aller Welt, eine kurze Zeit für einen Garten, der Generationen von Menschen überdauern kann. Doch Trauttmansdorff präsentiert sich im Jubiläumsjahr 2011 ohne „Kinderkrankheiten“, die vier verschiedenen Gartenwelten, dem Wald, der Sonne, dem Wasser und der Südtiroler Kulturlandschaft gewidmet, sehen aus „wie gewachsen“. Nur Fachleute erkennen, welch pflegerische Arbeit dahinter steckt – schon 2005 wurde diese Anlage zum schönsten Garten Italiens gekürt, und nur ein Jahr später landete sie auf dem sechsten Rang aller botanischen Gärten in Europa. Das Versprechen „Die ganze Welt in einem Garten“ wird weitgehend erfüllt: Ob japanische oder englische, exotische oder mediterrane, Wasser- oder Terrassengärten – an den sonnenverwöhnten Hängen wurde alles realisiert. Außerdem haben Künstler in Anlehnung an das traditionelle Gartenhäuschen elf Pavillons gestaltet, in denen mit modernen Materialien wie Karbonfaser oder Plexiglas die Idee vom Garten heraufbeschworen wird – Diskussionen erwünscht. Zum zehnten Geburtstag öffnet Trauttmansdorff in dieser Saison seine mysteriöse Unterwelt: Ein 200 Meter langer Tunnel führt durch einen Felsen direkt zu den Wurzeln der Botanik; in eigens für den Anlass gesprengten Höhlen wird das Leben unter der Erdoberfläche multimedial vorgeführt. Bevor Flieder (Syringa) und echter oder falscher Jasmin (Jasminum und Philadelphus) in jedem Hausgarten für eine Aroma-Explosion sorgen und Pfingstrosen (Päonien) ihre üppigen Blüten öffnen – meist zum namengebenden Pfingstfest –, begegnet man in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff diesen und noch vielen weiteren Stimmungsaufhellern, etwa Magnolien und Kamelien, die allein schon mit der Schönheit ihrer Blüten erfreuen. Das tun auch Rhododendren und Azaleen, die ungewöhnliche Farbenpracht entwickeln – aber wenn sie überhaupt duften, dann sehr diskret.

Dass ein Garten nicht nur Nase und Auge anspricht, daran erinnert der „Sinnesgarten“. Jeder weiß, dass der Geschmack dank zahlreicher Früchte auf seine Kosten kommt, aber wer setzt Gehör und Tastsinn ein? Dabei lassen sich sprudelnde Bäche und rauschende Wasserfälle kaum überhören. In der Meraner Anlage sind sie ebenso vorhanden wie verspielte Brunnen mit weiblichen Figuren, aus deren Brüsten Wasser spritzt. Aber auch das unterschiedliche Rauschen der Blätter gehört zum Gesamteindruck. In Trauttmansdorff gibt es einen Wald aus 40 verschiedenen Bambussorten, in dem es raschelt, flirrt und knistert. Am wenigsten werden Texturen beachtet, obwohl sie oft ausgesprochene Handschmeichler sind. Vor allem die jungen Triebe, Knospen und Blätter der Flaumeiche (Quercus pubescens) verleiten mit ihrer filzig-samtigen Behaarung zum Berühren. Dieser wärmebedürftige Baum war auf dem Gelände schon heimisch, bevor die botanischen Gärten angelegt wurden. Einige der Flaumeichen in dem erhaltenen Hain sind mehr als 150 Jahre alt und haben noch den Besuch der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn im Jahr 1870/71 erlebt.

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An die schönheitsdurstige Regentin erinnern die Sissi-Terrasse und die Sissi-Promenade, an deren Ende die von Star-Architekt Matteo Thun gestaltete Aussichtsplattform, „Gucker“ genannt, einen Pano ramablick auf die gesamte Anlage eröffnet. Wie in einem Amphitheater steigen die verschiedenen Gärten über viele Terrassen abwärts zur „Bühne“, die hier ein See ist. Über allem thront das Schloss, das Graf Trauttmansdorff 1850 aus mittelalterlichen Burgruinen errichten ließ. Seit 2003 beherbergt es ein Museum für Tourismusgeschichte, Touriseum genannt. Bei manchen Botanischen Gärten wird mehr über die wechselvolle Geschichte der Besitzer gesprochen als über die Pflanzenwelt. Das trifft auf die Insel Brissago im Lago Maggiore zu, die von Schlangen, Skorpionen und Kaninchen bevölkert wurde, bevor Richard Fleming Saint Léger sie 1885 kaufte. Der Brite, der von seinem Onkel ein Vermögen und auch den Titel eines Barons geerbt hatte, schuf auf der damals San Pancrazio genannten Insel einen Garten Eden für seine schöne Frau Antonietta. Die ganze Welt wollte er ihr dort zu Füßen legen, indem er Pflanzen von überall her kommen ließ. Zuerst reisten aus Australien Eukalyptusbäume an, danach viele Palmen aus Afrika. Ganze Schiffsladungen brachten Raritäten aus Ostasien, von unscheinbaren Blumenzwiebeln bis zu ausgewachsenen Bäumen. Es folgten Gewächse aus Südafrika, Amerika und Ozeanien, die bevorzugte Plätze am warmen südlichen Ende der Insel bekamen. Besonders beeindruckend sind bis heute einige alte Sumpfzypressen, die im Wasser stehen und zur Sauerstoffaufnahme skurrile Luft wurzeln bilden, die sich wie ein Zwergenvolk um die gefurchten Stämme scharen. Der Flora des Mittelmeeres dagegen wurde sehr viel weniger Platz eingeräumt. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist, als es schick war, möglichst seltene, wenn nicht gar unbekannte Pflanzen nach Europa zu holen. Damit ließen sich Gäste beeindrucken, und der Baronin waren illustre Besucher sehr wichtig. Sie führte ein offenes Haus und, wie man munkelte, auch eine offene Ehe. Zwölf Jahre dauerte die gemeinsame Gartenleidenschaft, dann verließ Baron Richard Frau und Insel. Das Glück ging mit ihm.

Zwar zog die vielsprachige Antonietta – von der es hieß, sie sei eine uneheliche Tochter von Zar Alexander II. – immer noch prominente Gäste von James Joyce bis Rainer Maria Rilke an, aber sie verspekulierte sich mit riskanten Investitionen. Nach dem Ersten Weltkrieg enterten immer öfter Gerichtsvollzieher die Insel. 1927 musste Baronin Antonietta verkaufen. Der jüdisch-deutsche Warenhausmillionär Max von Emden aus Hamburg kaufte die Insel. Am Karfreitag 1928 ließ er alle Gebäude in die Luft sprengen und errichtete eine neoklassizistische Villa, die bis heute steht. Die Flora des Gartens ließ er konservatorisch betreuen, aber sie interessierte ihn wenig – ihn interessierten Frauen. Um die zu beeindrucken, ließ er an jeder Bucht Aussichtsterrassen anlegen. Der Clou aber war ein Römisches Bad am südlichsten Punkt der Insel, wie ein geheimer Garten von umrankten Bruchsteinmauern umgeben. Nur zum See hin blieb die Mauer so niedrig, dass man hinaus sehen konnte, einsehbar jedoch war der jardin secret nicht. Und das aus gutem Grund: Angeblich lud der reiche Mann, den seine Frau verlassen hatte, hoch gewachsene Schönheiten zum Nackt baden in seinen römischen Pool. So jedenfalls die Gerüchte. 1940 starb Max Emden. Neun Jahre später verkaufte sein Sohn Hans Heinrich, der vor den Nazis nach Chile geflüchtet war und über sein Schweizer Erbe nicht verfügen konnte, die Insel an den Kanton Tessin, der ihn als Parco botanico del Cantone Ticino dem Staat unterstellte – auf dass niemand auf die (naheliegende?) Idee käme, hier verbotene Liebes und Glücksspiele anzubieten. Wer heute von Porto Ronco auf der Schweizer Seite des Lago Maggiore aus mit dem Shuttle-Boot auf die Isole di Brissago übersetzt, kann wählen, auf welchen Wegen der Geschichte er wandeln will: Sucht er Spuren einer leidenschaftlichen Liebe, die zerbrach oder einer zerbrochenen Liebe, die zu Leidenschaften führte – Pflanzen oder Architektur? Beides zusammen macht den Reiz dieses botanischen Gartens aus.

Seit dem 19. Jahrhundert suchten reiche Romantiker ihr Gartenglück an der Riviera, verführt vom gelben Blütenrausch der Mimosen und den überbordenden Farbexplosionen des Oleanders. Wo so etwas neben Orangen und Palmen am Wegesrand wächst, da müsste doch jedes gärtnerische Experiment von Erfolg gekrönt sein. Weit gefehlt! Der karge Boden auf felsigem Untergrund, die wechselnden Winde, der Salzgehalt der Luft, die Hitze – all das vertragen europäische Pflanzen schlecht. Kein Wunder, dass die berühmteste Anlage an der Riviera der Exotische Garten in Monaco ist: Kakteen und andere Sukkulenten bieten immer einen imposanten Anblick – und rund ums Jahr Blüten! Der monegassische Fürst Louis II. (1870–1949) ließ den Garten nicht etwa von einem Botaniker, sondern von dem Ingenieur Louis Notari gestalten – was Sinn macht, da sich an dem steilen, zerklüfteten Felshang viele technische Probleme stellten. Im höchstgelegenen Teil des Gartens bietet die obere Plattform einen spektakulären Panoramablick auf den Felsen von Monaco, den Hafen und auf Monte Carlo mit dem Spielcasino. Aus einer natürlichen Höhle in hundert Metern Höhe, die prähistorischen Menschen Unterschlupf bot, wurde das Observatorium gestaltet, in dem magisch ausgeleuchtete Versteinerungen ausgestellt sind. Noch staunenswerter aber sind die fremdländischen Pflanzen, die sich in Monaco so akklimatisiert haben, dass sie gigantische Ausmaße zeigen. Größere Kakteen und Agaven findet man auch in ihrer Heimat im Südwesten Amerikas oder Mexiko nicht. Noch seltenere Sukkulenten, deren Stiel oft als Wasserreservat ausgebildet ist, kommen aus Süd- und Ostafrika und von der arabischen Halbinsel.

Manche glauben, Kakteen würden nur in der Nacht ihre Blüten öffnen. Das stimmt nicht. Im exotischen Garten von Monaco kann man das ganze Jahr über farbenprächtige, bizarre und auch duftende Blüten bewundern. Organisierte Liebhaber sukkulenter Pflanzen, Fachleute und Schulen haben Zutritt zum botanischen Zentrum, wo Experten Auskunft über Anbau und Vermehrung geben. Seltene Gattungen, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind, wird hier ein Überleben garantiert. Pro Jahr werden mehrere tausend Samenpäckchen in mehr als fünfzig Länder verschickt. Auf dass noch viele Generationen exotische Gärten bewundern können.