Schafes Bruder

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Der Bordercollie ist ein echter Weltbürger – so anpassungsfähig, dass er überall leben kann. Er fühlt sich sogar in knapp 3000 Metern Höhe noch heimisch. Dennoch ist er gefährdet Dieser Hund hat Humor. Wenn er den Kopf zur Seite legt, mit einem Auge zwinkert, leise winselt und dann fröhlich bellt, drückt dieser fast menschenartige Schalk durch. Er ist typisch für den Border Collie. Er gilt nicht umsonst als besonders intelligenter, geselliger und eben auch vifer Hund.

Was die meisten aber nicht wissen: Keine Hunderasse ist als Hirtehund besser geeignet als der schottisch-britische Border Collie. So wird er auch in dieser Saison – zwischen Bündner Bergen und österreichischen Alpen – wieder so manchem Schafshirten Gesellschaft leisten während den einsamen Monaten auf der Alp. „Ohne sie hätte ich nicht halb so einen guten Sommer“, sagt Eugen Vonwiller, Bio-Schafszüchter aus Burgiswil in der Nähe von Bern in der Schweiz. Zusammen mit seiner Hündin Réa und rund 50 Schafen verbringt er die Zeit von Ende Mai bis Anfang Oktober auf einer Alp im Berner Oberland.

Vonwiller ist fasziniert, wenn er sieht, wie präzis seine Hündin arbeitet und wie schnell sie lernt: „Sie ist intelligent, stark und sehr sozial“, sagt er. „Denn die Tage und Nächte alleine auf der Alp können manchmal schon sehr lang sein.“ Tagsüber, wenn Réa die Herde antreibt oder zusammenhält, staunt er, dass sie innert einem Jahr Ausbildung schon so gut eingespielt sind aufeinander. Das sieht dann etwa so aus: In rasendem Tempo kommt die zweijährige Réa über einen Zaun gesprungen, umrundet grosszügig und flink die Herde. Die Schafe laufen zusammen.

Der Schäfer pfeift. Aus voller Geschwindigkeit bremst das Tier ab und legt sich flach auf den Boden, die Schnauze ins Gras, schaut konzentriert auf die Schafe. Der Schäfer pfeift ein zweites Mal. Der Hund treibt die Herde ruhig und souverän in Richtung seines Meisters.

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„Kein anderer Hund kann das so“, sagt er stolz. Nicht umsonst ist Réa schon der dritte Border Collie, den er aufzieht. Ein fast schon poetisches Lobeslied singt die Alphirtin Regula Wehrli auf ihren Border Collie. „Er leistet Präzisionsarbeit, wenn er zum Dirigent wird und die Herde zu seinem Orchester“, schreibt sie in der Zeitung der Älplerinnen und Älpler in der Schweiz (www.zalp.ch). Wehrli und Vonwiller stehen exemplarisch für die grosse Beliebtheit des Hundes bei Schafzüchtern und Hirtinnen.

Ein Border Collie arbeitet selbstständig – einmal blitzschnell seitwärts flankierend, dann wieder ganz gemächlich anschleichend, aber immer zielstrebig und keinen Moment zögernd. Ihm entkommt kein Schaf und keines bleibt zurück. Konzentration, Taktik aber auch Unbeschwertheit und Feingefühl zeichnen diesen 1893 im schottisch-britischen Grenzland erstmals entdeckte Rasse aus. Der Ort der Entdeckung gibt ihm übrigens seinen Namen, der vom Grenzland, eben Border Line, kommt.

Es war der bescheidene Schafsfarmer Adam Telfer, der zufällig die herausragenden Fähigkeiten seines Hundes „Old Hemp“ als Hütehund bemerkte und, ganz motiviert von dieser Feststellung, Old Hemp über 200 Nachkommen abverlangte. Das Tier starb, erschöpft und nicht sehr alt, mit acht Jahren. Nichts desto trotz gilt Old Hemp als Stammvater aller Border Collies bis heute. Dass dieser mittel- bis langhaarige Hund, der ein schwarz-weisses und selten ein braun durchzogenes Fell hat, aber noch mehr kann, als Schafe zusammentreiben und Hirte glücklichen machen, zeigt die Geschichte von Rico, dem berühmtesten Border Collie. 1999 stellte Rico, der 2008 im hohen Alter verstorben ist, ein Talent unter Beweis. Der Hund konnte 77 Wörtern die jeweiligen Spielzeuge zuordnen, und holte sie auf Kommando blitzschnell aus dem Nebenraum. Diese Leistung wurde sogar am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht.

Den Ritterschlag als Vertreter dieser „ausgesprochen intelligenten Hundrasse“ erhielt Rico aus Deutschland dann von der Fachzeitschrift „Science“. Rico sei in der Lage, vergleichbar mit einem zweijährigen Kind, das sogenannte „Fast Mapping“ anzuwenden. Ein Ausschlussverfahren des Gehirns, das man vorher noch nie bei Hunden entdeckt hatte. Und seither ist nicht nur bekannt, das der Border Collie ein talentierter Hirtehund in der Natur und auf den Bauernhöfen ist, sondern – mit etwas Übung – vielleicht noch eine Doktorandenstelle in Agronomie erhalten würde.