Sound of the Dolomites – Macht der Stille

Mario Brunello. Sound of Dolomites

© Foto: Daniele Lira

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Jeden Sommer schleppt Mario Brunello sein 400 Jahre altes Cello in die Dolomiten – für eine einzigartige Konzert-Erfahrung beim Trentiner Festival Sound of the Dolomites

Seit 19 Jahren verwandelt das Trentiner Festival „I Suoni delle Dolomiti“ Gipfel und Bergseen, Hütten und Wälder in einzigartige Konzertsäle. Musiker wie Zuschauer wandern, oft stundenlang, zu den atemberaubenden Spielstätten. Von Anfang an gehörte der Cellist Mario Brunello zu den auftretenden Künstlern – ein begeisterter Bergsteiger, für den sich in der Verbindung von Musik und Natur jedes Jahr ein Traum erfüllt.

ALPS: Was macht für Sie nach so langer Zeit immer noch den Reiz dieser ungewöhnlichen Konzerte aus?
Brunello: In den ersten Jahren war ich begeistert, weil ich mein Hobby – Klettern und Wandern – mit der Musik verbinden konnte. Da hatte ich die eigentliche Bedeutung dieses Tuns noch gar nicht begriffen. Später habe ich entdeckt, dass es an einigen Orten in den Dolomiten eine ganz besondere Art von Stille gibt, die gleiche Stille, wie sie im Kopf eines Komponisten herrscht, eine natürliche Stille – nicht jene künstlich erzeugte Stille im Konzertsaal.

ALPS: Welcher Komponist passt in diese Stille am besten?
Brunello: Bach. Seine Musik ist so wohlproportioniert wie das Blatt eines Baumes. Das ist, obwohl es zwei fast identische Seiten hat, nie vollkommen symmetrisch. Genau so sind Bachs Kompositionen. Sie sind wie die Natur, haben keine architektonischen Strukturen. Die Musik anderer Komponisten macht sich in umgrenzten, proportionierten Räumen gut, weil dies ihrem Charakter entspricht. Bachs Musik hat keine Begrenzungen, entwickelt ihre ganz eigenen Proportionen, und kann deshalb auch im freien Raum bestehen.

ALPS: Folgen Auswahl und Abfolge der Stücke nach einem festen Plan?
Brunello: Wir werden gemeinsam mit dem Publikum jeden Tag vier, fünf, sechs Stunden wandern. Das heißt, wenn wir einen schönen Platz finden, können wir sofort loslegen, denn wir haben unsere Zuhörer schon um uns. Dank dieser Spontaneität teilen sie unsere Erfahrungen, unser Empfinden, auch unser Musizieren viel unmittelbarer mit uns, als dies während eines normalen Konzerts möglich wäre. Die Leute müssen nahe an uns heranrücken, um alles mitzubekommen; das heißt, dass sie auch Geräusche hören, die beim Musizieren entstehen, und die sonst nur der Musiker selbst hört – sogar in einem kleinen Konzertsaal wären sie dafür schon zu weit weg. Sie erleben also die Musik wirklich hautnah.

ALPS: Ganz praktisch gesehen, bedeutet das Trekking aber auch, dass Sie Ihr Instrument jeden Tag stundenlang tragen müssen …

Brunello: Ein Cello ist zwar groß, hat aber wenig Gewicht. Es ist nicht einmal so schwer wie ein normaler Rucksack. Und ich würde es auch niemals jemand anderem zum Tragen überlassen wollen. Schließlich übernähme der die enorme Verantwortung für ein mehrere hundert Jahre altes Instrument. Sollte wirklich etwas passieren, möchte ich wenigstens selbst schuld sein.

ALPS: Das heißt, Sie gehen mit einem unglaublich wertvollen Instrument in die Berge und setzen es dort der Witterung aus?
Brunello: Ja. Ich spiele ein Cello des Brescianer Geigenbauers Gio Paolo Maggini aus dem Jahr 1610 – auch in den Dolomiten! Aber weder meines noch ein anderes Instrument hatte je Probleme, weder mit dem veränderten Luftdruck, noch mit der Luftfeuchtigkeit. Das Holz, aus dem die Instrumente gefertigt wurden, ist einst in den Bergen geschlagen worden. Insofern kehren die Geigen und Celli zu ihrem Ursprung zurück. Jede Klimaanlage setzt einem Instrument viel stärker zu.

ALPS: Gibt es, neben den Dolomiten, noch andere Orte, an denen Sie zu gerne einmal musizieren würden?
Brunello: Einen Traum habe ich mir schon erfüllt: Bereits mehrmals habe ich in der Sahara gespielt, einmal auch in der Wüste von Namibia. Dort ist die Art von Stille ganz ähnlich – man hört zwar auch hier Geräusche, die Laute der Natur, aber das ist einfach etwas völlig anderes als das Papierrascheln im Konzertsaal.

ALPS: Noch eine weitere Destination, die Sie reizen könnte? Der Himalaya zum Beispiel?
Brunello: Der Himalaya lockt mich nicht. Mich macht die Stille der Dolomiten vollkommen glücklich. Andere Berge brauche ich nicht.

Gut zu Wissen
Mehr Informationen unter www.isuonidelledolomiti.it
Kategorie ALPENBLICK, Kunst & Kultur

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.