Alpenkonvention – Auf die sanfte Tour

Alpenkonvention – Auf die sanfte Tour
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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Seit zehn Jahren verpflichtet die Alpenkonvention alle Länder des Alpenbogens zu nachhaltigen Fremdenverkehrskonzepten. Das kleine Lesachtal in Kärnten gehört zu den Regionen, die beispielhaft zeigen, wie blendend diese Ansätze funktionieren können – wenn man nur den Weg der kleinen, aber durchdachten Schritte geht (ALPS Magazine #10 3/2012 Review)

Wir Lesachtaler haben ein Sprichwort: „Wer lang genug hinterherrennt, läuft irgendwann vorneweg“, erzählt Erwin Soukup lachend. Eine Spruchweisheit, die sich gerade wieder einmal bewahrheitet, im Großen wie im Kleinen. Das ganze Hochtal im Nordwesten Kärntens ist ein Musterbeispiel dafür, wie gut und unaufgeregt ein wirklich sanfter Tourismus funktionieren kann. Und Soukup, der vor zwei Jahren den Bauernhof seiner Eltern im Örtchen Liesing übernahm und mit acht Ferienwohnungen schon zu den „großen“ Gastgebern im Tal gehört, rangiert mit seinem Kinderprogramm in den Gästebewertungen des Eltern-Kind-Reiseanbieters Vamos regelmäßig auf Platz 1.

Das ist insofern besonders eindrucksvoll, als Vamos sich generell durch handverlesene Ziele auszeichnet, die mit aufwendig konzipierten Kinderprogrammen und entsprechender Ausstattung punkten. Im Vergleich zu Astrid-Lindgren-Workshops und Naturdetektiv-Camps, zu hauseigenen Kletterwänden, Spaßpools und Indoor-Bewegungsräumen ist das Angebot von Soukup auf den ersten Blick denkbar unspektakulär: Im Garten gibt’s eine Rutsche, eine Sandkiste und ein Federballnetz, für Regentage warten in der Bauernstube Gesellschaftsspiele. Pro Woche bietet er eineinhalb Tage Kinderbetreuung an, damit die Eltern auch einmal etwas für sich allein unternehmen können – doch ohne hoch gehängtes pädagogisches Aushängeschild: „Ich mache mit den Kindern das, was mir als Bub auf dem Bauernhof Spaß gemacht hat“, erklärt Soukup. Am unterhalb des Hofs gelegenen Flüsschen Gail werden Wasserräder konstruiert, die Kinder werkeln an einem Baumhaus, schnitzen Stöcke, bemalen Steine. Außerdem haben sie jeden Abend Stalldienst: Hasen füttern, die Box der Ziege ausmisten, Eier einsammeln, die Hühner vom Freigehege in den Stall treiben … Beim Almauftrieb der Kühe marschieren die Gastfamilien selbstverständlich mit.

Wenn’s ans Heumachen geht, ist auf dem Wagen immer Platz für ein paar neugierige Jungs. Und auf dem frisch ins Silo gefüllten Heu Saltos zu schlagen, beschert den Eltern strahlendere Kindergesichter als jedes Megatrampolin. Im touristischen Angebot des Lesachtals ist Soukups „Familienbauernof Mesner“ nur ein kleiner Baustein, und doch ist dieser Hof allein schon beispielhaft für vieles, was im „Protokoll zur Durchführung der Alpenkonvention im Bereich Tourismus“ postuliert wird: „ein naturnahes und umweltschonendes Tourismusangebot sowie die Aufwertung des natürlichen und kulturellen Erbes der Feriengebiete“.

Etwas weniger amtsdeutsch geht es in dem Richtlinienwerk „um ein breites Angebot an Aktivitäten, die gänzlich ohne technische Hilfsmittel auskommen“, erklärt Peter Haßlacher. Er ist Leiter der Fachabteilung Raumplanung/Naturschutz beim Österreichischen Alpenverein und war einer der zentralen Köpfe bei der Entwicklung der oben erwähnten Alpenkonvention, jenem völkerrechtlichen Vertrag, in dem sich alle Länder des Alpenbogens zum Schutz ihres einzigartigen Natur- und Lebensraums verpflichten. Wie die Umsetzung dieser in den Achtzigerjahren ausgetüftelten und vor zehn Jahren in Kraft getretenen Vorgabe im Einzelnen aussehen soll, ist in einer ganzen Reihe von „Durchführungsprotokollen“ festgeschrieben, an denen Haßlacher ebenfalls mitgewirkt hat. Diese berücksichtigen alle Bereiche, auf die die Leitlinien der Alpenkonvention konkrete Auswirkungen haben, von Raumplanung und Landschaftspflege bis hin zu Landwirtschaft und Verkehr.

Eine besondere Bedeutung in dieser Konstellation kommt natürlich dem Tourismus zu, schließlich ist er einer der stärksten ökonomischen Kräfte, aber auch eines der größten Problemfelder in den Alpen. „Wir können natürlich Regionen, in denen jahrzehntelang intensiver Tourismus betrieben wurde, mit Bettenburgen und zahllosen Liftanlagen, nicht auf einen Schlag völlig umkrempeln“, weiß Haßlacher. „Aber es wäre schon ein Schritt, wenn sich all das auf ein ökologischeres Fundament stellen ließe, oder wenn man dort ein Gleichgewicht herstellen könnte zwischen Bereichen, die intensiv genutzt werden, und Bereichen, in denen der extensive, also sanfte, Tourismus vorherrscht.“ Ein Beispiel für eine solche Koexistenz ist ausgerechnet das Ötztal, das die meisten nicht gerade mit entschleunigten, technikfreien Angeboten assoziieren. Dennoch gibt es hier nicht nur die Skiarenen, sondern eben auch Vent, ein „Bergsteigerdorf“, das nicht nur wegen seiner Hochgebirgslage so heißt, sondern auch dank Ernennung seitens des Österreichischen Alpenvereins.

Denn der prämierte mit dieser Bezeichnung bislang insgesamt 16 Gebiete, die in ihrer Art, mit Fremdenverkehr umzugehen, beispielhaft die Qualitäten verkörpern, wie sie im Durchführungsprotokoll der Alpenkonvention festgeschrieben sind: eine nachhaltige, eigenständige Entwicklung ohne internationale Hotelketten, ein harmonisches Ortsbild, keine das Gebiet zerteilende „Hochleistungs-Autostraßen“, gelebte Traditionen und eine unverbrauchte, nicht von Liftanlagen und Pisten zerschnittene Landschaft. Kleine Gastronomiebetriebe sollen hier ihr Auskommen finden, und die Wirtschaftskraft, die der Tourismus in der Region bringt, soll am Ort gehalten werden, statt an regionsfremde Investoren zu fließen. In der Realität besteht die Durchführung solcher Ziele oft aus ganz kleinen Schritten.

Um das Geld, das die Gäste ins Kärntner Lesachtal – ebenfalls ein offizielles „Bergsteigerdorf“ – bringen, im Tal zu binden, haben örtliche Gastgeber wie Erwin Soukup zu ganz einfachen Mitteln gegriffen. Allen Gästen seiner Apartments bietet der ideenreiche Bauer bei der Anreise einen „Einkaufsservice“ an: Er kauft nach Wunschliste im Gemischtwarenladen und bei der exzellenten Metzgerei im Nachbarort ein und füllt die Gästekühlschränke darüber hinaus mit Erzeugnissen vom eigenen Hof, dessen komplette landwirtschaftliche Produktion, von Milch über Käse bis zum Obstbrand, ausschließlich an die Hausgäste verkauft wird. „So muss niemand mit einem Auto voller Lebensmittel anreisen, und von dem Einkauf profitieren unsere Händler statt einer anonymen Supermarktkette.“

Anderes Beispiel, ebenfalls im Hauptort Liesing und durch Erwin Soukups Initiative entstanden: Als er gemeinsam mit seinen Eltern unweit seines Bauernhofs 2006 ein zweites Haus mit Ferienwohnungen errichtete, baute er, statt eine Ölheizung zu installieren, in Zusammenarbeit mit einem weiteren Hof ein kleines Heizkraftwerk. Es wird mit Hackschnitzeln aus Bäumen betrieben, die aus zu den Höfen gehörenden Wäldern stammen, und es beheizt inzwischen den halben Ort, unter anderem die Gebäude der Volksmusikschule, der Gemeinde und der Bank.

Auch sonst erfüllt das Lesachtal die Vorgaben der Alpenkonvention fast wie im Bilderbuch: Es gibt nur ein einziges größeres Hotel – doch das liegt in einem abgelegenen Seitental an der Mineralquelle in Tuffbad. Abgesehen von dem kleinen Skigebiet Golzentipp in Obertilliach findet sich nirgendwo ein Lift; Pläne, in Obergail nahe Liesing einen Skizirkus zu errichten, scheiterten – aus heutiger Sicht zum Glück –, weil die örtlichen Bauern das beträchtliche finanzielle Risiko scheuten. Denn selbst im Lesachtal kristallisierte sich der sanfte Tourismus erst nach und nach als Fremdenverkehrsform heraus, die nicht nur zur Landschaft, sondern auch zur Natur der Menschen im Tal perfekt passt.

„Als wir Anfang der Neunzigerjahre mit unserer  Idee der ,Bergsteigerdörfer‘ an den Start gegangen sind, damals im Virgental in Osttirol, da haben die meisten überhaupt nicht begriffen, was wir wollten – und noch viel weniger, dass es sich um eine wegweisende Alternative zum äußerst intensiv betriebenen, winterorientierten Tourismus handeln könnte“, erinnert sich Peter Haßlacher. „Die Idee passte überhaupt nicht in die Zeit, man hatte immer noch die Expansion der Skigebiete als höchstes Ziel vor Augen. Aber auch die Gäste ließen sich kaum für einen anderen Fremdenverkehr begeistern: Erst seit ein paar Jahren können wir beobachten, dass es gerade zahlungskräftigere Gästeschichten sind, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, auf eine gesunde Umgebung und eine intakte Landschaft, und die sich gezielt Urlaubsorte suchen, in denen sie selbst aktiv werden können, statt durch aufgesetzte Angebote künstlich bespaßt zu werden.“

Im Lesachtal waren manche ihrer Zeit weit voraus. Die Bäuerin Brigitte Lugger aus Maria Luggau zum Beispiel kämpfte schon für den Erhalt des kulturellen Erbes, da waren die entsprechenden Maximen der Alpenkonvention noch reine Zukunftsmusik. „Früher war das Lesachtal ein Korntal“, erzählt die ruhige, bescheidene Frau, am Tisch vor ihrem Wohnhaus sitzend. „Gras fürs Vieh wuchs nur auf den steileren Berghängen, die ganze Talsohle aber wurde für den Getreideanbau genutzt. Deshalb gab es über hundert Wassermühlen. Im Lauf der Sechzigerjahre, als das Tal durch eine größere Straße besser erschlossen war, hat sich dann abgezeichnet, dass es weniger mühevoll und zudem billiger ist, Mehl von anderswo zu kaufen und den Talgrund als Heuwiesen fürs Vieh zu nutzen.

Damit sind auch die alten Mühlen verschwunden, eine nach der anderen.“ Auch die sechs Mühlen, die sich die Luggauer Bauern einst entlang eines Bachlaufs oberhalb der Klosterkirche gebaut hatten, standen schon mehrere Jahre still, als ein Erdrutsch sie Anfang der Siebzigerjahre schwer beschädigte. Brigitte Lugger setzte sich vehement dafür ein, dass sie nicht abgetragen, sondern wieder instand gesetzt wurden. Heute gehört der „Mühlenweg“, neben der Wallfahrtskirche und dem ebenfalls von Brigitte Lugger initiierten Lesachtaler Bauernladen, zu den Attraktionen des kleinen Wallfahrtsorts.

Jeden Freitag um 10 Uhr ist Mühlenführung – wenn sie Zeit hat, übernimmt Brigitte Lugger persönlich diese Aufgabe –; dann sind sämtliche Mühlen in Betrieb und können auch von innen besichtigt werden. In einer dieser Mühlen mahlt Brigitte Lugger auch ihr eigenes Korn; ihr Hof ist der letzte im Tal, der noch zwei Getreidefelder bestellt. Weil das Wasser der Bäche und kleinen Flüsse im Tal seit Jahrhunderten als Energiequelle genutzt wurde, gibt es neben dem Mühlenweg längst noch einen weiteren Themenweg mit historischen Bauten: „Kraftquelle Radegund“ im tief eingeschnittenen Tal des gleichnamigen Wasserlaufs zeigt anschaulich, wie vielfältig die Wasserkraft für die verschiedensten Aufgabenbereiche genutzt wurde. Auch ein Teil eines weiteren Wegs, der heuer im Sommer eröffnet wird, nimmt sich dieses Themas an: An der Millnatzenklamm bei Klebas wurde ein Klettersteig mit einem begleitenden Waldlehrpfad errichtet, an dessen Fuß ein altes Sägewerk mitsamt einer historischen Säge, einem sogenannten „Venezianer-Gatter“, aufgebaut wurde.

Möglich gemacht wurde dies unter anderem durch Mittel der EU, die dank der Alpenkonvention bewilligt werden konnten. „Generell ist es mit den Maßgaben der Alpenkonvention sowie mit anderen völkerrechtlichen Bestimmungen auch“, sagt Peter Haßlacher, der sich seit dreißig Jahren für diese Leitlinien engagiert. „Wie weit sie als bindend betrachtet werden, ist Sache des jeweiligen Staates, oft sogar der Region. Deshalb kann ihre Einhaltung niemand wirklich einfordern. Aber die Alpenkonvention macht es für die einzelnen Gemeinden immerhin leichter, für Projekte, die den Zielen der Konvention dienen, finanzielle Mittel zu bekommen. Mittel, die sie dringend brauchen, um ihr nachhaltiges Angebot noch attraktiver zu gestalten und damit neben den immer noch intensiv betriebenen Tourismuszentren bestehen zu können.“

Gut zu Wissen
 
Mehr Informationen zur Alpenkonvention: www.alpconv.org
 
Mehr Informationen zum Lesachtal: www.lesachtal.com
Kategorie ALPENLEBEN, Initiative & Porträt

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.