Berchtesgadener Land & Chiemgau – Im Einklang mit der Natur

Berchtesgadener Land

Ein langer Arbeitstag geht zu Ende: Lieserl und Sepp Wurm auf den Wiesen der Bindalm im Nationalpark Berchtesgaden. Seit zehn Jahren widmen sie ihre Sommer der Pflege dieser Wiesen. © Fotos: Molkerei Berchtesgadener Land; Peter Raider Fotos; Hermann Fuchs

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Drei Landwirte aus dem Chiemgau und dem Berchtesgadener Land gehen mit alten Methoden ganz neue Wege, die oft zugleich die ganz alten sind

Wenn Sepp Wurm abends seine Kühe zusammentreibt und gemeinsam mit den Nachzüglern im letzten Dämmerlicht zum Stall geht, ist das ein Bild vollkommener Harmonie. In solchen Momenten wird der 72-Jährige buchstäblich eins mit der Natur, mit der er sein Leben lang im Gleichklang gearbeitet hat: Zuerst 40 Jahre unten, in Ramsau, auf seinem Hof, dem Möslerlehen. Dann, nach der Hofübergabe an seine Tochter Regina, oben auf der Bindalm, dem zum Hof gehörigen Kaser.

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Sepp und Lieserl Wurm melken, buttern, käsen, bewirten Tagesausflügler und versorgen ihr Vieh. Auch einen Teil der steilen Almwiesen mähen sie – per Hand.

Seit zehn Jahren verbringen Sepp Wurm und seine Frau Lieserl (65) jeden Sommer hier oben. Stehen um vier Uhr morgens auf. Melken die Kühe. Buttern und käsen. Bewirten zwischen halb zehn und vier Uhr nachmittags vorbeikommende Wanderer. Mähen per Hand einen Teil der steilen Wiesen, um für ihre Kühe neben dem frischen Gras immer auch etwas Heu vorrätig zu haben. Das Ehepaar arbeitet im Rhythmus des Wetters, der Tiere, der Jahreszeiten. Wie ungezählte Generationen vor ihnen. Wie ungezählte Generationen nach ihnen? Den genormten Maßstäben, die von Verbänden, Ministerien und Landwirtschaftsschulen ausgegeben werden, können Betriebe wie das Möslerlehen kaum entsprechen. Der Viehbestand umfasst ganze acht Kühe. Pinzgauer Rinder, die vergleichsweise wenig Milch geben, dafür aber sehr robust sind und mit den Verhältnissen auf Gebirgsweiden gut zurechtkommen. Ende Mai ziehen sie vom Hof auf die fußläufig etwa drei Stunden enfernte Alm. Dort können sie die steilen, schwer zu mähenden Almwiesen abweiden; das Gras auf den flacheren Wiesen rund um den Hof im Tal bleibt stehen und wird für das Futter im Winter gemäht. Auch dies ist ein seit Jahrhunderten bewährtes System.

Die Almwiesen, die es seit Jahrhunderten gibt, bleiben nur erhalten, wenn sie jemand pflegt und Tiere darauf weiden.

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Im Winter kommt der Milchlaster der Molkerei Berchtesgadener Land, „auch wegen acht Kühen“, wie Regina Wurm lachend berichtet. Im Sommer verarbeitet Lieserl Wurm die Milch direkt auf der Alm zu vollmundiger Butter und kräftigem Bergkäse – die Menge reicht gerade aus, um Ausflügler zu bewirten und jenen halben Liter abzuzweigen, ohne den das Ehepaar nie in den Tag startet.

Ein bisschen drängt sich die Frage auf, ob sich das alles lohnt – der ganze Aufwand, die viele Plackerei. Eine Frage, die sich Familie Wurm nicht stellt: „Die Almwiesen, die es seit Jahrhunderten rund um die Bindalm gibt, bleiben nur erhalten, wenn sie jemand pflegt. Und wenn dort Vieh weidet, das auch durch sein Fressverhalten den Artenreichtum unterstützt.“ Auch die kulinarische Landschaft, sie wäre ohne die Aromenvielfalt, die Milch und Käse nur gewinnen, wenn Tiere geschmacksintensive Bergkräuter fressen, um ein Vielfaches ärmer.

„Wer mit der Natur geht, überlegt jeden Tag neu, was er besser machen kann

Doch auch im Tal gibt es Höfe, die in vielerlei Hinsicht nicht anders wirtschaften als vor hundert oder zweihundert Jahren. Der Großrachlhof in Grassau, ebenfalls im Einzugsgebiet der Berchtesgadener Molkerei, ist so ein Beispiel. Seit 17 Generationen ist das Anwesen im Süden des Chiemsees in Familienhand, seit Hunderten von Jahren weiden rund um den Hof die Kühe, wird das Land mit wechselnden Feldfrüchten bestellt. Egart-Wirtschaft wird dieses uralte Prinzip genannt, in das sich Jakob Sichler genauso intensiv eingearbeitet hat wie in die optimale natürliche Düngung, neudeutsch „Gülle-Management“.

Denn trotz der langen Tradition musste er sich diese Methoden erst wieder ganz neu aneignen: Zwischen der Wirtschaftsweise der Altvorderen und dem heutigen, naturverbundenen Erscheinungsbild des Hofs lagen eineinhalb Generationen, die dem Geist ihrer Zeit entsprechend versuchten, alles anders zu machen. Sein Großvater, erzählt der engagierte Landwirt, konnte sich zum Glück noch erinnern, wie alles gemacht wurde, bevor chemische Spritzmittel aufkamen und die Kühe zwecks einfacherer Handhabung in den Ställen verschwanden. Doch der Großvater und auch Jakob Sichlers Vater hatten anfangs an die Segnungen einer Landwirtschaft nach industriellen Prinzipien geglaubt. „Sie folgten diesen Trends, setzten vorgabengemäß Dünger und Spritzmittel ein und mähten ihre Wiesen bis zu siebenmal im Jahr, um den Schnitt zu silieren“, berichtet Sichler. „Die Erfolge und Mehrerträge, die erzielt wurden, waren jedoch nur von kurzer Dauer. Was langfristig blieb, waren Probleme, die durch diese Art des Wirtschaftens erst entstanden – und für die es keine Lösungen gab.“

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Josef und Jakob Sichler legten die konventionelle Landwirtschaft 2009 ad acta. Stattdessen führten sie die Egart-Wirtschaft wieder ein, ein System, bei dem Grünland und Ackerflächen wechseln. Seitdem wächst auf den Wiesen eine große Vielfalt verschiedenster Kräuter, die Mirjam Sichler in feinen Rezepten verarbeitet.

In den 2000er-Jahren begannen Jakob Sichler und sein Vater zu hinterfragen, was sie taten beziehungsweise in der auf konventionelle Methoden ausgelegten Landwirtschaftsschule gelehrt bekamen: „Eigentlich möchte ich aufs Feld hinausfahren und den Dingen beim Gedeihen zusehen. Dort Gift zu verspritzen, von dem ich Kinder und Nutztiere fernhalten muss, das widerstrebte mir immer mehr.“

2009 stellten Vater und Sohn Sichler den Betrieb auf Biolandwirtschaft nach Naturland-Kriterien um und reaktivierten die tradierten Methoden, zu denen es längst auch modernste Erkenntnisse gab. „Tatsächlich verändern wir uns immer weiter. Man bleibt nicht stehen, überlegt immer, was man anders und noch besser machen könnte.“ Wie sich zeigt, hilft das Durchwechseln von Grünland, Kleegras, Mais und Getreide dem Boden, sich zu regenerieren und auch ganz ohne Chemie Nährstoffe aufzubauen. Eine Investition auch in die fernere Zukunft: „Wir wollen den Hof so weiterentwickeln, dass auch unsere Kinder und Enkelkinder etwas haben, womit sie wirtschaften und die Arbeit hier fortführen können.“

Wir wollten den Hof so weiterentwickeln, dass auch noch unsere Kinder und Enkelkinder etwas haben.

Auch die Familie Fuchs geht Stück für Stück einen Weg in eine der Natur und altem Wissen sehr verbundene Zukunft: Zunächst verwandelten Christine und Herrmann Fuchs den von Christines Eltern übernommenen Milchviehbetrieb in Ainring in einen Hof, auf dem wieder eine Vielzahl von Tieren lebt – vom Huhn bis zum Haflinger. Dann begann sich Hermann mit dem Einsatz von Homöopathie bei der Viehhaltung zu beschäftigen. „Das führt auch dazu, dass man seine Tiere genauer anschaut und lernt, an kleinsten Anzeichen zu erkennen, wenn es ihnen nicht gut geht“, erörtert Hermann Fuchs. Dieses genaue Beobachten zog weitere Kreise. „Ich hatte irgendwann angefangen, meine Kühe zu enthornen – hatte aber immer den Eindruck, nun hätten sie einen traurigen Gesichtsausdruck“, erinnert sich Fuchs. „Auch der Gasaustausch, der sonst in den Hörnern stattfindet, verlagert sich bei Kühen ohne Horn ins Gehirn“, erklärt er. „Also habe ich mich gefragt: Was mache ich da eigentlich?“ Der fürsorgliche Landwirt beließ seinem Kuhnachwuchs wieder die natürliche Kopftracht und stellte bald auch beim Futter die Weichen anders: „Wir geben den Kühen nichts, was eigentlich für die Ernährung von Menschen wächst, kein Getreide zum Beispiel.“ Nach und nach stellte die Familie Fuchs ihre Landwirtschaft im Rupertiwinkel auf einen Biobetrieb nach Naturland-Kriterien um, schließlich erfüllten sie auch die besonders strengen Richtlinien eines Demeter-Betriebs – bis auf einen Punkt: den Einsatz der dafür vorgeschriebenen Präparate.

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Zuerst kehrte die Tiervielfalt auf den Hof der Familie Fuchs zurück, dann das Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Ein Weg, den nach Hermann sen. (links) auch die kommende Generation weitergehen will.

Deren Rezepturen und Herstellungsmethoden hatte der Begründer dieser besonders naturverbundenen, biodynamischen Landwirtschaft, Rudolf Steiner, in den 1920er- Jahren unter Rückgriff auf jahrhundertealtes Wissen zusammengetragen.
„Vielen erscheint das alles zunächst als Hokuspokus“, räumt Hermann Fuchs schmunzelnd ein. Da werden mit Mist gefüllte Hörner vergraben oder Pflanzenextrakte nach genau vorgegebenen Rhythmen und Kreisbewegungen mit Wasser verrührt. Über die Auswirkungen dieser Präparate staunte Hermann Fuchs schon, bevor er selbst begann, damit zu arbeiten. Bei einem gleichgesinnten Landwirt sah Fuchs einen blühenden Apfelbaum, der gerade mit einem Pflanzenextrakt bespritzt worden war. In den darauffolgenden Nächten kamen noch einmal scharfe Fröste und vernichteten alle Anlagen für eine gute Apfelernte. Dieser Baum aber trug im Herbst dennoch reichlich Früchte.

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Wir haben auf unseren Wiesen seit der Umstellung auf Demeter keine Verluste, sondern erstaunlich gute Erträge.

Und auch die Resultate, die er selbst Dank eingesetzter Präparate und einem sorgfältigen Umgang mit seinen Böden verzeichnen kann, lassen selbst den gestandenen, über 60-jährigen Landwirt immer wieder staunen: „Wir haben auf unseren Wiesen seither erstaunlich gute Erträge – das hätten wir so nicht erwartet. Unsere Böden kommen mit Trockenheit, aber auch mit plötzlichen großen Regenmengen besser zurecht als viele Wiesen und Felder in der Umgebung.“ Auch die Milch seiner nicht auf Hochleistung getrimmten Kühe ist bekömmlicher als herkömmliche Milch – finden jedenfalls die Stammgäste in den Ferienwohnungen des Haflingerhofs.

So kommt eine naturbezogene, nachhaltige Landwirtschaft, wie sie diese drei Höfe aus dem Einzugsgebiet der Molkerei Berchtesgadener Land betreiben, allen zugute: den Genießern. Den Tieren auf den Höfen. Der Artenvielfalt in unserer Umwelt. Und den zukünftigen Generationen, die auf ein sorgsam bestelltes Erbe aufbauen und eine jahrhundertealte Kulturlandschaft erhalten können.

Bergbauern – Bindalm
Sie ist ein unverzichtbarer Teil der Landwirtschaft auf dem Möslerlehen mitten im Nationalpark Berchtesgaden. Alle acht Kühe stehen nur im Winter im Stall, den Sommer verbringen sie oben auf den Almwiesen. Wanderer freuen sich auf Käse, Butter und feine Milch. moeslerlehen.de

Naturland – Großrachlhof
Seit 17 Generationen ist der Großrachlhof in Grassau in Familienbesitz. Die Kühe haben viel Freilauf auf den umliegenden Wiesen, die Felder werden mit zum Teil uralten, sehr naturverbundenen Bewirtschaftungsmethoden bestellt. Das unterstützt nicht nur die Artenvielfalt, sondern hält auch die Böden gesund – für viele weitere Generationen. grossrachlhof.de

Demeter – Haflingerhof Fuchs
Genau hinschauen – was nach einer einfachen Methode klingt, um Mensch, Tier und Pflanzen zu mehr Wohlbefinden zu verhelfen, braucht einiges an Erfahrung. Hermann Fuchs motivierten die feinen Unterschiede, die er dabei wahrnahm, auf biodynamische Landwirtschaft umzustellen – mit erstaunlichen Ergebnissen. haflingerhof-fuchs.de

Kategorie ALPENLEBEN, Initiative & Porträt

Die gebürtige Münchnerin, Mutter dreier Söhne und promovierte Kunsthistorikerin ist ALPS-Mitstreiterin der ersten Stunde und an Vielseitigkeit kaum zu überbieten: Ob Gastlichkeit oder Reise, Porträt oder das „Ausgraben“ eines Mythos wie den Dolomytos-Wein in Südtirol (#7) oder den symbolträchtigen Triglav in Slowenien (#9) – Claudia Teibler verdanken wir einige der journalistischen Höhepunkte in ALPS.