Das grosse Putzen – Gästehaus Salecina

Das grosse Putzen – Gästehaus Salecina

© Foto: Michael Dengler

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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Bis heute ist das idyllische Gästehaus Salecina auf dem Malojapass ein Stück gelebte Utopie. Jeder hilft mit, damit alle es schön haben, lautet seit vierzig Jahren das Motto. Deshalb rückt hier im Herbst keine bezahlte Reinigungs­kolonne an, sondern eine muntere Schar engagierter Stammgäste, für die das Ferienheim längst zur zweiten Heimat geworden ist (ALPS Magazine #13 Review)

Eigentlich könnte man im November am Eingang zum Oberengadin einfach einen Zettel hinhängen: chiuso – geschlossen. Fast alle Hoteliers und ihre Angestellten legen eine Verschnaufpause ein, dafür haben Handwerker und Reinigungskolonnen Hochsaison. In der Stiftung Salecina, einem 300 Jahre alten Bauernhaus, das sich auf 1800 Meter Höhe ganz fest an den Berghang drückt, gibt es kein Putzpersonal. Hier „verwöhnen die Gäste die anderen Gäste“. Zweimal im Jahr treffen rund zehn Leute aus mehreren Ländern zur settimana di pulire ein, zur Putz- und Renovierwoche. Mit einem geregelten Acht-Stunden-Arbeitstag, viel Brotzeit und dem schönsten Ausblick auf die wilden Berge.

Salecina liegt auf einem Hochplateau, umringt von den Bergeller Alpen. Droben am Lunghin befindet sich die wichtigste Wasserscheide West- und Mitteleuropas, direkt darunter prallen die Erdkrusten-Schollen von drei verschiedenen Alpenregionen aufeinander: eine höchst bewegte und bewegende Gegend, magisches Terrain. Das Begrüßungskomitee besteht aus einer Armada aufgereihter Besen, Schrubber und Feudel, an der Pinnwand hängt ein siebenseitiger Arbeitsplan, und mit den garantiert biologischen Reinigungsmitteln ließe sich ein kleiner Kolonialwarenladen betreiben. Flüchten oder bleiben?

Die Gäste sind durchweg ältere Semester, aus Nord- und Süddeutschland, aus der Schweiz und Italien – Lehrer, Sozialarbeiter, Soziologen, Therapeuten, ein Arzt, dazu der Star der Woche: Eberhard, Bäcker, Koch und Tausendsassa in einer Person. Weil er gern früh aufsteht, übernimmt er den kompletten Frühstücksservice und backt nebenbei mal schnell ein paar Brote und den Blechkuchen für den Nachmittag. Man liegt ihm zu Füßen. Regula und Sonja von der Betriebsleitung sowie Niels, der Schreiner, der in Salecina sein soziales Jahr absolviert, empfangen das Freiwilligen-Team beim Nachtessen dreisprachig, auf Italienisch, Deutsch und Schweizerdeutsch. Dann wird der Speiseplan festgelegt; er besteht aus Leibspeisen der Gäste. Alle sind müde und verschwinden im Schlafhaus, dem ehemaligen Stall, wo man fast von jedem Bett aus auf Berge, Mond und Sterne gucken kann. Buona notte.

In der Früh schickt die Sonne, noch hinter dem Piz Salacina, ihre ersten Strahlen los, wie ein Lauffeuer leuchten gleich darauf alle Bergspitzen rosa und golden auf. Dieses Natur-Lichtspiel gibt es beim Zähneputzen gratis. Nebenan werden Gedichte rezitiert. Urschreie tönen durch das alte Haus. Ganz im Sinne des Mottos, das die Erfinder und Stifter von Salecina, der linksorientierte Verleger Theo Pinkus und seine Frau Amalie, in den Siebzigerjahren für das Haus ausgegeben haben: „Erholen, schulen, begegnen“. Zum Thema „Freie Liebe“, die in jenen bewegten Jahren ebenfalls zum Programm gehörte, fragte Amalie Pinkus allerdings einmal trocken, wann die bitte stattfinden solle, wenn die Frauen immerzu in der Küche stünden.

Hierin hat sich in den letzten vierzig Jahren Entscheidendes verändert: Der Küchendienst erfreut sich bei beiden Geschlechtern großer Beliebtheit – und entpuppt sich als wahres Vergnügen, dank des wunderbaren Equipments und eines siebenstöckigen Backherds, den vor lauter Hightech allerdings niemand bedienen kann. Mittlerweile hat sich jeder seinen Wunsch-Job ausgesucht und werkelt allein oder in einer Gruppe vor sich hin. Man möge die erledigten Arbeiten durchstreichen oder abhaken, das sei psychologisch ganz wichtig, meint Regula. Genauso wie das gute Essen zwischendurch, sagt Eberhard. Alle lieben die beschwingte Weltmusik der Band „Das blaue Einhorn“, die pausenlos gespielt wird und so meditative Aufgaben wie Streichen, Schrubben, Polieren oder Waschen begleitet.

Rosanna ist die Herrin über alle Bettwäscheberge, eine Aufgabe, die sie mit großer Hingabe erledigt. Und mit einem wunderschönen Lachen. Rosanna ist 78 und seit 20 Jahren bei jeder Putzwoche dabei. Sie und die Waschmaschine haben eine innige Beziehung. Abends wird der Film „Von der Weltrevolution zur Alpenpension?“ gezeigt, den das Schweizer Fernsehen über Salecina drehte. Darin kommen die linken, intellektuellen Helden der 70er Jahre groß heraus – ob sie auch tatsächlich mitgebaut und mitrenoviert haben? Salecina wurde 1971 gegründet, als selbstverwaltetes Haus für alle Jahreszeiten und Geldbeutel (Preis nach Selbsteinschätzung), für Mittellose und Reiche, für Alte und Junge, für Reise- und Bildungshungrige, die Erfahrungsaustausch, Diskussionen, Weiterbildung oder auch nur eine gemütliche Zeit suchen. All das unter der Prämisse der Mitarbeit, auch im Urlaub.

Jeden offiziellen Salecina-Tag beschließt eine coordinazione, bei der die anfallenden Hausarbeiten verteilt werden. Drücken kann man sich natürlich auch, hier wie im richtigen Leben. Die Finanzen und den Programmausschuss verwaltet der Stiftungs-Rat, um die Organisation im Haus kümmern sich vier Betriebsleiterinnen, den Rest machen die Gäste selber. Und die seien eine reine Freude, finden Regula und Sonja vom Leitungsteam, weil sie offen, interessant und umgänglich wären und andere Einstellungen als normale Hotelgäste hätten. Die großen Themen von damals – Sozialismus, Revolution, Weltfrieden – sind weitgehend gegen Chorwoche, Volkstanz und Bergtouren ausgetauscht worden.

Vielleicht ein Spiegelbild der Zeit? Und was sucht oder findet die Putztruppe an diesem doch recht ungewöhnlichen Job? Der Kamin prasselt, das Essen war köstlich, die Helfer sind etwas müde, trotzdem beschwingt. „In dieses Haus habe ich so viel von mir investiert, das gehört zu mir, ist wie eine Heimat“, ist zu hören, oder: „Ich könnte in jedes Hotel gehen, aber das hier berührt mich.“ Ganz wichtig sind die Lage inmitten der Berge, die Luft, die Freiheit, das Unübliche. „Salecina è la mia seconda casa – Salecina ist mein zweites Zuhause“, das ist für Stammgast Rosanna ganz klar.

Beim Frühstück (Almkäse, Almbutter, frisches Brot, Marmelade aus der Gegend) fliegen plötzlich die Fetzen, es geht um die Macht der Finanzmärkte. Zwar vertreten alle Helfer linke Positionen, haben aber doch höchst unterschiedliche Meinungen. Alle sind Multitalente, jeder kann so viel. Feldenkrais, Shiatsu, exzentrischen Schmuck fertigen, politische Demonstrationen organisieren, Musik machen, und das nur so nebenbei. Während der Putzwoche auf Salecina kann man über gelungene und gescheiterte Lebensvorstellungen reden, über die eigene Krankheit ganz ohne Larmoyanz, über Träume, Wünsche, Illusionen. Je kürzer die Arbeitsliste wird, um so mehr glänzen die Räume. Es duftet nach Leinöl, frischer Wäsche und Backwaren.

Wegen unglaublichen Sonnenscheins wird das Mittagessen draußen serviert, mit Blick auf die kargen, gelbbraunen Wiesen vor den graugrünen Bäumen, den karstigen Felsen, die gekrönt werden von schneebedeckten, glitzernden Berggipfeln. Später ist man dankbar für die Heizung, auch so ein technisches Wunderwerk, das man hier nicht erwarten würde. Ein chicer roter Kubus, der sich nach Bedarf selber mit Holzschnitzeln aus der Umgebung füttert und dessen Rauch gefiltert wird. Überhaupt liegt Salecina ökologisch weit vorne, von fünf möglichen „Steinböcken“ für Nachhaltigkeit hat die Stiftung vier bekommen. Die Zeit vergeht schnell, die Woche ist bald zu Ende, langsam erlahmen die Kräfte. „Finales Putzen“ steht als Letztes noch auf dem Zettel. Stimmen, Lachen, Musik, vermischt mit dem Geheul des Staubsaugers, wehen durch das alte Haus. Und der Hauch einer Ahnung, wie das Leben auch sein könnte.

Vielleicht ist die Putzwoche deshalb so beglückend, weil sie Arbeit und Dasein, Geben und Nehmen, Tauschhandel und Lebensmittel, Kunst und Kultur ideal verbindet. So wie es sich Marx mal erträumt hat? Das Stifter-Paar Pinkus wollte in dieser magischen Umgebung einen Platz für eine „bessere Welt oder Gesellschaft“ aufbauen – und vor dem Ergebnis kann man nach 40 Jahren noch den Hut ziehen. Nach dem finalen Fegen, den Forellen aus dem Silser See und einer Feedback-Runde („Alles schön!“), schenken die Gäste sich und ihren liebenswerten Betreuerinnen bühnenreife Stegreif- Auftritte. Eberhard bekommt eine selbstverfasste Hymne, und natürlich sind die 13 Bergeller Maroni-Kuchen ein letztes Geschenk von ihm an alle. Im Postbus nach St. Moritz läuft im Unterhaltungsprogramm ein Witz: „Eine ältere Dame geht ins Kaufhaus und will von der Verkäuferin wissen, wo es Schirme gibt. ,Erster Stock‘, sagt die. Doch die alte Dame beharrt: ,Nein, erst der Schirm!‘“. Aus Salecina kommend, würde man unbedingt darauf bestehen: Erst der Besen!