Hier muss ein Nest sein

Wer nach Bezau im Bregenzerwald kommt, begegnet dem Namen Kaufmann an jeder Ecke
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Grasegger. Ihr Haus für Tradition und Gegenwart. Garmisch-Partenkirchen

Wer nach Bezau im Bregenzerwald kommt, begegnet dem Namen Kaufmann an jeder Ecke. Alle sind irgendwie verwandt und verschwägert – und originell und erfolgreich sind sie obendrein (ALPS Magazine #5/2011 Review)

Solange man nichts über die Lebödler und Tobler weiß, ist dieser Kaufmann-Clan unüberschaubar. Wenn man Kaufmann im Zusammenhang mit dem Bregenzerwald googelt, finden sich einfach zu viele Leute, die diesen Namen tragen. Es gibt etliche Zimmereien und eine große Holzbau AG, die von einem Kaufmann geführt werden. In der Gegend leben und wirken vier bekannte, mit vielen Auszeichnungen dekorierte Architekten, die Kaufmann heißen: Leopold, Oskar Leo, Hermann, Johannes. Es gibt eine Susanne Kaufmann, die eine erfolgreiche Naturkosmetiklinie hat und das Spa-Hotel Post führt; dann fällt noch eine „Frau Kaufmann“ auf, die es im kleinen Örtchen Egg mit ihren Kochkursen schon mehrmals ins Fernsehen gebracht hat. Ist das Zufall mit dem gleichen Namen?

Man muss schon nach Bezau fahren, um herauszufinden, wie und ob das zusammenhängt – ins Hotel Post, das Susanne Kaufmann führt und das mehrere Architekten mit dem Namen Kaufmann erweitert oder modernisiert haben. Bezau ist eine kleine Marktgemeinde in Bregenzerwald, die Berge scheinen im Vergleich zum benachbarten Kleinwalsertal eher flach und grün bis in die Gipfel, Wiesen und Waldflächen wechseln, es ist eine liebliche, entspannende Gegend. Das Hotel Post vereint die traditionelle und moderne Bauweise. Das alte Haupthaus an der Straße hat ein typisches Satteldach, und die Fassade besteht aus einem klassisch schönen Holzschindelpanzer, dahinter streckt sich unterm Flachdach ein moderner Neubau aus Holz.

Drinnen sitzt der Architekt Leopold Kaufmann in der gemütlichen Polsterecke hinter dem Kamin, es ist Sonntag, und der 79-Jährige war mit bestem Anzug, Hut und Stock in der Kirche. Er kann aufklären über diese Inflation des Namens Kaufmann: Die Familie war ohnehin groß, sein Vater hatte zwölf Geschwister, und dann hat sich der Clan auch noch verdoppelt, als nämlich Leopolds ältere Schwester Anna Kaufmann den nicht verwandten Ernst Kaufmann geheiratet hat. Seitdem gibt es die Lebödler, „das sind wir“, sagt der 79-jährige Leopold, und die Tobler, das sind die Verschwägerten, „die sind auf dem Vormarsch“, sagt Leopold, zumindest zahlenmäßig, denn die Schwester hat sieben Kinder, Leopold zwei: Susanne Kaufmann und Oscar Leo Kaufmann. Lebödler kommt vom Namen Leopold, der sich über Generationen durch die Familie Kaufmann zieht, und Tobler leitet sich von Tobel ab, so nennt man in Vorarlberg ein tiefes, schluchtartiges Tal, in dem vor Urzeiten einer der Vorfahren wohl gelebt haben muss. Doch nicht nur, dass der Schwager den gleichen Nachnamen hatte – die Tobler waren obendrein ebenso eine traditionelle Zimmermannsfamilie wie die Lebödler. Plötzlich gab es zu viele Zimmermänner in der Familie, fand der Vater vor mehr als fünfzig Jahren und schickte den Schreinergesellen Leopold, die Matura nachzumachen und dann zum Studium auf die Hochschule nach Graz. „Das hat der so für mich beschlossen“, sagt Leopold, so war das damals. Leopold Kaufmann gilt heute als einer der Vorreiter in Vorarlberg, einer, der die Architekturentwicklung nachhaltig geprägt hat und neben seinem Sohn Oskar Leo auch noch zwei Neffen, die Tobler Hermann und Johannes, zum Nacheifern inspirierte.

Heute wird im Bregenzerwald Architekturgeschichte geschrieben, ob moderne holzverschalte Einfamilienheime mit Fenstern über Eck oder ungewöhnliche Feuerwehrhäuser, wie das in Hittisau, ein Gebäude aus Sichtbeton mit aufgesetzt schwebendem Holzquader für ein Kulturzentrum; sogar der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor baut in Andelsbuch ein Werkraumhaus. Damals, als der junge Leopold von der Hochschule kam, war er aber einer der wenigen Architekten in der Gegend, wahrscheinlich der einzige mit dem Kopf voller neuer Ideen: „Das Bauhaus hat die Richtung vorgegeben.“ Das gab aber Ärger in der Heimatidylle auf dem Land, schon 1960 bei seinem ersten Auftrag, der Restaurierung der Jakobus-Kirche im Dorf Reuthe. „Da war Holz mit Gips als Marmor verkleidet“, beschreibt er die architektonischen Sünden im Kirchlein. Er habe alles rausgeräumt, Pseudomarmor, das Steinimitat als Altarüberbau, Putten, „die ganze Geschnörselei“, sagt er. Er legte die alten Mauern von 1284 frei, einen feinen Mix aus Romanik und Gotik. Doch die Leute tobten, das verstanden sie nicht: „Dass man die ganzen schönen Sachen da rausschmeißt.“ Es war ein Skandal, es sei sogar von Abbruch geredet worden, erzählt der Architekt. Der Erfolg kam trotzdem ziemlich schnell, Leopold Kaufmann gewann einen Wettbewerb nach dem anderen, er bevorzugte Holz, das traditionelle Baumaterial des Bregenzerwaldes, auch 1976 beim Umbau der „alten Post“, dem Gasthof seiner Frau.

Das Vier-Sterne-Hotel Post, das vergangenes Jahr seinen 160sten Geburtstag feierte, führt heute Tochter Susanne, und auch die hat wie der Vater erlebt, dass Modernes nicht immer sofort begeistert aufgenommen wird. 1996 hatte sie gemeinsam mit Bruder Oskar Leo zehn Zimmer im neuen Trakt umgestaltet, „jeder Hauch von Alpenromantik kam raus, ob Spitzengardinen, Sofas oder Schnörkelmöbel“, erzählt sie. Ihre neuen „Avantgarde-Zimmer“ erhielten schlichtes, funktionalistisch schönes Design, etwa neue Bäder, die mit Milchglas abgetrennt waren. „Was ist denn Dir da eingefallen“, sagten die Stammgäste, die wollten solche „ungemütlichen“ Zimmer nicht. Susanne sitzt in der Halle, die noch ihr Vater mit viel rustikalem Holz gestaltet hat, und über ihre feinen, klaren Gesichtszüge huscht ein Lächeln, denn die neuen Designzimmer waren trotzdem innerhalb von wenigen Monaten ausgebucht, „es kam ein ganz neues Publikum“, sagt sie.

Es ist abendlicher Hochbetrieb im Restaurant, und die Post-Chefin trägt die Haare zum straffen Pferdeschwanz gebunden, ein Dirndl mit roter Korsage, dunkelblauer Schürze mit Röschen, dazu halsbrecherische High Heels, auf denen sie lässig von der Küche zum Buffet, zum Empfang, wieder in die Küche, durch die Halle und so weiter läuft. Die Vierzigjährige ist eine von den Frauen, die ihr Geld in mehr als nur ein Paar Louboutins angelegt haben, sie liebt die legendären Fashionista-Schuhe des französischen Designers mit der knallroten Sohle und mörderisch hohem Absatz.

Am nächsten Morgen im weißen, lichtdurchfluteten Spa kann man sich das Dirndl gar nicht mehr an ihr vorstellen, in pastellfarbener Seidenbluse und Bleistiftrock erklärt sie den Erfolg ihrer Kosmetiklinie. Wie der Vater, der beim Holzbau auf uraltes Wissen zurückgriff, etwa dass sich das Fällen der Bäume und Schichten der Stämme nach Mondphasen richtet, so war auch Susanne vom Kräuterwissen der Großmutter inspiriert. Ihr hatte sie als kleines Mädchen geholfen, Arnikaschnaps, Johanniskrautöl und Ringelblumensalbe herzustellen. „Wenn einer krank war, hatte Großmutter eine Medizin dafür.“ Daran dachte sie auch, als sie auf der Suche nach einer Kosmetiklinie für ihr Spa war. Natur sollte es sein, ohne Konservierungsstoffe und andere Zusätze, den Wirkstoff sollten die hochalpinen Heilpflanzen liefern. Warum asiatische Algen oder afrikanische Kräuter, wenn auf Bergen und Wiesen die besten Zutaten vor der Haustür wuchsen? Die Idee zu verwirklichen gelang ihr schließlich mit dem Landwirt Ingo Metzler, der in Egg aus der Milch seiner Kühe und Ziegen köstlichen Käse macht, und der schon seit einigen Jahren die überschüssige Molke zu Pflege- und Kurprodukten verarbeitete. Metzler ist der richtige Mann für die Produktentwicklung, immer auf der Suche nach Verbesserung.

So experimentiert er zurzeit mit dreißig verschiedenen Heilpflanzen, die er in einem Kräutergarten angebaut hat. Liebevoll, sogar ein „Insektenhotel“ aus Zweigen und Baumstämmen soll Getier anlocken, das den Pflanzen gut tut. Trotzdem ist die Kultivierung nicht immer einfach: „Johanniskraut zum Beispiel ist sehr eigenwillig, das wächst nicht dort, wo man es pflanzt, es ging im Beet ein und wucherte plötzlich an der Hauswand hoch“, erzählt Metzler. Die adstringierend wirkende Hamamelis dagegen lässt sich ebenso wie der rote Sonnenhut, die Echinacea, recht gut kultivieren. Aus den Kräutern wird die Grundessenz für die Susanne-Kaufmann-Linie gewonnen und dann im Metzlerschen Betrieb mit modernsten Maschinen in die eleganten Fläschchen und Tiegel gefüllt. 13 Mitarbeiter hat Metzler, „die Erweiterungsplanung läuft“, sagt der Landwirt stolz. Denn Susanne Kaufmanns Naturkosmetik, die eigentlich nur für das eigene Spa vorgesehen war, expandiert in die Welt: 50 Verkaufsstätten ordern mittlerweile, in Berlin gibt es ein Day Spa, „nächste Woche liefern wir nach New York“, sagt die Geschäftsfrau, die auch noch Mutter von zwei Kindern ist, der fünfjährigen Irma und dem siebenjährigen Victor. Ganz schön viel Business für eine Frau? „Schlussendlich mag ich alles selber entscheiden und nicht diskutieren. Ich übernehme gerne die Verantwortung“, sagt sie entschieden. Sie ist es nicht anders gewöhnt, schon mit 23 Jahren ist sie Hotelchefin geworden, nachdem ihre Mutter früh verstorben war.

Immerhin teilt sie die Kindererziehung mit ihrem Ehemann, dem Musiker Alfred Vogel. Den hatte Susanne vor 13 Jahren mit seiner Rock ’n’ Roll-Band „Tequila Sharks“ fürs Hotel gebucht. Vogel sah die zierliche junge Frau und dachte: „Was für ein nettes Lehrmädchen.“ Das entpuppte sich noch am gleichen Abend als die Chefin des ganzen Ladens und schließlich als die große Liebe seines Lebens. Vogel, der eigentlich nach New York wollte, blieb wegen ihr in Bezau hängen: „Es war ernst mit Susanne“, erinnert er sich. Nix los in Bezau? „Hier kommt kein Mensch her“, zweifelte der Schlagzeuger zuerst, war aber trotzdem fest entschlossen, es zu versuchen. Im vom Architekten-Bruder Oskar Leo gebauten Einfamilienhaus der Familie Kaufmann-Vogel hat er sein eigenes Tonstudio, wo sich mittlerweile Jazzmusiker aus aller Welt die Klinke in die Hand geben. Adam Nussbaum, Steve Swallow, Wolfgang Muthspiel, Billy Martin, Jean Paul Bourelly, Cyminology, Philipp Fankhauser, John Schröder, Wally Warning, Andreas Schreiber haben schon mit ihm aufgenommen. Vogel hat die Veranstaltungsreihe „Bezau Beatz“ erfunden, sodass es im Panoramarestaurant auf 1650 Metern Jazz gab, und für den 19. Juli hat er die „Mostly Other People Do the Killing“ aus New York auf den Dorfplatz geladen. Die neue CD seiner Band „Hellhound & Bird“ ist gerade erschienen, und es gibt keinen Grund, sich in Bezau wie am Ende der Welt zu fühlen. Im Gegenteil, es scheint, dass die ländliche Gegend im Bregenzerwald sehr fruchtbar ist für kreative Geschäftsideen aller Art.

Dafür ist auch das Unternehmen „Frau Kaufmann“ ein guter Beweis. Karin Kaufmann ist eine temperamentvolle, blonde, blauäugige Schönheit aus der Gegend, Tochter eines Gastwirtes und deshalb eigentlich „gastgebergeschädigt“, wie sie sagt. Die Mutter von zwei Teenagern arbeitete lange als kaufmännische Angestellte und hegte einen Traum von besonderen Kochkursen. „Dann war ich gut vierzig und dachte, wenn nicht jetzt, dann nie“, sagt sie und schließt in Egg die Tür zum Gasthof Engel auf, ein 300 Jahre altes Pferdegasthaus, mit seinen ockerroten Holzschindeln ein Schmuckstück, ein Laufbrunnen plätschert neben dem Eingang.

Vor gut einem Jahr hat Karin Kaufmann das Haus gemietet und innen hergerichtet. Am liebsten möchte man es sich gleich in der historischen Stube bequem machen, hier ist auf jedes Detail geachtet, so sind etwa die Lampenschirme aus dem gefärbten Leinen von Pferdedecken gefertigt, vom Polsterer perforiert werfen sie ein Muster an die weiß gestrichene Vertäfelung, die niedrige Decke und die Kirschholztische. In der Küche dominiert ein moderner Chromsteinblock, auch alle anderen Geräte blitzen und blinken in Chromsilber. Karin Kaufmann veranstaltet keine normalen Kochkurse, sondern sogenannte Kochrunden, jeder hat etwas zu tun, es wird nicht nur gesessen und gegessen; alle kochen, schnippeln, schälen, servieren unter einem bestimmten Motto gemeinsam.

„Jedes Mal ist es anders“, schwärmt sie. Einmal zum Beispiel hat sie 37 kochende Architekten aus aller Welt zu Gast gehabt. Oft sind Karrierefrauen an den Basics interessiert, möchten in die Kunst des Bratenschmorens eingeweiht werden.

„Eine war schon 15 Mal hier, und jetzt kocht sie auch zu Hause“, erzählt die Küchenchefin. Aber nicht nur Anfänger, sondern auch Kochkundige wollen die regionale Küche der Großmütter besser kennenlernen, sind dankbar für Tipps, etwa dass das Liebstöckel in der Schaumsuppe nur zwei Minuten Hitze verträgt. 45 Kochrunden hatte „Frau Kaufmann“ für ihr erstes Jahr geplant, mehr als 60 sind es geworden.

Was bei ihr auf den Küchenblock kommt – Gemüse, Fleisch, Fisch oder Obst – stammt aus der Gegend und richtet sich nach dem saisonalen Angebot. Karin Kaufmann kennt jeden Metzger oder Gemüsehändler seit Langem: „Es muss nicht unbedingt Bio sein“, sagt sie, „auf Qualität kommt es mir an.“ Zum regionalen Gedanken passt natürlich auch, dass es im Waschraum edle Seifen aus der Susanne-Kaufmann-Linie gibt. Zudem bietet das Hotel Post Packages mit „Frau Kaufmann“ an. Das beweist: Kaufmanns halten zusammen, egal ob Lebödler oder Tobler. Karin Kaufmann ist nämlich eine Tobler, eine angeheiratete Cousine von Susanne Kaufmann.