Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Der Eismann: Schauspieler Jürgen Vogel über die Kraft der Berge und die beeindruckende Stille der Natur © Foto: Steffen Jänicke

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Ab Ende November spekuliert ein großer Film darüber, wie „Der Mann aus dem Eis“ seine letzten Tage verbrachte. Die Hauptrolle spielt ausgerechnet Großstadtmensch Jürgen Vogel. Mit ALPS sprach der Schauspieler über das Leben in der Steinzeit, Dreharbeiten hoch oben auf dem Berg und das unglaubliche Gefühl, der Stille zu begegnen

Gleich links in der Ecke sitzt Jürgen Vogel. Wir treffen uns an einem warmen Sonntagvormittag in einem hippen Berliner Café in Mitte. Draußen hocken junge Leute in der Sonne. Sie essen Bagels mit Avocado oder Lachs und trinken Flat White. Jürgen Vogel will von dem Trubel nichts wissen, er ist müde. Gerade erst gestern ist er in Berlin gelandet, nachdem er einen Nachtdreh in Hamburg hatte. Er sieht uns, steht sofort auf, streckt uns die Hand entgegen. Von Allüren keine Spur – es ist, als würden wir uns schon lange kennen.

Jürgen Vogel setzt sich neben uns, trinkt Kaffee, redet los, tippt uns dabei immer wieder an. Wir wollen über die Berge sprechen. Aber vorher erzählt er noch, warum wir uns hier treffen, im „What do you fancy love“. Sein Stiefsohn Giacomo ist Gastronom, er hat den Laden vor zwei Wochen eröffnet, eine weitere Dependance gibt es schon länger drüben in Charlottenburg. „Jetzt muss ich nicht mehr rüber in den Westen fahren, um meinen Jungen zu sehen“, freut sich Vogel. Er ordert gleich noch einen Kaffee.

 
ALPS: Beginnen wir mit der Frage, die sich sofort aufdrängt: Der Großstadtmensch Jürgen Vogel zieht sich wochenlang in die Berge zurück, um Ötzi zu spielen. Das müssen Sie uns erklären.
Jürgen Vogel: Es stimmt, ich liebe die große Stadt, bin in Hamburg geboren und lebe in Berlin, seitdem ich Teenager war. Damals habe ich auch mit der Schauspielerei angefangen. Und klar spielte ich immer die Straßenjungs. Die Großstadt kenne ich in- und auswendig, hier in Berlin fühle ich mich zu Hause. In den Bergen bin ich eher selten. Aber dann kam die Chance, Ötzi zu spielen. So ein großartiges Projekt kommt vielleicht alle zehn Jahre um die Ecke. Und dann freust du dich einfach, dass du das machen darfst.

Sie hatten also keinen Respekt vor den Dreharbeiten so hoch in den Bergen?
Mir war im Vorfeld schon klar, dass die Rolle sehr physisch wird. Und es wurde ja auch richtig anstrengend. Wir mussten jeden Tag wandern, um an die Motive zu kommen. Und dann das Wetter in den Bergen, das spielt ja eine riesige Rolle – davon macht man sich vorher keinen Begriff! In kürzester Zeit erlebst du alle Phasen. Erst Sonnenschein und Hitze auf der Haut, dann aus dem Nichts eine kalte Brise. Manchmal fängt es plötzlich an zu regnen oder du kommst höher und es schneit und hagelt. Wir haben das alles erlebt. Wir hatten aber die meiste Zeit Schwein gehabt – wir haben im Spätsommer bis in den Herbst hinein gedreht. Schnee war also durchaus ein Thema, vor allem zum Schluss auf dem Gletscher.

Sind Sie da körperlich an Ihre Grenzen gekommen?
Nicht unbedingt, ich gehe viel Laufen und mache Kampfsport. Aber klar ist es etwas anderes, ob du in der Stadt drehst oder der Natur so ausgeliefert bist wie in den Alpen. Ehrlich gesagt habe ich mich über die Herausforderung tierisch gefreut.

„Ich war reduziert auf Angst, Wut, Hass und Rache – Ur-Emotionen eben – wie in einem Thriller“

Das war aber nicht Ihr erstes Mal in den Bergen?!
Ich habe mal in der Nähe von St. Moritz gedreht und einen anderen Film in Äthiopien, da waren wir auf etwa 1700 Meter. Ich kenne also das Gefühl, wenn man hoch oben Sport treibt. Am Anfang kämpft der Körper mit jedem Meter. Aber es wird von Tag zu Tag besser, man gewöhnt sich langsam an die extremen Bedingungen. Apropos extrem. Im Film geht es ganz schön zur Sache. Nicht gerade eine Abhandlung darüber, wie friedlich die Menschen vor über 5000 Jahren zusammengelebt haben.
Ganz im Gegenteil, es geht ums blanke Überleben. Nicht nur untereinander, sondern auch in der Natur. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Für uns ist es ja eine Ausnahmesituation, wenn die Straße mal überschwemmt ist oder der Strom ausfällt. Damals war die Natur immer – an jedem Tag – eine Ausnahmesituation. Das macht etwas mit den Menschen, mit der Art und Weise, wie intensiv sie Dinge tun.

Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Mit Fellen behangen: Jürgen Vogel verbrachte täglich drei Stunden in Garderobe und Maske, um sich in Ötzi zu verwandeln © Foto: Steffen Jänicke

Ötzi kämpft. Und das ohne die Sprache, wie wir sie heute kennen. Eine Herausforderung für Sie?
Für mich war der Verzicht auf unsere Sprache gar nicht so schwierig, weil es im Film ja um grundsätzliche Gefühle geht. Und die spielen eine viel größere Rolle als Worte. Ich war reduziert auf Angst, Wut, Hass und Rache – Ur-Emotionen eben. Eigentlich wie in einem Thriller, in dem ja häufig auch nicht viel geredet wird.

Keine richtigen Dialoge, wenige Personen. Ein Kammerspiel in den Bergen?
Ganz genau. Und das Thema ist Überleben. Wie hart das sein kann. Das ist nicht unbedingt nur eine Geschichte von vor über 5000 Jahren, sondern auch über die Zeit heute: In Syrien etwa kämpfen die Menschen tagtäglich ums blanke Überleben. Das ist also eine sich wiederholende Situation, übertragbar in alle Zeiten.

Die Geschichte von Ötzi packt Sie richtig, oder?
Es ist ja auch super interessant, sich vorzustellen, wie es zu Ötzis Tod gekommen ist. Wir wissen ja nur, dass er von einem Pfeil im linken Schulterblatt getroffen wurde und vermutlich verblutet ist. Zusätzlich fanden die Forscher auch noch Verletzungen am Schädel. Wir haben uns also gefragt: Wie hätte sich das alles abspielen können?

Sie gelten als engagierter Vater. Wie wichtig ist es, mit ihren fünf Kindern raus aus der Stadt zu kommen?
Wenn wir in den Urlaub fahren, dann immer in die Natur. Das Meer im Sommer, die Alpen im Winter. Meine Kinder können Snowboard fahren und ich wollte ihnen auch immer ermöglichen, neue Sportarten auszuprobieren. Meine Jungs waren auch bei den Falken, da spielt die Natur ja eine große Rolle. Aber abgesehen von Urlauben konnte ich auf die Natur keinen gesteigerten Wert legen. Das ist zeitlich schwer umzusetzen, weil ich viele Wochen im Jahr bei Dreharbeiten bin.

Am Anfang sieht man Ötzi mit seiner Familie im Bergdorf.
Man kriegt einen ganz intensiven Eindruck, wie das Leben damals war. Unfassbar, das ist 5000 Jahre her! Man ist überrascht, wie weit entwickelt die Kultur schon war. Allein die Waffen – man hat ja Teile von Ötzis Pfeil und Bogen gefunden und auch seine Werkzeuge. Was für herausragende Jäger die Menschen damals waren. Und wie gut sie sich mit Fellen geschützt haben. Das ist doch faszinierend!

„In der Eiseskälte habe ich in meinem Fell weniger gefroren als die anderen in ihren Hightech-Klamotten“

Sie kamen auch in den Genuss, sieben Wochen lang mit Fellen behangen durchs Gebirge zu stapfen.
Oh ja (lacht). Mich hat es überrascht, wie komfortabel sich so ein Fell trägt. Wenn es eiskalt war, habe ich weniger gefroren als alle anderen in ihren modernen Hightech-Klamotten. Aber die Kostümbildner haben auch alles versucht, die Felle so tragbar wie möglich zu machen und ein kleines Innenfutter eingearbeitet, damit ich mich an der Haut nicht verletze, wenn ich durch die Berge renne. Dafür noch mal Dankeschön an meine Garderobiere!

Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Mit Fellen behangen: Jürgen Vogel verbrachte täglich drei Stunden in Garderobe und Maske, um sich in Ötzi zu verwandeln © Foto: Steffen Jänicke

Diente das Ötztal eigentlich als Kulisse?
Ja, wir waren im Passeier Tal, im Pfitscher Tal und im Schnalstal. Ganz zum Schluss ging es hoch auf den Gletscher. Also auf fast 3800 Meter. An die Höhe mussten wir uns erstmal gewöhnen, deshalb kamen diese Drehtage zuletzt dran.

Sie haben die Berge also richtig kennengelernt?
Absolut. Das war ja das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen ganzen Film mache, der in den Bergen spielt. Fast sieben Wochen am Stück in den Alpen zu sein, das war eine völlig neue Erfahrung und hat meine Beziehung zu den Bergen verändert. Da erlebt man eine Landschaft ja auch völlig anders, als wenn man kurz für einen Skiurlaub vorbeischaut. Übrigens hatte ich diesen Eindruck beim gesamten Team. Es war so, als könnten alle richtig wertschätzen, wo wir uns hier gerade befinden. Dass dies ein ganz besonderer Drehort war und nicht vergleichbar mit allem, was wir bisher gesehen haben.

Wie hat sich die Crew im Berg zurechtgefunden?
Ohne Bergführer wäre es nicht gegangen, keine Chance. Wir hatten einen prima Kerl an unserer Seite, der uns immer begleitet hat. Gerade bei einem Wetterumschwung wären wir aufgeschmissen gewesen, denn keiner von uns hätte das Wetter lesen können. Wenn ein Gewitter aufzog, hat er uns schnell nach unten geschickt. „Es ist nicht sicher, ob euch gleich Blitzschläge treffen!“, rief er. Da wird einem schon mulmig zumute. Wir waren mit dem ganzen Equipment ja ein Ziel für so einen Blitz. Am Ende hätte es dann geheißen: Der Vogel wurde vom Blitz getroffen! (lacht)

„Irgendwann merkst du, dass die Stille ein Genuss sein kann. Da passiert etwas mit dir … Da macht sich ein irres Gefühl breit.“

Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben, wenn nicht gedreht wurde?
Ich bin tatsächlich wandern gegangen. Entweder mit meiner Freundin, wenn sie mich am Wochenende besucht hat. Oder mit meinem Kumpel Rainer, der als Stuntchoreograf für die heiklen Szenen im Film zuständig war. Richtige Touren haben wir unternommen, fünf Stunden unterwegs und dann in einen Bergsee springen. Für einen Großstadtmenschen wie mich ist das eine verrückte Sache. Extrem cool. Dafür liebe ich meinen Beruf. Weil solche Auszeiten zwangsläufig passieren und du dann immer wieder überrascht bist und denkst: Das ist eigentlich geil, so ohne alles.

Ohne alles klingt gut. Auch ohne Handy?
Klar, da hatte ich oft keinen Empfang. Geschweige denn Internet. Der Mensch kann ohne all das leben. Auch ohne Autos. Sieht man ja, die Menschen haben überlebt, sonst wären wir heute nicht hier. Ich glaube, dass man am Anfang oft denkt: Oh Scheiße, wie soll das gehen ohne mein Handy? Aber nach einer Zeit merken wir, dass wir das alles gar nicht brauchen. Natürlich ist das heute schwierig, sich eine Auszeit zu nehmen und sieben Wochen offline zu gehen. Aber wenn man die Geräte mal weglegt, bekommt man einen richtigen Offline-Kick. Dann weißt du, dass du das kannst. Das habe ich in den Bergen erlebt.

Jürgen Vogel empfiehlt digitalen Detox. Was haben Sie da oben im Gebirge sonst noch an großen Gefühlen erlebt?
Irgendwann merkst du, dass die Stille ein Genuss sein kann. Da passiert etwas mit dir, während du da oben stehst und runterguckst. Da macht sich ein irres Gefühl breit: Was da unten so klein in den Städten passiert, ist eigentlich nicht wichtig. Existentiell ist, was hier oben passiert. Man spürt so richtig, dass man lebt. Dass man einatmet. Das hat viel mit dir zu tun, obwohl die Natur so wahnsinnig groß ist. Trotzdem bist du ganz auf dich selbst reduziert. Wie eine Art Meditation, die aber gar nichts neumodernes hat, sondern etwas ganz altes. Wenn du die Großmütter und Großväter da unten im Tal fragst, dann sagen sie dir, dass sie halt so groß geworden sind. Mit den Bergen, der Stille, der Natur. Dafür beneide ich sie auch ein bisschen.

Große Worte für einen, der die Großstadt besser kennt als seine Westentasche.
Ich hatte einfach stark das Gefühl, dass das, was die Natur da kreiert hat, das eigentlich Wichtige und Schöne auf dieser Erde ist. Da habe ich mich gefreut, dass ich da sein darf.

Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Beim Shooting in Berlin wurde es schon wieder kalt: Der Fotograf hatte Eisblöcke mit ins Café gebracht. Jürgen Vogel erklärte Kira Brück gleich noch, wie man ein gutes Selbstporträt macht

Der Film

Jürgen Vogel – Ich war Ötzi: Der Mann aus dem Eis

Die letzten Tage des Ötzi
„Der Mann aus dem Eis“ versucht eine dramatische Interpretation, warum der Jungsteinzeitmensch vor 5300 Jahren hinterrücks ermordet worden sein könnte. Gedreht hat Filmemacher Felix Randau (43) im Spätsommer und Frühherbst 2006 an „Original“-Schauplätzen in Südtirol sowie in Garmisch in der Asamklamm und in Kärnten. Jürgen Vogel spielt Ötzi, in weiteren Rollen sind André M. Hennike, Sabin Tambrea, Susanne Wuest und Franco Nero zu sehen. Filmstart ist am 30. November


Ötzi – Vogel: Vergleich zweier Krieger // Über 5000 Jahre lang lag die Mumie in der Gletscherspalte, in der sie Wanderer am 19. September 1991 entdeckten. Drei Tage später wurde Vogels zweiter Tatort ausgestrahlt. Er hieß: Blutwurstwalzer
 
Größe // 1,54 Meter klein war Ötzi, verrät die sehr gut erhaltene Mumie. Jürgen Vogel hätte ihn um 14 Zentimeter überragt
 
Alter // 46 Jahre alt soll Ötzi gewesen sein, als er starb. Auch da hat Vogel ihm was voraus. Er ist schon 49