Radio Horeb – Andacht aus dem Allgäu

Radio Horeb. Zu Spitzenzeiten hören über 100.000 Menschen zu. Sogar im afrikanischen Malawi und in Japan

Hallelula, hier ist Radio Horeb Zu Spitzenzeiten hören über 100.000 Menschen zu. Sogar im afrikanischen Malawi und in Japan © Fotos: Gerald Klepka

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„Radio Horeb“ ist ein katholischer Radiosender. Die Redaktion sitzt in Balderschwang im Allgäu, der kleinsten Gemeinde Bayerns. Das ist ungewöhnlich. Wie so ziemlich alles an dem Hörfunkprogramm im Namen des Herrn. „Und genau das ist unser Erfolgsrezept“, sagt Pfarrer Kocher, der Mann, der den Sender aufgebaut hat. Eine Reportage über einen, der glaubt. Vor allem daran, dass Moderatoren nicht immer gute Laune haben müssen (ALPS Magazine #15 02/2013 Review)

Balderschwang, Oberallgäu, 1044 Meter hoch gelegen, 259 Einwohner. Wir sind in der Heimat von Radio Horeb. Von hier, aus der kleinsten Gemeinde Bayerns, kommt der populärste kirchliche Radiosender Deutschlands. Seit 1996 strahlt er sein spirituelles Programm aus, das seit zwei Jahren auch weltweit zu empfangen ist. Sogar der Papst hat Radio Horeb schon als Vorbild moderner Glaubensarbeit gelobt. Hinter dem Erfolg steht vor allem ein Mann: Dorfpfarrer Richard Kocher. Der 53-Jährige in Soutane ist Programmdirektor und Moderator von „Horeb“ in Personalunion. Auf die Frage, was denn das Erfolgsrezept seines Senders sei, der sich mit hohem Wortanteil und langen Gebetspassagen von der bekannten Radiolandschaft abhebt, muss er nicht lange überlegen: „Authentizität. Genau die fehlt vielen Privatradios: Die Moderatoren sind immer gut drauf, alles ist super.“

Radio gilt als klassisches Nebenbei-Medium, sein Sender dagegen will genau das nicht sein. Horebs Hörer sind im Schnitt fast zwei Stunden dabei, anderswo sind es meist nur wenige Minuten. Dass der Medienkonsum immer schneller und fragmentierter wird, bereitet Kocher keine Sorgen: „Es suchen immer mehr Menschen Orientierung.“ Horeb profitiere dabei sogar von den partiellen Auflösungserscheinungen des deutschen Katholizismus, sagt Kocher: „Ein Hörer hat mir neulich erzählt, er müsse 25 Kilometer fahren, um eine Messe zu hören. Daher schaltet er unsere Radio-Gottesdienste ein. Andere Menschen genieren sich, sich als gläubig zu zeigen. Bei uns schalten sie schnell ein und aus – und keiner sieht es.“

Bildergalerie Anklicken zum Vergrößern der Bilder © Fotos: Gerald Klepka

Dabei ist Radio Horeb keineswegs eine Art „Christentum light“, sondern hat inhaltlichen Tiefgang: Sonntagmorgens etwa läuft schon mal eine zweistündige Wortsendung über Gewalt gegen Christen in Indien. Es folgen Live-Streams Heiliger Messen. Feste Säulen sind auch Lebenshilfethemen und Übertragungen der päpstlichen Generalaudienz vom Petersplatz. Die höchste Quote erreicht der nach dem berühmten biblischen Berg benannte Sender aber, wenn ein Geistlicher live mit den Hörern betet. Eine professionelle Radiovergangenheit besitzt Kocher nicht: Als der gebürtige Augsburger 1995 als Pfarrer nach Balderschwang kam, entstand der Sender gerade. Stilecht wurde das erste Studio in einem ehemaligen Stall eingerichtet, Kocher ließ sich von Antenne-Bayern-Gründungschefredakteur Günther Lindinger schulen und verbrachte die ersten Wochen als Spendensammler, denn die Astra-Satellitenfrequenz kostete 400.000 Mark pro Jahr – viel Geld, wenn man weder GEZ-Gebühren noch Kirchensteuern erhält und auf Werbung verzichtet. „Da ging es los mit dem Vertrauen auf Gott“, erinnert sich der Pfarrer. „Wir hatten nichts, das Programmschema bestand aus einem leeren Blatt.“

Live im ZDF: Beim TV-Gottesdienst aus der sendereigenen Kapelle erreichte Pfarrer Kocher Spitzenquoten

Drei Jahre später sendete Horeb ein tägliches Vollprogramm. Einen Kratzer erhielt die Erfolgsgeschichte 2000 durch den „Fall Rainer“. Der wegen Mordes gesuchte Südtiroler Politiker Peter Paul Rainer war bei Horeb tätig gewesen und mit Hilfe einer Mitarbeiterin untergetaucht. Als das publik wurde, kündigte Kocher sie fristlos; der Makel, einen (später verurteilten) Verbrecher beschäftigt zu haben, aber blieb. Noch vier Jahre danach musste er sich dafür rechtfertigen, als sich Horeb in München um eine freie UKW-Frequenz bewarb. Allerdings hatten seine Kritiker noch mehr Munition gesammelt: Sie warfen Horeb Volksverhetzung und Rassismus vor. „Dabei ging es nur um eine einzige Sendung, die noch nicht einmal von uns kam“, erinnert sich Kocher. In einem vom befreundeten Radio Maria Österreich übernommenen Beitrag hatte sich ein Tiroler Pfarrer abfällig über Sinti und Roma geäußert. Kocher distanzierte sich davon und strich den Tiroler sofort aus dem Programm. Mit einem Empfehlungsschreiben von Amnesty International konnte er den Medienrat, der über die Frequenz entschied, überzeugen.

Erich Jooß, damals der Medienratsvorsitzende der Landeszentrale für neue Medien (BLM), erinnert sich noch gut: „Wir haben den Sender genau beobachtet, allerdings ist es bei diesem einzigen Vorwurf geblieben. Sonst hätte Radio Horeb nie die Lizenz erhalten.“ Der aktuelle BLM-Sprecher Wolfgang Flieger bestätigt, dass der Fehltritt ein Einzelfall war: „Wir haben in den letzten drei Jahren keine Beschwerde erhalten.“ Der UKW-Erfolg war ein Meilenstein in Sachen Reichweite. Heute schalten zur Hauptradiozeit am Morgen bis zu 100.000 Menschen ein: vor allem Akademiker, viele aus der Generation 50 plus und überwiegend Süddeutsche. Für Lindinger, der Kocher noch heute trainiert, ist das nur ein Zwischenschritt: „Das Potenzial ist riesig.“ Er geht mittelfristig von bis zu 300.000 Hörern aus. Dazu sollen vor allem Webradio und die 2011 gestartete Digital-Verbreitung über DAB+ beitragen. Beide bescheren Radio Horeb zunehmend überregional und international Gehör: „Gruß aus Oxford. Es ist super, über das Internet zu beten“, schrieb eine Britin ins digitale Gästebuch. Sogar aus Japan und Malawi kamen schon Mails.

Da wirkt es fast schon anachronistisch, dass der Sender aus einem abgelegenen Flecken wie Balderschwang kommt. „Uns haben schon viele geraten, in die Stadt zu ziehen“, sagt Kocher. „Aber die Stille und die Unaufgeregtheit sind wichtig. Unser Programm gewinnt so an Besinnlichkeit.“ Auch er selbst erholt sich gerne in den Allgäuer Alpen und steigt zwischen stressigen Sendungen schon mal auf das Hochgrat. Draußen Natur, innen Hochtechnologie. Die alte Bleibe im Stall hat der Sender längst aufgegeben. Seit 2009 steht neben der Dorfkirche eines der modernsten Medienhäuser Deutschlands. Das Herzstück ist die Studiokapelle, die moderne Schlichtheit im Design, neueste Kameratechnik für TV-Gottesdienste und barocken Kirchenschmuck verbindet. Der Bau ist komplett spendenfinanziert. 70.000 Hörer unterstützen „ihren“ Sender im Jahr, Tendenz steigend. Denn Radio Horeb wird immer bekannter: dank Internet und öffentlicher Auftritte bei Katholikentagen und religiöser Veranstaltungen, vor allem aber, seitdem 2011 ein ZDF-Fernsehgottesdienst live aus Balderschwang übertragen wurde. Erst hatten die Preußen Bedenken, die konservativen Bayern würden zu arg vom klerikalen Leder ziehen. Dann jedoch stellte Kocher einen doppelten Rekord auf: bei der Einschaltquote und bei der Zahl der Zuschauer-Rückmeldungen. Bei denen, erzählt er stolz, habe seine Messe sogar das ZDF-Flaggschiff „Wetten, dass“ getoppt. Inzwischen hat das Zweite bei ihm schon wieder angerufen: wann denn bitte sehr der nächste Gottesdienst stattfinden könne.

Gut zu Wissen
 Radio Horeb
Radio Horeb kann man online auf www.radiohoreb.de hören, über UKW im Raum München (92,4) und rund um Balderschwang, über Kabel und Satellit deutschlandweit sowie digital über DAB+ in Ballungsräumen. www.katholisch.de überträgt jede Woche Gottesdienste aus der Dorfkirche