Thedi-Akkordeon – Von Blüten und Tönen

Thedi-Akkordeon – Von Blüten und Tönen. Quetschkommode, Schwyzerörgeli oder Schifferklavier, – der jauchzende Balg hat viele Namen und ist das beliebteste Instrument in der Volksmusik. Älpler und Flachländer kommen damit gleichermaßen in Schwung

Quetschkommode, Schwyzerörgeli oder Schifferklavier, – der jauchzende Balg hat viele Namen und ist das beliebteste Instrument in der Volksmusik. Älpler und Flachländer kommen damit gleichermaßen in Schwung © Foto: Inge Ahrens

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Wenn Thedi von Weissenfluh Akkordeon spielt, dann ist der Raum voll. Es jauchzt und zwitschert und schwelgt so herrlich, dass man gleich zu wippen anfängt. Je nach Spielart und Rhythmus zieht und drückt Thedi die Balgfalten seines Instruments. Aus denen blitzen kunterbunt und zahlreich Edelweiß und Enzianblau (ALPS Magazine #11 5/2012 Review)

Immer wieder wird für einen Moment eine ganze Bergsommerwiese sichtbar bei so viel schwungvoller Musik. Wenn Thedi das Akkordeon langsam und weit öffnet, um mich noch einmal die Blumen anschauen zu lassen, wimmert es leise und herzzerreißend wie ganz von ferne. Schließt er es, tut es einen langen, schweren Seufzer: Pffff! Thedi von Weissenfluh wurde vor 64 Jahren auf einem Bergbauernhof als eines von sieben Kindern am Hasliberg im Schweizer Kanton Bern als Theodor geboren. Alle sagen Thedi. Theodor werde ich nur aus Jux genannt“, zuckt er die Schultern. Der gelernte Apparateschlosser spielt schon seit er neun Jahre alt ist Ziehharmonika. Das Instrument seiner Kindheit hatte nur wenige Töne. „Von meinem ersten Geld kaufte ich mir ein Akkordeon mit zwölf Tonarten.“ 1977 zog Thedi nach Graubünden, um Ferraris zu reparieren.

Aus gesundheitlichen Gründen war irgendwann Schluss damit. Seitdem hat er eine eigene Akkordeonwerkstatt im Graubündner Maienfeld. Zuerst brachte Thedi altersschwache Instrumente auf Vordermann, die ihm die Leute vorbeibrachten. „Dann begann ich, selber welche zu bauen.“ Sein Vorbild war die „Schweizer Record“, ein legendäres Akkordeon mit unverwechselbarem, altmodischen Klang. Die herstellende Manufaktur hatte zugemacht in den 50er-Jahren, und Thedi wollte die Töne der 30er- und 40er-Jahre wieder hören und fing an zu tüfteln. Akkordeons gibt es mehrere: Knopfakkordeons, die beim Ziehen und Stoßen denselben Ton erzeugen. Schifferklaviere mit Klaviertasten und das Diatonische Akkordeon. „Beim Ziehen und Stoßen ertönt ein anderer Ton.“ Das Schwyzer Örgeli ist die Zwergenausgabe des Diatonischen Akkordeons. Auf ihm spielt man Volksmusik. In Thedis Werkstatt wird jedes Akkordeon von Hand aufgebaut.

Ausgehend davon, wie der Tonumfang sein soll, werden die Stimmplatten auf den Stimmstock montiert. Die Stimmstöcke sind aus Nadelhölzern gemacht. „Das gibt dann den urigen Klang.“ Der Toncharakter ist die Zelle vom Instrument. Die Knopftasten kommen aus Italien. Das Gehäuse ist aus mahagonibeschichtetem Sperrholz und wird mit Perlmuttimitat überzogen. Es folgen die Handmechaniken rechts und links und die Griffbretter zu beiden Seiten. Die Bälger werden mit Stiften montiert. Den Balg mit den Alpenblumen und andere lustige Muster lässt Thedi von Weissenfluh in Schweizer Familienbetrieben herstellen.

Fertig ist das Akkordeon. Natürlich nur, wenn Bernhard Hunger einverstanden ist, denn Thedis musikalischer Mitarbeiter ist für die Feinabstimmung zuständig. Die Stimmzungen müssen beim Ziehen und Stoßen denselben Ton erzeugen. „Schwingen“ nennt Thedi das. Wenn Bernhard Hunger ein Instrument stimmt, bekommt es seinen letzten Schliff. Leise klagend tönt es Ton um Ton aus der hinteren Kammer der Werkstatt. Mittlerweile spielen die besten Akkordeonisten mit Thedi-Akkordeons. Selbst kommt er kaum noch dazu. „Keine Zeit.“ Es sei denn, Bernhard Hunger zieht ihn mit. So wie jetzt. Mit einer schnellen Polka kehren mich die beiden Männer fröhlich aus ihrer Werkstatt – und können kein Ende finden. Noch am Bahnhof in Maienfeld kann ich ihre Tänze hören.

Gut zu wissen
Thedi von Weissenfluh
Entwicklung – Produktion – Stimmservice
Industriestr. 2, CH-7304 Maienfeld, T. 00 41/(0)79/610 31 88, www.thedi-akkordeon.ch