Der mit den Vögeln spricht

vogelpfeife – Hört mich jemand? Francois Morell reizt mit einer Pfeife vor seinem Haus in Beaumont-en-Diois die Herrscher der Lüfte. Als Letztes gelang ihm der Gesang des Rotschwänzchens

Hört mich jemand? Francois Morell reizt mit einer Pfeife vor seinem Haus in Beaumont-en-Diois die Herrscher der Lüfte. Als Letztes gelang ihm der Gesang des Rotschwänzchens © Foto: Mascha Lohe

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Francois Morell aus dem Departement Drôme in Frankreich bläst seine hausgemachten Vogelpfeifen wie ein Virtuose. Am Anfang brachte er damit den Kindern in seiner Gegend die Vogelwelt näher. Heute gehören auch wissenschaftlich arbeitende Ornithologen zu seinen Kunden. Eine Reportage über den Gesang der Lüfte, die Bodenhaftung und einen Mann, der für sich die Frage, ob Tiere sprechen können, noch nicht endgültig beantwortet hat (ALPS Magazine #15 02/2013 Review)

Tüüü – Tü . . . Iiiih . . . tönt es aus der grünen Laube und verliert sich im Himmel über Beaumont-en-Diois. Immer wieder lockt Francois Morell die Blaumeise mit seiner Pfeife, bis die kapriziöse, charmante Sängerin hinter seinem Haus endlich antwortet. Mit den Vögeln zu sprechen, ist nämlich eine Kunst. „Nichts für Anfänger“, weiß der gebürtige Provencale. Schließlich hat er sein Leben lang geübt, um mit seinen Freunden in Kontakt zu treten. In seiner winzigen Manufaktur in der französischen Drôme entstehen in Handarbeit bis zu hundert verschiedene Vogelpfeifen. „Quelle est belle Company“ heißt sein poetisches Unternehmen: „Ach, ist das schön!“

Ein Haus am Hang. Kaum auszumachen zwischen Büschen und einem ins Kraut geschossenen wilden Garten. Der Weg hinauf ist verwunschen und führt geradewegs in ein Labyrinth aus Kästen und Kisten. Hier wohnt ein Sammler. Ein Tüftler sowieso. Wie eine Art Peter Pan im Nimmerland lebt und arbeitet Francois Morell sehr zufrieden in gänzlich märchenhaften Räumen. Federvolk aller Arten bevölkert die Regale, guckt von Papierstapeln und Schränken oder schwingt am feinen Faden von der Decke herab. „Die Beziehung zu Vögeln ist und bleibt eine Sensation für mich“, sagt der Kenner und guckt ernsthaft über seine Brille. „Menschen kommen und gehen.“

Und Ewig lockt das Federvieh. In dem alten Haus am Hang stapeln sich Zeichnungen, Erinnerungen und kistenweise Vogelpfeifen. Die Exemplare links sollen Enten animieren. Aber nur, wenn das Zusammenspiel aus Flöte und Zunge perfekt funktioniert.

Und Ewig lockt das Federvieh In dem alten Haus am Hang stapeln sich Zeichnungen, Erinnerungen und kistenweise Vogelpfeifen. Die Exemplare links sollen Enten animieren. Aber nur, wenn das Zusammenspiel aus Flöte und Zunge perfekt funktioniert © Fotos: Mascha Lohe

In der Werkstatt auf Tisch und Werkbank und in den Wandborden stapeln sich kleine Holzschuber mit schraffierten Vogelporträts auf farbigem Grund: Mauersegler, Singdrosseln oder Waldschnepfen. Wo die Liebe hinfällt. Wer eine Schachtel öffnet, findet drinnen eine handgedrechselte formschöne und jedes Mal einzigartige Flöte. Eine Pfeife. Ein Blas-, Klopf- oder Zuginstrument. Je nachdem, wie das Individuum flötet. Dazu eine kleine Vogelkunde und eine Anleitung zum Üben. Francois Morell klemmt mal eben einen metallenen Ring auf eine noch unvollendete Grasmückenpfeife, zwitschert ein wenig und brummt dann zufrieden: „Hmmmmm.“ Der nachgeahmte Vogelgesang ist ein Zusammenspiel aus Flöte und Zunge. Man muss die Lieder vom Gefieder schon sehr genau kennen und dazu die Ausdauer eines Musikers haben. Man bläst hinein oder nimmt die Finger zu Hilfe, wie bei einer Klarinette. Übung macht den Meister.

Das ist nichts für Anfänger. Er selber hat ein Leben lang geübt, um mit den Vögeln kommunizieren zu können

Je nach Melodie, besteht so ein Instrument aus mehreren Teilen. Es ist aus Holz und Metall. Der Grünspechtlocker hat einen Balg aus Gummi. Es gibt Instrumente mit Mundstück oder ohne. Viele Pfeifen sind aus Buchsbaum geschnitten. Der wächst üppig in den Hecken des Departments Rhône-Alpes. Turteltaube und Lachmöwe drechselt Francois aus Buchenholz. Andere aus Ahorn. Allesamt sind harte Hölzer, die man vortrefflich detailgenau schnitzen kann. Fünf Jahre müssen sie lagern, bis daraus eine Flöte wird. „Wenn ich einen Vogel liebe, observiere ich ihn“, erzählt Francois Morell. „Es kann manchmal ein Jahr dauern, bis ich aus dem Strauß seiner Sangeskünste eine charakteristische Partie auswähle, an die sich jeder erinnert.“ Als letztes gelang ihm der Gesang des Rotschwänzchens: pssss, brrrrt. . . Aha! „Das Knifflige ist nicht die Form, sondern der Sound“, sagt Francois.

Piepmatz trifft Piepmann. Rund 12.000 Pfeifen fertig Fancois jedes Jahr an. Das Holz dafür muss fünf Jahre lagern, ehe es bearbeitet werden kann. Seine ersten Exemplare schnitzte er als Kind aus Hollunderzweigen. „Nicht um zu jagen, sondern um zu kommuniziern.“

Piepmatz trifft Piepmann Rund 12.000 Pfeifen fertig Fancois jedes Jahr an. Das Holz dafür muss fünf Jahre lagern, ehe es bearbeitet werden kann. Seine ersten Exemplare schnitzte er als Kind aus Hollunderzweigen. „Nicht um zu jagen, sondern um zu kommuniziern.“ © Fotos: Mascha Lohe

Übers Jahr macht er bestimmt 12.000 Pfeifen. Alles mit der Hand. Seine Tochter Jeanne und ein paar Menschen aus der Region helfen ihm, die Stockente ist sein Bestseller. „Die ist auch für Kinder leicht zu spielen.“ Dann kommen Kuckuck und Kohlmeise. „Ich dachte schon als Kind, dass Tiere sprechen“, erinnert sich Francois Morell, der 1952 in Manosque in der Haute Provence zur Welt kam. Manchmal habe er bei seinen zwei Mauleseln draußen geschlafen und den Vögeln in den Bäumen zugehört, die bei Sonnenuntergang ein Riesenkonzert veranstalteten. Eines Tages sah er einen Mann Singdrosseln schießen. Er hatte sie mit einer Pfeife gelockt. „Natürlich wollte ich nicht Jagd auf Vögel machen. Aber ich wollte mit ihnen sprechen. Der Nachbar schenkte mir seine Pfeife.“ So fühlte Francois Morell schon als kleiner Junge mit nur sechs Jahren seine Bestimmung: „Meine ersten Pfeifen schnitzte ich aus den biegsamen frischen Zweigen des Hollunders.“ Nach der Singdrosselpfeife kam die Bachstelze, die Meise und immer mehr.

Francois lebte lang in der Welt der Tiere. Bis ihn der auch in Manosque lebende berühmte Schriftsteller Jean Giono (gestorben 1970) aus seiner Schüchternheit befreite. Francois hatte während seiner Lehre zum Schriftsetzer auch Texte Gionos gedruckt und war wiederholt mit ihm ins Gespräch gekommen. Francois bewunderte Giono. „Langsam öffnete ich mich den Menschen.“ Seit damals beglückt Francois mit seinen Pfeifen unzählige Kinder und lehrte sie die phantastische Vogelwelt kennen. Aber auch wissenschaftlich arbeitende Ornithologen gehören zu seinen Kunden und andere Großmenschen, die sich ein Kinderherz bewahrt haben.

Vogelparadies. Selbst die Katzen sind im Anwesen von Francois Morell liebevolle Kunstwerke und wollen den Vögeln nichts Böses. Wenn er mit seinen Pfeifen in die Natur bläst, dauert es nicht lange, bis es von irgendwoher zwitschert, ruft oder krakeelt.

Vogelparadies Selbst die Katzen sind im Anwesen von Francois Morell liebevolle Kunstwerke und wollen den Vögeln nichts Böses. Wenn er mit seinen Pfeifen in die Natur bläst, dauert es nicht lange, bis es von irgendwoher zwitschert, ruft oder krakeelt © Fotos: Mascha Lohe

Jedes Jahr Ende Januar steht er mit seinem gefühlvollen Repertoire auf der Nürnberger Spielwarenmesse. 2012 kam er zum 41. Mal und wurde für sein poetisches Handwerk und seine Unermüdlichkeit ausgezeichnet. Als 19-Jähriger hatte er Zuhause von der süddeutschen Messe gehört. „Da wollte ich hin!“ Per Autostop fuhr er von Frankreich nach Franken. „Ich trug nur einen einzigen Karton mit einigen wenigen Pfeifen bei mir. Geld hatte ich nicht und ich war so schüchtern, dass ich mich kaum traute, sie jemandem zu zeigen. Unverrichteter Dinge trampte ich wieder nach Haus.“ Die ersten fünf Jahre in Nürnberg verkaufte Francois kaum etwas, obwohl nette Händler ihm immer wieder ein Eckchen von ihrem Stand abtraten. Ganz langsam erst interessierten sich die Menschen für seine Leidenschaft.

Die Vögel hören ihn. Bleibt die Frage, ob sie ihn auch verstehen. Aber das ist sein Geheimnis

Nach Nürnberg fährt Francois noch immer. „Ich habe Freunde gewonnen. Und jetzt kann ich bis zu hundert verschiedene Lockpfeifen anbieten.“ Francois Morell ist jetzt 60 und mit seinem Leben zufrieden. Er engagiert sich im Naturschutz und genießt die Abgeschiedenheit in der herrlichen Landschaft der Drôme. Zu Hause in Beaumont-en-Diois besuchen ihn Rabenkrähen, Eichelhäher, Amseln, Gartengrasmücken und alle Arten von Meisen und hin und wieder Naturfreunde. Wenn er tief in den Gräsern seines Gartens sitzt und die Pfeife ansetzt, dauert es nicht lange, bis von irgendwoher ein Vogel zwitschert, ruft oder krakeelt. Je nachdem. Ob sie ihn wirklich verstehen? Das bleibt ein Geheimnis. Francois ist jedenfalls die Gelassenheit in Person. Er kann warten. Auf seine Vögel, und hin und wieder auf ein Gespräch. Ein Treffen im Gleichklang. Sein Lebensinhalt sei es, authentisch zu sein. „Einfach echt“, nennt er das. Wenn jemand zu ihm sage: Ooooh, das erinnert mich so an meinen Großvater! Der habe auch immer auf einer selbst geschnitzten Flöte geblasen. „Das ist alles für mich!“

Notizen
 
Quelle est belle Company
 
F-26310 Beaumont en Diois
Tel: +33/4 75 21/35 88
Fax: +33-04 75 21 36 44
Website: www.qbc.fr
 
Sonstige Vogelenthusiasten
 
Dr. Uwe Westphal (Biologe)
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Website: www.westphal-naturerleben.de
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