Altweibersommer – Geschenkte Tage

Mit betagten Damen hat der Name des Sommer-Nachhalls wenig zu tun. Der Begriff kommt viel mehr vom althochdeutschen „weiben“ – es bezeichnet tatsächlich das Netzknüpfen der Spinnen

Mit betagten Damen hat der Name des Sommer-Nachhalls wenig zu tun. Der Begriff kommt viel mehr vom althochdeutschen „weiben“ – es bezeichnet tatsächlich das Netzknüpfen der Spinnen © Foto: dk-fotowelt - Fotolia

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Wenn der Altweibersommer kommt, hat der Herbst noch einmal das Nachsehen. Und die schon schräger stehende Sonne setzt die Spinnenkunst in Szene

Wenn Spinnen spinnen, was das Zeug hält, dann ist Altweibersommer. Zur Morgenstunde nach kühler klarer Herbstnacht wenn noch die Nebel in den Tälern hängen, dann glitzern winzige Tautropfen in ihren kunstvoll aus Eiweißsekret geknüpften Fangnetzen wie verführerische Perlenschnüre einer Zwergenwelt. Unzählige Gespinste aus feinster Spinnenseide schwingen an grazilen Grashalmen und starren Disteln, an Dachfirsten, Zäunen und zwischen den Stängeln der weithin leuchtend gelb blühenden Sonnenbraut im langsam verlöschenden Blumengarten. Die Herbstspinnen überziehen Wiesen und Gärten mit ihren märchenhaften morbiden Plaids.

Der Refrain des Sommers ist bloß eine Handvoll sonniger warmer Tage im September, die manchmal sogar bis in den Oktober hinein reichen. Mit alten Weibern haben sie rein gar nichts zu tun. Unser Altweibersommer ist der Indian Summer an der nordamerikanischen Ostküste, der schwedische Birgitta-Sommer, der polnische Weiber-Sommer oder der böhmische Wenzelsommer. Geschenkte Wonnetage, die Alt und Jung beglücken. Mit der späten Schönwetterperiode erinnert sich der schon vergangen geglaubte Sommer unser noch einmal. Er gibt einen kleinen Nachschlag. Das Laub wird golden, manchmal sogar rot. Das Licht funkelt. Die durch kühle Nächte und sonnige Tage aufsteigenden Nebelschleier überziehen die Landschaft mit einem geheimnisvollen Weichzeichner.

Der Altweibersommer gilt als beständiges Hochdruckgebiet. Bleibt es eine Weile, ist die Sicht in den Bergen grandios, und am Nachmittag sehen die Umrisse ihrer Spitzen aus wie die Papierkulisse eines fernen Schattentheaters, so, als hätte sie jemand mit einem dicken Tuschepinsel Vielfarbengrau und Violett gemalt. Die Landschaft im September gibt Feuer. Sie verwandelt sich, und es scheint, als würden Herbst- und Baldachinspinnen mit ihren delikaten Knüpfarbeiten die letzten warmen Tage in einem Kokon aus Spinnenseide festhalten wollen. Wer weder den Morgen fürchtet, noch Spinnen, der entdeckt eine hinreißende Märchenwelt. Der Altweibersommer malt die schönsten Bilder. Und tatsächlich sehen die in der Morgensonne funkelnden Spinnenfäden ein wenig so aus wie die langen silbergrauen Haare alter Damen, die ihnen bei der Morgentoilette aus dem Kamm geflossen sind.

Vielleicht war es aber auch die Waldfee. Oder doch die Silberfäden aus dem Mantel der Mutter Maria? Sagen und Mythen. Geschichten, gesponnen wie die feinen Herbstfäden. Marienfäden. Mariengarn. Marienseide. Marienhaare. Die Spinnweben haben seit jeher die Phantasie angeregt. Sogar Unserer Lieben Frauen Gespinst wurden sie genannt und zeigen: wo tiefer Glaube herrscht, ist auch der Aberglaube nicht weit. Was bleibt, ist eine Reihe herrlicher Tage im wonnigen, sonnigen Herbst.

Mädchensommer. Witwen­sömmerli. Fliegender Sommer. Altweibersommer. Eine derart vergoldete Zeit hat viele Namen. Das gefällt nicht allen. Das Landgericht Darmstadt soll 1989 gar festgestellt haben, dass der Begriff Altweibersommer keine Diskriminierung der so Genannten darstelle. Dabei bezieht sich der Begriff tatsächlich auf das Wort „weiben“, was aus dem Althochdeutschen kommt und das Knüpfen der Spinnweben meint. Im Altweibersommer sitzen die Jungspinnen in ihren vertikalen oder kopfüber hängenden Gespinsten und hoffen auf den richtigen Wind, der sie fortträgt in ein geschütztes Quartier, wo sie den Winter überstehen können.